RtSA Rotterdam


Rotterdam.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[1]
Rotterdam, reiche Handelsstadt an der Maas, oder Merwe, wo der Fluß Rotte hinein fällt, in Südholland, 3 Meilen von Haag und 2 von Delft. In der Ordnung der Städte, so ihre Deputirten zur Versammlung der Provinz Holland schicken, war sie die siebente. Jezt ist sie der Hauptort eines Quartiers oder Bezirks in dem Holländischen Departement Maasland. Man findet da gegen 7000 Häuser, (worunter eine beträchtliche Anzahl schöner Gebäude), ehemals 90- 100,000 Einwohner, vier holländische und eine französisch-reformirte Kirche, eine englische, bischöfliche und eine presbyterianische Kirche, eine schöne neue lutherische und eine katholische Kirche; ferner ein Gymnasium, eine Börse, ein Admiralitätscollegium mit den davon abhängenden Werften, Magazinen und Packhäusern, Zuckerrafinerien, chemische Zubereitungen zu Farben, Brantwein- und Scheidewasserbrennereyen, eine Judensynagoge, eine 1771 errichtete Akademie der Wissenschaften, und eine metallene Bildsäule des großen Desiderius Erasmus von Rotterdam, die 1622 auf der großen Brücke über die Maas errichtet wurde. Der Hafen daselbst ist sehr bequem, und vermittelst sieben tiefer Kanäle können die größten Schiffe bis mitten in die Stadt kommen: daher ist Rotterdam, nächst Amsterdam, der stärkste holländische Handelsplatz. Diese Handlung hat aber durch die lezte Revolution und durch den Krieg sehr gelitten. Im Jahr 1796 zählte man noch 53,212 Einwohner, und in den spätern Jahren hat die Bevölkerung noch mehr abgenommen.


Gemeen-Landshuys.


Rotterdam..[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[2]
Rotterdam, Handelsstadt im Königreiche der Niederlande, in Südholland, an der Merno und Rotter gelegen, mit ungefähr 54,000 Einwohnern, einer Menge prachtvoller Gebäude, Schiffswerften, Fabriken und Manufacturen, und einem bedeutenden Handel, der sich jetzt wieder zu heben beginnt. Eine bronzene Statue des berühmten Erasmus von Rotterdam ziert eine der Canalbrücken der Stadt, und ist merkwürdig als ein redendes Zeichen des Ungeschmacks, denn sie stellt den berühmten gelehrten in steifer priesterlicher Kleidung dar.


Festung.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[3]
Rotterdam am R. U. in Holland, eine große schöne, sehr bedeutende Handelsstadt. Hafen, worin die größten Seeschiffe einlaufen konnten, welcher aber, wie auch besonders die Maas, in den letzten Jahren durch Versandungen seichter geworden ist. Die Stadt ist mit Kanälen durchschnitten. 7000 Häuser. 55,000 E.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rotterdam from Kattendregt-ferry cross the Maas.


J. G. A. Kirchhof.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[4]

[1790]
Rotterdam.

Von Delft nach Rotterdam sind mit der Schuit 3 Stunden. In Rotterdam logirte ich im Marschall von Türenne. Es ist eine schöne Stadt, und soll Venedig gleichen. Man glaubt sich wieder nach Amsterdam versetzt, so lebhaft ist es hier. Weil ich am folgenden Morgen wieder fort muste, so besuchte ich nur gleich die Boompje's, eine lange schöne Straße an der Maas, mit Bäumen besetzt, daher sie auch zum Spatziergange dient.

Die Börse, welche ich am andern Morgen besah, ist bey weitem so groß nicht, als die Amsterdammer; es sollen sich aber doch zuweilen 2000 bis 3000 Menschen auf derselben versammeln. Ueberhaupt zieht die Handlung sich immer mehr nach Rotterdam, wozu vieles beyträgt, daß große Schiffe, die wegen des Pampus *) nicht in Amsterdam hinein kommen können, hier in die Stadt fahren. Die Canäle gewähren daher hier auch einen bezaubernden Anblick. Eine Illumination in Rotterdam oder Amsterdam muß wegen der Canäle das Schauspiel einer brennenden Stadt seyn. Ich sah auch noch des Erasmus Bildsäule auf dem Markte, die fast ganz schwarz aussieht, welches aber den nicht wundert, der weiß, daß sie von Bronze ist. Das Rathhaus fand ich schlecht. Die Luft ist hier gewiß gesunder, als in Amsterdam.

