Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Biographien.[]

(1799) Charakteristische Lebensgemälde unserer denkwürdigsten Zeitgenossen. Herausgegeben von Julius Gustav Meißner. Zweiter Band. Wien, 1800.

(1811) Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811.

(1812) Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Für das Jahr 1812. Leipzig.


Selim der III.[]

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Die ottomannische Pforte scheint endlich aus ihrem langen politischen Schlummer erwacht zu seyn. Sie ist mit einem ihrer Hauptgegner in die engste Verbindung getreten -- ein Phänomen am politischen Nord-Horizont, das Erstaunen erregte. Wer ist also der Mann, der itzt auf dem türkischen Kaiserthron sitzt?

British Library.

Sultan Selim der III., ist der Aelteste unter den Nachkommen Osmans, der im Jahr 1299 die fünfte Dynastie der Chalifen stiftete, ward im Jahr 1761 geboren. Als sein Vater, Mustafa der III., im Jahre 1775 starb, war er erst fünfzehn Jahre alt. Sein Oheim, Abdul Hamit, folgte auf dem Throne; denn die Türken wollten weder einem Kinde, noch von einem Weibe beherrscht werden. Abdul Hamit war 49 Jahre alt, als er zur Regierung gelangte. Während der fünfzehnjährigen Regierung seines Bruders war er, der Politik des Serails gemäß, in einem Gefängniß verwahrt worden. In seiner Einsamkeit hatte er sich auf Wissenschaften gelegt: sein Charakter war sanft und gutmüthig; über die Vorurtheile und Sitten seines Hofes erhaben, ließ er seinen Neffen Selim unter seinen Augen aufziehen, und leitete diese Erziehung nach den Grundsätzen eines zärtlichen Vaters. Sultan Mustafa und Sultan Mahmud, Abdul Hamits Söhne, sind itzt die einzigen Thronerben, beide noch minderjährig. Der regierende Kaiser beweist sich an ihnen dankbar für die Sorgfalt, die ihr Vater ihm dankbar für die Sorgfalt, die ihr Vater ihm selbst erzeigte. Sie werden mit vieler Achtung behandelt; jeder von ihnen hat seine abgesonderten Zimmer, sechzig Personen zur Bedienung, und ungefähr 50,000 Gulden Einkünfte. Die guten Moslemim, die etwa die Erlöschung ihres Kaiserhauses besorgen könnten, trösten sich mit der Weissagung der Sterndeuter, daß Sultan Selim der III. von seinem 40. Jahre an eine zahlreiche Nachkommenschaft erhalten werde.

Selim der III., welcher im Jahre 1789 den ottomannischen Thron bestieg, ist ein schöner Mann. Seine Gesichtszüge sind regelmässig und voll Ausdruck, er besitzt vielen natürlichen Verstand und eine durchdringende Urtheilskraft. Er kennt den Charakter und das Interesse der europäischen Fürsten ziemlich genau, und bestrebt sich, seine Unterthanen von den wichtigsten Vorzügen der europäischen Politik und Kriegskunst zu überzeugen. Aber schwerlich hat er Festigkeit und Thätigkeit genug, um eine Reform in den Meinungen einer Nazion zu bewirken, die nur durch eine gänzliche Revoluzion umgeschmolzen werden kann. Peter der I. erwartete nicht von der Thätigkeit seiner Minister die Ausführung seiner grossen Plane.

Selims Neugierde nach den politischen Angelegenheiten Europens ward in seinen Unterredungen mit Rachib Effendi, dem kaiserlichen Historiographen, der nach dem letzten Kriege als Gesandter zu Wien gewesen war, rege gemacht. Seine Vertraute benützten nun seine einmal geweckte Neugierde, um ihm bei jeder Gelegenheit nähere Kenntnisse von den Staatsangelegenheiten Europens beizubringen.

Seine ersten Versuche, die innere Einrichtung zu verbessern, betrafen die Landmacht und das Seewesen. Man hat Forts am Bosphorus erbaut, und Regimenter auf europäische Art disziplinirt, dazu wurden französische Offiziere gebraucht. Die Flotte ist auf einen dauerhaften Fuß gebracht worden. Die Schiffe werden unter Aufsicht europäischer Schiffsbaumeister gebaut, und man hat sogar zur Benennung der Schiffe und im Seedienst französische Ausdrücke eingeführt. Im Anfang dieses Jahrhunderts konnte die Pforte 32 Linienschiffe, 34 Galeeren und einige Brigantinen auslaufen lassen. Itzt besteht die türkische Seemacht nur in 14 Linienschiffen, 6 Fregaten, und 50 Kriegsschaluppen.

