Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Buonaparte in Paris.[]

Von Mercier. [1]

Die Ankunft dieses hochberühmten Rächers in der großen Stadt der großen Nation, erregt denselben Enthusiasmus, als man bey Voltaire's Ankunft vor beynahe zwanzig Jahren sahe; aber zwischen beyden großen Männern ist ein auffallender Unterschied. Buonaparte kommt in Paris an, jung noch, da die Nation unter dem Schatten seines Schwedts ruht; und vermählt mit dem Siege, kommt er, den Oelzweig in der Hand, seine Laufbahn zu endigen, oder von neuem anzufangen. Er vermeidet die Menge, die ihm auflauert; er entzieht sich den Beyfalls-Bezeugungen, statt daß der Fürst der Dichter, stolz auf den Schimmer um sein Haupt, der sich vergrößerte, wie der Schimmer der untergehenden Sonne, unter der Last der Jahre gebückt, sich unaufhörlich zeigen wollte, nach Lobsprüchen unersättlich zeigte, und stumm gegen das Lob, das irgend einem andern, er- ertheilt wurde, nur noch seinen Namen tausend, und aber tausendmal wiederholen hörte.

Der Philosoph, der Freund der Toleranz, drängte sich, den Vertheidiger der Calas, der Schauspieler, die Quelle seines Talents und Glücks, der Gelehrte, die Quelle seines Talents und Glücks, der Gelehrte, sein glorreiches Muster, der Gerichtsschreiber, den Verfasser der Pucelle, der Priester, den berühmten Ungläubigen zu sehen, den er noch zu bekehren und zur Beichte zu bewegen, oder dem er den Priesterstreich des Nichtbegrabens zu spielen hofte; und alle wollten den Mann sehen, der, wie man sagte, allein so viel Witz hätte, als alle Menschen zusammen. Aber man lächelte bey seinem Anblicke, weil man um ihn her alles Lächerliche fand, ein Gefolge complimentenreicher Autoren, ein Heer von Neugierigen, einen unerschöpflichen Wetteifer der Eitelkeit.

Buonaparte heischt zugleich Bewunderung, Achtung und Dankbarkeit. Er hat die Könige in Schrecken gesetzt, und ihren den Frieden gegeben; er hat ihren Thron erschüttert, und ihnen gesagt, wie sie ihn noch erhalten könnten; er sucht nicht sich zu zeigen, da hingegen alles Volk ihm entgegenläuft, um den Krieger, den gewandten Negociator, den Friedensstifter, den außerordentlichen und bescheidenen Mann zu sehen, der unter den Canonen des Feindes, stolz die dreyfarbige Fahne auf der Brücke von Lodi aufpflanzte, weil er wohl fühlte, daß hier der Punct wäre, wo er siegen müßte; und wenn die Hofnung des Volks getäuscht wird, so sieht man demungeachtet auf allen Gesichtern Freude; man verlangt nichts von dem Helden.

Er hat sein erstaunendes Glück nicht gemißbraucht. "Du sollst, -- sagte er zum Siege, nützlicher noch als glänzend seyn; dieß Ziel sollst du nicht überschreiten!"

Er bewohnt in dem einsamsten Theile der Stadt ein Haus ohne Pracht; und da überdenkt er, allein mit den Gefährten seiner hohen Waffen-Thaten, die Vernichtung des mörderischen Cabinets von St. James; denn die National-Rache, die sich von dreyhundert Jahren her datirt, soll einen entscheidenden Streich thun; ein unendliches, allgemeines Geschrey fodert ihn, und dies Geschrey interessirt ganz Europa, die ganze Menschheit.

Immer Herr über seine Gedanken, hat er auch den Ausdruck in seiner Gewalt; keine Affectation irgend einer Art ist bemerkbar an ihm; völlig auf seinem Characer bestehend, ist er immer nur Er.

Unempfänglich für Schmeicheley nimmt er die Lobsprüche an, ohne sie zu verschmähen, und zeigt weder Stolz noch Gleichgültigkeit. Er spricht deutlich und bestimmt, weil seine Gedanken unumwölkt sind. Wahrheitsliebend ist er fest, wenns nöthig ist. "Nehmt -- sagte er zu jenen Fischweibern, die sich das Recht angemaßt haben, in allen Thüren einzudringen -- "nehmt Eure Sträußer, Eure Kränze; ich nehme dergleichen Huldigungen nicht an; denn wenn es morgen einen König gäbe, so würdet Ihr sie ihm eben so gut anbieten." -- Das heißt sein Paris kennen!

