Rothenburg an der Tauber.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Rothenburg an der Tauber,[1] war ehemals eine freye Reichsstadt lutherischer Religion, im J. 1803 ist sie aber als Entschädigung an Baiern gekommen. Sie ist alt, folglich unregelmäßig gebaut, hat aber doch mehrere gute Strassen, einen schönen Marktplaz, den St. Georgenbrunnen, ein Rathhaus, 5 Kirchen, ein Gymnasium, die ehemals dem Deutschen- und Johanniter-Orden gehörigen Häuser, und 5 Thore. Man zählt in derselben 742 Privathäuser, 72 öffentliche Gebäude, und im J. 1770. 5,800 Einw. im J. 1807. fanden sich aber nur 5,651 Seelen. Die vorzüglichste Nahrung der Stadt kommt von der fruchtbaren ihr gehörigen Gegend, welche viel Getreid, beträchtliche Viehzucht und auch einigen Wein hat. Ehemals verwalteten 16 Bürger des innern Raths die öffentlichen Geschäfte; der äussere Rath von 40 Personen hatte nur bey einigen Vorfällen Einfluß; die Einkünfte schäzte man auf 100,000 Gulden. Jezt hat die Stadt einen eigenen Verwaltungsrath, ein Stadtgericht und eine Polizeydirektion. Sie zahlte zu einem Römermonate 148 fl. und zu einem Kammerziele 162 Thlr. 32½ Kr. Ihr Gebiet, welches größtentheils von einer Landwehre von Zäunen und Thürmen umgeben ist, hatte im J. 1807. auf 6½ QM. 12,580 Einw., die Stadt ungerechnet. Es war in 2 Aemter oder Landgerichte und Rentämter abgetheilt, jezt sind beyde zu einem Landgerichte und Rentamte vereinigt, welches seinen Siz in der Stadt hat. Seit 1808 gehört Stadt und Land zum Rezatkreise. Das Wappen der Stadt ist ein schwarzer Adler im silbernen Schildchen auf der Brust, in welchem eine rothe Burg mit 2 gezinnten Thürmen und einem blauen Thore abgebildet ist.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Jonas Ludwig von Heß [2]

Rothenburg ob der Tauber.

Von Windsheim bis Rothenburg sind drey starke Meilen, der ganze Weg führt durch schöne Wiesen und fruchtbare Felder. Der größte heil ist Wiesen-Land, das einen fetten und nassen Boden hat, der ein reiches Grün hervorbringt, das an Weiche, Dunkel, und Dichtheit dem Rasen-Sammt der englischen Parks trotzt. Ein leichter Morgen-Nebel übergraute die weite, platte Landschaft, und legte durch seine harmonische Tuschung das ganze urbare Land in reitzvolle Einheit und Ruhe. Aber bald zogen sich dicke Dampf-Wolken zusammen, ein feiner, dichter Staub-Regen fiel den ganzen Weg über herab und durchnäßte mich völlig. Ich hatte nach der Anweisung meines Windsheimer Wirths einen Fußsteig durch die Wiesen eingeschlagen, und fand kein Haus zur nothdürftigen Einkehr; wohl aber eine Wassermühle, die ungefähr auf dem halben Wege an einem schnell fliessenden Bächlein lag. Ich gedachte hier einzukehren, um mich ein wenig zu trocknen, aber das Haus war menschenleer und verschlossen. Ein paar wüthende Hunde bewachten es, und ich hatte vollauf zu thun, um mit meinem Stocke in der einen, den Huth in der andern haltend, wobey ich mich immer rückwärts zog, mich gegen die Anfälle dieser losgelassenen, rasenden Kettenhunde zu vertheidigen. Nachdem sie mich eine gute Strecke von ihrem anvertrauten Posten verfolgt, ward ich sie endlich loß. Auch der Regen hörte auf, und ich kam, von der Sonne und einem frischen Ost-Winde ziemlich getrocknet, in Rothenburg an.