Ich muste nach Gorcum, und hätte von hier aus am folgenden Tage mit einem Segelschiffe dorthin gehen können. Weil ich aber meinem Plane nach keinen ganzen Tag in Rotterdam bleiben konnte, und mich dies auch wieder der Willkühr des Windes ausgesetzt haben würde, so fuhr ich des Morgens um 8 Uhr mit dem zu sechs Personen eingerichteten Postwagen nach Ter Gou oder Gouda. Ich bekam ein Loodje auf der Post, und zahlte 5½ Stüber, und außerdem noch etwas Passagegeld und Fracht. Von Rotterdam nach Ter Gou hat man einen angenehmen Weg. Er ist ganz mit gebrannten Holländischen Klinkern gepflastert, welches nun freylich, da der Wagen sehr schnell fährt, die gesellschaftliche Unterhaltung erschwert. In Overschie und sonst noch einmal hielt der Postwagen an.

*) Der Pampus ist bekanntermaßen eine Untiefe, über welche tiefgehende Schiffe vermittelst der Cameele, d. h. platter Fahrzeuge, die man erst voll Wasser laufen läßt, und nachher ledig pumpt, welche Bakker im Jahr 1690 erfand, gelichtet werden. Die schwersten Kriegsschiffe von 90 und 100 Kanonen können auf diese Art über den Pampus und andere Untiefen der Südersee kommen.


Von Reisende.

Georg Friedrich Rebmann.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[5]

[1796]

Brüssel, den 14. Thermidor IV..

In Rotterdam wurde gerade das Andenken des lezten glorreichsten Tages der holländischen Marine des Tages bei Doggersbank, gefeiert, und die dreifarbige Fahne wehre von allen Thürmen. Aber, wer nur auch diesen Holländern einigen Enthusiasm einflössen könnte! die hiesigen Schiffsleute, die natürlich den Einflus des jezzigen Krieges am nächsten und härtesten empfinden, da die Mündung der Maas von englischen und russischen Schiffen blokkirt wird, sind beinahe durchgängig ausgemachte Aristokraten, und würden, um sich ein Palliativ-Hülfsmittel zu verschaffen, alles mögliche thun, um den Engländern die Don Quixotische Landung zu erleichtern, welche diese vorhaben. Allein die fränkischen Truppen sind, so viel Mittel man auch anwenden mag, um sie zu verführen, dennoch unbestechlich, und so wird denn dieser Entwurf auch nicht glüklicher sein, als so viele andre.


Von Reisende.

Dr. Johann Friedrich Droysen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[6]

[1801]

Unsere Fahrt von Delft nach Rotterdam hatte wenig Auszeichnendes, der Weg ist sich überall gleich, das äußerst flache Land wird hier sumpfiger und mooriger, man findet hier viele Torfmoore; der Torf wird aber nicht, wie bey uns, in Steinen auf dem Moore gestochen, sondern unter dem Wasser herausgefischt, mit einer Maschine, die den Spaten an den Baggern gleicht; alsdann aufs Land gebracht, fest getreten, und so, wenn es etwas getrocknet ist, mit Spaten in seine gehörige Form abgestochen und getrocknet. Dieser Torf, der gar keine Wurzeln enthält, brennt wegen des vielen in ihm enthaltenen Erdharzes besser, aber stinkt auch weit mehr, als unser Torf. –

Rotterdam ist nächst Amsterdam die größte und volkreichste Stadt in der Batavischen Republik, und wird auf 65,000 Einwohner angegeben. Sie gleicht in ihrem Aeußern Amsterdam, ist durch eine Menge von Canälen durchschnitten, längst deren mit Bäumen bepflanzten Ufern, die breiten Gassen fortlaufen, die Häuser sind neuer und besser gebauet als in Amsterdam. Die kleinern Straßen, die näher der Mauer zu liegen, haben ebenfalls Canäle, hier ist aber ein ewiger Schmutz und die Niederlage aller bösen Gerüche und schädlichen Ausdünstungen. Die wenigen freyen Plätze Rotterdams, die Gassen mit den breitesten Canälen, oder die welche gar keine haben, sind daher von den Wohlhabendsten bewohnt. Man spürt in Rotterdam schon am Eingange das größere Gewimmel dieser Handelsstadt, ja es scheint bey dem geringeren Umfange gegen Amsterdam gerechnet, bey weiten lebendiger und munterer. Die Canäle sind voller von Schiffen, die Straßen von Wagen und Menschen, und selbst in den schön gebaueten Vorstädten, die in geraden Alleen auf die Stadt zuführen, findet man Verkehr und Gewerbe. Der Raum in der Stadt ist sehr durch die Menge von Wohnungen beengt, darum findet man die Häuser von 4 Etagen und darüber, nur gegen die Canäle zu ein kleines Hofplätzchen, das zur Wäsche dient, das Leinen wird hernach auf der Gasse getrocknet.

