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Schreiben aus dem schlesischen Gebirge, über einige, in einem Theile desselben vorgefallene Kriegsbegebenheiten.Bearbeiten


[1] Sie verlangen, lieber Freund! von mir zu wissen, was sich während dem, nun, Gott sei Dank! geendeten, Kriege in den schlesischen Gebirgsgegenden denkwürdiges zugetragen hat, und ich bin gern bereit, Ihrem Verlangen zu willfahren, so weit als meine eigene Erfahrung es mir erlaubt. Diese erstreckt sich aber nur auf den kleinen Distrikt der Stadt Hirschberg und ihre nächsten Umgebungen, weil nur dahin meine Lage mich von Zeit zu Zeit führte, und so es mir möglich machte, vieles zum Theil selbst zu beobachten, zum Theil aber auch nur von andern glaubwürdigen Männern zu erfahren.

Groß wird die Ausbeute nicht seyn, darauf machen Sie sich im Voraus gefaßt; aber Sie werden doch manches hören, was man, vor Anfang des Krieges, aus den preußischen Staaten zu hören wohl nicht vermuthet hätte, und was, als ein Beitrag zu den Begebenheiten dieses, in seiner Art einzigen, Krieges neuerer Zeit, dessen Resultat so ganz allen, auch den schwächsten Erwartungen, widerspricht -- wohl verdient aufbewahrt zu werden. –

Also, ohne weitere Vorrede zu den Thatsachen selbst; so weit ich sie von dem angenommenen Standpunkte zu beobachten Gelegenheit gehabt habe.

Die ersten Kriegsscenen begannen hier mit dem Durchmarsche eines Theils der braunen Husaren. Beim Anblicke dieser braven Truppen, deren Ruf auch in der Rheinkampagne sich so gut bestätigt hatte, schöpfte auch der Muthloseste wieder freier Athem. Solche Männer -- und ihrer giebt es doch im preußischen Heere noch mehrere -- können, so sprach man, allenfalls wohl einmal geschlagen werden, aber sie werden diesen Unfall auch zu rächen wissen und nie leiden, daß der Feind, er sei auch noch so tapfer, bis in das Herz des Vaterlandes vordringe oder dasselbe wohl gar ganz überwältige. Man rechnete dabei fest auf den Beistand der biedern Sachsen, der braven Hessen und die, als nicht minder brav erprobten Russen standen, unsrer Meinung nach, als gute Alliirte schon nah an der preußischen Grenze.

Was Wunder, wenn man bei solchen Voraussetzungen von den besten Hoffnungen beseelt war? Die preußischen Officiere ließen es von ihrer Seite auch nicht daran fehlen, uns darinn zu bestärken. Jeder Fähndrich glaubte am Kaiser Napoleon zum Ritter werden zu können, und, wehe dem! der in ihre Behauptungen den mindesten Zweifel zu setzen gewagt hätte. -- Kurz man schlief also hier, wie überall, ruhig auf den Lorbeern des großen Friedrichs und dem bis dahin wohl gegründeten Rufe des preußischen Heeres.

Um desto schrecklicher weckte uns aus diesem süßen Schlummer der Sicherheit der traurige 14te Oktober und sein furchtbares Gefolge! Die Ereignisse bei Saalfeld, Jena und Halle, die schnell, wie dem Blitze der Donner, auf einander folgten, zertrümmerten alle Erwartungen. Furcht und bange Besorgnisse traten nun an die Stelle der so scheinbar fest gegründeten Hoffnungen und durchdrangen jedes Gemüth von der großen Hauptstadt an, bis zur kleinsten Provinzialstadt.

War es nun wohl zu verwundern, daß das auch in dem Orte meines Standpunktes der gleiche Fall war? -- War es zu verwundern, daß nach so traurigen Ereignissen, wo immer eine schreckbringende Nachricht die andre durchkreuzte, ein einziger würtemberger Chasseur den ganzen kleinen Ort in Schrecken setzen konnte? -- Seitdem die Franzosen in Leipzig einmarschirt waren, hieß es mit jedem Tage, sie würden, durch die Lausitz, auch in Schlesien einrücken. Eine, wenn auch nicht ungegründete, doch gewiß übertriebene Furcht ging vor ihnen her und vermehrte eine Angst, die um so verzeihlicher war, je weniger man die Ereignisse, die sie hervorbrachten, zu fürchten Ursach zu haben geglaubt hatte.

Mit Unrecht hat man daher wohl in einer öffentlichen Schrift über den Schreck gespottet, den der besagte Chasseur in Hirschberg erregte. Es war der erste Feind, den man daselbst sah und man glaubte, seinem Vorgeben nach, mehrere in seinem Gefolge. Daß er ein Ausreißer wäre, der mehr Angst hatte, als die Einwohner selbst, konnte man unmöglich sogleich erkennen und dann traf auch wirklich der größte Schreck nur einen armen Stadtsoldaten, dem er das Pistol auf die Brust setzte, und welcher ihm dagegen zitternd sein Gewehr darreichte, an dem, zum redenden Beweise seiner gar nicht feindlichen Bestimmung, schon seit lange das Schloß fehlte.

