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Mailand.Bearbeiten

SectieMailand

Mailand. (Milano.)

Mailand,[1] die Hauptstadt des lombardischen Gouvernements der österreichischen Staaten in Italien, ist eine der reichsten, prächtigsten und volkreichsten Städte in Oberitalien, und hat trotz aller durch Zeit, Kriege und andere feindlichen Schicksale erlitten Unfälle ihren alten Glanz bis auf diesen Tag gerettet. Von den Denkmälern ihres Alterthums hat sie jedoch nichts weiter als einen Rest von Thermen erhalten, die man gewöhnlich le Colonne di S. Lorenzo nennt. Desto reicher ist Mailand an Monumenten neuerer Zeit, unter welchen der berühmte Dom die erste Stelle einnimmt. Dieser im J. 1386 gegründete Bau ist nach St. Peter in Rom die größte Kirche in Italien. Ganz aus weißem Marmor erbaut, gewährt er von innen und außen einen unbeschreiblichen Eindruck. Seine ältesten Meister, deren man sehr viele zählt, führten ihn im spätern gothischen Style auf, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts aber baute Pellegrino Tibaldi die Vorderseite in mehr antikem Geschmacke aus, und zerstörte auf diese Weise die Einheit und Eigenthümlichkeit des Ganzen. Napoleon ließ endlich mit ungeheuren Kosten das bisher immer erst halbfertige Gebäude so weit fortführen, daß nur sehr wenig zu seiner Vollendung fehlt. Wenn von außen der helle Glanz des Marmors, die gothischen Verzierungen und Statuen (man zählt 4000) den Beschauer blenden und überraschen, so wird er dagegen im Innern des Domes, der sich auf 52 Säulenpfeilern stützt, von dem ehrwürdigen Helldunkel der heiligen Räume gewiß lebendig ergriffen werden.

Eine der ältesten Kirchen Mailands ist S. Ambrogio, in deren Inneres einige Stufen hinabführen. Sie ist mehrerer Alterthümer wegen merkwürdig, übrigens aber finster und unansehnlich. Von den übrigen zahlreichen, zum Theil prächtigen Kirchen erwähnen wir blos noch das ehemalige Dominikanerkloster Madonna delle Grazie, in dessen Refectorium sich das berühmte, jetzt leider fast vernichtete Frescogemählde des L. da Vinci befindet, das Abendmahl Christi; aber aller Verstümmelung ungeachtet noch wundernswürdige Reste seiner ursprünglichen Schönheit aufweis't.

Das ehemalige Jesuitercollegium Brera, ein äußerst prächtiges und durch seine Sternwarte merkwürdiges Gebäude, enthält jetzt mehrere Institute für Künste und Wissenschaften, namentlich eine sehr schöne Gemähldegallerie und eine Bibliothek. Die erste ist besonders reich an Werken lombardischer und Bologneser Meister, die andere sehr ansehnlich und unter andern im Besitz des Hallerschen Büchernachlasses. Die Ambrosianische Bibliothek, bei welcher der durch seine literarischen Entdeckungen bekannte Abbate Angelo Majo angestellt ist, besitzt außer den Büchern noch einen Schatz von Handschriften (worunter die Manuscripte des Leon. da Vinci), Gemählden, Zeichnungen (u. a. den Carton der Schule von Athen von Raphael), Antiken und Gypsabgüssen. Unter den Wohlthätigkeitsanstalten behauptet das große Hospital den ersten Rang, durch seine Bauart, Größe und die Pflege, die den sehr zahlreichen Kranken daselbst zu Theil wird. Das Lazaretto, ein ungeheures, viereckiges Gebäude, früher in Pestzeiten gebraucht, hat jetzt eine andere Bestimmung. Nächst dem Theater S. Carlo in Neapel ist das Mailändische della Scala eines der größten in Italien und vielleicht in Europa. Es wurde 1778 von Piermarini erbaut und zeichnet sich vor allen andern durch die vielen Bequemlichkeiten aus, die es enthält. Die Opern und Ballete daselbst dürften in Italien an Glanz und Vollkommenheit der Darstellung nicht übertroffen werden. Außerdem bestehen noch die Theater Re, Canobiana, Carcano u. m. a.