RtSA Rotterdam

Unter den freyen Plätzen zeichnet sich der Erasmus-Platz aus, er hat den Nahmen nach einer hier stehenden Statüe des Erasmus, die ihn in einem Buch lesend darstellt, aber ohne besondern Werth ist. Einzelne öffentliche Gebäude, wie z. B. das Delfter Thor, das Admiralitätshaus u. d. gl. zeichnen sich mehr durch ihre Größe, als schöne Bauart aus; die Börse kommt, wie man erwarten kann, der Amsterdammer nicht gleich; doch ist sie geräumig, und ihre Hallen geben eine schöne Promenade bey bösem Wetter. Der Dom ist alt, der Thurm abgestumpft, und der Eingang in die Kirche kostet, so wie die Eintritt auf dem Französischen Kaffehhause, 2 Stüv. Eine schöne Orgel von weißen und schwarzen Gypsmarmor, in Dorischer Ordnung gebauet, die Capitäler und Basen der Säulen von Messing, ziert die Kirche, so wie ein Monument mit der Inschrift:

Inuicti Herois

Iohannis a Brakel

praetoris vt vocant nocturni

manibus ac mem. sacrum.

Hoc legitur saxo Brakelius aequoris horror

cui flamma et ferrum cessit et vnda maris fallimur an flamma et nune vomit adspice iam iam

ferrea qui rupit vincula, rumpit human.

Francius.

zwei weinende Genien entblößen seine an einer Wandpyramide gehängte Büste.

Auch Cornelius de Witt hat hier ein von Ryx verfertigtes Grabmahl, dessen Sarkophag die Seeschlacht ziert, worin er als Admiral blieb. So auch der Admiral Kortenaer. –

Uebrigens konnte ich in Rotterdam nichts Interessantes, für die Wissenschaften Bemerkenswerthes auffinden; an einem Orte, der sich so ganz für den Handel bestimmt hat, kann höchstens nur hin und wieder ein Liebhaber der Wissenschaften leben, und wie soll man den aus der Menge herausfinden. Mir wäre also die Zeit hier recht lang geworden, wenn nicht eine liebenswürdige Familie, der ich hier dafür meinen Dank sage, den Aufenthalt so reitzend gemacht hätte. In dieser angenehmen Gesellschaft besuchten wir die Kirmse auf dem nahe gelegenen Dorfe Schiedam. Ein ungeheurer Zufluß von Menschen machte die Messe hier brillanter, als der Reichthum an Waaren; dabey war den des Specktakels genug: Elephanten, Mißgeburten, Riesen, Taschenspieler u. d. gl. hatten ihre Buden aufgeschlagen und mit den fürchterlichsten Aushängeschildern verziert. Garküchen dampften zwischen den Buden hervor und vorzüglich viele Kuchenbeckereyen von warmen Würfelkuchen, wo man von frechen, trunkenen Mädchen beynahe mit Gewalt hinein gezogen ward. Dieß Dorf, das völlig das Ansehen einer mittelmäßigen Deutschen Stadt hat, zählt eine Menge sehr reicher Bewohner, die hauptsächlich von der Branntweinbrennerey des so genannten Genever leben; diese ist hier zu einem hohen Grad von Vollkommenheit gehoben, in dem man besonders auf die Holzersparung Rücksicht nimmt. Sie geben zugleich durch das viele Mastvieh zu einem neuen Handlungszweige Anlaß, und es ist auffallend, vor dem Thore die großen Reihen von Schweinsställen zu sehen, in denen diese Thiere, deren Geruch sich auf eine unglaubliche Weite ankündigt, zu Hunderten gemästet werden. Das Rindvieh wird hingegen auf den Wiesen mit dem Schlamme zu einer unglaublichen Fettigkeit gemästet. –


Von Reisende.

