Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dr. Johann Friedrich Droysen.

[1]

[1801]

Haarlem, den 27sten Juni, 1801..

Ich komme so eben, mein Bester, von einer äußerst interessanten kleinen Fahrt zurück, die mich einen Tag herrlich vergnügt hat. Wir gingen heute Morgen um acht Uhr zum Hafen, wo wir mit einer großen Gesellschaft ein Schiff bestiegen, das uns über das Y führte, wir segelten bis an die Küste von Nordholland, für 2½ Stüver, und wurden alsdann bis Buicksloot, einem artigen Dorfe gezogen. Hier mietheten wir einen kleinen Wagen mit zwey Rädern, um uns in Nordholland ein wenig umher fahren zu lassen. -- Am Ufer des Y genossen wir eine schöne, mahlerische Aussicht: vor uns das große weite Amsterdam mit seinem Hafen, Masten und Thürmen, das sich treu und schön in der hellen, stillen Wasserfläche spiegelte; rechts die große Wasserfläche, weit hin sich ausdehnend, bedeckt mit unzähligen großen und kleinen Segeln, und am fernen Horizonte aus dem Wasser die Dörfer, Kirchen und Bäume emporsteigend; links verfolgten unser Augen eine bunte sich schlängelnde Küste am Wasser hinauf, und hinter uns lag ein Dorf, so zierlich und bunt, wie alle Dörfer dieses Landes.

NHA Haarlem

Ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll, um Ihnen das Eigenthümliche und Seltsame des Dorfes Brök im Waterlande zu schildern; Sie werden für Uebertreibung halten, was ich nur mit den schwächsten Zügen mahlen kann. Das ganze Dorf sieht aus, als wenn es so eben aus den Händen eines Zuckerbeckers hervorgegangen wäre, der an ihm alle seine Kunst und alle seine Farben verschwendet hätte. Die Gassen laufen ziemlich regelmäßig, mit beschnittenen Bäumen besetzt, neben einander fort, sind mit kleinen, nach bestimmter Ordnung gelegten Klinkern in bunten Figuren gepflastert, und nicht nur gekehrt, rein gewaschen, jedes Grashälmchens beraubt, und mit Sand bestreuet; so wie wir gingen fegte und wusch man wieder hinter uns her. Die Häuser in demselben, meistentheils von sehr reichen Leuten, Eigenthümern oder Bauern bewohnt, sind mit den buntesten Farben bemahlt, die Thüren und Läden grün, mit Messing beschlagen, alles bis zum Spiegeln polirt; die Fenster weiß oder roth; diese bunten Häuser liegen in kleinen Gärten, die aber nichts von der Natur, sondern alles von der Kunst haben. Statt des grünen Rasens findet man hier in bunt gemahlten Gittern Beete ohne alle Blumen, mit den buntesten Steinen, Muscheln und Glasperlen belegt, jeder dieser Spielereyen, denn Garten kann man sich nicht nennen, ist von der andern, durch die Abenteuerlichkeit ihres Geschmackes verschieden. Hier trifft man endlich ein Mahl auf Grün, aber wie? Taxusbäumchen in Gestalt von kleinen Schiffchen, Leitern, Schwänen, Störchen, Fischen und Kaffehkannen u. s. w. geschnitzelt, stehen dicht neben einander in Glasperlen und bunten blauen Steinchen. -- So ist das ganze Dorf, und dabey so öde, so todt; kein Wagen darf hier fahren, die Gassen sind zu enge dazu; nur eine Straße führt aufs Wirthshaus. Die seltenen, einzelnen Menschen die auf der Gasse gehen, tragen Schuhe von Lindenholz, die vor den Häusern stehen bleiben, um die Häuser nicht zu beschmutzen, und scheinen alle nur zu leben, um ihre Häuser und Straßen rein zu halten. Die Mädchen und Weiber die, so wie die Männer, hinter den Jalousies mit Neugier auf die Fremden sehen, sind zierlich geputzt, ihr Haar ist mit Gummi in kleinen Ringellocken gedreht, mit breiten goldenen, oft mit Brillanten besetzten Bändern eingefaßt, die über die Stirne fassen, und sehen im Ganzen nicht übel aus.

