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Mantua.Bearbeiten


[1] Die allgemeine Aufmerksamkeit, die die lange Belagerung und endliche Einnahme der Festung Mantua auf sich gezogen hat, wird folgender kurzen Beschreibung dieser Stadt, von der schon bereits im Julius-Monate des verfloßnen Jahrs S. 679, ein Abriß enthalten ist, ein doppeltes Intereße geben.


Seinen ersten Ursprung und seine Entstehung verdankt Mantua einem der ältesten Etrurischen Könige, Oeno Bianor, der diese Stadt 430 Jahr vor Erbauung der Stadt Rom, und 1200 Jahr vor Christi Geburt, gründete, und sie, nach seiner Mutter, Manto nannte, welches nach und nach in Mantoa oder Mantoua verwandelt wurde. Die ersten Einwohner und Anbauer dieser Stadt, einer der ältesten in ganz Italien, waren Etrurier, Toscaner, Thebaner u. s. f. Unter der spätern Herrschaft ihrer eignen Herzöge erlitt sie 1630 in dem damaligen Succeßionsstreit durch die Kaiserlichen Heere die größten Verwüstungen. Sie wurde mit Sturm erobert, ihrer Schätze und Kostbarkeiten beraubt, und ihr blühender Zustand verwandelte sich in Armuth und Elend. Der Abfall des letzten Herzogs von Mantua, Carl V., der im Spanischen Erbfolge Kriege der Parthey der Krone Frankreich anhieng, zog ihr eine zweyte Belagerung zu, da kaum die Wunden geheilt waren, die ihr die erstere geschlagen hatte. Prinz Eugen nahm sie im Jahr 1707 ein, und unterwarf sie dem Hause Oesterreich. Dreymal wurde Mantua im Laufe von 2 Jahrhunderten erobert.

Mantua liegt in der Mitte eines Sees, den der Fluß Mincio um sie bildet, deßen Umkreis 20 Meilen, und deßen geringste Breite 2 Meilen beträgt. Die Stadt selbst hat beynahe 4 Meilen im Umfange; aber nur 2 Eingänge, Dämme, und Hauptbrücken führen in dieselbe, ob man gleich 8 Thore zählt. Man hat mehrere zum Theil übertriebne und sehr verschiedne Berechnungen von ihrer Bevölkerung gemacht. Noch kürzlich wurde in einem öffentlichen Blatte die Zahl ihrer Einwohner auf 50,000 festgesetzt, nach andern betrug sie 28,000. Ihre wahre Volksmenge war vor der Belagerung 23,570 Seelen, und diese ist während der neunmonatlichen Dauer der Belagerung noch sehr vermindert worden. Mantua hat gutangelegte, breite und große Straßen und Plätze, schön gebaute Häuser, mehrere vortrefliche Palläste, und viele andre öffentliche Gebäude. Sie hat 18 Pfarrkirchen und 14 Klöster, und ist der Sitz eines, seit 1770 in den Teutschen Reichsfürstenstand erhobenen, Bischofs, der unmittelbar dem Pabste untergeordnet ist. Von den vielen schönen Pallästen und Gebäuden, die sie zieren, führen wir nur die Kirche der ehemaligen Jesuiten nebst dem dazu gehörigen Observatorium, den Pallazzo della Giustizia, die Universtäts-Gebäude, die Academie der Wißenschaften und Künste, und den prächtigen Pallast nebst seiner Gemäldegallerie an. Die Universität dieser Stadt, ist 1625 gestiftet worden.

