Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Verhandlungen des Brittischen Parlaments.

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Verhandlungen des Brittischen Parlaments. Abschaffung des Sclavenhandels. Neuer Militärplan. Freisprechung des Lords Melville. Andre Merkwürdigkeiten.

Als vor fünf Monaten die Fox-Grenvillesche Administration das seines großen Steuermanns beraubte Staatsruder ergriff, weissagte man ihr keine Dauer. Wenn auch alle Parteien zu dem Bekenntniß genöthigt waren, daß dies Ministerium die ausgezeichnetsten politischen Talente in den drei Königreichen in sich vereinige, so erwartete man doch, daß es unter sich selbst zerfallen, daß die ursprüngliche Differenz seiner Mitglieder innere Zwistigkeiten herbeiführen würde; auch sah man einem kraftvollen Widerstande der aus den zahlreichen Freunden der abgegangenen Minister bestehenden neuen Opposition entgegen. Sie war aber ein Körper ohne Seele; diese war mit William Pitt's letztem Lebenshauch entflohen. Vorzüglich befestigten die Erscheinungen der letzten vier Wochen die öffentliche Achtung der jetzigen Administration. Sie erkannten in Nelson das Verdienst, zeigte in äußern Verhältnissen wie in den innern Angelegenheiten bei der Umwandlung der schlechten Militärverfassung, Festigkeit und Energie, bewies bei Aufdeckung der Mißbräuche in der Verwaltung der öffentlichen Gelder Rechtschaffenheit und Eifer das Uebel in der Quelle zu verstopfen, huldigte der Sache der Humanität, als der Sclavenhandel und die schreienden Ungerechtigkeiten wider die Indischen Fürsten zur Sprache gebracht wurden, und erfüllte mit Mäßigung die Pflichten der Gerechtigkeit bei dem wider den Lord Melville angestellten Processe.

Abschaffung des Sclavenhandels.

So einig der Brittische Senat war, als die Minister für die Familie des Admirals Lord Viscount Nelson, außer einem Jahrgehalte für die nächsten männlichen Erben, 120,000 Pf. St. verlangten, so verschieden waren die Ansichten, als die Beschränkung des Sclavenhandels vorgeschlagen wurde. Das vorige Ministerium war diesem Commerz mit Menschen nicht abgeneigt, und wenn auch Pitt aus anscheinender Consequenz für die Abschaffung desselben stimmte, so bewürkte er doch, daß die Majorität diesen Handelszweig erhielt. Lord Grenville und Fox wollten aber aufrichtig den Sclavenhandel nicht länger fortdauern lassen. Ersterer setzte am 16ten Mai nach lebhaften Debatten im Oberhause die endliche Sanction vorläufiger enger Beschränkungen der Sclavenhändler wider 18 Lords durch, an deren Spitz die Herzöge von Clarence und Sussex standen. Noch ein Prinz des Königlichen Hauses, der junge Herzog von Gloucester sprach in dieser Discussion; seine erste Rede (maiden speech) unterstützte die Sache der Humanität, die auch unter der Direction des Herrn Fox nach 16jährigen fruchtlosen Anträgen besonders des Herrn Wilberforce, endlich im Unterhause durchgesetzt ward. Am 10ten Jun. beschloß dasselbe mit einer Mehrheit von 114 gegen 15 Stimmen die Abschaffung des Sclavenhandels; eine Acte, die auf immer ein ehrenvolles Denkmaal des Foxischen Ministeriums bleibt.

Neuer Militärplan.

Einst waren die Brittischen Heere so furchtbar, und unter Marlborough machten sie Frankreich zittern: wie kam es, daß die Englische Landmacht in neuern Zeiten so tief bis zur Verächtlichkeit sank? Der Grund lag in der schlechten Organisation. Dies sah das jetzige Ministerium ein, und Fox sagte es unverholen am 31sten Mai. Darum wurde nach reifer Ueberlegung eine neue regelmäßigere Militär-Verfassung eingeführt, deren große Tendenz nicht bloß die Vertheidigung des Landes wider eine jezt weniger gefürchtete Französische Landung, sondern die Aufstellung eines Gegengewichts wider die ungeheure Französische Macht war. Eine große reguläre Armee sollte zur Wiederherstellung des zerrütteten Gleichgewichts im Europäischen Staats-Systeme würken. Die Glieder der vorigen Administration und alle diejenigen, welche bei den bisherigen Einrichtungen interessirt waren, griffen zwar wiederholt den neuen Militätplan an; allein die Minister erreichten mit eine Majorität von mehr als hundert Stimmen die Ausführung ihres neuen Systems, über dessen Zweckmäßigkeit und Folgen die künftige Zeit entscheiden muß.

Andre Merkwürdigkeiten.

Eine weise Oekonomie konnte den großen Kostenaufwand mindern, den diese weitumfassenden Absichten erforderten; auch lag eine solche Controlle in dem Geiste der jetzigen Administration, die mit patriotischem Eifer die Unordnungen entdeckte, die bisher in allen Departements bei der Verwaltung der öffentlichen Gelder Statt gefunden hatten. Die Summen, deren Richtigkeit noch nicht geprüft war, kamen der gesammten Nationalschuld nahe, beliefen sich auf 455 Millionen Pf. St. Lord Henry Petty, der jetzige Schatzkammerkanzler, dessen strenge Gewissenhaftigkeit laut im Publicum gepriesen wurde, zeigte dem Unterhause an, daß die Rechnungen von 21 Jahren, seit dem Amerikanischen Kriege unrevidirt im Zahlamte lägen.

