GAS Amsterdam


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dr. Johann Friedrich Droysen.

[1]

[1801]

Amsterdam, den 25sten Jun. 1801..

Das Stadthaus in Amsterdam ist unstreitig das schönste Gebäude der Stadt; es liegt frey auf dem Revolutionsplatze und zeichnet sich durch seine Größe und Pracht aus. Der Freyheitsbaum vor demselben ist ein ungeheurer Mastbaum mit Lorbeer von Blech umwunden, mit den Nationalfarben, mit Trophäen und drey Schildern geziert; auf dem ersten Schilde küssen sich zwey Figuren über einem Altare, auf dem ein Herz lodert und der die Inschrift trägt: een Hart vor't Vaderland, mit der Umschrift Broederschap; auf dem zweyten reichen sich Freyheit und Gleichheit, an ihren Attributen kennbar, die Hand über einem Altare mit einem Buche, de Regte van den Menschen; und auf dem dritten führt ein Held die Freyheit an der Hand, mit der Inschrift: door fransche Hulp. 1795. Oben auf dem Wipfel steht der Hut mit dem Nationalbande. -- Er kostete 6000 Gulden.

Das Stadthaus selbst ward 1648, wo der erste von den 13,659 Mastbäumen, die seinen Grund ausmachen, eingeschlagen ward, angefangen, und im folgenden Jahre der Grundstein gelegt. Jacob von Kampen vollendete den Bau, so daß es schon, obgleich ohne Dach, 1655 in Besitz genommen werden konnte. Es ist 282 Schuhe breit, 235 lang und 116 hoch, der Thurm hat noch 41 Schuh; es besteht aus zwey ganzen und zwey Halbetagen. Der Eingang nach dem Revolutionsplatze zu, wird durch sieben Thüren, die ein Bogengang mit Pfeilern bedeckt, gebildet; über demselben ist das Fronton mit einem Basrelief geziert: Amsterdam in der Linken das alte Wappen, in der Rechten den Oehlzweig haltend, sitzt auf einem, von Löwen gezogenen Wagen, und Tritonen und Seegötter breiten ihren Ruhm aus. Oben auf der Spitze steht Mercurius, rechts die Gerechtigkeit, links die Klugheit, drey colossalische, metallene Figuren. Die hintere Seite hat nur eine kleine Thür, die von dieser Seite dem Gebäude das große Ansehen raubt. Ueber derselben ist ebenfalls ein schönes Basrelief im Fronton. Der Handel der Stadt, als Jungfrau mit dem Hute des Mercurius dargestellt, steht mit einem Fuße auf der Erdkugel, neben ihr das Y, unter der Gestalt Neptuns, und die Amstel als Wassernymphe, alle Nationen huldigen ihm, und im Hintergrunde werden die Segel eines Schiffes aufgezogen. Oben auf stehet Atlas, rechts die Mäßigkeit, links die Wachsamkeit; ebenfalls colossalische, metallene Figuren. Der Thurm des Gebäudes, von dem man eine treffliche Aussicht genießt, wird von acht halben Corinthischen Säulen getragen, und ein Schiff, das alte Wappen Amsterdams, ziert die Spitze. –

Das Innere dieses schönen Gebäudes ist nicht minder prachtvoll dekorirt, unter am Eingang ist die Schöffenbank, wo Halsgericht gehalten wird; die metallenen Gitter des Eingangs sind aus Schwerten und Donnerkeilen gebildet, mit der Inschrift: discite institiam moniti, et non temnere diuos. Im Innern tragen Corinthische Säulen und Canyatiden das Ganze, die Felder sind mit Salomos, Zeleucus und Junius Brutus Urtheil geziert; der Thür gegenüber, steht ein marmorner Richterstuhl, oder Altar, von welchem das Todesurtheil bekannt gemacht wird. Alle Basreliefs und Figuren sind von Artus Quellinus aus Antwerpen.

Ich fürchte mit Recht Ihre Geduld zu ermüden, wenn ich Ihnen das ganze Gebäude mit allen seinen Kunstwerken detailliren wollte; man hat davon eine Beschreibung in Holländischer, Deutscher und Französischer Sprache, worauf ich Sie verweise. Ich bemerke nur noch, daß man oben in dem prächtigen Bürgersaale im Fußboden die beyden Erdhalbkugeln und die nördliche Himmelskugel in Marmor eingelegt findet; die durch den Saal gezogene Mittagslinie ist von Huygen, soll aber nicht ganz genau mehr seyn, da das Gebäude ein wenig gesunken seyn soll.

Das Innere des Gebäudes ist so unglaublich mit Basrelifs und Gemählden verziert, daß man fast keine leere Wand findet; einige sind sehr artig und witzig gewählt, z. B. über die Assecurancykamer, Arion auf dem Delphin, ein Schiff im Hintergrunde. Ueber die Desolateboedelskamer (d. i. Banquerottenkammer), Ikarus vom Himmel stürzend; die Festons, Ratten die an alten Kasten und Papieren nagen u. d. m. –

Wir traten von hier in die Schöffenkammer, wo öffentliches Gericht gehalten ward. Sachen die nicht über 600 Fl. betragen, werden hier von vier Gerichtspersonen, die alsdann die Vierschaar genannt werden, abgemacht, so auch die Criminalsachen und wichtigere Gegenstände öffentlich, aber von neun Gerichtspersonen. Das Innere war ebenfalls mit Gemählden geziert, und alle Gerichtspersonen und Advocaten in schwarzer Kleidung.


GAS Amsterdam


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
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