Die freye Reichsstadt Rothenburg liegt auf einer starken Felsenhöhe, an oder vielmehr über der Tauber; welche hohe Lage durch das Wörtchen ob, das ihrem Namen gewöhnlich beygesetzt wird, angedeutet werden soll. Der rasche Fluß schließt mit Pfeilschnelle durch ein tiefes, sich durch die Stadt krümmendes Thal, der Tauber-Grund genannt. Die beyden, mehrentheils schroffen Wände dieses Thals, bilden ein Amphitheater, das Natur und Menschen mit liebenden Händen ausgeschmückt haben. Die gefallsüchtigste Schöne kann sich nicht geschmackvoller aufputzen, als dies reitzende Thal, das in ihren, von der Natur reich gestickten Gewande, mit holdem. lachendem Antlitze daliegt. Der Weinstock grünt hier vom tiefer Ufer des Flusses bis zur höchsten Spitze der Berge. Zwischen durch blicken Landhäuser, Gärten, Hecken, die Hütte des Winzers hervor, und bilden eine unbeschreiblich reiche und schön verschmolzene Masse. Nichts übertrifft den Blick, wenn dieses lachende Vorgebürge mit seiner pflanzenreichen Vertiefung an einem heitern Morgen aus seiner Nebelhülle hervortritt; die ersten Sonnen-Strahlen auf die übergrünten Höhen einen matten Glanz werfen; die dunklen Aussichten unvermerkt immer heller werden; und die Ueberschattungen der Nacht in immer weiterer Ferne verschwinden. Je dunkler die Nacht, desto wirksamer steigt alles hervor. So ein Anblick treibt unsre Einbildungskraft in die Irre, unser Anstaunen wächst zu einer riesenhaften Größe, und wir fühlen uns von der Wirklichkeiten der schönen Natur wie in einen süßen Schlummer von Traum-Gestalten hin und her gewiegt.

Rothenburg hat breite, gut gepflasterte Gassen, und mit unter moderne, bequeme Häuser. Man zählt 1100 Wohnhäuser, ohne die Gärten, und Gärten-Wohnungen, von 7000 Einwohnern belebt. Im Jahre 1790 waren hier nur 170 Menschen gebohren, dagegen 293 gestorben; ein sehr nachtheiliges Verhältniß für die Bevölkerung der Stadt. 1789 starben hier 199, und 148 wurden gebohren. Die Einwohner nähren sich größtentheils vom Feldbau. Auch giebt es hier viele Handwerker, vorzüglich Sattler, Rothgerber und Bandmacher.

Das Rathhaus ist groß und weitläuftig, von neuer Bauart, mit Balkon und Säulen verziert, und prangt nicht wenig. Die Stadt hat drey Haupt-Kirchen, einige Neben-Kirchen und Kapellen, die größtentheils nicht gebraucht werden, und keine besondern Merkwürdigkeiten enthalten; als den Altar in der Jakobskirche, der die Einsegnung des Abendmahls vorstellt und aus Holz von einem Schäfer gar zierlich geschnitten ist. In einem gut unterhaltenen Spital werden verarmte Bürger der Stadt verpflegt. Es ist wohlhabend, hat seine eigene Viehzucht, und treibt seinen Weinbau selbst.

In vorigen Zeiten war Rothenburg die Residenz der Herzöge dieses Namens. Der letztere starb 1110, und vermachte die Stadt den Bürgern. Demungeachtet versetzte Konrad IV. und Ludwig V. sie an Hohenlohe, aus welchem Versatz die Stadt sich selbst wieder lösen mußte. Auch von Karl IV. und dem immer geldbedürftigen Wenzel mußte sie das Versprechen, nie wieder verpfändet zu werden, theuer erkaufen. Von der Stadt-Vogtey hat die Stadt sich völlig frey gekauft. Zum Römermonat zahlt Rothenburg 130 fl., zum Kreise 148; zum Kammerzieler 162 Rthlr. 32½ kr. Die Stadt hat auf dem Reichstage auf der schwäbischen Städte-Bank die achte Stelle; beym fränkischen Kreise auf der Städte-Bank die zweyte.

Der Rath besteht aus einem innern und äussern. Jenen formiren die fünf Bürgermeister und eilf Rathsherren, sämmtlich Gelehrte. Der äussere hat fünf Bürgermeister, 32 Rathsherrn aus den Gelehrten, und acht aus den Handwerkern zu Mitgliedern. Das eigentliche Regiment der Stadt ist in den Händen des innern Raths. Dieser wird von dem äussern erwählt; die Vacanzen der äussern besetzt der innere. Die Bürgermeister wechseln halbjährlich in der Regierung.

Die Rathspersonen werden kärglich bezahlt. Der äussere Rath hat fast gar nichts. Der jüngste Rathsherr des äussern Raths hat jährlich einen Gulden Gehalt. Die Bürger leben mit ihrem Magistrat in guter Eintracht. Man hört von keiner Ungerechtigkeit; und Niemand beschwert sich über Herrschaft oder unbürgerliche Begegnung. Das einzige, womit man unzufrieden war, sind die Rathsmahlzeiten, deren das Spital und das Kloster jährlich drey geben muß. Indessen können diese doch auch nicht sehr verschwenderisch seyn, da so eine Mahlzeit nicht über 50 fl. kosten darf.

Die Abgaben der Bürger sind sehr ertragbar. Sie bestehen in einer mäßigen Grundsteuer von Häusern und vesten Gründen, und einem Nahrungs-Umgelde.

Die Stadt-Militz ist 80 Mann Infanterie und 30 Mann unberittene Kavallerie stark. Auch die Bürger ziehen auf die Wache, und helfen die Thore mit besetzen.