Der Ruhm, den Buonaparte genießt, hat einen Begleiter, den der Ruhm nicht immer hat, und der noch schätzbarer ist, als er selbst: die Achtung!

Die Achtung ist der Preis des rechtmäßigen Gebrauchs unserer Talente; die Achtung ist mit den Tugenden verknüpft, da hingegen Ehre die Folge des Glanzes ist. Wer also, wenn gleich von einem leidenschaftlichen Gefühl für den Ruhm belebt, über den Werth der Dinge mit einiger Unterscheidungskraft urtheilt, wird immer auch die Achtung seiner Mitbürger wünschen, ohne vielleicht nach einem zu glänzenden Rufe zu geizen, weil das, was über die Hochachtung hinausgeht, oft nur ein eingebildeter Vortheil ist. Voltaire mußte das selbst bey seiner Krönung auf dem Theater fühlen, wenn er einen Augenblick aufhörte, ein Dichter zu seyn.

Buonaparte genießt diese Hochachtung, die alle einsichtsvolle Männer aufrichtig zugestehen, vollkommen; er scheint mir Gefühl für dieselbe zu haben, und sie von dem Rufe zu unterscheiden zu wissen; eine für sein Alter und gründliche Bemerkung! Es muß daraus ein wahren republicanischer Character entstehen, wäre es auch nur aus Erkenntlichkeit; aber Buonaparte hat, und zwar im Voraus, alles bezahlt, was ein Bürger seinem Vaterlande an Eifer und Muth darbieten kann.

Unaufhörlich denkt er daran, ihm nützlich zu seyn; er will lieber dieß, als für sich selbst groß seyn; er nennt die Zuneigung aller seiner Mitbürger erfreulicher, als alle Strahlen des Ruhms. Er scheint sich immer selbst zu sagen: "Wenn alle Könige sich Brüder nennen: so sind alle Nationen Schwestern; sie können, sie dürfen, nicht gleichgültig seyn gegen die Uebel, die sie treffen. So sehr wir also Franzosen sind: so wollen wir doch alle Parthey nehmen für Gegenstände, die, wie man sagt, uns fremd sind, weil sie uns nicht fremd sind, indem der Sache der Menschheit in Europa nichts fremd ist, das Frankreich in der Mitte steht."

Der vernünftige Mensch wird sich also bemühen, alle Achtung sich zu erwerben, auf die er Ansprüche zu machen hat; und der Ehrgeizige wird nur nach dem Rufe streben, der immer den Stürmen des menschlichen Eigensinns unterworfen ist.

Buonaparte ist ein vernünftiger Mann; seine Haltung, sein Blick, sein Sprache, eine ihm natürliche Art von Concentration, alles sagt, daß er bereits seinen Namen, seine Siege, und den wahren Ruhm zu würdigen weiß; er hat sich mit der Nation identificirt; weil er sie liebt und fühlt, daß er von ihr geliebt wird. Nein, wie wird er, ein solches Gefühl gegen irgend ein anderes vertauschen, und dieß Gefühl wird ihn an das Ziel seiner hohen Bestimmung führen.

Alles, bis auf seinen Namen, ist das Sinnbild des Glücks, und in Namen liegt viel! ---Sey demnach Buonaparte's Namen immer groß, wie der Name des französischen Volks! sey er, nach dem Plane der Vorsehung, Menschenfreund, bestimmt, eine ungerechte, treulose und grausame Regierung zu demüthigen, eine Regierung, die zugleich mit den kühnsten und niedrigsten Verbrechen aller Art befleckt ist; kurz eine Regierung, die von der Erde vertilgt werden sollte, weil sie nicht mit den freyen und großmüthigen Völkern sich verbrüdern kann, die jetzt entstehen oder entstehen werden, und wovon Buonaparte die Pflanzschule angelegt hat. *)

*) Ich hatte vor ungefähr zwey Jahren, die Parallele Hannibals und Buonaparte's angefangen. Aber wie entfernt sind alle Vergleichungspuncte! O Buonaparte! sey unser Scipio!

Mercier.


Quellen.[]

  1. Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Herausgegeben von J. W. v. Archenholz. Hamburg 1798.
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