Die Einwohner beschäftigen sich mit den schönen Künsten, vorzüglich aber mit Fabriken und Handlung; obgleich dieser letzte Nahrungs-Zweig besonders von den in der Stadt befindlichen Juden, an sich gerißen worden ist, deren Anzahl bis 5000 betragen soll. Die Kriegs-Uebel und die wiederholten Verheerungen haben den Flor dieser Stadt sehr herabgebracht, sie hat nie ihren vorigen Wohlstand wieder erreichen können. Der Abgang der Herzoge, deren Residenzstadt Mantua war, und die durch ihre Hofhaltung Reichthum und Ueberfluß verbreiteten, war eine der vorzüglichsten Ursachen des Verfalls dieser Stadt. Mantua hat eine starke Mauer, und eine Citadelle; mehr aber als Kunst hat die (man weiß nicht) gütige oder ungütige Natur diese Stadt zu einer der stärksten Festungen gemacht. Aber eben die, ihrer Befestigung so vortheilhafte, sumpfigte Lage hat eine äußerst schädliche Luft zur Folge, die die Gesundheit ihrer Einwohner untergräbt, und der man auch Hauptsächlich die große Sterblichkeit der Oesterreichischen Besatzung, und der Französischen Belagerungs-Armee zuzuschreiben hat.


Mantua..Bearbeiten


Mantua,[2] ehemalige Hauptstadt des Herzogthums gleiches Namens, liegt in einem großen See, welchen der Fluß Mincio macht. Man gelangt nur vermittelst zweyer Dämme oder Hauptbrücken in diese Stadt; beyde aber können von eben so viel Forts und andern aufgeworfenen Werken bestrichen werden. Um die Stadt selbst geht eine starke Mauer, überdieß hat sie eine Citadelle, und jederzeit eine ansehnliche Besatzung. Die Gassen sind mehrentheils breit und gerade, auch giebt es hier viel wohlgebaute Häuser ingleichen 18 Pfarrkirchen und 14 Klöster. Der Bischof stund ehemals unmittelbar unter dem Pabst, und ist 1770 für sich und seine Nachfolger in den Reichsfürstenstand erhoben worden; jezt gehört er zum Erzbißthum Ferrara. Die Kirche und Bibliothek der Franciscaner, die Kirche der vormaligen Jesuiten mit ihrem zum astronomischen Observatorio eingerichteten Thurme, der ehemalige herzogl. Pallast, der Palazzo della Giustizia, mit seinem großen Saale, die Gebäude der 1625 gestifteten Universität, das Zeughaus, die Synagoge der Juden, die drey Vorstädte jenseits dem See, die Mühle der 12 Apostel, unter einer Art von bedeckten Gallerie, der in Form des Buchstaben T erbaute Pallast mit seiner Gemäldegallerie, die Akademie der Wissenschaften und Künste, und die damit vereinigte Akademie der Mahlerey und Baukunst verdienen bemerkt zu werden. Die ehemals blühende Stadt wurde äusserst verwüstet, als, durch Verschulden Balduins del Monte, die Kaiserlichen 1630 in dem damaligen Erbfolgestreit, sich mit stürmender Hand derselben bemeisterten. Nachdem erholte sich Mantua wieder, aber seit dem Abgang seiner eigenen Herzoge, da kein Hof mehr daselbst ist, hat es an Einwohnern und Fabriken sehr abgenommen. Das Hauptgewerbe machen die hier sich befindlichen Juden. Im J. 1779 - 80 zählte man in der Stadt Mantua 24,764 in den Vorstädten 3,572 Seelen, und nebst diesen noch 2,111 Juden. Diese Zahl ist gegenwärtig bis auf 20,000 gesunken, weil die wichtige Festung Mantua zu ihrem Unglücke eine große Rolle bey dem vergangenen Kriege spielen mußte. Im J. 1796 eroberten sie die Franzosen durch eine enge Blokade, weil die Festung viele Kranke und Mangel an Lebensmitteln hatte. Im J. 1799 wurde sie den Franzosen von den Oesterreichern durch eine förmliche Belagerung wieder entrissen, und zu Anfang des J. 1801 ergab sie sich wieder an die Franzosen, zufolge eines Waffenstillstandes in Italien, auf welchen die Friede folgte. Gegenwärtig gehört sie als Gränzfestung zum Italienischen Königreich, und ist die Hauptstadt im Departement des Mincio.