Caspar Heinrich Freiherr von Sierstorpff.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[7]

[1803]

Bis Rotterdam passirt man auf einer Fähre die Waal, und zu Schiffe die Maas, welche bey Rotterdam sehr breit ist, und ihrer Tiefe wegen einen selbst für die Kriegsschiffe bequemen Hafen bildet, und dadurch der Stadt für die Schiffahrt so grosse Vorzüge und eine sehr schönen Aussicht giebt. Da ich diejenigen, an welche mich meine Freunde Empfehlungsschreiben gegeben hatten, nicht in der Stadt antraf, so begnügte ich mich darin so viel zu sehen, als die Lohnlaquaien den Fremden sehen zu lassen pflegen, beschränkte meinen Aufenthalt auf ein paar Tage, und hoffte, da die Holländischen Städte dich alle etwas gleichförmiges haben, mich in Amsterdam schadlos zu halten. Da jetzt keinem Fremden die Schiffswerften und die Zeug- und Vorrathshäuser der hiesigen Admiralität von der Maas zu sehen erlaubt war, so brachte ich einen Tag mit einem allgemeinen Besuchen und Herumgehen in der Stadt, und den zweiten zum Theil in einigen Gemälde- und Kunstsammlungen zu. Die Stadt ist sehr enge zusammen und in allgemeinen Holländischen Geschmack schön gebauet; sie ist mit vielen und breiten Canälen durchschnitten, an denen die aufgemauerten Ufer oder Quais zum Theil mit Bäumen bepflanzt sind. Auf diesen durch die beträchtliche Ebbe und Fluth sehr sauber gehaltenen Canälen liegen die Schiffe in der ganzen Stadt umher; doch grösstentheils nur solche, womit der Handel auf der Maas und dem Rhein betrieben wird. Die auf der Maas stehende, von Erz gegossene Bildsäule des Erasmus Roterdamus erregt doch, wenn man sich in die Zeiten dieses verdienstvollen Mannes zurück denkt, und ihn aus seinen Werken nur einigermassen kennt, eine Art Achtung und Verehrung, die man bey so mancher viel grösseren Heldenstatue gar nicht fühlt. Man weiss es einem Volke Dank, das seine dich mit der damaligen Meinung nicht ganz übereinstimmenden Mitbürger auf solche Weise verehrt; und wenn gleich Bayle, der dem Erasmus sowohl an Witz als ausgebreiteten Kenntnissen weit überlegen, auch in Rotterdam öffentlicher Lehrer war, und dort zuletzt bey seinem Freunde Leers sein Meisterwerk, das bekannte Wörterbuch, beendigte, eine Ehrensäule verdiente, so möchte ich sie doch nicht neben jener gestellt sehn, so manche angenehme Stunde ich ihm auch zu verdanken habe.

Ein grosser Leichenconduct führte mich in die Kirche des heiligen Lorenz, worin ich einen, in reformirten Kirchen sonst ungewöhnlich reichen Aufwand von Marmor und Erz sah, und wo auch an einer grossen Orgel schon seit 15 Jahren gearbeitet wird, die über hunderttausend Fl. kosten soll. Zu allem diesen werden die Kosten grösstentheils von Begräbnissgeldern genommen; denn nach der dortigen unlöblichen Gewohnheit werden oft in einer Woche zwey bis vier Vornehmere in diese Kirche begraben, wo die in mehren Reihen über einander stehenden Leichen die hier ohnedem feuchtere Kirchenluft noch mehr verpesten. Jeder muss den Platz wenigstens mit 40 Fl. bezahlen, und, weil in Holland alles Sehenswürdige taxirt ist, so müssen hier, um die Kirche zu sehen 2 Stüber, und um den Thurm zu besteigen und die Stadt zu übersehen, 6 Stüber gezahlt werden, wozu mir der Küster für seine Erzählung noch ein paar Stüber abfoderte, die er dann auch ehrlich verdient hatte. Da in der tollen Freiheitszeit die Holländer noch ihren lieben Franzosen alles nachmachten, so sollten auch hier einige Grabmäler und Wappen zerstört werden; das geschah aber, wie natürlich, hier mit möglichst kaltem Blute und Bescheidenheit; und wo der brausende Franzmann alles wüthend zerschlug, da begnügte sich der Holländer, nur die Wappen ein bischen zu bekratzen, von denen auch jetzt schon einige wieder hergestellt sind.

