Mecheln.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mecheln, eine schöne Stadt mit breiten Gassen und vielen ansehnlichen Palästen in dem ehemaligen österreichischen Brabant an der Dyle, zwischen Löwen, Brüssel und Antwerpen. So lange sie zu Frankreich gehörte, war sie der Hauptort eines Arrondissements im Departement der Deux Nettes.

[Sie hat zwar einen großen Umfang, aber Gärten und Aecker nehmen fast 2/3 davon ein.] Die Volkszahl, welcher sich im J. 1785 auf 26,000 Seelen belief, war bis 1802 auf 16,612 Herabgesunken.

Der Erzbischof führte den Titel als Primas der Niederlande. Seit 1801 erhielt sein erzbischöflicher Sprengel noch größere Ausdehnung, denn er umfaßte außer den ehemaligen Niederlanden auch die vier Rheindepartements, und es gehörten zu demselben die Bisthümer Namur, Tournay, Achen, Trier, Gent, Lüttich und Maynz. Bekannt ist der Erzbischof de Pradt (s. d. Art.).

[Man findet hier 7 Kirchen, 5 Klöster, ein prächtiges Invalidenhaus, 4000 Häuser.] Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören der große und schöne Markt, das Zeughaus, das Rathhaus, die erzbischöfliche Kirche, das ehemalige Franciskanerkloster, der große Beguinenhof, das alte Palais u. s. w.

Man verfertigt hier die besten brabanter Spitzen und Leinwand, ingleichen Damastzeuge, Hüte und sehr gutes Bier. [Am wichtigsten sind jetzt die Bierbrauereien, die jährlich gegen 150,000 Fässer ausführen; ferner sind hier zwei Zuckersiedereien, eine Cattundruckerei, Baumwollenspinnereien und zehn bis zwölf Blondfärbereien; auch wird ein beträchtlicher Getreidehandel getrieben.]

Bei hoher Fluth können schwer beladne Schiffe aus der Schelde bis vor die Stadt kommen.

Das umliegende Gebiet hieß sonst die Grafschaft Mecheln.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

George Forster.

[1790]

In fünftehalb Stunden erreichten wir Mecheln. Diese nicht gar grosse Stadt würde mit ihren geräumigen Strassen und ihren weissgetünchten Häusern einen weit besseren Eindruck auf den Fremden machen, wenn sie nicht so öde wäre und beinah eine Todtenstille darin herrschte. Ich will gern glauben, dass die sitzende Lebensart der Einwohner, die in den ansehnlichen Hutmanufakturen Beschäftigung finden, mit dazu beiträgt, das Phänomen der Stille hervorzubringen; allein es wirklich zu auffallend, um nicht noch tieferliegende Ursachen zu haben. Schauerlich ist es, lange Strassen zu durchwandern, und weder einer menschlichen Seele noch einem Thiere zu begegnen, ja nicht einmal das mindeste Geräusch in den Häusern zu hören. Man glaubt sich in irgend eine bezauberte Stadt aus den morgenländischen Erzählungen versetzt, deren Einwohner alle ausgestorben oder verschwunden sind. Die hiesige Bauart ist die alte, wo die Giebel der Häuser gegen die Strasse zugekehrt stehen und spitz in die Höhe laufen. Fast durchgegends ist alles von aussen weiss angestrichen, welches im Sommer bei hellem Sonnenschein den Augen sehr nachteilig seyn muss.

Die grosse Kathedralkirche zu St. Romuald (Rombaut) hat einen Thurm von ausserordentlicher Höhe, und inwendig ist sie eins der reichsten gothischen Gebäude. Im Schiff stehet an jeder Seite die Bildsäule eines Apostels und über derselben eine Reihe Termen, welche die Religion, den Glauben, die Liebe und mehrere allegorische Wesen vorstellen. An den Wänden und im Chor sieht man Gemälde von P. de Nery, Crokaert und Andern, die aber keiner Auszeichnung werth sind. Hier standen wir, als der Kardinal Erzbischof von Mecheln hereintrat, und uns die Benediktion ertheilte. Er war in einem langen Scharlachrock und Mantel gekleidet, mit einem rothen Käppchen auf der Perücke; ein Mann von ziemlich ansehnlicher Statur und schon bei Jahren, mit einem weichen, schlaffen, sinnlichen Gesicht. Er kniete hinter dem grossen Altar und betete, besah aber dabei seine Ringe, zupfte seine Manschetten hervor, und schielte von Zeit zu Zeit nach uns, die wir, in grosse Mäntel gehüllt, vielleicht ein verdächtiges Ansehen hatten.