Bestimmte Nachrichten aus Sachsen versicherten nun bald, der Feind würde von dieser Seite gar nicht in Schlesien eindringen, sondern auf die Vestung Glogau, als dem Schlüssel des Landes, losgehen und mit Belagerung derselben den Anfang seines Occupationsplanes machen. Der bald aus der Ferne herrollende Donner des Belagerungsgeschützes bestätigte diese Nachrichten und sicherte eine Zeit lang vor der Furcht des, anderwärts so ernsthaft beschäftigten, Feindes.

Statt seiner waren, seit den Schlachten bei Jena und Halle, täglich selbstranzionirte Preußen in ganzen Schaaren hier durchgegangen. Sie befanden sich in der kläglichsten Verfassung und völlig wehrlos. Zufolge dem Aufrufe des, zum Gouverneur von Schlesien ernannten, Prinzen von Anhalt Pleß begaben sie sich nach den Vestungen Schweidnitz und Glatz, um daselbst wieder wehrhaft gemacht und aufs neue gegen den Feind geführt zu werden. Aber es fehlte an Waffen. Um sie zu erhalten, wurden aller Orten, wo es angieng und auch hier Gewehr aller Art von Bürgern und Bauern requirirt und ganze Ladungen voll nach Schweidnitz abgeliefert. Somit war der Bürger und Landmann entwaffnet und wenn, wie man für gewiß sagte, noch ein Landsturm organisirt werden sollte, so blieb dem erstern, statt aller Waffe, nur sein Handwerkszeug und dem letztern seine Heugabel. Diese hätten nun wohl noch etwas imponiren können, aber die ersten hätten wohn nur dann genutzt, wenn es dem Feinde gefallen hätte, sich über die Hogarthischen Figuren todt lachen zu wollen.

Ein Landsturm überhaupt wäre unter den vorwaltenden Umständen höchst wahrscheinlich eher nachtheiliger, als vortheilhaft gewesen. Wo war der Mann, der es gewagt hätte, sich an die Spitze einer solchen, aus so heterogenen Theilen zusammengesetzten, Masse zu stellen? und hätte sich ja auch einer gefunden, der kühn dazu gewesen wäre, würde man zu ihm auch das erforderliche Zutrauen gehabt haben? -- Vom Militär müßte er doch wohl gewesen seyn? -- Aber die Unfälle bei Jena und Halle und die darüber verbreiteten Gerüchten, -- wahr oder falsch, das thut nichts, denn sie wurden von den Meisten für wahr gehalten, -- hatten nun einmal alle, auch die vorher geachtetsten, Officiere dergestalt in Miskredit gesetzt, daß es jedem schwer, wo nicht unmöglich, gefallen seyn würde, sich das, zu einem solchen Unternehmen erforderliche, Zutrauen zu erwerben. Der Bürger und Landmann würden vielleicht gern sein Haus und Hof vertheidigt haben; aber ungeübt in den Waffen, wehrlos gemacht und ohne Anführer mit Zutrauen, würde ein solches, scheinbar patriotisches, Unternehmen keine, als höchst nachtheilige, Folgen gehabt haben und es blieb nichts übrig, als ruhige Unterwerfung und Ergebung in ein unvermeidliches Schicksal: was auch einige, wirklich oder vorgeblich, exaltirte Köpfe dagegen sagen mochten und gesagt haben.

Lassen Sie mich nach dieser kleinen Ausschweifung zu meiner Geschichtserzählung zurückkehren! -- Glogau war gefallen. Zu seiner Vertheidigung hatte man sich auch der Grenzjäger bedient. Diese waren nach der Uebergabe des Platzes auf Ehrenwort frei gelassen worden und durften mithin nicht mehr feindlich handeln. Ein Theil derselben erlaubte sich indeß doch ein kleines Detaschement Würtemberger oder Baiern anzugreifen und einige Gefangene zu machen, die sie durch Hirschberg nach Schweidnitz führten. Aber ein Korps Feinde folgte ihnen auf dem Fuße nach uns so sahe denn ersterer Ort zum erstenmale wirklich den Feind. -- Er betrug sich, Kleinigkeiten abgerechnet, ruhig und zog, nach einem Aufenthalte von einigen Stunden, weiter, ohne seine Absicht, die erwähnten Grenzjäger hier zu finden, erreicht zu haben.

Der Kommandant von Schweidnitz hatte, wie man sagt, in seiner Veste noch einen ansehnlichen Theil Gewehre gehabt, dieselben aber größten Theils von da weg und nach Breslau bringen lassen.

Jetzt fiel es ihm indeß doch ein, eine Expedition ins Gebirge machen zu lassen. Mit den, vorher erwähnten, requirirten Waffen wurden also einige hundert Mann wehrhaft gemacht und ein Theil davon erschien auch in Hirschberg. Gott, welch ein Kontrast gegen das vorige preussische Militär! Infanteristen mit Spiesbürger Flinten und Degen; Reiter ohne Pferde oder höchstens nur solchen, die eben den friedlichen Arbeiten des Ackerbaues entrissen waren, um ihren Reiter ins blutige Feld der Ehre zu tragen. Nur Thränen standen dem guten Patrioten bei diesem Anblicke zu Gebothe! -- Schade, daß ein als brav anerkannter Mann bestimmt seyn mußte, eine, für das Ganze so nutzlose, und für das Einzelne eher nachtheilige Expedition zu kommandiren! -- Denn was war ihr Zweck? -- Kein andrer, als für Schweidnitz Dinge zu requiriren, die im platten Lande weit eher zu haben waren, und vom Gebirge erst von daher geholt werden, oder die auch wohl nur für die Tafel des Herrn Kommandanten berechnet zu seyn schienen, so wie, z. E. eine bedeutende Anzahl Flaschen Mallaga und Arrak.

