Staatsarzney.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Bey den jetzigen öftern Klagen über fehlerhafte Medicinal-Anstalten, besonders über tadelnswerthe Arzneyschulen und Aerzte, bey dem einreißen wollenden Gebrauche: Menschen nach einem kaum sechs monatlichen Verweilen auf einer Universität, zu Doktoren der Philosophie, Medicin und Chirurgie zu machen, kann es vielleicht von einigem Nutzen seyn, wenn nachstehende Worte des achtungswürdigen Professor Kurt Sprengel zu Halle, welche den Schluß der Einleitung seiner: kritischen Uebersicht des Zustandes der Arzneykunde in dem letzten Jahrzehend, Halle, 1801, ausmachen, diesen Blättern einverleibt werden.

"Auch in Deutschland suchte man während dieser Zeit Verbesserungen einzuführen, deren Erfolg aber nicht immer den guten Absichten entsprach. In den preußischen Staaten wurde eine strengere Prüfung der anfangenden Aerzte verordnet: es wurden manche Mißbräuche bey dem anatomischen Curse abgeschafft. Aber der gute Zweck wird wohl nicht eher erreicht werden, als bis man in der Wahl der Mitglieder des obersten Medicinal-Collegiums größere und strengere Vorsicht beweiset und bey den Prüfungen selbst unpartheylicher zu Werke geht."

"Die Hauptquelle der niedrigen Stufe der Kultur, auf welcher die deutschen Aerzte größtentheils noch stehen, liegt in den Fehlern der ersten Erziehung. Das Streben nach höhern Dingen, das Zudringen in höhere Stände nimmt immer zu: daher ein großer Theil der medicinischen Lehrlinge gewesene Wundärzte und Apotheker sind. Diesen fehlt es aber oft gänzlich an liberaler Erziehung und an Sinn für höhere Bildung des Geistes: oft fehlt es ihnen noch dazu am Vermögen, sich länger einem ernsten Studium der Wissenschaft zu widmen, die sie gewöhnlich schon desto mehr ergründet zu haben erwähnen, je weniger sie von derselben verstehen. Wie anders als daß diese Menschen jedes Fach der Medicin vernachlässigen, was nicht gerade als Erwerbmittel künftig benutzt werden zu können scheint! Wie anders, als daß der Staat dergestalt eine Menge Aerzte erhält, die zu jedem andern Geschäfte besser taugten!"

"Von dem übrigen großen Haufen der Lehrlinge der Medicin, läßt sich ein nicht viel günstigeres Urtheil fällen. Sie kommen zwar von gelehrten Schulen, aber leider herrscht auf diesen das schädliche Vorurtheil, daß ein künftiger Mediciner, des Unterrichts in alten Sprachen und in andern Kenntnisse, nicht so sehr bedürfe. Der an sich äußerst mangelhafte Unterricht auf niedern Schulen wird daher von denen, die sich der Arzneykunst widmen wollen, noch viel weniger benutzt. Auf höhern Schulen bietet sich ihnen ein Ueberfluß von zu erlernenden Kenntnissen dar, wobey ihnen in der kurzen Zeit, die sich auf das Studium verwenden können, es unmöglich scheint, eine noch vielseitigere Ausbildung ihres Geistes zu erreichen."

"Diese Jünglinge benutzen den akademischen Unterricht wenige Jahre und melden sich alsdann zur Prüfung bey der Fakultät. Die letztere müßte nicht aus menschlichen Mitgliedern bestehen, wenn man, nachdem die Kandidaten durch mehrere Jahre vielleicht ihr ganzes Vermögen an das Studium verwendet haben, und jetzt ins geschäftige Leben übergehen wollen, wenn man sie nun, wegen mangelhafter Kenntnisse abweisen wollte. So lange überdies weder die obersten Landes-Collegia weniger menschliche Grundsätze annehmen, noch auch andere Fakultäten strenger verfahren, wäre es überflüssig daß man eine strengere Prüfung einführen wollte. Ueberdies versteht sich von selbst, daß hierdurch auf keine Weise die Sitte einiger Fakultäten entschuldigt werden soll, die jedem, auch dem unwissendsten, Kandidaten die Prüfung erleichtern und ihm die höchste Würde in einer Kunst ertheilen, die über Leben und Tod unzähliger Menschen gebietet."

"Meines Erachtens kann die äußere Lage der Arzneykunst in Deutschland, nur dadurch verbessert werden, daß man Vorbereitungsschulen einführt, wie sie England schon hat, wie sie Helvetien an seinem vortreflichen Seminarium hatte, und wie sie unsere Gymnasien nicht sind, in welchen die Jünglinge, die Neigung und Talente zur Medicin haben, etwa von ihrem vierzehnten oder funfzehnten Jahre an in den Vorkenntnissen der Medicin unterwiesen werden. Alte und neue Sprachen, Naturgeschichte, Mathematik und Geschichte, müssen hier mit Sorgfalt gelehrt, das Studium der Natur aber zur Hauptfache gemacht werden, damit die jugendliche Seele von dem Hange zur müßigen Spekulation sich entwöhne und damit die Beobachtungsgabe, die dem Arzte unentbehrlicher ist, als das Talent zur Dialektik, geweckt und geschärft werde. xc. xc."


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dresdner Anzeigen. Gemeinnützige Beyträge. 2tes Stück 1807.
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