Mailand besitzt eine große Anzahl von Palästen und andern gut ins Auge fallenden Gebäuden, die Straßen indeß sind meistens nicht sehr breit und gerade. Ausgezeichnet schön ist der Corso (di Porta orientale), neben welchem die öffentlichen Gärten einen herrlichen Spaziergang gewähren; doch sind ihre Schatten lange nicht so besucht wie der Corso, auf welchem jeden Abend die schöne und vornehme Welt zu Fuß und zu Pferde, größtentheils aber in den prächtigsten Equipagen, sich auf- und abbewegt. Allenthalben spricht sich der Wohlstand der Einwohner aus, deren Zahl man auf 120,000 angibt. Bedeutend ist der Handel, der mit Getraide, Reiß, Seide und trefflichem Käse getrieben wird; sehr ansehnlich die Zahl der Fabriken und Manufacturen, die ein rühmlicher Gewerbfleiß belebt. Künste und Wissenschaften genießen eifrige Verehrung, wie überhaupt Bildung, Feinheit und Herzlichkeit den Charakter des Mailänders bezeichnet. Die Umgebung der Stadt ist heiter und wird von den fruchtbarsten Fluren gebildet; den fehlenden Fluß ersetzen zwei große Canäle, die mit dem Tessino und der Adda in Verbindung stehen; den Horizont gegen Norden begränzen die Alpen der Schweiz und gewähren an heitern Tagen den erhabensten Anblick.


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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg

Mailand, den 15ten November 1791. [2]

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Man rechnet hundert und vierzig tausend Einwohner in der Stadt, und im vorigen Jahr zählte man im östreichschen Antheil des Landes und in Mantua, eine Million dreimal hundert und zehntausend Menschen.

Die Zerstörung der Stadt von Friedrich dem Ersten mit dem rothen Bart, vertilgte auch die Alterthümer, von denen nur sechzehn ungeheure Säulen eines dem Herkules geweiheten Tempels übrig sind.

Die hiesige Domkirche hat Giovanni Galeazzo Visconti bauen lassen. Sie ist von ungeheurer Größe, nach der Peterskirche in Rom und der Paulskirche in London, die größte in Europa. Ihr Anblick ergreift den Hereintretenden, und er wird nicht durch falschen Flitter, wie in so vielen Kirchen, gestört. Die Schätze der Kirche sind von unsäglichem Werth. Silber, Gold, Perlen und Edelstein machen sie, wie man behauptet, zur reichsten in Italien, nach der in Loretto. Mich interessirten nur die silbernen Statuen von Ambrosius und Carlo Borromeo, diesen beiden großen, wahrhaftig heiligen Männern, welche Wohlthäter des Landes und der Menschheit waren.

In der Kirche Santa Maria della Grazie sieht man schöne Gemählde. Die Krönung mit Dornen, von Titian, steht an einem dunkeln, und die heilige Jungfrau mit dem Kinde Jesus an einem so finstern Orte, daß man fast nichts davon sehen kann. Seht schön ist ein Paulus von Gaudentio di Ferrara. Neben der Kirche zeigt man im Refectorio der Dominikaner, das große Abendmahl von Leonardo da Vinci, ein ehemals vortrefliches Gemählde in Fresco, welches nach vermeßnen Pinzelzügen eines Mahlers, der es zu erneuen sich erkühnte, noch viele schätzbare Spuren seiner ursprünglichen Schönheit trägt. Sie erhellen deutlicher in einer schönen Kopie dieses Gemähldes von Joh. Bapt. Bianchi, in der ambrosianischen Bibliothek.

Die ambrosianische Bibliothek, welche Karl Friedrich Borromeo, Erzbischof von Mailand, und Neffe des großen Carlo Borromeo gestiftet hat, verdienet vorzüglich die Aufmerksamkeit der Reisenden. Ich begreife nicht, wie Addison bei Gelegenheit dieser Sammlung den Italiänern vorwerfen konnte, daß Bücher das geringste in ihren Bibliotheken wären. Gereicht es ihr zum Vorwurfe, daß neben ihr auch herrliche Gemählde gezeigt werden? Die Sammlung der Bücher ist sehr groß, und besteht aus vierzehntausend Manuscripten, und ungefähr vierzigtausend Bänden gedruckter Bücher. Jene, welche den eigentlichen Schatz ausmachen, und unter denen ich eine lateinische Uebersetzung des Josephus sah, die dreizehnhundert Jahr alt sein soll, sind in einem besondern Zimmer; diese in einem großen länglichen Saale geordnet, welche nur auf beiden schmalen Seiten von oben erleuchtet, und gleichwohl seht hell ist. Auf diese Art wird ein Platz erspart, welchen die Fenster in unsern Bibliotheken nehmen. Ohne so viel Licht zu geben, als diese gegen einander über angebrachten hohen Fenster. Die Bibliothek steht alle Tage vier Stunden lang zum öffentlichen Gebrauch offen.

