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Version vom 26. März 2020, 10:03 Uhr

Von Reisende.

Friedrich Schulz. [1]

[1793]

Den 25sten des Julius reis'te ich von München aus auf Salzburg. Der Weg ist gemacht und eben so gut wie der, der mich nach München hineinführte; auch wäre es eine Schande, wenn er schlecht wäre, da auf beiden Seiten der Baustoff unter der Hand liegt. Aber, was den Weg gut macht, macht den Ackerboden schlecht. Das Getraide stand auf diese Schutte höchst dünne, klein und mager.

Zur rechten Hand erblickte man auf einmahl die Salzburger Alpen, die eine höchst ehrwürdige Ansicht gewähren. Sie stellen sich in Gruppen von fünf bis acht Klippen dar, unter denen gewöhnlich die mittelste kegelstaltig über die andern hervorragt. Tiefe Einschnitte trennen diese Gruppen eine von der andern. Von ihrer Höhe bekömmt man dadurch einen Maßstab, daß man sie nur anderthalb, höchstens zwey Meilen entfernt glaubt, da doch einige davon auf fünf und zwanzig bis dreißig Meilen zurücktreten. Links dehnt sich eine unübersehliche Fläche aus, während vorwärts, wenn man sich dem nächsten Postwechsel, Porsdorf (2 M.) nähert, kleine, schwarzbehölzte Anhöhen sich zu erheben anfangen.

Porsdorf ist ein unansehnliches Dorf, wie es bei dem dürren Boden, auf dem es liegt, nicht anders seyn kann. Der Weg von hier aus bis Hohenlinden (2 M.) dauert so fort, wie vorhin. Kurz hinter diesem Orte sieht man, von einer Anhöhe herab, noch einmal München in seiner ganzen Ausdehnung liegen, und es nimmt sich von hier besser, als von irgend einem andern Punkt aus. Der gebahnte Weg dauerte immer noch in seiner Vortreflichkeit fort; aber die Fläche um mich her verschwand bald, und ich sah mich von einem Walde umschlossen, durch welchen der schöne, wallartig erhöhete, Weg wie durch eine Allee führte, und so bis Hohenlinden, dem nächsten Poststande, fortdauerte. Der Boden hatte merklich gebessert und in ein lockeres, graugelbliches Erdreich verwandelt.

Hohenlinden ist ein Dorf. Es kündigte mir den ganzen Wohlstand an, den ich erwartete. Man hatte mir nämlich gerathen, diesen Weg nach Salzburg zu wählen, weil ich nie etwas Aehnliches an Fruchtbarkeit gesehen haben müßte. Reinlichkeit und Ordnung herrschten in den Häusern, in den Höfen, in den Gärten, auf den Straßen, und die Einwohner zeigten ein gewisses offenes und zufriedenes Wesen, und Wohlhabenheit und Sauberkeit in ihrer Wäsche und Kleidung. Von Hohenlinden aus dauerte zwar der Wald noch über eine Stunde fort, und ich fing schon an ihn etwas lang zu finden, als er sich auf einmal in eine höchst angenehme Ebene öffnete, die, nur von sanften Anhöhen unterbrochen, eine bunte Mischung von Ackerland und Hölzchen darbot. Der Boden an sich war zwar noch wenig dankbarer, als der um München, aber desto mehr Ehre für die Bewohner dieses Landesstriches, daß sie ihn in das fruchtbarste Feld verwandelt haben, welches mir auf meiner Reise zu Gesichte gekommen war. Zusammenhangende Dörfer fand ich von nun an nicht mehr, aber fast stand Haus an Haus neben und vor mir, und dies dauerte unabsehbar bis zu dem letzten Thurmspitzchen fort, das über eine Baumgruppe hervorragte. Ich zweifelte nicht mehr daran, daß ich mich hier in dem Garten von Bayern befände.