Manches, was den Nationalcharacter so recht deutlich malt, habe ich vorzüglich in Rotterdam bemerkt, wo die alte Raçe der hiesigen Sumpfbewohner überhaupt noch reiner, als in andern mehr von Fremden besuchten Holländischen Orten erhalten zu seyn scheint. Alle Menschen haben ein so fettes, wohlgenährtes, biederes Ansehen. Alle Weiber scheinen nur eine und dieselbe Familienphysiognomie und recht gesunde Säfte zu haben; selbst die jüngsten Mädchen der geringeren Klassen tragen sich noch wie vor 200 Jahren, und so, wie Einer nur geheirathet hat, so sucht er die volle Hausvaters Ehre mit der dicken Nationalperucke in einem dazu passenden, weiten, reich beknöpften Rocke zu completiren. Die reichen Schiffer, Vorsteher von Gilden und Kaufleute von altem Schrot und Korn, tragen ganz unbändige Perucken, an welchen ich bis 56 dicke Locken gezählt habe, und ihre Weiber so viel Zeug am Leibe, womit man zehn andere hinlänglich kleiden könnte. Welcher Contrast zwischen einer solchen wohlhabenden Rotterdamerin gegen jene zum Davonfliegen gekleideten Französischen Weiber! Auch was man auf der Strasse in den Galanterie- und dergleichen Buden sieht, ist Alles in einem eigenen Geschmack zusammen gestellt; statt jener seinen Pariser Goldwaren findet man hier in einigen Buden zwar wohl eben so viel Gold und Silber; aber alles in Schnüren von dicken goldenen Bohnen, und lauter Waaren, gleich denen, wovon weiland das goldene Kalb zusammen gebracht seyn mag. Vor allen fielen mir die Pferde auf, womit hier die Waaren auf Schlitten und kleinen Wagen in den Strassen transportirt werden. Es sind ganz fett gemästete grosse Friesländer, die, um in das glatte Pflaster von Ziegelsteinen eingreifen zu können, auf zwey Zoll hohen platten Stelzen gehen, und dann langsam und weise, recht zuverlässig zu treten, und damit sie moje proper sind, wird ihnen alle Morgen, auch bey schmutzigem Wetter, wohl zwey Mal im Tage ein reines weisses Stück Leinewand mit Bändern unters Kissen, und eins unter den Brustriemen gebunden, wozu eine zahlreiche Garderobe gehalten wird. Ueberhaupt wird die bekannte Holländische Reinlichkeit und das ewige Wischen und Waschen hier noch am weitesten getrieben. Die in den grossen Häusern anderer Holländischen Städte jetzt ziemlich verbannten Quispedoortjes oder kleinen Speitöpfe, sind hier noch im vollen Gange; und man hat es den Franzosen gar nicht vergeben können, dass sie diese Pöttchen nicht haben gesellschaftlich gebrauchen wollen, und dagegen die hier in allen guten Zimmern liegenden smyrnaischen Fussdecken auf eine unverzeihliche Weise beschmutzt haben.

Von Rotterdam kann man nun ganz Holland sehr bequem und äusserst wohlfeil in den bekannten Treckschuiten bereisen. Wenn man sich früh genug darum bemühet, so erhält man, für einige Stüber mehr, das kleine Kämmerchen, den Ruf, und damit die Bequemlichkeit allein zu seyn und Gelegenheit, unterweges wie an seinem eigenen Tische lesen und schreiben zu können, wenn einen sonst nichts interessirt. Vierzehn dergleichen Schuite gehen t glich von Rotterdam nach dem Haag ab. Da ich von einer weiten Reise kam, so hatte ich zu viel Gepäcke bey mir, dessen Fortschaffen von einer Barke zur andern und nach den Wirthshäusern, mehr als dreyfach die übrigen Reisekosten beträgt. Ich fuhr Nachmittags von Rotterdam ab.


Von Reisende.

Therese Huber.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[8]

[1809]
RtSA Rotterdam

Ich wollte, ihr sähet Rotterdam. Wenn die Menschenwerke so konsequent groß sind, daß ihr Anblick an den Götterfunken mahnt, der sie erschuf, so machen sie einen sehr schönen Eindruck. Diese Stadt ist für den Handel geschaffen -- das sagt der erste Blick, und alle nähere Betrachtungen bestätigen es, Die breite Kanäle, allenthalben mit Quadersteinen eingefaßt, sind in vielen Straßen mit hohen Bäumen bepflanzt, neben denen breite Wege hergehen, und feste, schon gemauerte Häuser umgeben sie. Auf den Kanälen, die des nahen Stromes wegen ein viel bewegteres Wasser haben, als in Amsterdam, liegen unzählige Schiffe aller Nationen, und vor den schönen Häusern erblickt man durch die freundlichen Zweige der Buchen und Linden Dreimaster und Ostindienfahrer, und hört die verschiedensten Zungen reden, auf den wandelnden Wohnungen, die hier auf eine Zeitlang Ansassen geworden scheinen.