Wie gern hätten wir das Innere eines solchen Hauses gesehen, aber nach zehn bis zwölf vergeblichen Versuchen, wo uns der kaum aus der Thür hervorragende Kopf abweiß, wurden wir dessen, so wie der unglaublichen Langweiligkeit des Einerleys überdrüssig, und setzten unsern Weg nach Zaardam fort.

Das Dorf Zaardam fällt mit seinen 330 Windmühlen in der Ebene schon von fern in die Augen, es ist sehr bevölkert, obgleich es todt scheint, es zählt an 6000 Seelen. Hier ist Kanal an Kanal, und daher eine unzählige Menge Brücken. Die vielen Papier- und Stärkefabriken sind, so wie Handel und Schiffbau, die Hauptnahrungszweige dieses so charakteristischen Dorfes, das sich eben so wie Brök, durch buntscheckiges Aeußere, peinliche Reinlichkeit und Eleganz auszeichnet; man zeigte uns hier das unbedeutende Haus, wo Peter der Große, oder peirlegrang, wie sie hier sagen, wohnte, während er von den Holländern den Schiffsbau lernte. Von unserm Wirthshause, de Endracht, wo wir, ungeachtet wir vorher bedungen, und nachdem wir ein Drittheil von der Rechnung abgezogen hatten, doch noch viel zu theuer bezahlen mußten, genossen wir unsern Mittag über dem großen Kanal, wo die Schiffe unter unsern Füssen durchsegelten, bey einer reitzenden Ansicht über die flache, bunte Gegend. -- Bey sinkender Sonne kehrten wir wieder nach Amsterdam zurück, das im Abendrothe erleuchtet, schöner noch, als im hellen Morgenglanze erschien.

Ich bin mit dieser kleinen Fahrt sehr zufrieden, ich hätte nie geglaubt, daß in so kleiner Entfernung, bey so nahen Verhältnissen eine Provinz einen so eigenthümlichen Charakter, so auffallende Gewohnheiten erhalten könnte, daß sie es zu einer Zeit erhalten könnte, wo gemeinschaftliches Interesse und gemeinschaftliche Stürme nähere Verbindungen nothwendig machten, zu einer Zeit, wo es der Sammelplatz fremden Völker, Engländer und Franzosen war, von denen man allenthalben noch die aufgeworfenen Schanzen fand. Aber obgleich hier die eifrigsten Anhänger der Französischen Republik gefunden wurden, obgleich sie die Freyheitsbäume eben so bunt, wie ihre Häuser bemahlt, aufrichteten, so blieben sie doch ihrem Charakter, wie ihrem Idole der Reinlichkeit treu. Sie bewohnen nicht ihre zierlichen Zimmer, nein die Küche, die eben so bunt und mit Decken belegt ist, wie die Zimmer; sie gehen nicht in die Thür vor dem Hause als nur bey Hochzeiten, Kindtaufen oder Leichenbegängnissen ein; dann muß ein Tritt an die hohe Schwelle gesetzt werden, um ins Haus zu kommen, denn gewöhnlich gehen sie durch die Hinterthür ein. Die Bäume um die Häuser, die Kuhställe und sogar der Boden derselben, kurz alles was nur Farbe annehmen will, ist bemahlt, oder vergoldet. Man hat tausend Anekdoten von dieser sclavischen Anhänglichkeit an Reinlichkeit in diesem Lande; nur die eine mag hinreichen: Eine Kaufmannsfrau erlaubte ihrem Manne nie seine Briefe irgend wo anders, als im Contor zu erbrechen, aus Furcht der Streusand möchte das Zimmer beschmutzen. Solche Sclaven der Reinlichkeit sind nun freylich die Amsterdammer und Südholländer nicht, aber dennoch bleibt immer für eine Holländerin das angenehmste Compliment; wie zierlich, wie sauber alles in ihrem Hause sey.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA, sofern nicht anders angegeben.