Zwey wichtige Verbesserungen in den türkischen Staaten könnten den jetzigen Kaiser unsterblich machen: die Verbesserung der Heerstrassen, die in einem jämmerlichen Zustande sind, und die Anlegung regelmäßiger Posten, um die Kommunikazion entfernter Provinzen zu erleichtern. Im letzten Kriege erfuhr der Minister oft erst nach mehreren Wochen den Verlust oder die Räumung wichtiger Plätze.

Die Tendenz der itzt herrschenden Systems ist, die ehemals unbegränzte Gewalt des Großveziers in gewisse Schranken einzuengen, und seinen Einfluß mehr abhängig zu machen. Schon itzt ist der Vezier blosses Mitglied des Staatsraths, indem der Kaiser selbst sich der Geschäfte annimmt, und sich das Gutachten mehrerer Personen vortragen läßt. Der vor kurzer Zeit entsetzte Großvezier Izzed Mohamed Pascha war ein Greis ohne Kraft und Thätigkeit. Alles vereinigte sich demnach, um die Veziers in blosse Maschinen zn verwandeln.

Den stärksten Einfluß bei Hofe haben gegenwärtig Yussuff Aga Kiayah, welcher Oberhofmeister der Sultanin Mutter ist, die an Staatssachen einen so bedeutenden Antheil hat; dann der schon erwähnte Rachib Effendi, der ohne Vergleich der geschickteste und einsichtsvollste Minister im Kabinet ist; ferner Tchiusah Kiayah -- oder Verweser des Veziers, der Vorsteher des Finanzwesens ist -- von ihm rührt den Plan der neuen Auflagen her; -- endlich Cheliby Effendi, der die Oberaufsicht über die Vollziehung der Militär-Verordnungen hat. Noch kann man zu Selims Günstlingen den itzigen Kaputan Pascha oder Groß-Admiral rechnen, welcher Kuchak Hessim heißt, und die einzige Tochter des verstorbenen Sultans, Abdul Hamit, geheirathet hat. Er war ursprünglich ein Georgischer Sklave und Gesellschafter des itzigen Kaisers in seinen Kinderjahren.

Noch will ich meine Leser auf zwei Begebenheiten aufmerksam machen, die die Lebensgeschichte Selims des III. denkwürdig machen werden. Die Empörung des kühnen Paßwan Oglu in Widdin dauerte viele Monate hindurch, bis die Pforte diesen Rebellen zum Gehorsam zurückbringen konnte. Er trotzte mit 16,000 Mann lange Zeit einer grossen gegen ihn versammelten Macht, und hatte die großherrliche Armee einigemal mit vielem Verluste zurückgeschlagen. Und erst im Februar 1799 haben diese gefährlichen Widdiner Unruhen, durch die dem Rebellen-Anführer, Paßwan Oglu, und seinem Anhange, von dem Großherrn ertheilte vollkommene Verzeihung, ihr gewünschtes Ende erreicht. -- Paßwan Oglu ist ein Mann von 30 bis 40 Jahren, ohne Cultur und von einfach strengen Sitten, ist ein Grieche von Geburt, und hat die mahometanische Religion nur, als ein Werkzeug zur bessern Realisirung seiner Empörungsabsichten, angenommen.

Während nun der Divan die größte Energie zur Dämpfung dieser bedenklichen Unruhen anzuwenden suchte, landete Bonaparte mitten im Frieden und unter vielen Freundschaftsversicherungen gewaltsam in Egypten, und überfiel mit bewaffneter Macht dieß dem türkischen Scepter unterwürfige Land. Das ottomannische Reich gerieth deswegen nach einer siebenjährigen Friedensruhe mit Frankreich in Krieg -- mit einer Macht, welche unter der vormaligen königlichen Regierung ihr beständiger treuer Alliirter war. Den 12. September 1798 wurde von Seiten der ottomanischen Pforte der französischen Republik der Krieg förmlich erkläret, und allen in Constantinopel anwesenden fremden Ministern eine Kopie ihres, die Veranlassung und Beweggründe dieser Kriegserklärung enthaltenden Manifestes mitgetheilt.