Lange blieb dieses preußische Korps nicht hier. Nachdem es den Zweck seiner Absendung erfüllt oder vielleicht auch, nachdem es Kunde von der Annäherung des Feindes erhalten hatte, marschirte es nach Schweidnitz zurück und überließ das Gebirge Gott und seinem Schicksale.

Der Feind traf auch wirklich gleich ein. Ein Korps Würtemberger suchte die Preußen auf, nahm Nachtquartier und marschirte am andern Morgen weiter, ohne daß ein grober Exceß dabei vorgefallen wäre. -- So sahe also dieser Ort den Feind zum zweitenmale und wieder durch die Schuld des Freundes selbst. Sein auch diesmal hier wenigstens beobachtetes gutes Betragen, machte ihn und seine Ankunft auch schon weniger furchtbar.

Kurz darauf schien sich die alte Furcht doch beinahe wieder zu erneuern. Landleute brachten die Nachricht: eine Streifparthie Würtemberger Jäger hause gewaltig auf den benachbarten Dörfern und nähme ihren Marsch nach der Stadt. Sie trafen auch, etwa 60 Mann stark, wirklich ein. Ihr Anführer nannte sich selbst Rittmeister von Mauser. Ob dieser ominöse Name mit seinem Zwecke übereinstimmte, weiß ich nicht! In Hirschberg war es nicht der Fall. Dieser Ort kam mit der Furcht los und sie setzten, nach eingenommenem Mittagessen, ihren Stab weiter sollen aber für das, was sie in der Stadt versäumt, auf dem Lande erholt haben.

Glogau war indessen gefallen und Breslau wurde belagert. Das Glogauer Departement war unter französische Regierung gekommen und mußte für dieses Glück durch Kontribuzionen und Requisizionen aller Art theuer genug bezahlen. Das preußische Gouvernement von Schlesien hatte seinen Sitz in Glatz und wenn ersteres dies oder jenes ausschrieb, so verboth dagegen letzteres das geringste davon abzuliefern, ohne jedoch sein Verboth mit gehöriger Kraft zu unterstützen. Da indeß die Kommunikazion zwischen Glatz und dem Gebirge offen war, so kamen sehr häufig, bald größere, bald kleinere Parthien Preußen dahin und auch nach Hirschberg, um allerhand Requisizionen zu machen, meist aber nur, während der Nacht, königliche Kassen abzuholen.

Unter den Anführern dieser Freiparthien zeichnete sich bald ein gewisser Negro vorzüglich aus. Er soll vorher schon mancherlei Rollen gespielt haben; jetzt trat er, wie ein Deux ex machina, auf einmal als königlich preußischer Rittmeister auf. Das Gebirge schien ihm am gelegensten, um es zum Schauplatz seiner Kriegsthaten zu machen und er wählte daher bald Hirschberg, bald Warmbrun zu seinem Standquartier. Anfangs erschien er nur selten und mit weniger Mannschaft, um königliche Kassen abzuholen oder sonst, unter allerlei Gestalten, dem Feinde Abbruch zu thun. Mehrmalen soll er wirklich dabei sich sehr ausgesetzt und sein Leben gewagt haben. Da er hierdurch dem Könige nutzte, ohne dem Lande zu schaden, so hätte er sich wirklich um beide verdient machen können, wenn nicht sein Glück ihn zu früh verleitet hätte, weiter zu gehen, als seiner Bestimmung gemäß und mit dem wahren Besten des Landes vereinbar war. Doch ehe ich dieses durch Thatsachen beweise, muß ich meine Erzählung durch ein tragikomisches Intermezzo etwas unterbrechen.

Aufgemuntert durch das Beispiel des Rittmeisters Negro fanden sich bald mehrere die es ihm nachthun und den kleinen Krieg auf ihre eigene Hand führen wollten. -- So erschien einst um Mitternacht ein Korps Preußen unter der Anführung eines Lieutenants von Wolfersdorf. Sie wurden einquartirt und der Herr Lieutenant bekam sein Quartier, nebst einem Oberjäger Nieme, in dem Hause eines Kaufmanns. Er begann den andern Tag mit Requisizionen von allerhand Montirungsstücken, vorzüglich von Pferden. Alles Gelieferte wurde baar bezahlt, aber, wohl verstanden, nach einer von ihm selbst gemachten Taxe und das darüber geforderte wurde, seinem Lieblingsausdrücke gemäß, mit A. . . . prügeln bezahlt. Auch auf dem Lande hatte er dergleichen Requisizionen schon gemacht und, schon nach seiner eigenen Aussage, selbst Priester und Küstermäntel nicht verschont.