Die Sammlung der Gemählde enthält unter andern eine große Originalzeichnung von Rafaels Schule von Athen, mit schwarzer Kreide von ihm selber gemahlt. Sie hat sich sehr wohl erhalten. Unter den andern hatten für mich einen vorzüglichen Reiz: eine heilige Familie, von Titiano, eine Magdalena von demselben Meister, und sein eignes von ihm gemahltes Bild; Johannes der Täufer als ein Kind der ein Lamm liebkoset, von Bernardino Luino (ein allerliebstes Stück) und eine halbe weibliche Gestalt mit einer kleinen Urne von eben diesem Mahler.

Auch zeigt man zwo auf ein Bret geklebte jugendliche Zeichnungen; die eine ist von Andrea del Sarto, die andre von Rafael. Diese stellt zween Männer zu Pferde vor; beide Zeichnungen verheißen schon die großen Mahler.

Zu der ambrosianischen Bibliothek gehört auch ein Saal mit Gypsabgüssen der vornehmsten Statuen des Alterthums, und einiger von Michel Angelo.

Ein großes von den Künstlern sehr geschätztes Werk des Leonardo da Vinci, in zwölf Foliobänden, wird auch hier aufbewahrt. Es soll die außerordentlichen anatomischen, optische, mechanischen, geometrischen und architektonischen Kenntnisse zeigen, welche dieser große Mahler zur Vollendung der Kunst mit seltnem Fleiß studieret hatte.

Das ehmalige Kollegium der Jesuiten, welches noch itzt ein berühmtes Gymnasium ist, hat einen viereckigen Hof, um welchen ein doppelter Säulengang läuft. Der unterste ist von dorischen Säulen, von ionischen der oberste. Diese Säulengänge, welche schon hier bei verschiednen Gebäuden gefunden werden, sind nicht nur schön, sondern auch wegen ihres Schattens im Sommer angenehm. Man wundert sich, in den Städten Schatten zu finden, welcher durch so kostbaren Bau hervorgebracht wird, da die Italiäner bei ihren Landhäuser so wenig für Schatten sorgen. Dieser Widerspruch löset sich durch ihre Sitte, welche sie verführt, die heiße Jahrszeit in der Stadt zuzubringen. Am Ende des Herbstes gehen sie aufs Land, mehr aus Gewohnheit als um die Natur zu genießen, und kommen im December in die Stadt zurück. Der Winter, der in diesem Lande paradisische Frühling, und der Sommer, dessen Gluhten sie unter dem Schatten dunkler Haine und am Ufer der Bäche vermeiden könnten, werden in der traurigen Stadt zugebracht. Erkünstelter Zeitvertreib soll dann die Stelle sanfter und veredelnder Naturfreuden vertreten. Aber der bunten Schaar erkünstelter Freuden hinket die Langeweile nach, und wo diese mit jenen zu einer Thür hinein gehet, da fliehen alle wahren Freuden, auch die, welche häusliches Leben gewährt, es dringen Thorheiten und Laster in die Häuser hinein, mit ihrem ganzen Gefolge von Elend.

Wir kommen eben aus der Kirche Santa Maria del Celso. Vor dem Eingange stehen in Nischen schöne Bildsäulen aus weißem Marmor, Adam und Eva. Die Schlange hat einen Weiberkopf und Brüste, hinter der Eva windet sich um den Baum der Verführerin langer Schlangenleib.

In der Kirche sind einige schätzbare, auch einige mittelmäßige Gemählde. Ihre Zierde ist die Kopie eines Rafaels. Es stellt die heilige Jungfrau mit dem Kinde Jesus unter einem Palmbaum vor. Das Kind spielet mit dem kleinen Johannes. Joseph beugt sich über Maria hinüber. Das Original ist der seligen Kaiserin Maria Theresia gesandt worden, diese Kopie ist von einem deutschen Mahler aus dem Tirol, Martin Noller. Wenig geschätzte Originale würden mir so lieb sein, als diese Kopie, so viel athmet sie von rafaelischer, himmlischer Begeisterung. Unaussprechliche Unschuld und Adel spiegeln sich in den Zügen der schönen Maria, und das Jesuskind habe ich nie schöner vorgestellt gesehen, nie mehr von der göttlichen Holdseligkeit, deren Nachahmung Rafael besser, als jedem andern gelang. Auch der kleine Johannes, und die edle Gestalt Josephs, sind ganz Rafaels werth.