Kurz vor Haag, der nächsten Post (2 M.) gelangte ich abermals in ein Gehölz, und war kaum darin, als das Lustschloß dieses Ortes, von einer Anhöhe herab, mir in die Augen fiel. Es ist im alten Geschmack erbaut, hat rund herum eine Menge Thürme, wird aber gut unterhalten und giebt deßhalb keinen unangenehmen Anblick. Die Aussicht von oben herab ist, nach dem was ich oben gesagt habe, sehr reitzend, besonders da sich die Salzburger Alpen, mit ihren vorhin erwähnten Gruppen und tiefen Klüften, majestätischer als vorher erheben und den bunten Teppich, den man zu seinen Füssen hat, einfassen.

Haag ist übrigens ein Marktflecken der wenig bedeutet, dessen Inneres aber ganz sauber ist. Er besitzt sogar einen Springbrunnen.

Weg und Gegenden blieben von hier aus die Fortsetzung der vorigen, und wurden weiterhin noch um vieles schöner. Ich bekenne noch keine Landschaft gesehen zu haben, die, wie diese, so viel Reitz mit so viel Ueppigkeit des Fruchttriebs verbunden hätte. Um mich her stand nichts als Weizen, mehr als Manneshoch, mit dicken, vollen Aehren, die, über eine unabsehliche Fläche hinweg, vom Winde bewegt, ihre braunen Wellen schlugen. Darunter gestreuet zeigten sich streckenweise kleine Wiesenplane, Wäldchen von einzelnen Bäumen, und behölzte Hügel, über die man zum Theil hinfährt und eine neue Abwechslung in den Gesichtskreis bringen. Hat man zwey oder drey derselben hinter sich, so zeigen sich die Alpen von neuem und näher als vorher. Man glaubt sich an ihrem Fuße zu befinden, und zu bemerken, wie sie hier, mit vier oder fünf Absätzen, in die Fläche, in der man sich befindet, auslaufen, und sie, zum Ersatz für ihre eigenen, rauhen, unfruchtbaren Gipfel, mit Reichthümern der Natur überschütten, indem sie Ströme und Strömchen herabsenden und eine mächtige Vormauer gegen Sturm und Ungewitter bilden.

So dauern Weg und Gegend bis Ampfing, der nächsten Post, (2 M.) fort. Man befindet sich in einem großen, wohlgebaueten Dorfe. Der Mond an einem so wolkenreinen Himmel aufgegangen, daß ich mich entschloß, die Fortsetzung dieser schönen Gegend in dessen Glanze zu sehen. Anfangs kam ich in eine kurze und dünne Waldung, durch welche ich kaum drey Viertelstunden hingefahren war, als ich mich, bey einer Wendung zur Rechten, unvermuthet an dem Rande eines Thales, oder vielmehr Kessels, befand, dessen Grund theils mit Holzung besetzt, theils mit dem Bette des breiten und schnellen Inns, den der Mond in fließendes Silber verwandelte, bedeckt war.

Ich kam durch Mühldorf, ein Städtchen am Inn, das vor mehr als hundert Jahren vom Feuer ganz verwüstet wurde, und seine damals nicht ganz zerstörten, starken Stadtmauern nicht ganz ausfüllt. Sein Aeußeres ist nicht unangenehm, weil man überhaupt in Bayern darauf sieht, daß die Häuser in Aufputz erhalten werden.

Durch Altenöttingen, wo sich die nächste Post befindet (3 M.) kam ich gegen Morgen. Es ist eine Stadt von beträchtlichem Umfange, im Ganzen genommen gut gebauet, sauber unterhalten, mit breiten Straßen und einem beträchtlichen Marktplatze.

