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Von Reisende.Bearbeiten

J. Moore.

Diesen Morgen ging ich durch die Kirche des heiligen Ludwigs am Louvre. Man sagte mir, sie werde jetzt von einer protestantischen Gemeinde besucht, so gestellt ich mich zu ihr.

Eine protestantische Gemeinde Gott nach der Weise ihrer Glaubenslehre anbeten zu sehen, in einer Römisch-Catholischen Kirche, auf der nämlichen Stäte, wo das Gemetzel der Bluthochzeit begann, und in der Nachbarschaft des Fensters, aus welchem Carl der Neunte, mit eigner Hand, auf seine protestantischen Unterthanen feuerte, war nicht die geringste der Merkwürdigkeiten, die mir seit meiner Anwesenheit in Frankreich auffiel.

Der ursprüngliche Nahme dieser Kirche war: zum heiligen Thomas am Louvre, und noch schmückt sie ein Gemälde vom Marterthum des heiligen Thomas, Erzbischofs von Canterbury. Das baufällig gewordene Dach ward im Jahr 1740 erneuert, und seitdem erhielt die Kirche ihren neuen Nahmen vom heiligen Ludwig, ich weiß nicht warum. Vielleicht glaubte man, der alte bringe Unglück. Der Heilige, von dem er genommen war, und drei Präbendarien erschlug der Einsturz des Daches, im Jahr 1739.

Die Hauptzierde dieser Kirche ist das Todesdenkmal des Kardinals Fleury. Er ist vorgestellt, wie er in der Armen der Religion seinen Geist aufgiebt. Ludwig XV ließ dieses prächtige Grabmahl, seinem alten Erzieher und Premierminister zu Ehren, aufrichten. Aber wie der Kosten mehr wurden, ward die Zuneigung des Monarchen weniger, und kühlte sich so völlig ab, ehe das Werk zu Ende ging, daß es vielleicht nie fertig geworden wäre, wenn der Herzog von Fleury und andre Verwandten des Verstorbenen, keine Gelder dazu hergeschossen, und die Künstler aufgemuntert hätten. So vollendete Eitelkeit, was Dankbarkeit angefangen hatte. Ich möchte nicht gern hinzusetzen, daß jene gewöhnlich der mächtigste Bewegungsgrund ist, Ausgaben dieser Art zu veranlassen: wer sich aber darüber belehren will, frage Bildhauer und Mahler, von wem sie am meisten verdienen.

Als ich in die Kirche trat, fand ich eine zahlreiche, achtungswürdige, andächtige Versammlung in derselben.

Der Prediger entsprach seinen Zuhörern. Ich erkundigte mich nach seinem Nahmen, den es mir leid thut, vergessen zu haben. Seine Predigt war vortreflich, und er hielt sie sehr schön. Etwas mehr bewegt' er die Hände, als unsre englischen Geistlichen zu thun pflegen, doch schien er frei von aller Ziererei. Er sprach von dem wohlwollenden Geist des Christenthums, und trug seine Vorschriften mit einer Wärme vor, die, wie ich denke, aus dem Herzen kam. Seit der Revolution ward ein Gebet voller Vaterlandsliebe in den Kirchen eingeführt. Es bezieht sich auf jene Begebenheit, ist rührend und gut geschrieben. Dies war das einzige, was der Prediger ablas. Vor dem 10ten August, waren der König und die Königliche Familie darin eingeschlossen; jetzt wurden sie auf Befehl der Gewalthaber ausgelassen, und dieses einzige gefiel mir an dem Gottesdienst nicht.

Aber gerade der Umstand, daß man sie wegließ, mußte die Zuhörer an sie erinnern: und wer den wahren Sinn der Predigt begriff, die so eben gehalten war, der, bin ich überzeugt, bat zu Gott in seiner Seele, sich der unglücklichen Familie zu erbarmen.

An einer Mauerstelle dieser Kirche, wo sonst ein Heiliger stand, steht jetzt folgende Inschrift:

Le devoir d'un citoyen:
Adorer -- -- Dieu.
Respecter -- -- la Nation.
Obeir -- -- a la Loi.
Paix avec surveillance.
Liberté sans licence.
Egalité sans indécence.
C'est la véritable science.

Dichterverdienst haben diese Reime blutwenig. Könnten sie aber bewirken, was der zweite verlangt, so wäre Frankreich gut daran. Nur sollte bei dergleichen Machwerk keiner Science gedacht werden, die auch wahrscheinlich nur durch ihre unbändige Verwandtin Indécence herbei geschleppt ist.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Dr. Johann Moore's Tagebuch während eines Aufenthalts in Frankreich, vom Anfange des August bis Mitte Decembers 1792. Nebst einer Erzählung der merkwürdigsten Pariser Ereignisse von diesem Zeitpunkt an, bis auf den Tod des letztverstorbenen Königs von Frankreich. Aus dem Englischen übersetzt. Berlin, 1794. in der Vossischen Buchhandlung.
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