Dicht bei den spielenden Kindern steht ein Stieglitz unter Blumen. Rafael machte nichts mit gedankenloser Hand. Dieser tief sinnende, fein empfindende Mahler wußte, daß in einem Gemählde nichts gleichgültig, daß überflüssige Zierde unzeitig, störend sei. Diese Blumen duften nicht umsonst, dieser Vogel ist ein Vogel guter Bedeutung. Die Nähe des göttlichen Knaben athmet Ruh und Leben auf die ganze Natur, Blumen sprossen vor seinen Tritten auf, und Vögel verlieren ihre Schüchternheit.

Diesem Rafael gegenüber hängt ein Leonardo da Vinci: die heilige Anna, Mariens Mutter, weiche das Kind Jesus liebkoset. Das Kind ist sehr schön. Voll mütterlicher Freude steht Maria hinter ihrer Mutter. Die gute Idee ist wohl ausgeführt, aber der nahe Rafael druckt auch in der Kopie den Leonardo, man kehrt zu jenem zurück, ohne bei diesem verweilt zu haben.

Wir sind im Begriff in den Wagen zu steigen, um noch heute Lodi zu erreichen. Die Zeit und die Fülle der Gegenstände in Italien drängen uns. Sonst hätte ich noch manches hier besucht, unter andern das Seminarium, das helvetische Kollegium, beides Stiftungen des großen Carlo Borromeo, das große Hospital, den erzbischöflichen, den erzherzoglichen Palast, die Pforte, deren Eingang der heldenmüthige Ambrosius dem Theodosius wehrte, wofern sie würklich noch dieselbe ist, und einige Kirchen.

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Karol Fryderyk Wojda [3]

Mailand den 30. Iuli. [1798]

Ungefähr eine Meile vor Mailand wird die Strasse immer breiter, bis man endlich in die schöne mit hohen Pappeln besetze Allee gelangt, die auf die porta orientale führt. An derselben liegt das Märzfeld, von welchem ich Ihnen in der Folge mehr erzählen werde. Es ist nichts anders als ein ungeheuer grosser viereckigter Platz, der mit einer Mauer umgeben ist, und seiner ersten Bestimmung nach ein Spital für kranke Pferde war. Seit der Revolution hat man in der Mitte desselben eine Art Balcon oder offenen Tempel errichtet und ihn der Freiheit geweiht, so wie der Platz selbst die Namen Marsfeld, Freiheitsplatz und Forum Buonaparti erhalten hat. Er dienst jetzt, wie ich Ihnen schon gesagt habe, zum Schauplatz bei öffentlichen Nationalfesten, und ausser denselben als Spital, Stall und Kaserne für die hier liegende französische Kavallerie.

Von dieser Seite nimmt sich Mailand am prächtigsten aus. Kaum sind Sie durch das Thor gefahren, als Sie die schöne, breite und regelmässige Strasse il corso della porta orientale vor sich ausgebreitet liegen sehen. Sie macht einen grossen Eindruck, wenn man sie so auf einmal vor sich sieht, und ihre Palläste, und Kirchen und Gärten bald einzeln, bald in grossen Massen sich von dem Ganzen losreissen und Staunen und Bewunderung erheischen. Am lebhaftesten ist sie gegen Abend, wenn alles über die weg auf die Promenade, den corso, der am Ende derselben auf dem Walle sich befindet, eilet. Dies war der Fall, als wir von Brescia hier ankamen. Zwischen zwei Reihen von Wagen, die dicht hinter einander fuhren, passirten wir die schöne breite Strasse, und wussten nicht, ob wir die Fahrenden, oder Gehenden, oder die in den Fenstern liegende Menge zuerst betrachten sollten. Das Gedränge war ausserordentlich, Reiter, Fussgänger und Fahrende folgten einander in dichten Haufen, die schönsten Equipagen rollten daher, einer hohen Phaëton leitete ein schwarzer Tituskopf und eine schlanke Griechin sass ihm zur Seite, auf einem stolzen Engländer paradirte ein kühner Martissohn, neben ihm fuhr ein glänzender Wagen, mit dessen Besitzerin er sich durch Mienenspiel unterhielt; Freude, Vergnügen und der Wunsch zu sehen und gesehen zu werden beleben das Ganze, so wie jede einzelne Gruppe, und gewähren dem Zuschauer ein eben so angenehmes als unterhaltendes Schauspiel.