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Die Gewohnheit macht, daß man die Schiffe der verschiedenen Nationen sogleich an der Bauart erkennt, und so sieht man heut einen Nachbar fortsegeln, der sein Haus nach Tornea führt, und morgen früh steht vielleicht ein Nachbar, der vor sechs Wochen im Tajo wohnte, und einem andern die Hand bietet, der so eben von dem Völker scheidenden Rheinstrom anlangte. Was ist dieses Menschenvereinen für eine schöne Seite des Handels! -- Daß dieser Trieb beides so grausam in sich verbinden muß, dieses Aufsuchen der fernsten Nationen, weil die Natur ihre Güter weise über den Erdball vertheilte, und das starre Vereinzeln, weil der Eigennutz allein am mehrsten zu besitzen wähnt.

Wenn dieser Anblick in dem jetzigen unglücklichen Augenblick, wo aller Handel gelähmt ist, so reich und mannichfaltig ist, was muß er erst in ruhigen Zeiten seyn? besonders der des Hafens. Die Maas ist hier ein breites majestätisches Gewässer, das die schwersten Schiffe in die Kanäle einführt -- der Hafen von Amsterdam erlaubt das bekanntlich nicht, sie müssen an dem Pampus erleichtert werden, weil er zu seicht ist, geladene Schiffe zu tragen. -- Die gegenüber liegenden Ufer haben nichts ausgezeichnetes, sie sind meist mit Buschwerk geziert, aber so niedrig, daß sie nur die Thurmspitzen der nahgelegenen Orte zeigen; doch das Leben nah um mich her machte das Ferne verschwinden. Es wehte ein bitter kalter Nordost, bei dem dennoch viele Fahrzeuge den Strom heran, meistens in den Hafen einsegelten. Die Schnelligkeit der Bewegung, die Gewalt, mit welcher das Wasser an den Kiel hinauf gepeitscht ward, die Kunst, mit der das Steuerruder die Strömung zu gewinnen weiß, und das mächtige Element überlistend, schnell ihm zum Trotz unter den Schutz des Steindammes einläuft -- das ist ein herrlicher Anblick! -- und wie neugierig der müßige Zuschauer nun die Ankömmlinge mustert, wie erwartend der Geschäfts- und Handelsmann an den Quai tritt, und in seiner Kunstsprache Nachrichten einsammelt -- natürlich sah ich jetzt nur Fahrzeuge, welche den Fluß herab kamen, wie muß das Schauspiel nicht an Interesse gewinnen, wenn das Meer offen ist. Ich sah ein Schiff anlanden, das Reisende nebst ihren Reisewagen führte, und beobachtete mit Vergnügen, mit welcher Leichtigkeit der Wagen aus dem Schiff heraus gewunden ward, auf die Anfahrt. Dieses Geschäft kostete nicht die mindeste Anstrengung, er hob sich, und stand auf dem Quai, der doch wohl an die 7 oder 8 Fuß höher, wie das Verdeck des Schiffes war, so sanft, daß ich ganz sorglos darin sitzen bleiben würde, wenn ich auf diese Weise in Rotterdam ankäm. Zwischen den vielen Fahrzeugen mit zwei und drei Segeln, die den Strom herab fuhren, lavirten auch einige gegen den Wind, um an das entgegengesetzte Ufer zu gelangen -- der Anblick ist drückend; es scheint bei jeder Wendung als würf die Welle das Schiff weiter zurück, wie es vorgedrungen ist -- es ward mir Bild des Lebens, ich sah mit banger Seele dahin. Einen Augenblick fangen die Segel den Wind auf, die Barke rückt in einer ängstlich gesenkten Richtung schnell fort -- dann wendet sie sich, die Segel fallen muthlos zusammen, sie flattern zitternd in dem Winde, der Strom treibt das Fahrzeug im Kreise -- und mit mühseliger Arbeit gibt ihm der Steuermann die Richtung wieder, mit der es fortkämpfen kann, gegen die Stürme des Himmels.


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Zwischen den schwankenden Schiffen und den schwellenden hohen Segeln kreuzten dann wieder mit unglaublicher Schnelligkeit kleine Kähne, auf denen nur ein Mann mit zwei Rudern arbeitend, Wasser und Wind zu spotten schien. Der Mensch scheint mit dem Kahne eins zu seyn, und machte mirs recht lebhaft, wie die Mährchen von den Seejungfern und Seemännern entstanden seyn müssen -- denn denken wir uns noch kleinere Fahrzeug, so müssen sie von Menschen, die den Anblick dieser schnellen Bewegungen nicht gewohnt sind, wie Fischschwänze, und das Ganze wie Meerungeheuer, beschrieben worden seyn.

