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Version vom 27. März 2020, 09:12 Uhr

Von Reisende.

Friedrich Schulz. [1]

[1793]

Von Nürnberg reiste ich nach Schwabach. (2 M.) Der Weg, der gemacht ist, führt über eine flache, sandige Landschaft, deren Boden aber, durch den Fleiß gezwungen, bis auf wenige Stellen in einer grössern Entfernung von Nürnberg, die unüberwindlich dürre sind, gute Aernten giebt. Der Wiesenbau wird auch hier mit der in Franken gewöhnlichen Sorgfalt betrieben, und überall, wo es ein Flüßchen giebt, drehen sich auch Schöpfräder an dessen Ufer. Nach der Mitte des Postlaufs erhebt sich der Weg zwischen Anhöhen und Wald, und geht so fort bis Schwabach, welches man, seinen Thurm ausgenommen, nicht viel eher erblickt, als bis man davor ist. Ein schwarze, alte Mauer, mit bedecktem Gange rund herum, schließt die Stadt ein, deren Theil da, wo man herein kömmt, hölzern und finster und von krummen, unreinlichen Gassen durchschnitten sind. Der Markt zeichnet sich etwas aus. Er ist für die Größe der Stadt weitläuftig genug, und mit einer Kirche und einem Springbrunnen verziert, die durch das alte, unansehnliche Rathhaus wiederum verunstaltet werden. Der erwähnte Springbrunnen ist, wo nicht mit Geschmack, doch mit großen Unkosten und in beträchtlichem Umfange errichtet, und man erwartet ihn unter solchen Umgebungen nicht. Es wird hier eine Menge von sogenannten nürnberger Waaren, nach ihrer Art in großer Vollkommenheit und zu bessern Preisen, verfertigt, als in ihrem eigenthümlichen Geburtsorte selbst; weßhalb auch Schwabach nächst Fürth eine der beträchtlichern Nebenbuhlerinnen von Nürnberg geworden ist. Ich fand aber auch eine große Manufaktur hier, mit der ehedem, wenigstens für jene Gegenden, Augsburg fast monopolisirte, nemlich: eine Zitz- und Kotton-Manufaktur, die nicht weniger als fünfhundert alte und junge männliche und weibliche Arbeiter nährt, und deren Waaren mich eben so sehr durch innere Güte und Feinheit, als durch Nettigkeit und Neuheit der Zeichnungen überraschte. Auch ein ziemlich beträchtliches Zucht- und Arbeits-Haus fand ich hier, mit welchem ein Irrenhaus verbunden ist; aber weder in dem erstern noch in dem letztern traf ich ein Subjekt aus Schwabach selbst, weil, wie mir der Aufseher sagte, ohne zu wissen welche herrliche Wahrheit in seinen Worten lag: "die Leute in Schwabach alle vollauf Arbeit hätten, und deßhalb weder stöhlen noch überschnappten." -- Dagegen fand ich zwey Theologen im Tollhause: einen Diakonus aus Quedlinburg, der, bis auf den Punkt von der Braut Christi, bey gutem Vorstande war, dem man aber doch, unvorsichtigerweise, eine hebräische Bibel gelassen hatte; und einen Kandidaten der Theologie, der mich, sobald ich zu ihm hineintrat, fragte: ob ich ihn nicht kennte? Er heiße Hedwig. O, ich müßte gewiß von ihm in Gießen gehört haben! Er sey eben der, der den Müller, einen Purschen aus Maynz, so gekeilt habe! Ja, Herr, fuhr er fort, und biß die Zähne zusammen und trat mir mit angespanntem Arm und geballter Faust entgegen: Ja, Herr, und ich kann keilen!" -- Man sieht leicht, daß ich ihm die Probe schenkte und hurtig zuschließen ließ.

Von Schabach wandte ich mich nach Feucht, (2 M.) auf einem ungemachten, sehr sandigen und zum Theil waldigten Wege. Ich kam durch mehrere große, reinliche, gut gebauete Dörfer, mit wohlhabenden Einwohnern, von denen zwey oder drey zu Nürnberg gehörten. Auch kam ich vor mehreren schloßartigen Gebäuden, deren Besitzer nürnbergische Patricier waren, und die im Walde auf Anhöhen standen, vorbey.

Von Feucht, einem mittelmäßigen Flecken, kam ich auf Postbauer (2 M.) ein Dorf, mit einem Postwechsel. Der Weg blieb derselbe: er war sandig, waldig, bis gegen das Ende der Station, wo ich in Bayern eintrat, und wo wieder eine Straße zum Vorschein kam, die von einem festen Kalkstein gebauet, aber jetzt, durch die unausgesetzten Frachten zur kaiserlichen Armee, sehr ausgefahren war.