Der bisherige Großvezier Mohamed Pascha wurde nach der Insel Chio im Archipelagus verwiesen, und an seine Stelle Yussuff Pascha, welcher bisher Gouverneur zu Erzerum am Euphrat war, ernannt. Bis aber wegen seiner weiten Entfernung der neue Großvezier eintreffen konnte, ward Mustapha Bey, als Kaimakan angestellt, welcher als Feind der Franzosen bekannt ist. Yussuff Pascha soll einige militärische Kenntnisse besitzen.

Der Geschäftsträger der Französischen Republik, Citoyen Ruffin und alle zu der französischen Gesandtschaft gehörigen Personen sind in das Gefängniß der sieben Thürme gebracht, alle in Smyrna ansäßigen Franzosen daselbst eingekerkert, und der französische Consul Jean Bon St. Andre, mit den Archiven des Consulats ist nach Constantinopel abgeführt worden. Auch wurden alle übrigen französischen Consuls in den türkischen Staaten gefangen genommen.

In Constantinopel wehte die Blutfahne, und in allen Provinzen des grossen türkischen Reichs ergingen heftige Manifeste und Aufforderungen, an alle streitbare Muselmänner, im Namen des Propheten die gerechte Sache der Pforte zu vertheidigen. Zugleich befahl ein großherrlicher Firman allen türkischen Paschen und Befehlshabern, die Häfen für alle französische Kriegs- und Kauffahrteischiffe zu sperren, sie mit Artilleriefeuer abzuhalten, und alle französische Schiffe und Güter mit Sequestrazion zu belegen.

Die Pforte trift noch immer die furchtbaresten Kriegsanstalten, versammelt eine grosse Truppenmacht, und läßt unermeßliche grosse Magazine von Lebensmittel anhäufen, deren Ausfuhr durch ein Verbot gehemmt wurde. Ein gleicher Eifer belebt auch die Arbeiten auf den Schiffswerften und im Arsenale, zur baldigen Ausrüstung einer ansehnlichen Seemacht, die unter dem Oberbefehle des Kaputan-Pascha die Sicherheit im mittelländischen Meere beschützen soll. Inzwischen hatte sich den 20. September 1798 vor den sieben Thürmen bei Constantinopel eine russische und türkische Flotte vereinigt, ging nach dem Archipelagus unter Segel, und hat bereits die venezianisch-französischen Inseln Corfu, Zante und Zephalonien erobert und in Besitz genommen.

Im Februar dieses Jahrs wurde eine Triple-Allianz zwischen Rußland, England und der Pforte geschlossen, nachdem vorher Sir Sidney Smith mit einigen englischen Kriegsschiffen im Januar bei Constantinopel angekommen war. Auch wurden viele englische Offiziere erwartet, die zur Leitung der türkischen Artillerie und Seemacht dienen sollen. Sir Sidney Smith hat inzwischen den Charakter eines großbritanischen Marine-Ministers angenommen, und ist itzt zu derjenigen combinirten Flotte abgegangen, welche die Häfen von Alexandrien blokirt. -- Gegen Bonaparte ist der neue Seraskier, Dzessar Pascha mit einer grossen Heeresmacht beordert, und sind ihm deßhalb die Länder Syrien, Arabien und Egypten untergeordnet worden.

Der allgemeine Haß der Osmannen gegen die Franzosen ist zu einer so hohen Stuffe der Erbitterung gestiegen, daß selbst der holländische Gesandte, als ein Alliirter Frankreichs, Constantinopel zu verlassen Befehl erhielt. Noch nie war aber auch die Pforte durch so vielfältige höhnende Beleidigungen zu kriegerischen Entschlüssen gereitzt worden. Der feindselige französische Angriff auf Egypten war mit andern Anzeigen von geheimen revoluzionairen Aufwieglungen verbunden, die man nunmehr als die Triebfedern der in den verschiedenen Theilen des ottomannischen Reichs ausgebrochenen aufrührischen Bewegungen kennen lernte. Bis itzt erhielt noch die wachsame Aufmerksamkeit der Pforte durch nachdrückliche Vorkehrungen die allgemeine Ruhe; und es wurden mehrere verdächtige hohe Staatsbeamte, unter andern der Kiayah-Bey und selbst der Mufti abgesetzt und entfernt.