PlanMantua2070 BL



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Karol Fryderyk Wojda [3]

Mantua den 6. Juni 1798.

Aus dem Gardasee entströmt der Mincio, ein Fluss, dessen Ufer reitzend und angenehm, aber wegen des geringen Falles, den er hat, nicht die gesündesten. An der nordöstlichen Seite von Mantua ergiesst er sich in einer See, dessen Länge eine Stunde und die Breite die Hälfte davon betragen mag. An seinem linken Ufer, da wo er die Stadt berührt, ist ein Hornwerk erbauet, wodurch die Festung von der Strasse, die nach Mailand führt, gedeckt wird. Es ist ganz von Erde, aber mit Graben und Kanälen durchschnitten, die verhindern, dass es nicht anders als vom Wege her angegriffen werden kann. Ein Bastion und ein Ravelin zu beiden Seiten des Thores Pradella schützen es und würden, so lange sie in gehörigem Stande sind, dem Feinde, wenn er es auch erstürmte, nicht erlauben, sich in demselben festzusetzen. Wenn man Mantua von dieser Seite zuerst sieht und wenige oder nur unbedeutende Werke gewahr wird, dann wird es einem schwer, die in allen öffentlichen Blättern so hoch gepriesene Stärke derselben mit ihrer Unbedeutendheit zusammen zu reimen.

An den Mauern der Stadt selbst hin fliesst von Pradella der See bis an die Citadelle, wo er schmäler wird und es erlaubt hat, eine bedeckte Brücke auf demselben zu bauen. Diese Brücke, auf welcher sich die nöthigen Mühlen befinden, die aber nur mahlen können, wenn das Wasser nicht eine gewisse Höhe übersteigt, ein Fall, der sehr häufig eintritt, führt über den See in die fast unüberwindlich Citadelle, wenn sie Casematten hätte. Bis an dieselbe führt der See den Namen des obern Sees (Lago superiore) und von da bis an die Brücke, über welche man in die Vorstadt St. George geht, des mittlern Sees (Lago di miglio). Dieser so wie der untere See (Lago inferiore), der sich südöstlich von Mantua endigt und den Mincio wieder verlässt, sind beide sehr unbedeutend und ihre Breite ist an einigen Stellen nicht hinreichend, um den Schuss eines Vierundzwanzigpfünders unwirksam zu machen. Die Stärke der Festung besteht auf dieser Seite einzig und allein in dem Fort St. George. Zur Zeit der Oestreicher war es nur mit einer einfachen Mauer umgeben, jetzt hat man angefangen, einige Aussenwerke vor demselben anzulegen, die aber, wegen ihrer Weitläuftigkeit, wenigstens dreitausend Mann Besatzung erfordern werden. Mit der Stadt hängt St. George durch eine Brücke zusammen, die wegen der geraden Linie, die sie bildet, und den Zugbrücken, die auf derselben angebracht sind, sehr leicht vertheidigt werden kann. Von St. George aus kann man der Stadt wenig oder gar nicht schaden.