Sein Betragen gegen seinen Wirth war anfangs untadelhaft; auch war ihm alles erwiesen worden, was man einem solchen Manne gewöhnlich zu erweisen pflegt. Aber er selbst hatte am Ende des Guten zu viel gethan: ward trunken und vertauschte den ehrliebenden Officier gegen ganz das Gegentheil. Anfangs ergoß sich seine Begeisterung in, von Thränen begleitet, Betheurungen der Treue und Liebe gegen den König, um kurz darauf in die heftigsten Invektiven gegen seinen Wirth und den ganzen Ort überzugehen. In seiner Tollheit bildete er sich ein, man habe für die Bewirthung Bezahlung von ihm verlangt, warf einen Beutel mit Geld auf den Tisch, damit der Wirth sich daraus bezahlt machen möchte. Sprach gewaltig hoch von seinem Adel und um desto verächtlicher vom Bürger- und Kaufmannsstande. Drohete überhaupt das Haus seines Wirthes, ja die ganze Stadt, anzünden und in einem Aschenhaufen verwandeln zu lassen und ergriff am Ende, sein Betragen zu krönen, zu mehrern malen eines der daliegenden Tischmesser, mit dem er alles niederstoßen wollte, was sich ihm näherte. Kurz sein Betragen war das eines Rasenden. Schon lange vorher hatte er seinen Leuten Befehl zum Abmarsch gegeben; aber sie warteten vergebens und waren, zum Theil, Zeugen des schönen Betragens ihres Anführers. Welch ein Beispiel! -- Wenn sie nun von gleichem Geiste beseelt gewesen wären? –

Erschöpfung, Thee, vielleicht auch das Zureden der, durch seine Tollheit noch nicht verscheuchten Gegenwärtigen, besonders des Oberjägers Nieme -- ein lieber Mann, und ganz das Gegenstück des Herrn Lieutenants -- bewogen ihn endlich zum Abmarsche. Aber auch hier mußte er noch seine Lust zu schlagen an dem armen Bauerburschen, der ihn fuhr, büßen; vielleicht hat er heute noch die Spuren seiner Klinge aufzuweißen. Daß er betrunken war, kann vielleicht als einzige Entschuldigung eines solchen Betragens angeführt werden; aber es frägt sich demohngeachtet: ob es bei dem Anführer irgend eines Korps und unter solchen Umständen, wo der Feind nicht weit war, sich so zu betrinken recht und erlaubt war? -- Er hat, wie man sagt, auch seinen Lohn gefunden. Von den Sachsen, zu denen er hat übergehen wollen und bei denen er sich, schon vorher, noch viel schlechter betragen hat, ist er gefänglich angehalten und so für immer unfähig gemacht worden, seinen Stand ferner zu entehren.

Von dieser Ausschweifung zurück zu dem Herrn Rittmeister Negro! -- Sein Korps hatte sich indeß ansehnlich vermehrt. Er selbst erschien gewöhnlich in einer glänzenden Uniform und legte sich sogar eine, von ihm sogenannte, noble Garde zu, die sich aber nicht über drei Mann belief. Ein gewesener Friseur spielte unter derselben die vorzüglichste Rolle. Seine Kameraden erzählten, er wäre am bravsten gewesen, wo ohne Gefahr blos Kassen abzuholen waren.

So ausgerüstet dehnte nun der Herr Rittmeister seine Geschäfte weiter aus, als es sein eigentlicher Wirkungskreis wohl erlaubte. Königliche Kassen und Gelder, wogegen auch nichts zu sagen war, waren itzt nicht mehr der alleinige Gegenstand seiner Expedizionen; auch Privateigenthum wurde von ihm nicht mehr respektirt. Er hielt die Posten unter Weges an; mishandelte die Postillione und verbot das Ausgeben von Briefe, bis zu seiner Ankunft. Welcher Nachtheil konnte nicht durch diese Verzögerung manchem Kaufmanne zugezogen werden? -- Einer derselben, aus Hirschberg, hatte der Gattin eines gefangenen, und in Frankreich krank gewordenen, preußischen Officiers, auf ihr Verlangen, einen Kreditbrief nach Frankfurt am Main gegeben, weil sie zu ihrem kranken Mann reisen wollte. Die valuta dafür gab sie in baarem Gelde auf die Post in Löwenberg. Negro fand bei seiner Untersuchung der Post dieses Geld und nahm es in Beschlag, unter dem Vorwande: es sei eine unpatriotische Handlung, Geld in Feindes Land zu schicken. Also einen kranken preußischen Officier unterstützen und ihm und seiner Gattin gefällig seyn, ist unpatriotisch! -- Nur mit Mühe und durch viele Vorstellungen konnte er bewogen werden, das angehaltene Geld wieder frei zu lassen.

Nicht so nachgiebig bezeigte er sich bei einer andern bedeutendern Gelegenheit: Die Stadt Hirschberg hatte ihren Antheil zur großen Landeskontribuzion zusammengebracht und nach Glogau abgesendet. Aber noch war dies nicht der Fall mit dem Antheile, den das Land zu bezahlen hatte. Der Exekurzionstermin wurde daher anberaumt; und die Vollstreckung derselben und die, damit verbundenen noch grössern, Kosten zu vermeiden, wurde endlich auch dies Quantum von 16000 Thaler angeschaft und auf dem Steueramte zu Hirschberg, zur Fortschaffung nach Glogau niedergelegt. Dies waren doch wohl nicht königliche Gelder, sondern Privateigenthum das nun einmal bezahlt werden mußte, wenn man die Exekuzion und andre Ungelegenheiten, wogegen Negro zu schützen viel zu schwach war, vermeiden wollte. Aber daran kehrte er sich nicht. Er erklärte, daß er dieses Geld nicht würde abführen lassen und, um sein Wort zu halten, erschien er plötzlich eines Abends mit einem Haufen seiner Leute, bemächtigte sich, aller Vorstellungen ungeachtet, mit stürmender Hand des sämtlichen Geldes und führte es von dannen. Die Folge davon war für Stadt und Land höchst unangenehm und nachtheilig.