Und so vereinigen sich vielfache grosse Ereignisse und seltene Erscheinungen, um die Regierung Selims des III. in der Geschichte auszuzeichnen!


Selim III.[]

[2]
Selim III., Neffe des Sultans Abdul Hamet, geboren den 24. Dezember 1761, ward den 7. Aprill 1789 zum türkischen Kaiser ausgerufen. Die Türkey war damahls in einen gefährlichen Krieg gegen Rußland und Oesterreich verwickelt, und Selim vermehrte sein durch die 2 vorhergehenden Feldzüge geschwächtes Militär mit 150,000 Mann, konnte aber dennoch der vereinigten Gewalt seiner beyden furchtbaren Nachbarn nicht widerstehen. Die Türken wurden zu Wasser und zu Lande von den Generalen Laudon, Koburg, Repnin, Potemkin, Suwarow und Nassau geschlagen. Die Einnahme von Belgrad und Orsowa durch die Oesterreicher, die von Ismael durch Suwarow, wo 15,000 Türken niedergemacht wurden, die von Oczakow durch Potemkin, wo 25,000 Türken umkamen, die Vernichtung der ottomanischen Marine und der tragische Tod der festesten Stütze des türkischen Reichs, des alten Kapitan-Pascha Hassan, dem Selim den Kopf abschlagen ließ, weil er sich von dem Prinzen von Nassau hatte schlagen lassen, waren die Resultate dieses Kriegs, der von England und Preußen erregt, und unter der Vermittelung dieser beyden Mächte, den 4. August 1791 durch den Frieden von Jassy beendigt wurde; Selim, der zu fürchten hatte, aus Europa verjagt zu werden, sah sich zu nichts als zum bestimmten Verlust von Oczakow und dem zwischen dem Bug und Dniester gelegenen Strich Landes verurtheilt. 1794 machte er einen Vertrag mit Rußland, gemäß dessen den russischen Kriegsschiffen, so wie es zeither nur den russischen Kauffahrteyschiffen erlaubt gewesen war, der freye Durchgang durch die Meerenge der Dardanellen verstattet wurde; dieser Vertrag wurde 1805 auf 10 Jahre erneuert. Das französische Direktorium sandte, sobald er eingesetzt war, den General Aubert-Dübayet, als Bothschafter, nach Konstantinopel, der äußerst wohl aufgenommen wurde, und Selim III. sandte seiner Seits, in derselben Eigenschaft, Mehmet Aly-Effendi nach Paris, den man mit großen Freudensbezeigungen empfing. Das beste Einverständniß schien zwischen beyden Staaten zu herrschen, bis die Franzosen 1798 in Egypten einfielen. Mit dem Augenblick ließ die Pforte alle französischen Agenten zu Constantinopel arretiren, und ihr Bothschafter in Paris fiel in Ungnade, weil er seinen Souverain von dieser Expedition nicht unterrichtet hatte; er wagte selbst nicht, nach Constantinopel zurückzukehren, bis die Konsular-Regierung neue bessere Verhältnisse herbeygeführt hatte. Die Eroberung Egyptens durch die Franzosen nöthigte Selim geheime Sache mit den Engländern und den andern gegen Frankreich verbundenen Mächte zu machen. Der Großvezier griff mit 80,000 Mann Egypten an, wo der General Kleber mit kaum 8000 Mann kommandirte, und unterzeichnete den 24. Januar 1800 den Vertrag von El-Arich, nachdem die französische Armee mit Waffen und Bagage sich zurückziehen und nach Frankreich übergeführt werden sollte; da aber der englische Bothschafter bey der Pforte, Sidney-Smith, schrieb, daß seine Regierung diesen Vertrag mißbillige und der englische Admiral Keith verlangte, daß die französische Armee die Waffen strecken und sich zu Kriegsgefangenen ergeben sollte, griffen die Franzosen in ihrer Entrüstung von neuem zu den Waffen, und fochten mit eben so viel Muth als Glück. Der Großvezier wurde bey Heliopolis geschlagen, sein Lager von El-Hanka und das Fort Belbegs genommen und er selbst, zur Flucht durch die Wüste genöthigt, ließ in Salahié alle seine Bagage und eine unermeßliche Beute zurück. Nachdem durch den Vertrag von Amiens Egypten den Türken wieder zugefallen war, sandte Selim einen Gouverneur dahin ab; es dauerte aber nicht lange, so sprach der Aufruhr der Beys der ottomanischen Autorität