Aber das verschanzte Lager und die Werke, die sich am linken Ufer des untern Sees befinden, und die Befestigung der Südseite von Mantua, vor dem Thore Cerese, ausmachen, können von St. George aus sehr leicht bestrichen und in Rücken genommen werden. Der linke Flügel derselben, dicht an der Stadt, ist ihnen besonders sehr ausgesetzt, und ich würde mich nicht gern entschliessen, ihn zu befehligen, wenn einmal diese Vorstadt von dem Feinde eingenommen wäre. Die Befestigung dieses Theils der Stadt besteht vorzüglich in einem breiten Graben, welcher der Kanal Pajolo heisst und der sein Wasser aus dem obern See erhält, von welchem von Pradella aus es um die Festung geleitet, bei Pietoli sich wieder in den untern See ergiesst. Die Gegend zwischen diesem Kanal und dem verschanzten Lager ist ganz unter Wasser gesetzt, das in gewissen Jahreszeiten, und besonders wenn die Südwinde den Po abwärts treiben, alles überschwemmt und die daran befindliche Werke vernichtet, in andern grösstentheils austrocknet, dem verschanzten Lager dadurch seine grösste Stärke entzieht und wegen dem zurückgelassenen über riechenden Schlamm Mantua zur ungesundesten Stadt macht, die ich kenne. Zwischen diesen Deichen hin, die nach den Umständen mehr oder weniger tief sind, läuft eine Chaussee, die von Entfernung zu Entfernung mit Schanzen versehen, der einzige Weg ist, auf welchem der Feind, wenn das Wasser hoch ist, sich der Stadt nähern kann. Allein gelingt es ihm, den Thurm bei dem Dorfe Cerese zu erstürmen, dann ist er Meister von den Schleussen, die das Wasser im Kanal Pajolo erhalten, und kann nach Willkühr sie öffnen und ihn dadurch so seicht machen, dass man ihn auf jedem Punkte durchwaten und sich des verschanzten Lagers bemächtigen kann. Dieses ist um so leichter, da jenseits dem Kanale eine Anhöhe befindlich ist, die nicht nur das verschanzte Lager, sondern auch das Hornwerk von Pradella und die Stadt selbst dominirt. Da man sie nicht besetzen und auch nicht gut vertheidigen kann, weil die ganz ausserhalb den Linien der Festungswerke liegt, so sehe ich Mantua, wenn sie nicht abgetragen wird, für eine der schwächsten Festungen an, die ich kennen gelernt habe.

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August von Kotzebue. [4]

Mantua.

Die unfreundliche Lage dieser Festung, die im letzten Kriege eine so große Rolle gespielt hat, ist bekannt. Durch tausend Krümmungen, welche durch allerlei sehr entfernte Außenwerke nothwendig gemacht werden, windet man sich über eine weite Ebene, auf der das Auge nirgends an einen Baum stößt, zwischen morastigen Gewässern hindurch. Daher ist die Stimmung, in welcher man zum Thore hineinfährt, eben nicht die heiterste. Die Stadt selbst trägt nichts dazu bei, das Gemüth zu entwölken. Vergebens erwartet man diese Wirkung von dem Monument, welches vor kurzem dem Virgil (dessen Geburtsstadt Mantua war) mit großem Pomp errichtet worden. Lieber Gott! welch eine Persifflage auf den großen Dichter! seine Büste steht so hoch, daß man die Züge derselben gar nicht einmal unterscheiden kann. Vier Schwäne von übergipstem Eisenblech tragen eine Säule; der Gips ist bereits an vielen Stellen abgefallen, und die Schwäne sehen aus wie gerupft. An einem großen viereckten Piedestal liest man vier Innschriften; die eine: dem unsterblichen Virgil aus Mantua gewidmet, scheint offenbar nur hingesetzt, um die übrigen drey mit guter Manier anbringen zu können. Die andere lautet: "Im Jahr 9 der (erbärmlichen) Freiheit, als Brune General und Bonaparte Consul waren." -- Die Dritte: "Dem General Miollis, dem Mäcen (!) die dankbaren Bürger. -- Die vierte endlich ist zu Ehren der Herren Administratoren eingegraben. Man sieht, der gute Virgil hat seine Unsterblichkeit so viel möglich zerstückeln müssen, um Jedem eine kleine Portion abzugeben; seiner wird eigentlich nur im Vorbeigehen gedacht. Der Platz ist groß, aber mit sehr schlechten Häusern umgeben; kurz, das Ganze ist nichts weniger als ein Monument Virgils, sondern bloß ein Denkmal der französischen Eitelkeit, die sich leider nicht immer mit Schwänen von übergipstem Eisenblech begnügt. -- Auch eine Buchdruckerei ist hier, welche den stolzen Titel der virgilianischen führt, und Komödienzettel liefert.

