Armeebefehl, den 3/15ten December 1812.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


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Indem wir Gott dem Herrn, durch dessen Segen unsere Waffen gesiegt haben, und durch dessen Hülfe es uns gelungen ist, den Feind über die Gränzen unsers Reichs hinaus zu jagen, den innigsten Dank aus der Fülle unsers Herzens darbringen, und ihn auch ferner noch um seinen allergnädigsten Beystand anflehen, stehen wir im Begriff, im Verfolgen unserer Vortheile, die benachbarten Gränzen zu betreten, um auch noch die traurigen Ueberbleibsel des fliehenden Feindes zu vernichten.

Der jetzige Krieg, der so glorreich für uns und so demüthigend für den Feind ausgefallen ist, bietet uns die beste Gelegenheit dar, die Folgen der Gräuelthaten und Räubereyen zu bemerken, die sich der Feind in einem Grade bey uns erlaubt hat, wie sie die Geschichte noch nicht aufzuweisen vermag. Es erinnere sich ein Jeder, was er davon gesehen, um die Strafe nicht zu verkennen, die der Allerhöchste den verruchten Bösewichtern für den begangenen Kirchenraub, für die Entweihung der heiligsten Stätte, für den Brand und die Vernichtung der Wohnungen friedlich gesinnter Bürger und Landleute hat werden lassen. Durst nach Blut und niederträchtige Habsucht war die Treibfeder und der Grund des Einbruchs in unser geliebtes Vaterland, und sprechen sich in dem ganzen Benehmen dieser wilden Horden aus.

Doch! wo sind die der Kirche und unserer eingeäscherten Hauptstadt entwandten Schätze? Habt ihr sie nicht, brave Krieger, den Räubern wieder abgenommen? Wo sind die Räuber selbst? Sind die nicht in unsern Händen? Und die dem Schwerte oder der Gefangenschaft entfliehen wollten, habt ihr sie nicht auf allen Wegen zerstreut gesehen, wie sie, sterbend vor Hunger und Kälte, an einem kreppirten Vieh nagend, sich und ihren Anführer verfluchend, ihren Geist aufgaben?

Schreckliches Bild der Strafe des Himmels für die Verleugnung Gottes, der Gesetze der Natur und alles Gefühls der Menschenliebe.

Und so, brave Krieger, wollen wir, im Abscheu für ein solches Benehmen, die Gränzen unserer Nachbaren betreten, und durch Ordnung und Respektirung des Eigenthums ein Gegenstück dazu liefern. Wir rücken ja nicht als Feinde in ihr Land; also Friede und Schutz dem Bürger und Landmann, und nur Fehde dem Feinde, den wir bekriegen. Der kommandirende General, überzeugt, daß ein jeder Soldat sich so führen wird, als es einem braven Krieger geziemt, rechnet auch darauf, daß ein jeder Befehlshaber auf sein Kommando die strengste Aufsicht haben wird, die nöthig ist zur Vermeidung aller und jeder Art von Unordnung, damit niemals Klagen über Excesse, die von unsern Truppen begangen sind, an ihn gelangen. Wenn aber dessen ungeachtet die Erwartung Sr. Erlaucht getäuscht und irgend Jemand eines den Einwohnern angethanen Unrechts oder des Raubes überführt wird, so soll der Missethäter sogleich mit dem Tode bestraft, und der Chef des Regiments oder Kommandeur des Bataillons oder der Kompagnie dem strengsten Kriegsgericht, dem Reglement gemäß, übergeben werden. Der kommandirende General schmeichelt sich indeß, daß diese strenge Maßregel bey den eifrigen Bemühungen der Generalstabs- und Oberofficiere, zu seiner Satisfaktion und zur Ehre der Truppen, nie nöthig seyn wird.

Helden! Der Monarch läßt eurer Tapferkeit Gerechtigkeit wiederfahren, und belohnt reichlich eure Thaten. Das dankbare Vaterland segnet seine Befreyer und betet zu Gott für euch. -- Lasset uns jetzt noch den Dank fremder Nationen verdienen! Möge Europa im Gefühle der Bewunderung aufrufen können: Gross sind die Russen in ihren erfochtenen Siegen über den Feind, und edel ihr Benehmen im Frieden und gegen die Friedlichgesinnten!

Ein schönes Ziel, würdig des Helden, lasset und darnach streben, brave Krieger!

Unterzeichnet: auf Befehl des kommandirenden Generals, Grafen Wittgenstein,
der Chef des Generalstabes, Generalmajor d'Auvray.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 313. Montag, den 30. December 1812.
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