von neuem Hohn. Unter der Regierung Selims ist die ottomanische Macht um ein beträchtliches geschwächt und in Asien ganz zerstöret worden, durch die Unabhängigkeit der Paschas von Bassora, Bagdad, Alep und St. Jean d'Acre, durch die fürchterliche Empörung der Wachabis; in Europa, durch den Aufruhr und die Unabhängigkeit von Paswan-Oglou, durch die des Czerny-Georges und der Servier; durch die vielfältigen Empörungen auf den andern Punkten der europäischen Türkey, namentlich in Morea; durch die auf einander folgenden Einfälle der Russen in Georgien, den Kaukasus, an den Ufern des Phasus und des schwarzen Meeres. Selim verschloß sein Ohr allen Einladungen Napoleons zur Wiederanknüpfung der ehemaligen Verbindungen zwischen der Pforte und Frankreich. 1803 wurde der General Brüne als Bothschafter nach Constantinopel gesandt, und daselbst mit vieler Auszeichnung empfangen; nachdem er aber einige Schwierigkeiten wegen der Anerkennung Napoleons als Kaiser gefunden, und fruchtlose Gegenvorstellungen über den Durchzug russischer Truppen durch die Meerenge der Dardanellen gemacht hatte, war er genöthigt, nach Frankreich zurückzukehren. Der Friede von Preßburg, von dem der französische Kaiser eiligst eine Kopie an Selim III. schickte, schien wegen des Berührungspunktes beyder Mächte durch Dalmatien, einiges in seiner Politik gegen Frankreich zu ändern, so daß er auch schon im Februar 1806 den Kaiser Napoleon anerkannte. Hierauf erschien der französische Bothschafter Sebastiani an seinem Hofe und brachte durch seine Gewandtheit das Freundschaftsbündniß zwischen der Pforte und Frankreich ganz zur Reife. Dieser verwickelte Selim in einen gedoppelten Krieg, mit Rußland und mit England. Er benutzte daher die Gegenwart des geschickten Generals, um allerhand Reformen durch seine Leitung in dem Militärsystem treffen zu lassen. Die Janitscharen sahen diese Neuerungen mit schelen Augen an, und es bedurfte nur noch eine Veranlassung, so war sein Sturz beschlossen. Das Innere des Serails zu Constantinopel wird als das Allerheiligste betrachtet. es befindet sich darin ein schönes Denkmal des Alterthums, welches noch kein Reisender sah, ein Obelisk, mit der Inschrift: Fortunae reduci ob devictor Gothos, der für Theodosius oder Justinian errichtet war. Selim ertheilte dem französischen Bothschafter Sebastiani die Erlaubniß, mit seinem ganzen zahlreichen Gefolge dieses Kunstwerk im Serail in Augenschein zu nehmen. Dann nahm Selim aus den Soldaten von Nizam Gedid (so nannte man die Militär-Reform) in seine Garde neben die Janitscharen auf. Endlich reitzte er die fanatisch intoleranten Muselmänner noch dadurch, daß er, der Chef des Islamismus, dem General Sebastiani das vom Kaiser Napoleon geschickte Großkreuz der Ehrenlegion selbst umhing. Am 25. May 1807, eben wo sein kluger Rathgeber Sebastiani nach den Dardanellen gereist war, brach daher die Empörung gegen Selim aus, die ihn von dem Throne stürzte und seinen Vetter, Mustapha IV. darauf erhob. Er lebte dann in der Abtheilung des Serails, welche die nicht regierenden Prinzen des osmanischen Kaiser-Stammes bewohnten. Eine Hauptursache der Erbitterung des Volks gegen ihn war auch, daß er in einer 18jährigen Regierung keinen Thronerben gezeugt hatte. Dieß hatte schon oft Anlaß zum Unwillen und zu Verwünschungen unter den Türken gegeben, welche die Vermehrung der Kaiserfamilie gern sehen und immer fürchten, daß der alte Stamm der Osmanen aussterbe. Als aber im July 1808 der tapfere Heerführer Mustapha Bairaktar den Sultan Selim wieder auf den Thron setzen wollte, ließ ihn Mustapha IV. am 28. July ermorden und über die Mauern des Serails werfen, um seine Freunde damit zu schrecken, errichte aber seinen Zweck nicht, sondern wurde selbst abgesetzt, und seinem jüngern Bruder Mahmud die Regierung übergeben.