Die Andreaskirche gehe man doch nicht vorüber, sie ist in der That schön. Christi Blut wird daselbst in einer Phiole aufbewahrt, aber nur bei öffentlichen Calamitäten gezeigt, wo es nichts hilft. -- Auch die Cathedralkirche ist schön, doch bei weitem nicht in dem erhabenen Styl gebaut, der die Andreaskirche auszeichnet. Wo die guten Gemählde geblieben sind, brauche ich nicht ewig zu wiederholen. Wer sich eine recht lebhafte Vorstellung von einer langweiligen Assemblee machen will, der betrachte die Kuppel der Cathedralkirche, wo Gott Vater mitten unter sieben Reihen Engeln sitzt und sich anschauen läßt. -- Mantua ist die letzte Stadt, in der man, vor allen Kirchen, die Lappen von Wachsleinwand hängen sieht, die den Schildern der Krämer auf der Leipziger Messe gleichen, und auf welchen höflich ersucht wird, für Seelen zu beten, die kürzlich ausgefahren sind. Einer derselben hatte man den Titel Exmarquis beigelegt. -- Das alte Schloß der Gonzaga's ist von großem Umfang und gehört jetzt der neuen Nation. -- Die einzige Maskenkomödie, die ich in ganz Italien angetroffen habe, war zu Mantua. Ich freute mich darüber, denn ich habe den ehrlichen Harlekin stets geliebt, aber leider taugte er nichts. -- Man gab auch la Serve Padrone, die allerliebste Posse, die ich vor mehr als zwanzig Jahren in Petersburg von Madam Doria, (damals jung, reizend, von Diamanten stroßend, allmächtige Gebieterin des allmächtigen Ministers Besborodko) hatte dastellen sehen -- und -- welche ein Wechsel des Glücks! -- diese nemliche Doria, jetzt alt, häßlich, arm, spielte die Rolle auch hier! -- fast hätte dieser Anblick, der so manche Erinnerung auffrischte, mit Tränen entlockt. -- Wie stark die Beamten der Republik im Lesen sind, davon haben sie mit einen klaren Beweis schriftlich hinterlassen, denn meinen Namen, der im Passe sehr leserlich geschrieben war, verwandelten sie in Bomiguno Allesandro, das beweist doch wohl, daß sie keinen Buchstaben kennen. --

Bei meiner ersten Durchreise fand ich hier die Neger in Garnison, die man zusammengepfercht hatte, um sie nach und nach ruhig aussterben zu lassen. Ihre Zahl ist so sehr geschmolzen, daß man endlich für gut gefunden hat, das tägliche Spektakel ihrer Hinwelkens nach Piemont zu verlegen. Der elende Ueberrest dieses oft gerühmten Regiments bestand kaum noch aus einigen Hunderten.


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Elisa von der Recke. [5]

Mantua den 11. Oktober. [1803]

Unser Weg nach Mantua war ein langweiliger Zug auf einer schönen Chaussee, durch eine traurige Sumpffläche, welche die Luft mit fauligen Dünsten und giftigen Insekten anfüllte. Dazu kamen die überall vorhandenen Spuren des Krieges. Leer stehende, zum Theil eingeäscherte Häuser, deren Einwohner ermordet oder entflohen waren; ganze Strecken verwüsteter Weingärten; Haufen halbnackter Bettler, die uns die Gesichter ihres Elendes vorheulten: vollendeten das traurige Bild der Gegend. Ganz nahe vor Mantua wurden wir von französischen Soldaten zur Dogana auf die Citadelle gebracht, wo die Plombirung unsers Gepäckes, und die Untersuchung der Papiere von Verona, mit stolzer Arroganz und neckend schwieriger Langsamkeit vorgenommen wurde. Nicht bloß war es auf Gelderpressung abgesehn; uns die Macht ihrer Willkür fühlbar zu machen, war eben so wohl der Zweck dieser Leute. Die Menschen, statt ruhig und fröhlich mit einander fortzuschreiten, legen sich wechselseitig so viele Hindernisse in den Weg, als fürchteten sie das Leben zu lieb zu gewinnen, wenn sie einander weniger plagten. Hier war es mir, als ob sich einige Bitterkeit in mein Herz gegen eine Nation drängen wollte, die unter allerlei Heuchelmasken Gewalt an sich reißt, Elend verbreitet, und mit Siegerhohn auf niedergetretene Völker herabblickt. Alle Greuel der Französischen Revolution, alle in Italien verübten Grausamkeiten, standen vor meiner Seele, während die finsteren Männer mein Gepäck neugierig untersuchten; endlich wurden wir aus dem düstern Orte entlassen. Je näher wir aber der Stadt kamen, um desto beängstigter wurde mein Herz: denn die Begebenheiten der grauen Vorzeit stellten sich mit in ihren finstern Gestalten dar, als wir auf dem langen schmalen Damm zwischen Sumpfwasser zur Festung fuhren. Diese liegt an einem See, in welchen sich der Fluß Mincio ergießt.