Da das weggenommene Geld nicht sogleich wieder angeschaft werden konnte, so erschien ein starkes Exekuzionskommando von Würtembergern und wurde in die Stadt gelegt. Mit vieler Noth brachte man das Benöthigte endlich zusammen, um diese theuren Gäste so bald als möglich wieder los zu werden; aber das Land erlitt doch dabei einen Verlust von 160,000 Thaler, die Exekuzionsgebühren ungerechnet, und die unschuldigen Bürger hatten die unangenehme Last der Einquartierung, vielleicht auch die Kosten derselben. Ob dem Könige einiger Nutzen dadurch zuwuchs, wage ich nicht zu entscheiden. So trug also der vorgebliche Freund selbst dazu bei, auch diejenigen Theile der preußischen Provinzen auszusaugen, welche, bis daher, vom Feinde noch etwas verschont geblieben waren!

Kaum waren die Würtemberger abmarschirt, so erschienen wieder der Herr Rittmeister. Durch seinen Fortgang aufgemuntert, setzte er, ansehnlich verstärkt, seine Streifzüge fort. Niemand durfte es von jetzt an und schon vorher wagen, seine Maasregeln, nur im geringsten, zu tadeln, ohne sich der Gefahr auszusetzen mit Stockprügeln gemißhandelt oder nach Glatz abgeführt zu werden. Viele Bauern und Schulzen mußten, bei der geringsten Veranlassung, die Stärke seines oder seiner Leute Armes fühlen und einige preußische Beamte, die das Unglück hatten ihm zu misfallen, wurden gewaltsam nach Glatz abgeführt und noch mehrere mit gleichem Schicksale bedrohet. Seine Prügelwuth stand in gleichem Verhältnisse mit seiner Trinkwuth; denn er war nur selten nüchtern.

In Schmiedeberg, zwei Meilen von Hirschberg, mischte er sich sogar in die Civiljustiz; ließ einen des Diebstahls verdächtigen, aber noch nicht eingestandenen, Inquisiten dergestalt abprügeln, daß er, da er ihn mit sich wegführen ließ, unter Weges an dieser, in den preußischen Staaten doch längst abgeschaften, Tortur gestorben seyn soll. Durch ein solches, ganz und gar unberechtigtes, Verfahren machte er sich denn auch natürlich, bei dem vernünftigen Theile, dergestalt verhaßt, daß man den Feind mit weniger Angst kommen sah, als ihn und seine Leute. Ersterer, der seine Excesse allenfalls noch mit dem Kriegsbrauche hätte entschuldigen können, betrug sich, wenigstens in Hirschberg, noch ziemlich ordentlich; aber er, der hiesige Gegend hätte schützen und vertheidigen sollen, erlaubte sich Handlungen, die durch nichts zu entschuldigen waren. Wäre es möglich gewesen die Bewohner derer Gegenden, wo er sein Wesen trieb, um allen Patriotismus zu bringen, so konnte er es bewerkstelligen. Denn seine Schuld ist es nicht, wenn es nicht geschah! –

Alle seine bisherigen Unternehmungen waren, so viel mit bewußt ist, ohne Blutvergießen abgelaufen; jetzt kam es endlich auch einmal darauf an, sich wirklich dem Feinde gegenüber zu zeigen. Kundschafter hatten die Nachricht gebracht, daß in Bunzlau sich ein Korps Feinde mit einigen gefangenen Preußen befände. Diese zu befreien und jene zu nehmen war die Aufgabe, deren Auflösung sich der Rittmeister vornahm, ausführte, aber auch dadurch seinen gänzlichen Untergang vorbereitete.

Der Sammlungsplatz seines ganzen Korps, zu dieser Absicht, war Hirschberg. Von da marschirte er ab; überfiel den sichern Feind, kämpfte, siegte, nahm gefangen und erbeutete alles, was dem Feinde zugehörig sich in Bunzlau vorfand. -- Ein preußischer Husar, einige Baiern und Würtemberger, nebst einer, durch eine Flintenkugel, getödteten Bürgersfrau, waren, nach Aussage der Sieger, die Opfer dieser Unternehmung.

So hatte also der Herr Rittmeister wirklich einmal über nicht wehrlose Männer den Sieg davon getragen. -- Wußte er aber auch ihn gehörig zu benutzen? -- Wie wollen sehen!

Eitelkeit und Stolz schienen sich seiner nun bemächtigt zu haben. Er proklamirte sich selbst als den Befreier Schlesiens, und, statt darauf zu denken, sich bald möglichst mit der gemachten Beute in gehörige Sicherheit zu begeben, beschloß er, im Gefühle seiner Kraft, einen langsamen Triumphzug. Nach solchen Strapatzen mußte man sich überall gehörig restauriren und der Herr Rittmeister war davon kein Feind.

