Zeitungsnachrichten.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[1808]

Türkey. [1]

In Konstantinopel haben sich zwischen dem 18. und 29. Jul. bedeutende Ereignisse zugetragen. Am 18. Jul. Abends kam der Janitscharenaga mit 15,000 Mann bey Daud Pascha an, und bezog daselbst das Lager. Am 19. Morgens zog der Großherr, Mustapha IV., von seinem gesammten Hofstaat umgeben, dem Sanghiaki Sherif, oder der heilige Fahne des Propheten entgegen, begegnete diesem Zeichen der obersten Chalifenwürde zwischen Ingirli Koi und Daud Pascha, stieg, als er es erblickte, vom Pferde, warf sich einen Augenblick nieder, und drückte es an seine Stirne. Der Großvezier stellte ihm hierauf seine 2 Unterbefehlshaber, Behrem Pascha, und den berühmten Pascha von Rudschuk, Mustapha Bairaktar, vor, mit welchen sich der Sultan einige Zeit unterhielt, dann aber nach dem Serail zurückritt, daselbst einen Rikiab (geheimen Rath) hielt, noch einmal der mittlerweile am Hauptthore angekommenen heiligen Reichsfahne entgegen trat, und dann selbe in das hiezu bestimmte innerste Gemach (Kirtai Sherif Odassi) hinterlegte. Am nämlichen Tage geschah ein heftiges Gefecht vor der Enge der Dardanellen zwischen einer Englischen Fregatte und mehreren Türkischen Kanonenböten, zum entschiedenen Nachtheile der letzteren.

Am 19 Abends starb der Janitscharen-Aga plötzlich in seinem Harem, und wurde durch den Seimen Baschi ersetzt. Am nämlichen Tage sendete auch Mustapha Bairaktar einen Haufen von etwa 1000 Reitern, zum Entsatze des von den Tabialis im Dardanellenschlosse Fanaraki eingeschlossenen Ketengi Oglu Aga, durch den zuvor der berüchtigte Kavagki Oglu gefallen war. Allein zu spät; denn der kleine Haufe hatte sich schon in der abgewichenen Nacht, übermannt, in die nahen Wälder werfen müssen, und sich längs des berühmten Aquäduktes des Kaisers Justinian nach Birghos gezogen, und von dort aus sich mit dem Heere Mustapha Bairaktars vereiniget. Tages darauf unterwarfen sich die geschreckten Tabialis, und nahmen, theils auf der Flotte, theils unter Mustaphas Roßschweifen Dienste. Am 21. stattete Mustapha Bairaktar an der Spitze von 1500 auserlesenen Reitern dem Großvezier seinen feyerlichen Besuch ab. Letzterer setzte sich hierauf, während Mustapha und sein zahlreiches Gefolge seine Rückkehr abwarteten, zu Pferde, und ritt zu einer Rathsversammlung im Pallast des Großherrn, in welcher der Mufti, At Allah Effendi, abgesetzt, und Arab Zade Arif Bey an seine Stelle ernannt wurde. Tags darauf traff das nämliche Loos der Absetzung auch die beyden Kadileskers, mehrere Offiziere der 8. und 19. Janitscharen Orta, und Muhib Effendi, den Reis Ul Ullema (Präsident der Konferenz mit den auswärtigen Ministern), Cypern, Brussa und Kutahia wurden ihnen als die Orte ihrer Verbannung angewiesen. Allein alle diese Veränderungen schienen um so mehr bereits zu spät, als auch von der Asiatischen Seite ein Freund Bairaktars, Kaliangi Oglu, mit 5000 Natoliern zu Fuß und 3000 zu Pferd anrückte, und bey Seutari ein Lager bezog. Der Großherr Mustapha hatte Tages zuvor noch den Zug Mustapha Bairaktars von einem Balkon mit angesehen, am 22. verrichtete er unter feyerlicher Begleitung der ersten Hof- und Staatsbeamten sein feyerliches Mittagsgebet in der grossen Moschee neben der Kaserne der neu regulirten Truppen nahe am Eingange der Vorstadt Pera. Die folgenden 5 Tage blieb die Ruhe im wesentlichen ungestört.

