Berichte des Staatsministers, Hrn. Von Talleyrand, Prinzen v. Benevent.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sire!
"Bei der ersten Nachricht, welche Ew. Majestät von den kriegerischen Zurüstungen Preußens erhielten, wollten Sie lange nicht daran glauben. Da sie endlich sich gezwungen sahen, daran zu glauben, schrieben Sie dieselben anfangs einem Mißverständniß zu. Sie hofften, dieses Mißverständniß werde sich bald aufklären und jene Zurüstungen sogleich aufhören.
Die Hoffnungen Ewr. Majestät flossen aus Ihrer beständigen Liebe zum Frieden. Sie sind getäuscht worden. Preußen sinnt nun nicht mehr auf Krieg, sondern es hat ihn bereits angefangen; aus welchen Gründen? Ich weiß es nicht, ich kenne nicht einen, den diese Macht heben könnte.
Wenn Preußen irgend eine Ursache zu klagen, irgend eine Beschwerde, irgend einen Grund zu kriegerischen Zurüstungen gehabt hätte, würde es wol so hartnäckig darauf bestanden haben, sie zu verschweigen? Wäre nicht der Minister Ew. Majestät zu Berlin davon unterrichtet worden? Hätte nicht Herr von Knobelsdorff den Auftrag erhalten, sie bekannt zu machen? Herr von Knobelsdorff hingegen hat Ew. Majestät nichts als einen sehr freundschaftlichen Brief des Königs überbracht, und er hat von Ewr. Majestät eben so freundschaftliche Zusicherungen mündlich erhalten. Der Minister Ewr. Majestät zu Berlin sah, daß die Provocationen sich häuften, je mehr Ew. Majestät Mäßigung und Ruhe in Ihrem Betragen äußerten. Allein, wenn er fragte, welches denn Preußens Beschwerden waren, so gab man keine an, man gab ihm keine Erklärung, so daß seine Gegenwart zu Berlin überflüssig geworden war, so daß er nichts mehr als der Zeuge von einem Verfahren und von Maaßregeln war, die der Würde Frankreichs zugegen waren.
Vorausgesetzt, daß abgeschmackte Gerüchte, welche man mit einer unbegreiflichen Leichtgläubigkeit aufgefaßt hatte, dem Preußischen Cabinet unnöthige Besorgnisse eingeflößt haben sollten; so hatten Ew. Majestät, welche alles gethan hatten, um ihnen zuvorzukommen, auch alles gethan, um sie zu zerstreuen.
Vor welcher Gefahr will denn Preußen sich schützen? Weit entfernt, es zu bedrohen, hatte Frankreich ihm beständig die auffallendsten Beweise seiner Freundschaft gegeben. Welchem Opfer will es sich denn entziehen? Ew. Majestät haben nichts von demselben begehrt; über welche Gerechtigkeitsverweigerung hat es sich zu beklagen? Ew. Majestät waren ja geneigt, ihm jede gerechte Sache, die es verlangt hätte, zu bewilligen; aber es hat nichts begehrt, weil es nichts zu begehren hatte. Hat etwa die Existenz des Rheinischen Bundes, oder die Einrichtung, die im mittäglichen Deutschland statt hatte, Preußen bewogen, die Waffen zu ergreifen? Dies kann man nicht einmal vermuthen. Der Berliner Hof hat erklärt, daß er gegen diese Einrichtung nichts einzuwenden habe. Er hat den Rheinischen Bund erkannt. Er hat gesucht, in einen ähnlichen Bund die benachbarten Staaten mit ihm zu vereinigen. Ew. Majestät haben zwar erklärt, daß die Hansestädte sollten unabhängig und isolirt bleiben; auch haben sie erklärt, daß ebenfalls die übrigen Staaten des nördlichen Deutschlands die Freiheit haben sollten, bloß ihre Politik und ihre Convenienz zu Rathe zu ziehen; aber diese auf die Gerechtigkeit und das allgemeine Interesse Europens gegründeten Declarationen können Preußen keinen Beweggrund zum Kriege, ja nicht einmal einen Vorwand geben, den es eingestehen kann; der Krieg ist also von Seiten Preußens ohne irgend einen reellen Beweggrund.