Hier veränderte sich das Aeussere der mich umgebenden Menschen auf einmal. Bildung, Tracht, Mundart, alles war anders. Die länglichten fränkischen Gesichter und Figuren, verwandelten sich in runde, rothe, fleischigte, gedrungene. Die Männer hatten ihr Haar auf dem Wirbel, bis zum Nacken hinunter, abgeschnitten; die Weiber erschienen mit den weiten, steifen Brustlätzen, wie sie in Böhmen getragen werden. Kreutzbilder standen in großer Menge umher; dennoch gaben die Dörfer einen reinlichen, wohlhabenden Anblick. Aber der Boden war auch vortrefflich.

Von Postbauer bis Teinung (2 M.) dauerte die Straße in gleicher Beschaffenheit fort. Ich kam durch Neumarkt, ein heiteres, aus einer breiten Straße und einem paar Nebengassen bestehendes Städtchen. Die Häuser streckten ihre Giebel nach der Straße, wie in den schlesischen Städten. Beym Ausgange aus der Stadt gelangt man in eine angenehme Fläche, die mit Anhöhen umschlossen ist, über die man abwechselnd hinauf und wieder hinabfährt, und auf denen sich alte Trümmer und neue Schlösser häufig zeigen. Teining ist ein Dorf mit einem Postwechsel. Von da auf Taswang (2 M.) bleibt der Weg fast derselbe. Taswang ist auch nur ein Dorf, das aus wenig, aber gut gebaueten Häusern besteht, und in einem angenehmen Thale liegt, welches von einer beträchtlichen Anhöhe begränzt wird. Ueber diese Anhöhe muß man hinauf, um zur nächsten Post Schambach (2 M.) zu gelangen; auf dem Rücken derselben umspannt man eine beträchtliche Fläche, die auf allen Seiten mit Anhöhen umgeben ist, und theils Gehölz, theils fruchtbare Felder enthält, die von alten Burgen beherrscht werden. Um und neben dem Wege ist ein vortrefflicher Getreideboden, der stellenweise den schönsten Roggen und Weitzen trug, die mir noch auf meiner Reise zu Gesichte gekommen waren. Der Weg war weniger zerfahren, als bisher, und immer noch von einem Kalkstein gebauet, der längs demselben theils gebrochen wird, theils zu Tage aussetzt. Hier hatte ich das Unglück, zu meiner Linken, bey einem entsetzlichen Donnerwetter, mit Sturm und eygroßen Schlossen, in Zeit von einigen Sekunden, ein ganzes Dorf in Flammen aufgehn zu sehen.

Eine fast schnurgerade Straße führt nach Hemmau, einem Städtchen, das sich in der Ferne nicht übel ausnimmt; kommt man aber näher, so sieht man, daß die Reste seiner Mauern nichts, als alte Masuren sind, hinter denen man nur Zerstöhrung vermuthen kann. Auch ist es in der That fast so. Das Pflaster sieht in einzelnen Steinen da, die Dächer der Häuser winden und krümmen sich unter ihrem Alter und sind mit Steinen belegt, damit der Wind die vermoderten Schindel nicht entführen möge. Die Häuser strecken ihre schwarzen, gestorbenen, verschobenen Giebel nach der Straße, wo einzelne Menschen auf und abgehen -- -- Gewiß, kaum in Lithauen erinnere ich mich ein Seitenstücke zu dieser Stadt gesehen zu haben. In gleichem traurigen Zustande fand ich den zur Stadt gehörigen Galgen, was den Einwohnern weit rühmlicher ist, als der armselige Zustand ihrer Stadt. Bald nachher erblickt man auf einer Anhöhe Schambach, die letzte Post vor Regensburg. Der Weg bis zur letztern Stadt (3 M.) ist sehr angenehm, besonders um und hinter dem Dorfe Teutlingen, das zwischen Anhöhen und Felsen, und zum Theil von letztern wie erdrückt, da liegt. Die Dämmerung war im Anbruche, als ich hier durchkam, und sie vermehrte das schauerlich-romantische der Gegend in einem hohen Grade. Man fährt endlich über die Nab in das Thal hinab, worin Regensburg liegt, und ich übersah noch den Spiegel der Donau, an dessen entferntestem Rande der letzte Schimmer des Tages zitternd flimmerte. Man kömmt durch Stadt-am-Hof, einen kurbayer'schen Ort, der auf dem disseitigen Ufer der Donau liegt, und der armen Reichsstadt gleichsam auf den Nacken gebauet ist, ihr auch mit gewissen Zöllen, die Bayern sehr unnachbarlich hier angelegt hat, nicht wenig zur Last fällt. Das Thor von Stadt-am-Hof stößt an das Thor von Regensburg, und die Schildwachen der Reichsstadt gehen mit den Kurbayer'schen auf und ab. Erst auf der Brücke befindet man sich im Gebiete von Regensburg.


Quellen.

  1. Reise eines Liefländers von Riga nach Warschau, durch Südpreußen, über Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nürnberg, Regensburg, München, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol. Berlin, 1795. bei Friedrich Vieweg dem ältern.
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