Von dort aus kam ich auf Burghausen, (2 M.) eine beträchtliche Stadt mit einer Bergfestung. Letztere muß man über einen hohen Berg ersteigen, der, seiner ganzen Länge, und seinem ganzen Umfange nach, mit Mauern und Thürmen eingefaßt ist, die aber den Anblick von Sorglosigkeit und Verfallenheit geben. Am Fuße der Burg liegt die Stadt selbst, die auf der andern Seite ebenfalls von Bergen umgeben wird, und in ihrer Lage viel Aehnliches mit Karlsbad hat, aber zwey bis dreymal länger ist, als diese Stadt, auch ansehnlicher Häuser hat, die mit platten Dächern oder auch mit vermauerten Giebeln versehen sind. Von Burghausen aus tritt man in ein großes, mehr wildes als angenehmes, Thal ein. Man behält es zur Linken, indem man rechts an dem Anhange desselben hinfährt, und zu seinen Füßen einen mit Holz besetzten Abgrund und neben sich mit Nadelholz bepflanzte, stellen weise verwitterte und herüberhangende Kalkfelsen hat. So geht der Weg in verschiedenen Biegungen fort, bis sich das Thal erweitert, die Anhöhe an beyden Seiten unerheblicher wird und rechts in eine Fläche ausläuft, während links ein dichtes Gehölz die Niederung versteckt.

Hinter dem letzten Pfalzbayerschen Mautamte, das man hier eben so wenig, als irgendwo ein anderes, ungestraft zurücklegt, führt der Weg eine Weile bergan, durch ein bald höheres, bald mehr niedriges, bald dünneres Gehölz, in welchem ich aber stellenweise den Boden zur höchsten Fruchtbarkeit erhöhet und mit dem schönsten Weizen bedeckt fand. Sodann erblickte ich auf einmal jenes Thal, das ich eine Strecke vorher verloren hatte, in einer ausgebreiteten Gestalt, und von dem Salzafluß in mancherley Windungen durchströmt, wieder. Mehr aber fesselt den Blick die plötzliche Wiedererscheinung der hohen Salzburger Alpen, die ich, von München aus, beständig zur Rechten behalten, dann verloren und nun auf einmal gerade vor mir hatte. Ganze Strecken davon waren noch mit Schnee belegt, und die Klüfte und Einschnitte zwischen den einzelnen Klippen mit demselben angefüllt.

Endlich fährt man in dieses Thal hinab, und man erblickt bald rechter Hand das Städtchen Titmaning (3 M.) das von einem alten Schlosse beherrscht wird, von welchem herab Graben und Mauern bis zur Stadt und um die Stadt laufen und in dem Geschmacke von Neumarkt, dessen ich oben erwähnt habe, angelegt und gebauet: es hat eine einzige, schnurgerade, breite Hauptstraße, die zugleich den Markt bildet, an dessen beyden Enden ein Springbrunnen angebracht ist, und von welchem ein paar enge Quergassen auslaufen. Die Häuser haben vermauerte Giebel und geben einen italienischen Anblick.

Sie Salzburger zeigten sich hier schon in ihrer vollständigen Volkstracht. Die Männer trugen kapuzinerbraune Röcke mit breiten und sehr kurzen Taillen; und große, runde Hüte, theils schwarz, theils grün, mit einem Bande umwunden, das in große Schleifen geschlagen ist, die man an den Kypk des Hutes annähet. Ihre Schuh waren Pantoffel mit Quartieren, die auf der Spanne mit Bändern befestigt, ganz den Anblick gaben, wie die neuesten Schuh der engländernden Stutzer. Die Weiber stecken in kurzen, tausendfaltigen Röcken, in sehr kurzen Wämsern, deren Taillen fast unter den Schultern anfingen, unter schwarzen, über Draht gezogenen, abscheulich geformten Hauben von Flor, und in einem steifen, panzerartigen Brustlatze, unter welchem ein Leibchen von Kattun, das bis unter das Kinn zugeschnürt oder zugeknöpft war, sich befand, welches, wie der Latz selbst, zu einem Bollwerke gegen alle lüsterne Anfälle bestimmt zu seyn schien. Uebrigens war, das männliche wie das weibliche Geschlecht, nicht groß, aber stark, nicht schön, aber frisch.