Am 28. July zeigte sich endlich die eigentliche Absicht Mustapha Bairaktars. Nachdem ihn Sultan Mustapha durch einen eigenen Hatti Sherif zum Generalissimus der hohen Pforte ernannt, umringte er den Pallast des Großvezirs, forderte von ihm das Reichssiegel und sendete ihn hierauf, gleichsam als einen Staatsgefangenen, unter seiner starken Kavalleriebedeckung ins Lager nach Daud Pascha. Der Großherr schickte hierauf seinem Oheim, dem abgesetzten Sultan Selim durch 2 schwarze Verschnittene und 8 vertraute Mohren, die seidene Schnur. Seine Leiche wurde sogleich im grossen Hofe des Serails ausgestellt, aber die Absicht, dadurch die Plane der eindringenden Anhänger Bairaktars mit einem Streiche zu vernichten, schlug fehl, und schon um 5 Uhr Abends verkündigte der Donner der Kanonen vom Serail, von der Tophana und von der Flotte, auch die öffentlichen Ausrufer auf allen Plätzen die Regierungsveränderung. Es wurde nehmlich an der Stelle Mustapha IV. sein jüngerer Halbbruder, Machmud II., der letzte Zweig des Osmanischen Kaiserstammes (geb. d. 20. July 1785) zum Kaiser ausgerufen. Er übergab das Reichssiegel dem Mustapha Bairaktar, die obgedachten Mohren aber dem Bostangi Bascha (Gardekapitain) zur Bestrafung. Uebrigens sind bey dieser Revoluzion keine weiteren Thälichkeiten vorgefallen, noch Blut geflossen, und die öffentliche Ruhe schien von selbst wieder zurückgekehrt.


Türkey. [2]

Die öffentliche Ruhe in Konstantinopel blieb seit der Revoluzion vom 28. July ganz ungetrübt, und auch diese kostete nur das Leben eines einzigen Mannes, aber eben des Fürsten, welchen wieder auf den Thron zu setzen ihr Zweck gewesen war. Am 2. Aug. gieng der Zahlungs-Divan in völliger Ordnung vor sich. Nur die aufrührerischen Tabialis wurden völlig aufgelöst, und mußten unter anderen Korps Dienste nehmen, die Obhut der Dardanellen-Schlösser wurde eifrigen Anhängern Bairaktars vertraut. Am 8 Ang. hielt die Mutter des gegenwärtig regierenden Sultans Machmud, ihren feyerlichen Einzug ins Serail, Sultan Mustapha bewohnt das Gefängniß, in welchen Sultan Selim gewesen, und seine Mutter ist wieder ins alte Serail zurückgekehrt. Am 11. Aug. hatte die Inaugurazion des Großherrn, oder die feyerliche Umgürtung mit dem Säbel des Propheten in der grossen Moschee zu Ejud Statt.

Unmittelbar nach seiner Thronbesteigung erließ Sultan Machmud einen Hatti Sherif, wodurch er Mustapha Pascha Bairaktar zum Großvezier und Stellvertreter seiner Person ernennte. Dieser, zu Rasgrad von armen Eltern geboren, hatte zuerst den Ackerbau und dann den Pferdehandel getrieben. Im vorletzten Kriege that er sich durch Kühnheit und Geist unter seinen Waffengenossen ungemein hervor. Daß er eine Fahne, deren Träger gefallen, und die in Feindes Hände gerathen war, wieder nahm, und ungeachtet der Uebermacht und seiner Wunden behauptete, erwarb ihm den Zunamen Bairaktar, und das unumschränkte Vertrauen seines Vorfahrers, des tapfern Tersanik Oglu, Ayans von Rudschuck, dem er in allen seinen Fehden, vorzüglich wider Paswand Oglu, zur Seite war, und dem er 1804 in seiner Statthalterschaft folgte.

Von den Anhängern und Ministern des Sultans Mustapha, vorzüglich von dem Mitgliedern seines Rikiab, dann von dem Hofstaate seiner Mutter, sind die meisten, namentlich Bujak Imrahoe, der Baschi Ciohadar, der Sir Kiatibi, der Hasseki Aga, der Kislar Aga, der Nazyr Aga, der Kahwegi Aga, und mehrere aus den Mussahibs und Mabeinigis, enthauptet, und ihre Köpfe vor den Thoren des Serails zur Schau ausgestellt worden, der Bostangi Baschi, Mustapha Effendi, Sekretär des Rikiab, die beyden Kadileskers, der abesetzte Mufti, At Allah Effendi (die vorzüglichste Triebfeder der Absetzung Selims) wurden nach Scio, Timava und Brussa verbannt. Nur der Silihdar Aga, und der Kaimakam Mussa Pascha, waren zur Zeit noch im Besitze ihrer vorigen Stellen. Den vorigen Großvezier, Celebu Mustapha Pasche, hat Bairaktar zum Seraskier von Ismayl und Oberbefehlshaber der Armee an der Donau ernannt.


Türkey. [3]

Am 11. Aug. geschah in der grossen Moschee zu Eyud die feyerliche Säbelumgürtung oder Inaugurazion des neuen Großherrn Machmud Han, genau nach demselben Zeremoniel, welches am 11. Juny 1807 bey der Thronbesteigung Mustaphas IV. beobachtet wurde.