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Links von dem Hafen ist das Schiffswerft und das Arsenal -- ein schönes etwas hochliegendes Gebäude, daneben die Stückgießerei. -- Es war ein Schiff von vier und neunzig Kanonen auf dem Stapel, das hier viel ungeheurer aussah, wie die, welche ich in Amsterdam in der Arbeit begriffen sah. Dort öffnet sich das Ufer gegen das weite unabsehlige Y. Dort war das Schiff schon in See gelassen, und obschon am Ufer befestigt, hatte es doch hinter und vor sich einen so weiten Raum, daß kein Vergleichspunkt seine Größe beurtheilen ließ. Hier ist das Wasserbecken, woran die Docke liegt, beschränkt, das nahe Arsenal mit seinem ernsten hohen Gemäuer, die umliegende Gebäude alle, deren Höhe und Größe zu messen auch des Binnenländers Auge gewohnt ist, geben uns einen Begriff von der Größe des Schiffes, wenn es in seiner ganzen Höhe auf dem Ufer liegt. Das Werk kam mir jetzt riesenmäßig vor. Es war bis auf das obere Verdeck vollendet, hatte also seine ganze Höhe -- ein Schlagregen, den wir diesen Morgen schon gehabt hatten, hatte dieses ungeheure Holzgebäude dunkel gefärbt, und in seiner schrägen Stellung gegen das Bassin, sah es von der nächsten Kanalsbrücke wie ein Theil des Arsenals aus, der durch ein Erdbeben abgerissen, und gegen die Tiefe gesenkt wäre. Die Anzahl neugegossener Kanonen, die hier in langen Reihen bis auf eine weite Strecke neben einander lagen, schien mir unzählbar. Lavetten, Tauwerk, Anker waren aufgehäuft auf beiden Seiten, daß ich mich wie in ein Labyrinth in den Zwischenräumen verlohr, und wohl begriff, daß das Kriegsschiff, was vorige Woche neugebaut die Maas herabsegelte, und das, was jetzt seiner Vollendung nahe war, so wie ein drittes, das so eben auf die Docke gebracht wurde, diese Vorräthe kaum anbräche, vielweniger verminderte. Wenn wir Binnenländer von unsern sparsamen schläfrigen Flußfahrten hierher kommen, fangen wir an, die jetzige Niedergeschlagenheit der seehandelnden Nationen zu begreifen. -- Die vielen hundert Fahrzeuge, die jetzt hier vor Anker liegen, sind gezwungen, da sie hätten in Friedenszeiten schon vielmals mit andern Hunderten abgewechselt -- welche Stockung muß dieses durch alle Gewerbe verbreiten! Diese schmerzliche Betrachtung führt dann wieder zur erfreulichen von den Hülfsquellen, die einem kultivirten, durch Gesetze geregelten Volke zu Gebote stehen. Ohne Zweifel verarmen die Menschen, allein sie warten doch, und im Warten entstehen wieder Mittel zum warten. Denken wir uns einen Hafen oder Handelsort der Levante unter ähnlichem Drucke -- was würde aus so einer Stadt und ihren Bewohnern? Wohl mag die Verarmung manchen hier demoralisiren, aber die Beschränkung belebt auch aufs neue manches sittliche Gute, und der Charakter dieses braven Volks, so wie die Züge, die ich aufsammelte, müsten mich trügen, oder dem grössern Theil der Holländer entstehen aus ihrer unglücklichen Lage noch die sittlichen Vortheile der Beschränkung. Diese gebiert dann ein Zusammenhalten von Kraft, die in bessern Zeiten den Wohlstand schnell wieder herstellen kann.


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Der lange Quai von Hafen längs der Maas würde der von mit vorgezogene Theil der Stadt seyn. -- Er ist in einer Länge von einer halben Stunde mit lauter schönen Häusern besetzt, von denen einige Palläste genannt werden können, so wie das Haus der ostindischen Compagnie, einige englische Handelshäuser, und eine Synagoge. Die Aussicht auf die Maas ist von nichts beschränkt, denn der Quai ist so breit, daß man aus den Häusern über die Bäume, womit er bepflanzt ist, hinwegsieht, und diese den Fußgänger doch vor dem Winde schützen. Diese Gegend leidet nicht von dem Geräusch, welches die Schifffahrt auf den Kanälen mit sich bringt, sie hat eine herrliche reine Luft, und den Anblick der segelnden Schiffe, die unaufhörlich Strom auf Strom ab gehen. Die Börse ist ebenfalls ein schönes Gebäude von gehauenen Steinen, inwendig mit einer hohen offenen Gallerie, die auf viereckigen Säulen von schönem Ebenmaße ruht. Die Form des Gebäudes ist eben so wie in Amsterdam, aber an Schönheit und Größe der Bauart läßt es die Börse von Amsterdam weit zurück.