Auf dieser Strasse liegt das geräumige und prächtige Haus, welches der Ex-Duca Serbelloni zu bauen angefangen, aber wahrscheinlich durch die Revolution es zu beendigen verhindert worden ist. Indessen ist doch so viel davon schon ausgebaut und fertig, dass Buonaparte mit seinem Generalstaabe, und jetzt Brune Platz genug in demselben haben finden können. In dieser Rücksicht ist es ein sehr merkwürdiges Gebäude, und kann gewissermassen als der Mittelpunkt angesehen werden, von welchem aus das Schicksal Italien bestimmt wurde und gegenwärtig noch geleitete wird. -- Durch einen Graben getrennt, liegt neben demselben die Wohnung des französischen Grossbothschafters Trouvé. Bei seiner Ankunft in Mailand wohnte er in dem entgegen gesetzten Theile der Stadt, seit dem aber hat er sich dem Obergeneral genähert, jedoch nicht so sehr, dass sie nicht immer noch ein tiefer und ziemlich breiter Graben trennte und ihrer gänzlichen und vollkommenen Vereinigung im Wege stünde.

Nun wird die Strasse immer enger und enger; sie läuft in Krümmungen bis auf den grossen Dohmplatz fort; die Häuser sind weniger gross und geräumig, aber alle sehr hoch und massiv; ihre Bewohner nährt eigene Betriebsamkeit; es sind mehrentheils Fabrikanten und Handwerker, die in denselben Unterhalt finden. Die Produkte ihres Fleisses und ihrer Geschicklichkeit sehen Sie in den Läden und Gewölben symmetrisch ausgelegt; eine Bottega berührt fast die andere, und die vor denselben bis auf die Strasse heraus auf Strohstühlen gelagerte Menge vermehrt so ausserordentlich das Gedränge, dass man oft Mühe hat, sich an den Punkten, wo sie enger wird, zwischen den Wägen und den auf- und abfluthenden Haufen hindurch zu arbeiten. Wenn man die ungeheure Kathedralkirche vorbeigefahren ist, liegt der grosse, aber sehr unregelmässige Dohmplatz (piazza del Duomo). Er ist, wenn ihn die Sonne nicht bescheint, und dies findet des Morgens und Abends Statt, voll von Menschen, die Unterhaltung, Neugierde und lange Weile dahin locken; die Hauptmassen der hier versammelten Gruppen machen Militairs, Franken, Cisalpiner und polnische Legionairs in bunter Mischung aus, und sind bald einzeln, bald in dichten Haufen, auf einem Punkte vereinigt.


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Pauline Dorothea Frisch-Tutein [4]

Mayland, den 6ten Januar. [1804]

Ich hatte mir eine größere Vorstellung von dieser Stadt gemacht. Vielleicht ist es aber auch das beständige Regenwetter, welches die Straßen Menschenleer und todt scheinen läßt; denn das Clima scheint mir wie bey uns im gelinden Winter, regnigt und neblicht. Seit unserm Eintritte in Genua bis jetzt fühlen wir das Unangenehme der Winterreisen, welchem wir in Italien zu entgehen dachten. Ich hoffe eine Veränderung, wenn wir mehr südlich gehen. Gestern haben wir die Merkwürdigkeiten besehen, die in dieser Stadt, (ich kann sagen) gewesen sind, denn die Domkirche, die reichste in Italien nach Loretto, ist durch die Franzosen von ihrem Gold und Silber sehr geräumt worden. Silberne Statuen, unter denen die von Carlo und Ambrosius Borromeo, große Wohlthäter des Landes, sind mit den übrigen Reichthümern verschwunden. Was noch Silber scheint, ist nur mit Silberblech überlegt. Nur in der Capelle des heiligen Carlos, unter der Kirche sind viele Juweelen, Gold und Silber, womit der Leichnam geschmückt ist. Er wird in einem kristallenen Sarge gezeigt. An den Wänden der Capelle sind verschiedene Begebenheiten seines Lebens in Reliefs aus Silber vorgestellt. Die Kirche ist sehr groß und kostbar durch den Bau. Maria del celso gefiel mir aber viel besser, besonders der Plafond, der aber auch erst vor einigen Jahren gemalt ist. Die sehenswehrten Gemählde befanden sich in der Sakristey, die eben verschlossen war. St. Maria della Grazie ist gänzlich ihrer schönen Gemählde beraubt. Im Refectorium, welches die Franzosen zum Stall gebraucht, zeigte man uns ein vordem berühmtes, jetzt verstümmeltes Gemählde in Fresco von Leonardo de Vinci, das große Abendmahl vorstellend. Die Ambrosianische Bibliothek ist ebenfalls ihrer besten Manuscripte und Gemählde beraubt. Auch waren wir in einem Privat-Hause, welches dem Grafen St. Lazary gehört. Hier sahen wir ein Gemähld- Kupferstich- und Naturalien-Cabinett. Von diesen Herrlichkeiten möchte ich mir nur einige englische Kupferstiche aussuchen. Die Geschichte Josephs habe ich oft gesehen. Diese Abdrücke, in 4 oder 5 Stücken bestehend, sind aber ganz vorzüglich. Noch sah ich den doppelten Säulengang im Gymnasio, der in einem Viereck um den Hof läuft. Des Abends sah ich zum erstenmal die italienische Comödie. Das Haus ist groß und schön. Fünf Reihen Logen über einander müssen viele Leute fassen können. Was mir lächerlich vorkam, aber doch Sitte seyn soll, war, daß ein jeder Acteur, nachdem er aus der Scene gegangen, wieder hervorkommen muß, sich zu bedanken, wenn er applaudirt geworden. Auch nach dem Trauerspiele, wenn der Held sein Leben durch Gift oder Schwert ausgehaucht, muß er zwischen die niedergesenkte Decke und das Parterre hinein, und seine Complimente vor dem Publicum schneiden. Wenn einer nur ausbleibt, hört man man mit Lermen nicht auf, daher erschien auch einer ganz schmützig und ungekämmt, der eben den Tyrannen in aller Pracht und Herrlichkeit vorgestellt hatte. Ganz bescheiden ließ er sich auch nur in der Ecke des Theaters sehen und flehte mit Gebärden, daß man ihn doch nicht weiter herein nöthigen mögte. Daß diese alberne Sitte alle Illusion benimmt, brauche ich nicht erst zu sagen.