Das Wasser, welches aus den drey Springbrunnen geholt wird, kömmt durch ein Druckwerk aus der Tauber, den steilen Berg hinangetrieben bis zum Klingelthurm, von wo es in jene Brunnen herabfällt. Die Feueranstalten sind hier sehr gut, und können zum Muster für eine mittelmäßige Landstadt, wie Rothenburg, dienen.

Der Johanniter-Orden hat in der Stadt ein Haus, in welchem der Verwalter der Einkünfte des Ordens, aus dem Rothenburger Gebiet, wohnt. Den Johanniter-Hof selbst, der zu so vielen Streitigkeiten Anlaß gab, hat die Stadt längst an sich gekauft und abgebrochen.

Unter im Thale an der Tauber liegt das sogenannte Wildbad; wo man kalt, auch in gewärmten Wasser baden kann. Das Wasser ist sehr klar, und soll Salpeter und Vitriol enthalten. Die Kur-Gäste sind hier sehr selten. Es dient zum Wirthshause, wohin die Bürger gehen und ihren Schoppen Wein trinken.

Die Stadt hat jährlich vier Viehmärkte. Auf einem hier, bey meinem Aufenthalt gehaltenen, wurden von 1549 Stücken Rindvieh, welche zum Verkauf gebracht waren, 611 verkauft.

Das Gebiet der Stadt hat einen Umfang von 5½ Q Meilen. Es ist mit einer Landwehre und einer starken lebendigen Hecke umgeben. Die durch das Gebiet führende Landstraßen sind breite, hohe, starke Chausseen. An dem Ende jedes Weges steht ein Wachtthurm, in welchem der Zöllner wohnt. Das Stadt-Gebiet enthält 28 Dörfer, und 15000 Bewohner. Es ist ungemein fruchtbar; Roggen, Erbsen, Gerste, Linsen und Dinkel werden hier so schön, wie irgend in Franken gebaut. Auch Wein wächst hier sehr gut, und so viel, daß der Rothenburger seinen Nachbarn davon nicht wenig überlassen kann. Ohne das hat die Stadt einige Dörfer und mehrere Werder mit Anspach und Würtzburg gemeinschaftlich, nebst großen Waldungen, aus welchen jeder Bürger den Klafter Brennholz für einen Reichsthaler erhält. Das Land ist in zwey Theile getheilt, Zwergmeier und Gau genannt, jeder Theil hat zwey Bürgermeister zu Landvögten. Würtzburg, Anspach und Deutschmeister haben im Rothenburger Gebiete halbe und ganze Dörfer; eine Gemeinschaft, die der guten Stadt manche Verdrießlichkeiten zuzieht.

Die Bewohner des Gebiets und der Stadt sind sämmtlich lutherisch; kein Katholik kann Bürger werden.

In Rothenburg haben Luxus und ausländische Moden schon mächtige Fortschritte gemacht. Frisirte Damen in seidenen Kleidern triff man hier häufig genug. Ist der Anzug von Kattun oder Tamis, so ist er doch mit übermäßig vielem seidenen Bande besetz, und nimmt sich recht widrig bunt aus. Die Kinder sind fast noch ärger aufgeputzt, und tragen sogar große Federn an den Fallhüten. Die Rathsherrn steigen, schön frisirt, mit Haarbeutel und Degen, in seidenen Strümpfen, Chapeaubas über die Gassen. Auch trifft man sie in dieser Eleganz in den Wirthshäusern beym Weine sitzend an. Man sieht hier Regen- und Sonnen-Schirme, Florkappen, Schleyer, Schaalen, Dormösen, ja Schooß-Hunde, Portechaisen und zwei Stadt-Carossen, die fleißig gebraucht werden. Man spielt Karten, geht auf die Jagd, giebt Bälle, Assembleen, und läßt sein Feld von den nahen Dorfschaften bearbeiten.

Trotz diesen kleinen Absprüngen von den Sitten seiner Vorältern, ist der Rothenburger ein ehrenwerther Bürger Deutschlands. Er ist einfach offen und redlich bey einen Handlungen, und hätte er es mit einem Algierer zu thun. Freyer Muth und Güte des Herzens stempeln seine Urtheile; aus welchen Haß und Verachtung, gegen Verrath, Treulosigkeit, Bundbruch und Undankbarkeit immer hervorleuchten. Seinen Aeußerungen mangelt die Politur der Höflichkeit; nie die Höflichkeit des Willens. Er sagt keine verbindenden Worte, aber er verbindet gerne durch Handlungen, wenn und wo er kann. Tugenden, die man fast allgemein in den Städten Deutschlands findet, welche weit entfernt von fremder Gränze liegen, und von ausheimischen Reisenden wenig besucht werden.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. *Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte zu Landshut. Landshut, bei Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. 1811.
  2. Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande und Frankreich. Hamburg, bei Bachmann und Gundermann. 1797.
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