Die vier neuesten Regenten des osmanischen Reichs.[]

[3]
Selim III.

Selim III., Mustaphas III. Sohn, folgte in der Regierung des Reichs der Osmanen den 7. April 1789 seinen Onkel Abdul-Hamid. Er war zu Anfange des Jahres 1763 geboren, hatte die ersten sechzehn Jahre seines Lebens am Hofe zugebracht, und bloß während der unglücklichen Regierung Adbul-Hamids das Serail bewohnt. Als er den Thron bestieg, glaubten die Türken in ihm einen Befreier zu erblicken. Seit langer Zeit von Monarchen beherrscht, die bloß ihr Gefängniß verließen, um den Thron einzunehmen, die frühe Erziehung ihres neuen Beherrschers werde auf sein Benehmen einen glücklichen Einfluß haben, aber Selim, der alle Eigenschaften besaß, die sein Volk glücklich machen konnten, hatte nicht die Festigkeit, die Gegenwart des Geistes und die Erfahrung, welche die gefährliche Lage des Reichs erforderte.

Gleich im ersten Jahre seiner Thronbesteigung erfochten der General Suwarow und der Prinz von Sachsen-Coburg in Verbindung den 22. September bei Martinestie an dem Rimnek einen glänzenden Sieg über die Türken; die Festungen Bender und Ismael wurden erobert; die ganze Moldau fiel in die Gewalt der Russen; die Oesterreicher bemächtigten sich den 8. October 1789 Belgrads. Den 4. Aug. 1791 wurde zu Szisstowe zwischen Oesterreich und der Pforte der Friede abgeschlossen und der Vertrag zu Jassi machte den 9. Januar 1792 dem Kriege zwischen den Russen und den Türken ein Ende, aber die Erstern behielten das Land zwischen dem Bog und Dniester nebst Otschakow und bekamen für die Moldau und Wallachei Vorrechte, die dem Interesse der Pforte entgegen waren.

Paswan-Oghlu bewies durch seine vielen Siege über die osmanischen Truppen die große Schwäche des türkischen Reichs.

Den 1. Juli 1798 landete die französische Armee in Aegypten, und dies alte Land, das schon an großen Erinnerungen so reich ist, wurde für die Franzosen eine neuer Schauplatz des Ruhmes.

Die Russen, deren Ehrgeiz ihre vorigen Siege immer mehr vergrößert hatten, nahmen Georgien weg; die Servier errangen unter Czerni Georgs Anführung große Vortheile, und die Wechabiten, eine neue in Arabien entstandene Sekte, eroberte die beiden heiligen Städte, Mekka und Medina. Die Moldau und die Wallachei werden wieder von den Russen weggenommen, und Rumli ist den Einfällen der Räuber ausgesetzt.

In diesen äußern Unfällen kommt noch die allgemeine Unzufriedenheit der Ulemas, der Janitscharen und des Volks. Selim, den das Unglück des Reichs in tiefe Betrübniß versetzte, glaubte demselben dadurch abzuhelfen, wenn er in der Regierung und bei den Truppen eine neues System einführte, das zum Theil von jenem der europäischen Regierungen entlehnt war. Dies neue System, dem man den Namen Nizam-Djedyd, d. h. neue Ordnung, neue Regimenter gab, bestand in der Annahme der gegenwärtigen militärischen Einrichtung und Taktik, in Reformen in Betreff der Tymars und in der Einführung neuer Abgaben, welche den Sold der auf europäische Art exercirten Truppen sichern sollten. Selim errichtete die Stelle eines Nizam-Djedyd-Defterdar oder Finanzministers zur Erhebung des Ertrags der neuen Abgaben. Die Marineverwaltung übergab er der Aufsicht des Bahryeh-naziry; dieser Minister ersetzte die Stelle des Intendanten der Admiralität, des Tersaneh-emyny. Endlich errichtete er ein neues Corps regulärer Truppen unter dem Namen Moallem Asker.