Und doch haben die Preußischen Armeen ihre Gränzen überschritten, sind in Sachsen eingerückt, bedrohen das Gebiet des Rheinischen Bundes, für dessen Unverletzbarkeit Ew. Majestät Bürge sind. Selbst die Truppen Ew. Majestät sind bedroht. Kaum waren die Preußischen vor unsern Vorposten angekommen, so thaten sie den Kriegsdienst. Sie haben die Französischen Officieren den Eintritt in Sachsen verweigert und der Krieg wurde angefangen, ohne daß der Berliner Hof zu erkennen gab, was er für Ursachen zum Mißvergnügen haben könnte, ohne daß er Mittel zur Aussöhnung versucht, ohne daß er irgend etwas gethan habe, um einen Bruch zu vermeiden.
Ein so hartnäckiges, so wenig natürliches, so unbegreifliches Stillschweigen auf der einen, und auf der andern Seite eine nicht minder unbegreifliche Eilfertigkeit beweisen hinlänglich, daß man auch nicht einmal einen scheinbaren Beweggrund in den aufsuchen muß, was bloß das Resultat einer bejammernswürdigen Intrigue ist.
Zwei Partheien, wovon die eine den Krieg, die andre den Frieden will, theilen Preußen schon lange. Die erstere, deren Versuche beständig waren vereitelt worden, sah endlich ein, daß es ihr nur durch Ränke gelingen könnte, hatte seitdem nur einen Gedanken, ein Vorhaben, einen Zweck, nämlich Mißtrauen zu erregen, Maaßregeln als nothwendig vorzuschlagen, welche Frankreich nöthigen mußten, ähnliche Maaßregeln zu ergreifen, dann jede Erklärung zu entfernen, zu verhindern, daß beide Regierungen sich wechselseitig verständigten, und sie in eine solche Stellung zu versetzen, daß der Krieg eine unvermeidliche Folge davon seyn mußte; ein unglückseliges Project, das aber mit einem Erfolg ausgeführt worden ist, den seine Urheber selbst einmal genöthigt seyn können, schrecklich zu nennen. Nein, der gegenwärtige Krieg hat keine andre Ursache, es existirt keine andre, als jene blinden Leidenschaften, die so viele Cabinette irre geführt haben, vor welchen Preußen sich lange gehütet hat, aber von welchen die Vorsehung, wie es scheint, es verdammt hat, ebenfalls ein Schlachtopfer zu werden, indem sie es den Rathschlägen derjenigen überließ, die das Elend des Kriegs für nichts rechnen, weil sie keinen Antheil an den Gefahren desselben nehmen und immer bereit sind, ihrem Ehrgeiz, ihrer Furcht, ihren Vorurtheilen, ihren Schwachheiten, die Ruhe und das Glück der Völker, aufzuopfern.
Wenn jedoch diese Leidenschaften nicht die einzigen Triebfedern des Berliner Cabinets sind, und wenn irgend ein Beweggrund persönlichen Interesses es zu den Waffen hat ergreifen lassen, so ist es unleugbar und einzig das Verlangen, Sachsen und die Hansestädte zu unterjochen und die Hindernisse zu entfernen oder zu übersteigen, die die Erklärung Ew. Majestät, jenes Cabinet befürchten ließe, in der Ausführung eines solchen Vorhabens anzutreffen. Dann wird der Krieg, wie sehr es auch Ew. Majestät bedauerten, daß Sie ihm nicht vorbeugen konnten, Ihnen wenigstens eine Ihrer würdige Aussicht darbieten, weil Sie, indem Sie die Rechte und das Interesse Ihrer Völker vertheidigen, vor einer ungerechten Herrschaft Staaten schützen werden, deren Unabhängigkeit nicht nur für Frankreich und seine Bundesgenossen, sondern auch für ganz Europa wichtig ist.
Mainz, den 3ten Oct. 1806.
(Unterz.) Ch. Maur. Talleyrand,
Prinz von Benevent.


Quellen und Literatur.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Hamburg in der Hoffmannschen Buchhandlung. Jahrgang 1806.
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