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Die ganze Gegend ist sumpfig, und folglich ungesund. Dieses nachtheilige Klima bewirkt der See, welcher die Stadt umgiebt, und sie gewissermaßen schon durch sich zur Festung macht. Sonst ist Mantua gut gebaut, hat ungefähr 4 Miglien im Umfange, achtzehn Kirchen und vierzehn Klöster. Zu Ende des 17ten Jahrhunderts war die zahl der Einwohner 50000, jetzt nur 10000. Einige schöne Palläste, und unter den Kirchen einige vorzügliche, vermögen nicht das einsame todte Ansehn zu mildern, welches durch die Spuren kriegerischer Auftritte noch in die Augen fallender gemacht wird.

Die Domkirche soll nach dem Risse des Giulio Romano erbaut seyn. Sie ist schön, aber die St. Andreaskirche hat ein noch edleres Ansehn; doch ist diese in dem letzten Kriege durch die Franzosen ganz zerstört, und ihre schönen Gemälde und kostbaren Kirchengeräthe beraubt worden. Indeß pries der Sagrestano uns das Glück, daß wenigstens die Reliquien gerettet wären. Die heiligste derselben ist eine Phiole mit einigen Tropfen des Blutes Christi; am Charfreitage wird sie mit großen Feierlichkeiten gezeigt. Man war so eben beschäftigt, das Allernothwendigste in dieser zerstörten Kirche herzustellen. Der herzoglich Pallast ist zwar groß, aber nicht von edler Architektur; unter den Privatpallästen sieht man schönere. Der Pallast della Giustizia ist nur durch seinen sehr großen Saal merkwürdig, in welchem eine Statue Virgils steht.

Die Vorstädte von Mantua liegen auf der andern Seite des Sees.

Merkwürdig ist es, durch welchen schlauen Kunstgriff die so bedeutende Festung in die Hände der Franzosen kam, wo, wie bekannt, d. 2. Febr. 1797 der tapfre Veteran Wurmser, nach einer unglaublichen Beharrlichkeit einer viermonatlichen Widerstandes, kapituliren, und sich mit 13000 Mann, die von 33000 nach übrig waren, kriegsgefangen ergeben mußte. Folgendes ist mir in Mantua selbst von glaubwürdigen Männern versichert worden. Als in den vorläufigen Friedensunterhandlungen zwischen dem damaligen Obergeneral Buonaparte und dem Oestreichischen Bevollmächtigten die Rede von Mantua war, so trieb Buonaparte den Betrug, oder wie er dergleichen nannte, die Politik so weit, daß er die Uebergabe nur einstweilig verlangte, unter der ausdrücklichen Zusicherung: die Festung, die dem nicht mehr zu bezweifelnden Frieden, den Oestreichern wieder zu übergeben. Zwar verweigerte er, diese Zusage als einen schriftlichen Präliminarartikel mit aufnehmen zu lassen, und berief sich in Rücksicht dieser Verweigerung auf die Beschränktheit seiner Vollmacht; verpflichtete sich aber -- freilich nur mündlich -- mit Verpfändung seiner Ehre, die Rückgabe Mantua's in Paris zuverlässig zu bewirken. Die redlichen Deutschen trauten dem Ehrenworte des Französischen Generals. Die Festung ward gutwillig seinen Truppen eingeräumt, die Präliminarartikel des Friedens wurden unterzeichnet. Kaum war dies geschehen, so bestimmte Buonaparte selbst das Direktorium, die Rückgabe Mantua's durchaus zu verweigern, und es lieber auf einen neuen Krieg ankommen zu lassen. So vollendete sich die Unterdrückung der ganzen Lombardei *). Werden die ehrlichen Deutschen durch solche Erfahrungen den Fallen entgehen lernen, welche die gewandte Politik der Franzosen oft so anziehend aufstellt?