RtSA Rotterdam

Ich wanderte kreuz und quer durch die Stadt, und fand mehr Leben und Bewegung hier als in irgend einem Orte, den ich in diesem Lande sah. Die Kaufladen der Obst- und Blumenhändler waren hier nicht so reichlich versehen, noch so schön ausgeschmückt, wie in der Hauptstadt -- dennoch gab mir, in der weit fortgerückten Jahreszeit der Anblick eines großen Platzes voll blühender Stauden eine große Freude. Das Volk ist hier, wie in ganz Holland sehr gut gekleidet, aber die Bettler sind auch hier, so wie in ganz Holland, die zerlumptesten, die ich je sah. Der Anblick ihres Schmutzes und ihrer Blöße hat etwas Schaudervolles, das sie von der übrigen Menschheit auszuschließen scheint. Wenn man bei dem Anblick eines solchen graubleichen Angesichts mit stieren Augen und rauher Stimme denkt, daß dieser Mensch vom Unglück der Zeiten in diese Lage gebracht ward, so blickt man angstvoll zu den Bewohnern der nahen Palläste auf, und sehnt sich in die niedern Hütten des Landmanns, wo die Armuth nie ihre Pfeile in das Gift peinigender Erinnerung an Ueppigkeit taucht.

Auf meinen Wanderungen kam ich auch auf den Platz, wo Erasmus Bildsäule errichtet ist. Dieser Mann in seiner Mönchskutte und den eckigen Hut oder Barett auf dem Haupte, ist kein Gegenstand der plastischen Kunst. Es freut mich, daß sein Andenken geehrt ist, aber an der Erhaltung dieser Gestalt liegt mir wenig.

Man hat bei manchen Kalender-Verbesserungen und Veränderungen, die den Heiligen geweihten Tage auf verschiedene Weise benutzen wollen. Manche Monumente von Menschen, die der Geschichte anhören, sey es der allgemeinen oder eines Volkes, einer Stadt oder Dorfes, haben mich auf den Wunsch gebracht, daß man die alten Namen doch ungestört lassen möchte, aber an ihren Tagen dem Volke etwas von ihren Namensvettern erzählen möchte, die auf die Welt gewirkt haben. -- Der Mordpredigt in Oudewater, die ich im August hörte, könnte zu dieser Meinung führen, wenn ich gleich nicht wünschte, daß sie zum Beispiel diente. Die Moral würde allenthalben leicht zu finden seyn, und der Unterricht, welcher dem Volke dadurch zu Theil würde, könnte sie als Menschen und als Bürger vielleicht inniger verbinden, wie manche der Vorträge, die sie jetzt in den Kirchen vorlesen hören. -- Wie aufmerksam das Volk eine solche aus geschichtlichen Darstellungen gezogne Sitten- und Tugendlehre auffaßt, lehret uns die genaue Bekanntschaft, welche das katholische Volk mit seinen Legenden hat. Wie diese frommen Geschichten zuerst erzählt worden, mußten sie den größten Enthusiasmus bewirken, noch jetzt beruht auf ihnen viel Gutes und Frommes unter unserm Volke -- ließe sich denn dieses Mittel, die Herzen zu bilden, nicht benutzen?

Erasmus würde sich am wenigsten wundern, daß gerade der Anblick seiner Bildsäule diese Ideen in mir erregte. Er wünschte ja auch die sanften Uebergänge, und wollte lieber verbessern, als abschaffen.

Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte zu Landshut. Landshut, bei Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. 1811.
  2. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  3. Lehrbuch der Militär-Geographie von Europa, eine Grundlage bei dem Unterricht in deutschen Kriegsschulen, von A. G. Hahnzog, Divisionsprediger und Lehrer an der Kriegsschule in Magdeburg. Magdeburg, bei Ferdinand Rubach 1820.
  4. Reise nach Holland im Jahre 1790. J. G. A. Kirchhof. Oldenburg, gedruckt und verlegt von Gerhard Stalling. 1792.
  5. Holland und Frankreich, in Briefen geschrieben auf einer Reise von der Niederelbe nach Paris im Jahr 1796 und dem fünften der französischen Republik von Georg Friedrich Rebmann. Paris und Kölln.
  6. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
  7. Bemerkungen auf einer Reise durch die Niederlande nach Paris im eilften Jahre der grossen Republik. 1804.
  8. Bemerkungen über Holland aus dem Reisejournal einer deutschen Frau von Therese H. Leipzig, bei Gerhard Fleischer, dem Jüngern. 1811.
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