Nachdem also seine Avantgarde schon längst in Hirschberg eingerückt war, traf auch er endlich, in glänzender Uniform, an der Spitze seines übrigen Korps und gefolgt von den gemachten Gefangenen und aller Beute, gleich einem römischen Triumphator in Hirschberg ein, und krönte auch sogleich seinen Sieg durch Prügel, die er einem Dorfschulzen und einem andern Bauer, auf öffentlichem Markte, geben ließ. Dienn ohne diese, seine Lieblingsbelustigung, durfte nun einmal so ein Festtag nicht verfließen.

Die gemachten Gefangenen und übrige Beute waren nicht unbedeutend; sie hätten wohl verdient in gehörige Sicherheit gebracht zu werden, da auch ansehnliche Summen Geldes sich darunter befunden haben sollen. Aber der Sieger wollte seines Sieges langsam genießen und war fern von aller Besorgniß.

Negro selbst begab sich nach Warmbrun, um dort, wie man behauptete, in den Armen der Liebe, ohne dabei den Bachus zu vergessen, seine Belohnung zu finden und kam erst spät am andern Morgen, nach Wonne -- oder Weintrunken, nach Hirschberg zurück, seinen Zug fortsetzen. Seine Officiere folgten nicht minder seinem Beispiele; opferten tapfer dem Bachus und überließen sich sodann den Armen des Morpheus so fest, daß auch Pistolenschüsse sie aus dem Schlummer nicht zu erwecken vermochten. -- Dies ist wörtlich wahr: denn in dem Weinhause, wo sie schliefen, erschoß sich, aus Unvorsichtigkeit, dicht vor ihrer Stubenthüre der Hausknecht, ohne daß sie vom Knalle erwacht wären. Alles andre überließen sie der Bersorgung ihrer Sergeanten und die Schlüssel der Stadtthore waren der Aufbewahrung des Hauswirthes anvertrauet.

Bald wäre ihnen diese Sicherheit schon in Hirschberg übel bekommen. Nach Mitternacht entstand plötzlich Lerm, daß der Feind im Anmarsch wäre. Die Gemeinen und Feldwebel geriethen in Allarm; ein Theil der Gefangenen wurde gleich weiter transportirt; aber ausgeschickte Eilbothen brachten die Nachricht: der Lerm sei falsch! und so blieb alles übrige in stolzer Ruhe.

Erst Morgens zwischen neun und zehn Uhr -- nachdem die Gemeinen schon seit vier Uhr aufmarschirt gewesen waren -- erschien der Anführer und nun ging es langsamen Marsches weiter nach Schmiedeberg. Einige brachen indeß doch noch einmal rechts ab nach Warmbrun, um da, bei Wein und Liebe, sich noch einmal, für künftige Beschwerden, neue Stärkung zu holen, oder, richtiger zu sagen, ein Bachanal in aller Form zu feiern.

So soll es aller Orten, auf dem Wege nach Glatz, nicht minder langsam vorwärts gegangen seyn und die Folge davon war, daß die ganze, glänzende Expedizion zum größten Nachtheile des Negro und seines Korps endete.

Der Feind hatte Zeit genug gehabt, Nachricht von dem Vorgefallenen zu erhalten und von den Belagerungstruppen vor Neiße wurde ein ansehnliches Korps Würtemberger und Baiern, unter dem Oberbefehl eines französischen Generals, ins Gebirge detaschirt, um Negro und seine Leute aufzuheben. Der Vortrab, aus Würtemberger Jägern bestehend, überrumpelte in Schömberg, etwa noch 6 Meilen von Glatz, die sichern Preußen; griff sie an, machte einen Theil gefangen, zersprengte die übrigen und bemächtigte sich wieder aller, nicht bereits in Sicherheit gebrachter, Beute. Negro, aus tiefem Schlafe aufgeweckt, rettete sich diesmal noch mit Verlust seiner ganzen Equipage, durch die Geschwindigkeit seines Pferdes, fiel aber doch nachher in die Hände des Feindes und findet sich, so viel ich weiß, noch in der Gefangenschaft zu Breslau.

So endete also die Laufbahn des Herrn Rittmeisters bald und schlecht durch eigene Schuld. Er soll während derselben an 90,000 Thaler baaren Geldes abgeführt haben, und wenn alles wirklich zum Besten des Königs verwendet worden, so könnte dies allenfalls eine kleine Entschuldigung seines übrigen Betragens und des, dem Lande wirklich zugefügten, Nachtheils abgeben. Abeat in pace!