In der Johanneskirche fanden wir am Hochaltar einige Stücke, angeblich von Rubens: einen Johannes, den Evangelisten, der sein Buch schreibt und auf die Eingebungen seines Adlers zu horchen scheint; auf der Rückseite dieser Füllung, den Märtyrertod dieses Apostels in siedendem Öl, nach der Legende; gegenüber, die Enthauptung Johannis des Täufers und die Taufe Christi; in der Mitte endlich die Anbetung der Weisen, eine grosse, verwirrte, uninteressante Composition. Diese fünf Blätter nebst drei kleinen Skizzen, welche am Altar angebracht sind, gehören nicht zu den auszeichnenden Werke von Rubens, und sind auch schon sehr verblichen. Sie misfallen überdies noch durch etwas Unvollendetes in den Umrissen, welches nicht ganz die Schuld der veränderten Farbe zu seyn scheint.

In der ehemaligen Jesuitenkirche, deren Portal mit vieler Ostentation, aber desto weniger Geschmack, am grossen Markte prangt, hangen eine Anzahl Gemälde, welche auf die Geschichte der jesuitischen Ordensheiligen Beziehung haben, von denen aber keines uns in Anspruch nahm. In der Kirche unsrer lieben Frauen von Hanswyk bewunderten wir die aus einem ungeheuren Baum geschnitzte Kanzel, die den Fall der ersten Eltern im Paradiese vorstellt und in der That, wenn man alles erwägt, ein Werk von erstaunlicher Anstrengung ist. Die Figuren sind zwar plump, aber sehr brav gearbeitet, und das Ganze hat sehr viel Effekt. In den unzähligen Kirchen und Klöstern von Mecheln befindet sich noch eine grosse Menge von berühmten Gemälden, worunter einige auch wohl Verdient haben mögen; allein was wir gesehen hatten, reizte uns nicht, unsern Aufenthalt zu verlängern, um auf Gerathewohl nach Kunstabentheuern umherzuwandern.

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Die ganze Volksmenge von Mecheln gab man uns auf zwanzigtausend an, und dieses auffallende Missverhältniss der Bevölkerung zum Umfange der Stadt erklärte besser als alles andere, die ausgestorbene Leere, die wir überall bemerkten; denn nimmt man an, dass die Welt- und Ordensgeistlichen, die Nonnen und Beguinen, nach einer sehr gemässigten Berechnung, zusammen den fünften Theil dieser Anzahl ausmachen, so begreift man leicht, wie nur so wenig Menschen übrig bleiben, die ihre Geschäfte zwingen, sich auf den Strassen sehen zu lassen. Wollte man fragen, wie es möglich ist, dass das berühmte, mächtige Mecheln so tief herabgesunken seyn könne; so würde ich auf eben diese ungeheure Anzahl von Geistlichen verweisen, die allmälig alle Bewegungen gehemmt haben, und, indem sie sich auf Kosten der Einwohner erhielten, fast allein übrig geblieben sind. Ausser den sechs Pfarrkirchen giebt es sechs Mannsklöster, zwölf Nonnenklöster und zwei Beguinenhöfe, in welchen letzteren allein nah an tausend Beguinen wohnen. Die Einkünfte dieser Geistlichkeit belaufen sich auf ungeheure Summen; die des Erzbischofs schlägt man auf hunderttausend Gulden an. Mich wunderte es daher nicht, dass auf unser wiederholtes Anfragen nach den Sehenswürdigkeiten von Mecheln, ein jeder uns an die Kirchen und Klöster verwies, und wir zuletzt bei dieser allgemeinen Armuth an Gegenständen, welche die Aufmerksamkeit des Reisenden verdienen, in eine Sägemühle an der Dyle geführt wurden. Nunmehr war es wirklich Zeit, unsern Schauplatz zu verändern. Wir eilten also in unser Quartier zurück, und nachdem wir noch zuvor in einigen Buchläden die fliegenden Blätter des Tages, deren jetzt eine ungeheure Menge ununterbrochen herauskommen, gekauft hatten, stiegen wir in einen Wagen und fuhren in starkem Trab auf dem schönsten Steindamm, durch Alleen von hohen Bäumen, die hier jedes Feld und jeden Rain begränzen, nach Brüssel.


Quellen und Literatur.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich, im April, Mai und Junius 1790. Von George Forster. Berlin 1791. In der Vossischen Buchhandlung.
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