Von Titmanung bis Laufen, (3 M.) bleiben Weg und Gegend sich gleich. Wald und Ackerbau wechseln. Beyde sind in ihrer Art vorzüglich. An lichtern Stellen zeigen sich die Salzburger Gebürge von neuem, und unter ihnen sticht der Untersberg vorzüglich hervor. Ueber den Gipfeln desselben, die mit Schnee bedeckt waren, schwebten Wolken, die, von der Sonne angeschienen, wie ungeheure Säulen von Schnee immer eine Meile da standen, ehe sie sich erhoben. Jede Spalte im Berge, jede Kluft in der Höhe, war noch mit Schnee ausgefüllt, der gegen die Schwärze der beschatteten Bergtheile stark abstach. Je näher man Laufen kommt, desto näher kommt man zugleich diesen Bergen, bis man, hart vor dieser Stadt, sich links wendet und die höhern Felsen im Rücken behält, während man, an dem Fuße eines Berges mittler Ordnung, über die Salza in die Stadt hineinfährt.

Diese ist mit platten Dächern und vermauerten Giebeln gebauet und in dieser Art nicht unansehnlich. Die Häuser haben meist drey Stock, das Pflaster ist erträglich und die Straßen sind ziemlich geräumig.

Von Laufen aus fährt man endlich gerade in die Alpen hinein, und man sieht nun recht lebhaft, wie sehr man, wenn man nicht gewohnt ist in Berggegenden zu reisen, sich in Absicht der Nähe oder Entfernung irren kann. Immer sind die Berge vor und neben einem, und immer erreicht man sie nicht. Endlich befindet man sich zwischen ihnen in dem Thale, aus welchem die Salza hervorströmt, und nun sieht man alles in veränderter Gestalt. Was vorher eine schwarze, starr emporstehende Felsenmasse war, zeigt sich jetzt am Fuße mit Gärten und Wiesen und Landhäusern, höher hinauf mit Gehölz und erst ganz oben mit kahl hervorstehenden, zerrissenen, verwitterten, Klippen bepflanzt. Die vorige Steilheit verschwindet größestentheils und verfließt in allmählige Absätze, Abhänge und Rücken, und der Schnee, der sich vorher dem Auge wie auf einem weiten Bette gelagert zeigte, erscheint jetzt in einzelnen, nicht zusammenhängenden Einschnitten und Spalten, und sein blendendes Weiß ist in Grau verwandelt. Dagegen steht man nun vor der ganzen Masse der Berge, übersieht sie von der Wurzel bis zum Gipfel, in ihrer Höhe und Breite, und was sich vorher als ein bloßer Kegel zeigte, ist jetzt ein breiter, stundenweit ausgedehnter, unebner, ausgezackter Rücken.

Zwischen solchen Erscheinungen fährt man auf Salzburg (1½ M.) zu, das nun sichtbar zu werden anfängt. Erst erblickt man dessen hohe Burg, dann einzelne Kirchthürme, dann einzelne Häuser, während man in dem schönen Thale um und neben sich angenehme Landhäuser, wohlhabende Dörfer, Wiesen, Gärten, reiche Saaten und Alleen in der schönsten Mannichfaltigkeit übersiehet. Immer bunter wird dies alles, je näher man der Stadt kömmt, die sich allmählig mehr hinter den Bergen hervorzieht, und in deren Thoren man ist, ehe man es sich versieht. Ist man zum Thore herein, so liegt sie selbst auch, in ihren beyden, durch die Salza getrennten, Hälften, vor einem. Sie giebt den Anblick von Gründlichkeit, aber auch zugleich von Eingesperrtheit, welche letztere besonders durch die zusammengedrückte Form der Häuser mit unsichtbaren Dächern, durch ihre Höhe, durch die Lage eines Theils derselben an einer schroffen, nackten Felsenwand, durch die Engigkeit der Straßen und wiederholte Durchgehen unter gewölbten Eingängen bewirkt wird.


Quellen.

  1. Reise eines Liefländers von Riga nach Warschau, durch Südpreußen, über Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nürnberg, Regensburg, München, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol. Berlin, 1795. bei Friedrich Vieweg dem ältern.

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