Von den Versprengten des negroschen Korps hatte sich ein Theil, längst der Gebirge, wieder zurück in die Gegend von Hirschberg und besonders nach dem Dorfe Schreibershau gezogen. Sie zu verfolgen und, wo möglich, aufzuheben, rückte nun das obenerwehnte Detaschement Baiern und Würtemberger, etwa drei bis vierhundert Mann stark, heran und nahm sein Hauptquartier in Hirschberg. Von da aus geschahen mehrere Streifzüge in die Gebirgsdörfer, aber ohne sonderlichen Erfolg. Einem baierschen Dragoner wurde dabei, es ist nicht ganz klar geworden von wem, das Pferd erschossen und dies gab Veranlassung zu mehrern bedeutenden Excessen und einzelnen Plünderungen. Auch in der Stadt bezeugte der Feind nicht übel Lust eine kleine Plünderung zu unternehmen und soll wirklich bei dem Kommandanten derselben darum nachgesucht haben. Aber dieser, ein in jeder Rücksicht lieber und fürtreflicher Mann, Graf Leibelsing, Major beim Leibregiment, hielt so gute Mannszucht und wies alle ungebührliche Forderungen der Gemeinen, mit solchem Ernst, zurück, daß keinem wieder die Lust dazu ankam. Die Stadt kam ihn wirklich als ihren Retter ansehen und er bleibt auch gewiß bei allen Einwohnern in ewig verehrtem Andenken! -- Selbst da, wo er nach Kriegsrecht vielleicht anders hätte handeln können, bewies er sich nachsichtig. Auf dem Wege von Schmiedeberg hatten zwei Schulzen ranzionirte Preußen bei sich versteckt und sie, auf die Anfrage der Baiern, verläugnet. Sie wurden aber doch gefunden und die Schulzen, als Gefangene, mit nach Hirschberg geführt. Statt der gefürchteten Strafe entließ sie der Major blos mit der Aeußerung: er wäre nicht gewohnt wie Negro zu handeln und wolle sie daher blos mit der Warnung entlassen, künftig vorsichtiger zu handeln.

Ohne einige Requisizionen an Kleidungsstücken und anderm beträchtlichen Kostenaufwand konnte es indeß doch nicht abgehen und diesen neuen Verlust verdankte die Stadt abermahls den Maasregeln des Herrn Rittmeisters.

Kaum waren die Feinde abmarschirt, als sich auch schon wieder, in Schreibershau neu organisirte, Preußen einfanden. Zwar stand Negro nicht mehr an ihrer Spitze, aber andere, schon bei seinem Korps gestandene, Officiere hatten an seiner Stelle das Kommando übernommen. Man war entschlossen, sich in Schreibershau gegen jeden Angriff zu behaupten; hatte Verschanzungen aufgeworfen und sich sogar mit zwei kleinen Stücken, sogenannten Pöllern, versehen. Ließ es übrigens auch an nichts fehlen, war zu einem lustigen Leben gehört und die Zeit, welche der Dienst nicht erforderte, wurde bei Wein, Spiel und Tanz gar angenehm verlebt. Aber so etwas erfordert Geld und der Soldat wollte auch seinen Sold haben. Die aufgehobenen königlichen Kassen reichten nicht zu, man mußte daher auf andre Mittel bedacht seyn.

Hirschberg steht, wegen seines Handels, in dem Rufe einer reichen Stadt und ist es ehemals auch wohl gewesen. Aber sein Handel ist nicht mehr, was er ehemals war -- das beweisen sichtbar viele leer stehende oder gar in Ackerland und Wiesen umgeschaffene Bleichen -- und wenn es auch noch bedeutende Häuser hat, so haben doch auch diese, durch die lange Stockung der Geschäfte gelitten und unter den jetzigen leidigen Umständen war besonders der Mangel an baarem Gelde fast allgemein, denn die, vom Feinde ausgeschriebenen, Kontribuzionen hatten alle Kassen erschöpft.

Man hielt diesen Ort indeß doch immer noch für eine Goldgrube, aus welcher man sich mit allem Benöthigten hinlänglich versehen könnte. In dieser Absicht erschien eine Deputazion, die, im Namen des Gouverneurs von Glatz, von der Kaufmannschaft eine Summe von 40,000 Thaler, sage Vierzigtausend Thaler, als ein Anlehn verlangte. Man wollte dagegen die Waldungen der Grafschaft verpfänden, die zum Theil schon in der Gewalt des Feindes war und, unter den damaligen Umständen, vielleicht noch ganz hinein kommen konnte. Doch war schadete das! Die Römer verkauften ja sogar die Aecker, auf denen sich Hannibal mit seinem Heere gelagert hatte und fanden Käufer. -- Aber die Hirschberger waren keine Römer und wollten oder konnten vielmehr sich darauf nicht einlassen. -- Warum nicht? -- Vielleicht aus mehrern Gründen nicht! Hauptsächlich aber wohl aus dem sehr triftigen: weil es ihnen unter den damaligen Umständen schlechterdings unmöglich war, eine solche bedeutende Summe aufzubringen.

Aber dieß wollte man nicht glauben. Man legte die Weigerung des Handelsstandes als sehr unpatriotisch aus und beschloß durch gewaltsame Mittel zu erlangen, was auf dem Wege der Güte nicht hatte gehen wollen. Die beiden Kaufmannsältesten wurden bei Nachtzeit aus ihren Häusern geholt und nach Schreibershau geführt, wo man sie so lange gefangen behalten zu wollen erklärte, bis die verlangte Summe bezahlt wäre. Aber Vorstellungen und vielleicht besonders die Erklärung, daß, wenn die Kaufmannsältesten nicht sogleich wieder freigelassen würden, man sich sofort, durch eine Stafette, an den König selbst wenden würde, bewirkten schon am zweiten Tage darauf ihre Freilassung. -- Ganz ungestraft ist indeß die Kaufmannschaft doch nicht davon gekommen; einige geringere Summen sind nachher doch noch von ihr beigesteuert worden; ich weiß aber nicht, unter welchem Titel.