So wenig man auch den Charakter der Türken studirt haben mag, so kann man sich doch leicht vorstellen, mit welchen Augen die frommen Muselmänner solche Neuerungen ansahen; in einigen Stücken den Christen ähnlich zu seyn, das war so viel, als alle göttlichen und menschlichen Gesetze übertreten und die Ehre des wahren Gläubigen herabwürdigen. Indessen hätte man doch durch Zeit und Klugheit vielleicht die Hindernisse aus dem Wege geräumt, aber Selim glaubte, daß ihn kräftige Maßregeln bei der Ausführung zum Ziele bringen würden, und sah nur zu spät ein, wie sehr er sich irre. Die Janitscharen, welche die Errichtung einer neuen Miliz aufgebracht hatte, schwuren, sie zu vernichten oder den Monarchen, der sie einführte, zu entthronen. Lange ließen sie es bloß bei reden, geheimen Zusammenkünften und Feueranlegen bewenden, allein endlich brachen sie in offenbaren Aufruhr aus.

Gegen das Ende des Jahres 1806 (den 30. December) hatte die Pforte Rußland den Krieg erklärt; der Großvezier zog zu Felde, und vertrauete die Bewachung der wichtigen Schlösser des schwarzen Meeres einer Besatzung von Janitscharen an, unter denen sich der berüchtigte Cabatschy, der Beförderer der Revolution von 1807, befand. Der Reis-edendy Mahmud erhielt den Auftrag, diese Besatzung zu mustern und für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Selim war der Uneinigkeiten überdrüßig, welche dem Ganzen seiner Entwürfe nachtheilig waren, und beschloß daher, die Janitscharen den neuen Regimentern einzuverleiben. Hätte man zweckmäßige Maßregeln ergriffen, hätte man besonders die Zeit gut benutzt, so hätte man endlich dem Hasse zwischen den beiden Arten von Truppen ein Ende machen können. Als Mahmud der neuen Besatzung den kaiserlichen Befehl vorzeigte, vermöge dessen die die Uniform der neuen Truppen anlegen sollte, brach unter den Janitscharen eine plötzliche gewaltsame Bewegung aus. Der Reis-efendy entzog sich ihrer Wuth durch die Flucht, allein man holte ihn bald ein und ermordete ihn; dies Verbrechen, vor dessen Folgen sich die Janitscharen fürchteten, gab ihnen Veranlassung zu einer Empörung. Sie marschirten nach der Hauptstadt und wollten Selim III. vom Throne stoßen. Als sie den 27. Mai 1807 zu Constantinopel anlangten, stellten sie sich auf dem Atmeïdan auf, und nachdem sie über den Entschluß, den sie nehmen wollten, berathschlagt und ihre Kessel, das gewöhnliche Zeichen einer Empörung, in die Höhe gehoben hatten, rückten sie gegen das Serail vor, wo sie die Thore verschlossen fanden. Sie verlangten den Kopf des Bostandschy-Baschy: aus einer eines Regenten unwürdigen Nachgiebigkeit ließ Selim diesem Unglücklichen den Kopf abschlagen, und dieser war das würdige Geschenk, womit er ihre Wildheit belohnte. Durch den glücklichen Erfolg kühn gemacht, und durch eine Menge Gesindels verstärkt, ließ dieser Trupp seiner Wuth freien Lauf. alle Minister werden ermordet; zugleich kommen der Mufty, der Kaimakan und die Ulemas, die jedesmaligen Organe der stärksten Partei, zusammen, und das Oberhaupt der Religion (der Mufty) thut den Ausspruch, das Selim den Thron nicht länger besitzen könne, weil er bis jetzt keine Kinder gehabt habe, und weil seine Regierung stets unglücklich gewesen sey. Auf diese Erklärung des geheiligten Dollmetschers des Korans steig Selim vom Throne, begab sich ins Gemach der Prinzen vom kaiserlichen Geblüte, und lud seinen Vetter ein, den Thron zu besteigen, indem er ihn bat, ihm das Leben zu lassen.


Genealogische Anzeigen.[]

[1806]

[4]

Gestorben.

Am 16ten October des v. J., die Sultanin Valide, Wittwe des Sultans Mustapha III. und Mutter des jetzigen Kaisers Selim III. im 73sten Jahre ihres Lebens. Sie war eine Georgianerin von Geburt, und in ihrer frühesten Jugend ins Serail gekommen.


Quellen.[]

  1. Charakteristische Lebensgemälde unserer denkwürdigsten Zeitgenossen. Herausgegeben von Julius Gustav Meißner. Zweiter Band. Wien, 1800. Im Verlage bei Anton Doll.
  2. Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.
  3. Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Für das Jahr 1812. Leipzig, in der Expedition der Minerva.
  4. Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1806.
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