Einzelne waren den freilich mit diesen scharfen Controlle nicht zufrieden. Um den Ministern in einem ihrer Freunde, dem Grafen St. Vincent, vormaligen Seeminister und bisherigen Oberbefehlshaber der Flotte vor Brest, wehe zu thun, wurde von einem Gliede des Unterhauses, Namen Jeffery eine Anklage wider diesen verlesen. Allein so sehr die Form derselben mißfiel, so ungegründet erklärte auch das Haus den Inhalt, der den verdienstvollen Admiral beschuldigte, daß die Brittische Marine unter seiner Administration in einen zerrütteten Zustand versunken sei. Vielmehr wurde auf den Antrag des Staatssecretärs Fox dem Lord St. Vincent über seine Verwaltung des Seeministeriums der Beifall der Legislatur votirt.

Die Anklagen waren einmal im Gange. Die, welche wider den allerdings wol nicht ganz tadelfreien Marquis Wellesley beabsichtigt war, wurde aufs neue von einem Herrn Paul betrieben, den man scherzweise mit dem Apostel gleichen Namens verglich. Er maaß dem zurückgekommenen General-Gouverneur des Brittischen Ostindiens eine schwere Schuld bei, und warf ihm vorzüglich die grausame Unterdrückung des Nabobs von Oude vor, der ein zinsbarer treuer Bundesgenosse der Compagnie gewesen sei, und ein Land von der Arealgröße Englands, mit einer volkreichen Hauptstadt wie dieses, und mit 40000 Soldaten und 500 Elephanten gehabt habe. Mit Unwillen rügte der Minister Fox die Aeusserungen eines Mitgliedes, daß man von der Absetzung eines Indischen Fürsten nicht so viel Aufhebens machen müsse, als von der Entthronung eines Europäischen Regenten; eben weil die Britten in Indien das physische Vermögen haben, ihre Verträge zu brechen, sagte er, sind die noch fester daran gebunden.

Gewiß war die Aufdeckung der letzten Vorgänge den neuen aus England nach Ostindien verpflanzten Nabobs höchst unwillkommen. Was die Minister vorzüglich veranlaßte, die Anklage zu unterstützen, war die fortdauernde Weigerung der Ostindischen Compagnie, den ihr empfohlnen Lord Lauderdale, den vormaligen Chef der Opposition in Schottland, als General-Gouverneur anzunehmen. Der König berief vermöge des ihm in der Acte von 1783 verliehenen Rechts den interimistischen Nachfolger des Lords Wellesley, Sir George Barlow zurück. Allein die Ernennung des neuen General-Gouverneurs stand dem Monarchen nach jener Acte nicht zu, und darauf beriefen sich die Directoren der Ostindischen Compagnie. Ob die Krone oder die Compagnie Ostindien regieren solle -- das war nunmehr die wichtige Frage. Man erinnert sich, daß Charles Fox bereits einmal an dieser Klippe scheiterte, und daß die Ostindische Compagnie ihn aus dem Ministerium verdrängte. Wahrscheinlich hielt er sich diesmal des Sieges gewisser.

Freisprechung des Lords Melville.

Das Geschäft des Unterhauses bei dem Processe wider den abgegangenen Seeminister Lord Melville (Herrn Dundas) war nach 14tägigem Verhör beendigt. Es dankte dem Ausschusse, welcher die Rolle des Anklägers übernommen hatte, und an dessen Spitze Whitbread stand, und erwartete den Urtheilsspruch des in glänzender Feierlichkeit versammelten hohen Parlaments-Gerichts der Lords. Und dieses sprach am 12ten Junius Lord Melville von allen Anklagen frei.


Zeitungsnachrichten.

[1806]

[2]

Großbrittanien.

Nach einer öffentlichen Nachricht ist am 13. August Cabinetsrath gehalten, und hierauf durch eine Proclamation bekannt gemacht worden, daß das Parlament bis zum 9. Oct. prorogirt sey.

[3]
Großbrittanien.

Zu der durch Hrn. Fox Absterben erledigten Parlaments-Repräsentanten-Stelle für Westmünster haben sich schon, wie es heißt, drey Candidaten gemeldet, nehmlich Lord Percy, Sohn des Herzogs von Northumberland, Hr. Sheridan und Hr. O'Brien. Das neue Ministerial-Arrangement soll folgendes seyn: Lord Hodwick, Staatssecretair der auswärtigen Angelegenheiten für Hrn. Fox; Graf Spencer, erster Lord der Admiralität; Lord Holland, Staatssecretair der inländischen Angelegenheiten für Lord Spencer. Letzterer verwaltet jetzt die Geschäfte des auswärtigen Departements ad interim.

[4]
Großbrittanien.

Die neue Einrichtung des Ministeriums wurde am 23. Sept. von dem Premierminister, Lord Greenville, Sr. Majestät vorgelegt. Dem zufolge ist sein Bruder, Thomas Greenville, Präsident oder erster Lord der Admiralität; Lord Howik, (Hr. Grey) bisheriger Präsident der Admiralität, Staatssecretair der auswärtigen Angelegenheiten, an die Stelle des verewigten Fox; Lord Sidmouth, (Hr. Addington) Präsident des Conseil, anstatt des Grafen v. Fitzwilliam, der dieses Präsidium niederlegt, aber seinen Sitz im Cabinet behält; Lord Holland, geheimer Siegelbewahrer, an die Stelle des Lord Sidmouth; Herr Tierney, Präsident des Board of Controul für die Ostindischen Angelegenheiten, an die Stelle von Hrn. Mr. Thomas Greenville; Hr. Bragge, Schwager des Lord Sidmouth, hat das Münzdepartement erhalten.


Quellen.

  1. Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1806.
  2. Wiener Zeitung. Nro 72. Sonnabend, den 6. September 1806.
  3. Wiener Zeitung. Nro 82. Sonnabend, den 11. October 1806.
  4. Wiener Zeitung. Nro 84. Sonnabend, den 18. October 1806.
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