So gingen die Sachen in Schreibershau noch einige Zeit fort, ohne daß irgend einer hätte einsehen können, was der König oder das Land von allen diesem Wesen für Nutzen gehabt hätte. Dem letztern wenigstens gereichte es gewiß mehr zum Schaden! Endlich fand sich ein Mann, der, von wahrem patriotischen Geiste beseelt, ihm ein Ende machte und dieser Korps zu wirklichen nützlichen Zwecken abführte.

Dieß war der, von jedem, der ihn kennt, als Officier und als Mensch hochgeachtete preußische Major Herr von Putlitz. Er war, nach der Uebergabe von Glogau, auf sein Ehrenwort entlassen worden und lebte seitdem in Hirschberg. Der obenerwehnte baiersche Major von Leibelfing war in einer Affaire vor Glatz in preußische Gefangenschaft gefallen und wurde nun sogleich gegen den Major von Putlitz ausgewechselt, der nun eilte, seinem Könige aufs neue zu dienen.

Er stellte sich an die Spitze eines Theils der Schreibershauer Truppen und ging damit dem bedrängten Glatz zu Hülfe. Ewig Schade, daß der brave Mann nicht glücklicher war! -- Auf den äußersten Vorposten vor Glatz wurde er von einem, weit überlegenern, Feindes angegriffen und fiel, nach tapfrer Gegenwehr, schwer am Kopfe verwundet, betäubt zu Boden. Sein Besieger will in vollends tödten, aber sein, nicht minder braver, Diener -- an seiner Seite kämpfend -- wirft sich auf ihn, deckt ihn mit seinem Körper und rettet, mit zwei sehr schweren Wunden am Kopfe, sich einen guten Herrn und dem Könige einen braven Officier. Beider Wunden sind glücklich geheilt; die gebliebenen Narben sind redende, Achtung gebietende, Beweise ihres Heldenmuthes, und ihr König, selbst ein Held! wird nicht unterlassen, sie weiter sie weiter dafür zu belohnen.

Der in Schreibershau noch zurückgebliebene Theil der ehemaligen negroschen Freiparthie fuhr indeß fort, sein Wesen oder Unwesen fortzutreiben. Feinde waren nicht zu beunruhigen, daher beunruhigten sie harm- und wehrlose Kranke in Warmbrun. Ein Gichtbrüchiger Kammerdiener eines Prinzen von Hohenzollern Hechingen wurde, unter dem Vorwande, er sei ein Spion, aus seinem Bette gerissen und fortgeführt. Nach dringenden Vorstellungen wurde er zwar wieder frei gelassen, aber es kostete ihm diese Heldenthat, den unersetzlichen Nachtheil an seiner Gesundheit ungerechnet, eine bedeutende Summe Geldes und andre Kostbarkeiten, die dabei, man weiß nicht wie, verlohren giengen. Ein Harfenspieler, der sich blos von seiner Kunst nährte, schien einem dieser Herrn verdächtig und mußte dafür, da man ihm weiter nichts anhaben konnte, mit einem -- man denke -- Paar Sporen bezahlen, die man unter seinen wenigen Habseligkeiten fand und als verdächtig wegnahm.

Durch solche und ähnliche armselige Heldenthaten suchten die noch in Schreibershau befindlichen Braven wenigstens einige davon, ihren Muth zu zeigen; bis endlich ein Befehl von Glatz das Ganze vollends auflösete. Die Gemeinen erhielten ihren Abschied und konnten hingehen, wohin sich wollten; die Officiere sollen zum Theil zu ihren vorigen Geschäften zurückgekehrt seyn, wo sie sich und andern vielleicht nützlicher seyn werden, als bei einem Metier, das die meisten und selbst ihr Anführer Negro -- nach seiner eigenen Erklärung -- nicht verstanden.

Die benachbarten Gegenden könnten gewiß noch mehrere ähnliche Beispiele liefern; aber ich bin dahin seltener gekommen und darüber nähere Erkundigungen einzuziehen, habe ich auch weder Zeit noch Gelegenheit gehabt. Der glücklich hergestellte Friede hat mich wieder an den Ort meines Berufes zurückgeführt und ich verließ die Gegenden, wo ich die, Ihnen gemeldeten, Beobachtungen zu machen Gelegenheit hatte, mit dem herzlichsten Wunsche, daß sie und alle, die durch den Krieg gelitten haben, recht bald durch einen allgemeinen Frieden zum Genusse einer vollkommenen Ruhe gelangen möchten; denn sie haben ihrer wirklich lange nöthig, um ihre Wunden zu heilen und sich von den ausgestandenen Drangsalen zu erholen. -- Der Himmel gebe meinem Wunsche Erfüllung! --


Quellen.Bearbeiten

  1. Neue Feuerbrände. Herausgegeben von dem Verfasser der vertrauten Brief über die innern Verhältnisse am Preussischen Hofe seit dem Tode Friedrichs II. Ein Journal in zwanglosen Heften. Zehntes Heft. Amsterdam und Cölln, 1808. Bei Peter Hammer.
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