Sevilla.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Sevilla,[1] die größte Stadt in Spanien (da Madrid bloß als Residenz der Könige merkwürdiger ist), liegt in Andalusien am Flusse Guadalquivir, und ist die Hauptstadt der nach ihr benannten Provinz. Mit den Vorstädten hat sie einen Umfang von 2 geographischen Meilen, 12 Hauptthore, 32 Pfarrkirchen, 95 Klöster, und ungefähr 70,000 Einwohner, da durch die ansteckende Krankheit, welche 1800 hier herrschte, die Menschenzahl sehr verringert wurde. Die Stadt ist übrigens schlecht gebauet, hat enge, krumme und nicht gut gepflasterte Straßen. Der Boden ist sehr sumpfig, weßhalb auch viele Häuser auf Pfählen ruhen.

British Library.

Die Kathedralkirche ist die größte in Spanien, und an derselben ist ein Thurm 350 Fuß hoch, der inwendig so gebaut ist, daß man bis zur Spitze hinauf reiten kann. In diesem Thurm hängen 22 Glocken, von denen auch die größte durch einen einzigen Menschen geläutet werden kann. Der hiesige Erzbischof hat 200,000 Ducaten jährlicher Einkünfte. Der königliche Palast Alcassar ist zum Theil von den Mauren, zum Theil später erbauet. Hier errichtete 1478 die Inquisition ihr erstes Tribunal. Das Amphitheater zu den Stiergefechten hat im Innern 240 Fuß im Durchmesser, und ist halb von Quadersteinen, halb von Holz ausgeführt. Die Alameda oder der öffentliche Spatzierplatz, welcher sehr schön ist, hat vier Alleen und sechs Springbrunnen. Die große 1757 errichtete königliche Tabaksfabrik ist vor der Stadt. Es arbeiten täglich 1500 bis 2000 Menschen darin, und 190 Pferde drehen abwechselnd 80 Mühlen. Hier wird aller Rauch- und Schnupftabak, der in Spanien verbraucht wird, verfertigt, und die Fabrik trug eher dem Könige jährlich 12 Millionen Gulden ein. Ihre Anlage und Einrichtung kostete 4½ Millionen Gulden. Die Börse (la Lonja) ist das schönste Gebäude der Stadt. Sie ist aber verschlossen, und dient den Kaufleuten nicht mehr zum Versammlungsorte. Ingleichen ist zu Sevilla eine Universität, und die königliche Schule St. Elmo, worin junge Seeleute erzogen werden; ferner eine Akademie der Wissenschaften, eine Münze, eine Schatzkammer, ein Obergericht (Audiencia real), welches unmittelbar unter dem Rath von Castilien steht. Die Seidenfabrik, obgleich nicht mehr so blühend, wie ehedem, zählt doch noch über 2300 Weberstühle. Die Ausfuhrartikel, außer den angedeuteten, sind: Wolle, Oel, Citronen, Safran aus la Mancha xc. Bis an die Stadt ist für kleinere Fahrzeuge der Gaudalquivir schiffbar. In der Nähe von Sevilla sieht man die Ruinen eines Amphitheaters und einer Stadt, die man für das alte Italica hält, und die jetzt gewöhnlich Alt-Sevilla genannt wird.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Christian August Fischer. [2]

Sevilla. Juny 1798.

Sevilla liegt also längs des Flußes in einer vortrefflichen Ebene, und hat an 70,000 Einwohner. Die meisten Straßen sind so eng, daß kein Fuhrwerk durchkommen kann, aber die Häuser im Ganzen gut, und von innen und außen sehr reinlich. Um den jetzigen Mangel der Laternen zu ersetzen, und des Luftzuges halber, pflegt man im Sommer die Hausthüren zu öffnen, die in gerader Linie auf die offenen erleuchteten Hinterzimmer stoßen, im Winter aber werden Laternen aufgesteckt. Die Wohlfeilheit des Öls scheint eine gute Erleuchtung zur Gewohnheit gemacht zu haben.

Überhaupt findet man in Sevilla den ersten vortheilhaften Eindruck von Andalusien vollkommen bestätigt, und bemerkt in allen, auch den unbedeutendsten Dingen, einen gewissen Wohlstand und eine gewisse Reinlichkeit. So haben die Wasserverkäufer entweder eigene Stände, die mit grünen Zweigen, Citronen und Orangen aufgeputzt sind, oder sie fahren schöngeformte Krüge von gelben Thon auf dazu eingerichteten Schubkarren herum. Um die großen geschliffenen Kelchgläser bequemer füllen zu können, sind an jedem Kruge zwey Röhren von Rohe angebracht, wovon die eine die Luft hineinläßt, damit das Wasser desto schneller durch die andere herausfließe, was man z. B. nicht einmal bey ihren Collegen in Madrid findet. Übrigens tragen diese Aguadores noch eine blecherne Schachtel mit überzuckertem Anis am Gürtel, wovon sie jedem ihrer Gäste ein kleines Löffelchen geben, ohne für ihr Wasser mehr als eine Ochavo zu fordern. -- Diese unbedeutenden Züge beweisen vielleicht mein obiges Urtheil desto einleuchtender.