Am 12. August (19. im Gemaziul Achyr Monate, und im Jahre 1223 der Hegira,) gab das Ministerium der hohen Pforte, vermittelst einer Zirkularnote, allen auswärtigen Ministern ämtliche Nachricht von der vorgefallenen Thronveränderung, in Folge deren nach mehrere Veränderungen im Ministerium und in der Armee, und mehrere Hinrichtungen geschehen sind. Der vorige Kaimakan, Mussa Pascha, wurde zu Smyrna erdrosselt, der letzthin von Mustapha IV. neu ernannte Mufti, Arabzade Aryf Effendi, wurde, nachdem er jene Würde nur 27 Tage begleitet hatte, abgesetzt, und nach Scutari verbannt. An seine Stelle eines Oberhauptes der Legisten kam Salyhzade Mehmed Essaad Effendi. Auch der alte Janitscharen-Aga, und der Großadmiral der Pforte, Seid Aly Pascha, verlohren ihre Stellen; letzterer kam als Muhafyz Pascha nach der Insel Candien, und an seine Stelle der erst kürzlich zum Pascha von 3 Roßschweifen ernannte Ramyz Pascha, der bisher weder auf der Flotte noch im Arsenal, sondern unter den Truppen des Nizami Gedid gedient hatte. Janitscharen-Aga wurde Kara Mustapha, bisher Oda Baschi der 31. Janitscharen-Orta.


Türkey. [4]

In der Hauptstadt herrscht die vollkommenste Ruhe. Das grosse Lager bey Daud Pascha, fast vor den Thoren derselben, verstärkt sich täglich durch Asiatische sowohl, als Europäische Truppen. Mit rastlosem Thateifer betreibt zugleich der neue Großvessir, Mustapha Bairaktar, die grossen Rüstungen, welche der allgemeinen Meinung nach gegen die Wechabiten und zur kräftigen Behauptung des Chalifats gerichtet sind. Bairaktar hat einen seiner ehemaligen Unterbefehlshaber und eifrigsten Anhänger zum Janitscharen-Aga befördert, dagegen wurden der Ogiak Basirghian (Oberster Schatzmeister des Janitscharenkorps) und dessen Banquier, der reiche Jude Zonana, auf des Großvessirs Befehl enthauptet. Die auf Europäischen Fuß exerzirten Truppen sind wieder hergestellt, doch nicht unter dem vorigen Namen des Nizami Gedid, sondern unter jenem der Seymens Askjier. Fortwährend werden neue Seymens ausgehoben, statt der Janitscharen Dienste zu thun, letztere mußten auch schon mehrmals bey feyerlichen Gelegenheiten, namentlich als der Sultan nach der grossen Moschee ritt, das öffentliche Mittagsgebeth zu verrichten, Spaliere machen, eigenthümliche Tracht, und ohne ihre Hauptzierde, die Meces (Zeremonienmützen).


Anfang einer Revolution in Konstantinopel.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[5]
Der vierzehnte November 1808.

Mustapha Bairaktar, Pascha von Rusciuk, hatte beschlossen, den in der Revolution vom 28ten Mai 1807 entthronten Sultan Selim wieder einzusetzen und Mustapha den Vierten zu verdrängen. Er zog mit seinen Verbündeten nach Konstantinopel und forderte Selims Auslieferung, den man einzig für den Kaiser erkenne; aber Mustapha IV. war dazu so wenig geneigt, daß er vielmehr dessen verstümmelten Körper über die Mauern des Serails hineinwerfen ließ. Bairaktar rief auf dieses den jüngern Bruder des Sultans Mahmud Han, zum Kaiser aus, den er vollkommen regierte. Die Reformen, die der unglückliche Selim angefangen hatte, wurden nun fortgesetzt und das Janitscharenkorps sollte aufgelößt werden; aber dies war das Signal zu den blutigen Auftritten, die am heutigen Tag begannen und am 15ten und 16ten fortdauerten. Die Janitscharen und mit ihnen alle altglaubigen Muselmänner hatten den Bairaktar den Untergang geschworen. Erst griffen sie das auf europäischen Fuß organisirte Korps der Seymens an. In allen Strassen wurde mit der größten Erbitterung gefochten und die Seymens, die anfangs heftigen Widerstand geleistet hatten, mußten der Uebermacht weichen. Nun stürmte man Bairaktars Pallast. Er flüchtete sich in ein demselben nahe gelegenes steinernes Haus und vertheidigte sich, wiewohl abgeschnitten von seinen Getreuen, mit Löwenwuth. Endlich, als sein Zufluchtsort in die Hände seiner Feinde fiel, und er sich ohne Rettung verloren sah, zündete er die Pulverkammer an und sprengte sich mit einigen Hunderten, die eindringen wollten in die Luft, nachdem er zuvor noch den in das alte Serail eingesperrten Mustapha IV. hatte erdrosseln lassen. -- So weit die Geschichte des heutigen Tages.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wiener-Zeitung. Nro 68. Mittwoch, den 24. August 1808.
  2. Wiener-Zeitung. Nro 75. Sonnabend, den 17. September 1808.
  3. Wiener-Zeitung. Nro 78. Mittwoch, den 28. September 1808.
  4. Wiener-Zeitung. Nro 82. Mittwoch, den 12. Oktober 1808.
  5. Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Augsburg und Leipzig in der Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
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