*) Was hier über diese vorläufigen Unterhandlungen und Vorspiegelungen aus guter Quelle berichtet wird, erhält auch durch andre Berichte noch mehr Wahrscheinlichkeit. Ein anderer Flassan, dem kein Stier über die Zunge stieg -- man kennt ja das griechische Sprichwort -- mag die Geschichte der perfidesten Unterhandlungen schreiben, die in Campo Formio, zu Rastadt, und wo sonst nicht, Statt fanden. Man lese nur, was ein Ungenannter, aber trefflich unterrichteter Augenzeuge, in seinen Fragmente über Italien aus dem Tagebuche eines jungen Deutschen (Tübingen, Cotta, 1798) Th. II, S. 234 - 266 über die Französischen Friedensschlüsse in Italien, mit lebendigem Aufgreifen alles Lugs und Trugs in jenen Verhandlungen, bemerkt hat. Wie sehr ist es zu beklagen, daß jene viel zu wenig gekannten und benützten Fragmente nicht fortgesetzt wurden! Es ist übrigens aus den jedermann zugänglichen Quellen der Zeitgeschichte zur Genüge bekannt, in welchem jammervollen Zustand sich die Ueberreste der Wurmserschen Armee, als sie Mantua verließ, befanden, und wie dies allein vollkommen zureicht, diese Uebergabe, die Wurmsern das Herz brach, zu erklären. Vom Monat Oktober 1796 waren gegen 6000 Pferde in der Festung geschlachtet worden. Kälte und Hunger wütheten um die Wette mit dem Schwert und den Feuerschlünden der Feinde. Vom September bis zur Uebergabe hatte die Besatzung 13586 Todte, ohne 4500, die bei den Ausfällen geblieben waren. Schon seit dem November hatte man keine Arzneien mehr. Ein Schluck Brantewein mit Pfeffer war die Universalmedizin. Die nach der Uebergabe ausziehende Mannschaft war fast ingesammt krank, und von dem elenden Leben und unaufhörlichen Strapazen so entkräftet, daß sie sich kaum fortschleppen konnte. Man s. Maier's "Geschichte des Französischen Revolutionskriegs" Th. VII, S. 335.


Quellen.Bearbeiten

  1. Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1797. Herausgegeben von einer Gesellschaft von Gelehrten. Hamburg, auf den Post-Aemtern, und in der Hoffmannschen Buchhandlung 1797.
  2. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1806.
  3. Briefe über Italien geschrieben in den Jahren 1798 und 1799 vom Verfasser der vertraulichen Briefe über Frankreich und Paris. Leipzig bey Pet. Phil. Wolf und Comp. 1802
  4. Erinnerungen von einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel von August von Kotzebue Drei Theile. Berlin 1805. bei Heinrich Frölich.
  5. Tagebuch einer Reise durch einen Theil Deutschlands und durch Italien, in den Jahren 1804 bis 1806. Von Elisa von der Recke, gebornen Reichsgräfin von Medem. Herausgegeben vom Hofrath Böttiger. Berlin, 1815. In der Nicolaischen Buchhandlung.
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