Proklamation.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dem Lager bey Polotzk, den 18ten July. [1]
Alexander xc.

Nachdem der Feind unser Gebiet verletzt, setzt er seinen Marsch fort, und trägt seine Waffen bis in den Schooß Rußlands, in der Hoffnung, es werde ihm gelingen, die Ruhe dieses großen Reichs zu stören. Er ist entschlossen, den Ruhm und das Glück desselben zu zerstören. Mit Treulosigkeit im Herzen und Schmeicheley auf den Lippen bringt er demselben Fesseln.

Den Beystand des Allmächtigen anrufend, widersetzen wir uns diesem Feinde, mit Heeren, die vor Verlangen brennen, ihn zu zermalmen und aus dem Reiche zu jagen. Mit Grund verlassen wir uns auf die Kraft und Tapferkeit unserer braven Truppen. Aber wir können und wollen es unsern treuen Unterthanen nicht verhehlen, daß die vereinigten Armeen der verschiedenen Mächte zahlreich sind, große Macht enwickeln, und daß in gebieterischen Umständen ausserordentliche Anstrengung und großer Muth, um sie aufzuhalten, erforderlich sind. Also ist es nothwendig, ausser unserer großen Armee, in dem Innern des Reichs eine neue Macht zu sammeln, die, Staunen und Schrecken unter die Feinde verbreitend, eine zweyte Schutzwehr zur Verstärkung der ersteren bilde, und für die Vertheidigung unsers Eigenthums und unserer Frauen und Kinder wache.

Wir haben diesen Aufruf schon an unsere alte Hauptstadt Moskau erlassen; jetzt ergeht er an alle Unsere Unterthanen von jedem Stande. Geistliche wie Weltliche fordern Wir auf, Uns gegen die Unternehmungen des Feindes beyzustehn. Auf jedem Schritte treffe dieser wackere Russen, die ihn mit aller ihrer Kraft und allen ihren Hülfsmitteln zurücktreiben, und seine zugleich treulosen und schmeichlerischen Ränke verachten; in jedem Edelmann finde er einen Poscharsky, in jedem Geistlichen einen Palitsire, in jedem Bürger einen Minin. *)

Russischer Adel! Du bist es, der zu allen Zeiten das Vaterland rettete. Heiliger Synod und Klerus! Eure feurigen Gebete riefen zu allen Zeiten den Segen des Himmels auf Rußland herab. Und Du, russisches Volk, erlauchte Nachkommenschaft der tapfern Slaven, Du hast oft schon die Tiger und Wölfe, die auf Dich zu stürzen bereit waren, beben gemacht! Jetzt, da alle sich vereinigen, das Kreuz im Herzen und das Schwert in der Hand, wird keine menschliche Kraft Euch zu widerstehn im Stande seyn.

Ich überlasse es den Adelshäuptern in jedem Gouvernement, über die Aushebung und Vereinigung dieser neuen Macht die Verfügungen zu treffen. Sie selbst sollen diejenigen ihrer Mitglieder, die sie in den Kampf führen werden, ernennen. Man wird die Zahl nach Moskau berichten, und den Kommandanten en Chef wählen.

Alexander.

Besiegelt mit dem Senatssiegel zu St. Petersburg, den 22sten July.

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*) Diese Männer trugen vorzüglich zur Befreyung ihres Vaterlandes von der polnischen Herrschaft bey; denn als zu Anfange des siebzehnten Jahrhundert innere Unruhen Rußland zerfleischten, mischten sich die Polen darin, eroberten selbst Moskau, und waren nahe daran, ihren Prinzen Wladislaw auf den russischen Thron zu setzen. Da erhob sich 1611 Kosmas Minin, ein ehemaliger Soldat und nachmals Handelsmann zu Nischnoi-Nowgorod, erbot sich, sein eignes Vermögen herzugeben, und, von den Geistlichen unterstützt, brachte er es dahin, daß nicht nur seine Mitbürger, sondern auch viele andere Ortschaften Geld und Truppen zusammen brachten. Die Anführung übernahm der Fürst Dmitry Michailowitsch Poscharsky; nach einer schwierigen Kampf gelang es auch, die Polen, wi~~ohl nicht ohne Aufopferungen, zu verdrängen, und mit dem Sohn des Patriarchen das Haus Romanow auf den russischen Thron zu erheben.


Aufruf des Kaisers Alexander an seine erste Hauptstadt Moskau.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


[2]

Der Feind ist mit großen Heeren auf das russische Gebiet eingebrochen; er verwüstet unser theures Vaterland. Ungeachtet die russische Armee von Muth brennt, sich den Unternehmungen dieses verwegenen Feindes entgegen zu stellen und sie zu vereiteln, so können wir doch aus väterlicher Vorsorge für Unsere getreuen Unterthanen ihnen die Gefahr nicht verhehlen, von der sie jetzt bedroht werden. Der Feind muß wenigstens seine Fortschritte nicht einem Mangel von Vorsicht unserer Seits zu verdanken haben. Da wir um deswillen im Innern des Reichs neue Streitkräfte zu unserer Vertheidigung aufzustellen gedenken, so wenden Wir Uns mit dem Antrag dazu zuvörderst an Moskau, diese alte Residenz unserer Vorfahren. Von jeher stand sie unter den übrigen Städten Rußlands oben an; aus ihren Mauern gingen die Heere hervor, welche ihre Feinde in den Staub warfen. Nach ihrem Beyspiel eilten aus allen umliegenden Ortschaften die Söhne des Vaterlandes zu ihrer Vertheidigung herbey, so wie das Blut immer wieder dem Herzen zufließt. Das Bedürfniß der Vertheidigung war nie dringender als jetzt, da die Regierung, der Thron und der Staat allesammt von Gefahr bedroht sind. Der Adel und alle übrigen Einwohner des Staats mögen dann sich zum Streit erheben, Gott und unsere rechtgläubige Kirche werden denselben segnen. Möge ein gedeihlicher Wetteifer von Moskau ausgehen, sich über das ganze weite Reich verbreiten und von allen Seiten neue Streitkräfte herbeyführen; Wir werden unverzüglich in Person nach Moskau und nach den andern Städten des Reichs Uns begeben, um Einheit in die Vertheidigungsmittel zu bringen, dem Vordringen des Feindes Gränzen zu setzen, und ihn überall, wo er sich zeigen möchte, zurückzuschlagen. Möge die Vernichtung, mit welcher er uns bedroht, auf sein eigenes Haupt zurückfallen, und ganz Europa, nachdem wir es von seinem Joche befreyt haben werden, den Namen Rußlands segnen.

Gegeben in Unserm Lager von Polotsk, am 6ten (18ten) July 1812.

(Unterz.) Alexander.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 206. Dienstag, den 27. August /8. September 1812.
  2. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 247. Montag, den 14/26. Oktober 1812.
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