Sevilla hat vor allen spanischen Städten gleicher Größe den Vorzug der Wohlfeilheit. Ich habe hier schon frühe Weintrauben, Feigen und Melonen gefunden, und das Pfund für wenige Pfennige gekauft *). Das Sevillanische Brot ist noch weißer und leichter als das von Madrid; es vereinigt alle Vortheile der spanischen und französischen Bäckerey, und das Pfund kostet 7 - 10 Pf. sächs. Der weiße und rothe Wein ist vortrefflich, und das nößel für 7 Pf. sächs. zu haben; die Miethen sind so niedrig, daß man ein gutes Zimmer monatlich für drey Piaster erhält; und so die übrigen Preise der Dinge verhältnißmäßig. Sevilla würde nach meinen Urtheile der angenehmste und wohlfeilste Aufenthalt für einen Fremdem seyn, der erst die Sprache lernen wollte. Zwar hat der andalusische Accent einige Fehler, z. B. die zu starke Aussprache des S (Cecear), aber die Menge wohlunterrichteter Einwohner und die übrigen Annehmlichkeiten von Sevilla wiegen das leicht auf.

*) Der Marktplatz, der ganz mit Tüchern überspannt ist, die Brot- und Fleischhallen in der Stadt und Vorstadt, sind selbst des Abends noch überflüßig angefüllt.

Dahin gehören auch die guten Spaziergänge, theils in der Stadt, theils längs des Flusses. Ersterer bestehet aus fünf langen schattigen Ulmenalleen, die durch kleine Kanäle gewässert werden, Springbrunnen und steinerne Bänke haben, und an jedem Ende mit zwey hohen Obelisken verziert sind. Die Erleuchtung der Häuser, die an beiden Seiten hinlaufen, macht diesen starkbesuchten Spazierplatz auch des Abends sehr angenehm.

Aber auch die Alleen längs des Quadalquivir, Triana gegenüber, sind nicht weniger reizend. Der Fluß ist oberhalb der Stadt sehr seicht und voller Sandbänke, doch hier können schon Schiffe von 80 bis 100 Tonnen ankern, die aber freylich seit dem Kriege mit England so wenig als die noch größern ankommen. In diesen Alleen reiten die Damen auf den raschesten Hengsten mit ihren Cortejos, indem sie sich fest an sie anhalten. Hier jagen die Elegants mit ihren spanisch-englischen Whiskys, bey den langsamen Equipagen reicher Domherren vorbey; hier versammeln sich die Schönen, um die Seeluft einzuathmen, oder die Badenden zu sehen, die sich ohne Badehemden, ohne Verbot, und ohne Scheu in den Fluß stürzen; und hier verhüllt die Dämmerung jene schlüpfrigen Scenen, welche ein feuriges Temperament und ein brennendes Clima bey beiden Geschlechtern entschuldigen, da sie dem schwächern sogar den Muth des Angriffes einflößen.

Sie finden in frühern Werken die Merkwürdigkeiten und den Handel von Sevilla umständlich beschrieben. In Ansehung der Tabaksfabrike will ich nur den durchdringenden Geruch bemerken, der sich bey gewissen Richtungen des Windes über eine halbe Legua verbreitet. Übrigens ist die Fabrike, gleich einer Festung, mit Mauern und Gräben umgeben, und hat zwey Zugbrücken, wovon nur eine zum gewöhnlichen Eingange dienet. Von Handelsschiffen sieht man jetzt nichts, als kleine portugiesische Küstenfahrer, welche die englischen Caper passiren lassen. So erhält man einige amerikanische Waaren, besonders Tabak, der in größern Schiffen nach Lissabon gebracht, und dann als portugiesisches Eigenthum wieder sicher hierher geführt wird.

Für Liebhaber der spanischen Literatur welche die Geschichte dieser merkwürdigen Stadt studiren wollen, wird folgendes Werk sehr brauchbar seyn: Anales de la Ciudad de Sevilla. IV. Tomos. 1796 und 1797. Madrid bey Alonso, Calle de la Concepcion Gerónima. Mit der Geschichte der Stadt ist ein Gemählde der wichtigsten Unternehmungen der Nation, von der Mitte des 15ten bis zu Ende des 17ten Jahrhunderts, verbunden.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Reise von Amsterdam über Madrid und Cadiz nach Genua in den Jahren 1797 und 1798. Von Christian August Fischer. Nebst einem Anhange über das Reisen in Spanien. Berlin, bey Johann Friedrich Unger. 1799.
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