Zeitungsnachrichten.Bearbeiten

SectieArcTriumpheSimplon

Arc de Triomphe du Simplon.

[1812]

Mayland, den 16ten Februar. [5]

Die hiesige Hauptstadt läßt an der Barriere der neuen Straße des Simplon einen prächtigen Triumphbogen zu Ehren des Kaisers errichten. Jede der beyden Façaden wird mit 4 Säulen von korinthischer Ordnung aus einem einzigen Stück weissem Marmor, und 4 Schuh im Durchmesser, geziert. Basreliefs, von unsern geschicktesten Bildhauern verfertigt, und nach der Ordnung vertheilt, werden die glorreichsten Thaten dieses Souveräns darstellen.


Mayland, den 16ten Februar. [6]

Eine Bekanntmachung Sr. Kaiserl. Hoheit, des Prinzen Vicekönigs, setzt fest, daß künftig 8000 Metres (Ellen) in der Nachbarschaft der Stadt Mayland keine Reißpflanzungen mehr existiren dürfen, weil dieselben durch ihre feuchten Ausdünstungen die Luft verderben, und folglich nachtheilig auf die Gesundheit der Einwohner wirken. Das bisher zu Reißpflanzungen gebrauchte Land muß auf eine andere Art benutzt werden.


Mayland, den 2ten November. [7]

Se. Kaiserl. Hoheit, der Prinz Vicekönig, haben durch ein Dekret, gegeben zu Moskau am 17ten September, verordnet, daß die hiesige St. Theresienstraße künftig den Namen der Moskwastraße führen soll. Sie soll in gerader Linie von der Münze bis zu dem Thor Tenaglia fortgeführt werden. Dieses wird neu erbauet und soll den Namen Siegesthor führen.


Quellen.Bearbeiten

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Reise in Deutschland, der Schweiz, Italien und Sicilien. von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg. Königsberg und Leipzig, bei Friedrich Nicolovius, 1794.
  3. Briefe über Italien geschrieben in den Jahren 1798 und 1799 vom Verfasser der vertraulichen Briefe über Frankreich und Paris. Leipzig bey Pet. Phil. Wolf und Comp. 1802
  4. Reise durch Teutschland, Holland, Frankreich, die Schweitz und Italien in den Jahren 1797, 1803 und 1804. Nach den Tode der Verfaßerin, herausgegeben zum Andenken für Verwandte und Fremden. Altona, 1816, gedruckt in der Hammerich- und Heinekingschen Buchdruckerey.
  5. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 59. Freytag, den 8. März 1812.
  6. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 59. Freytag, den 8. März 1812.
  7. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 292 Donnerstag, den 5/17. December 1812.
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