Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Straßburg.[]

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Straßburg, eine große und wohlbefestigte Stadt im Niederelsaß, und ehemals die Hauptstadt der ganzen Provinz, jetzt die Hauptstadt im französischen Departement des Niederrheins, wo die kleinen Flüsse Ill und Breusche zusammenfließen. Die größte Länge beträgt 1400 und die Breite 1030 Toisen. Straßen hat die Stadt 200, Häuser gegen 4000. Bis 1681 gehörte sie als freie Reichsstadt zu Deutschland, damals mußte sie sich aber der französischen Hoheit unterwerfen, welcher sie durch den ryswicker Frieden (1697) auf immer überlassen wurde. Die Straßen der Stadt sind unregelmäßig, und besonders schöne Gebäude sind wenig. Desto beträchtlicher sind die Festungswerke um Straßburg bis zu der fast an den Rhein reichenden Fortification der Citadelle, welcher ein regelmäßiges Fünfeck ausmacht, und von Vauban 1682 angelegt wurde. Der Wall hat sehr schöne, jetzt aber in Verfall gerathene Spaziergänge. Doch ist die Hauptpromenade, die Ruprechtsau, unbeschädigt geblieben. Für die Garnison, welche in Friedenszeiten wenigstens 6000 Mann ausmacht, sind Casernen vorhanden. Vor der Revolution wurde die Einwohnerzahl ohne das Militär auf 50,000 geschätzt; 1807 waren 49,902. Die Bürgerschaft besteht aus Lutheranern und Catholiken. Die letztern haben hier seit 1801 wieder einen Bischof, zu dessen Sprengel die Departements vom Ober- und Niederrhein gehören, und der unter dem Erzbischof von Besançon steht. Die bischöfliche Kathedralkirche oder der Münster (s. d.) mit seinem hohen Thurm ist bewundernswürdig. In der Kirche selbst ist ein großes Orgelwerk, welches 39 Register und 2242 Pfeifen hat. Den prachtvollen Ornat, die Meßgewande, Altartücher und großen silbernen Leuchter hat die Revolution hinweggenommen. Der Thurm ist die höchste Pyramide in der Welt, mit Ausschluß der größten in Aegypten, welche 30 Fuß höher ist. Ihm nähert sich nur die Kuppel der St. Peterskirche in Rom und der St. Stephansthurm in Wien. Er hat 725 Stufen bis in die Krone. Man hat von da herrliche Aussichten. Das Uhrwerk des Münsters, welches drei Habrecht, Vater, Sohn und Enkel nach der Zeichnung des Mathematikers Conrad Dasypodius verfertigten, wird mit Recht für ein Meisterstück gehalten. Außerdem sind merkwürdig: der ehemalige bischöfliche Palast (jetzt das Gemeinhaus), das Collegium der vormaligen Jesuiten, mit seiner Bibliothek, verschiedene Klöster, das königl. Münzhaus, das Zeughaus die wichtige Kanonengießerei, das Rathhaus, das wohleingerichtete Bürgerarmenhaus, und mehrere andere öffentliche Gebäude. Unter den Plätzen dieser Stadt zeichnet sich der große Paradeplatz aus, wo der Freiheitsbaum stand. In Straßburg war eine, besonders für junge Aerzte, vortrefflich eingerichtete Universität, die anfangs (1538) ein Gymnasium, von 1566 eine Akademie war, und 1621 als Universität eingeweiht wurde. Zur Zeit der Revolution ging sie zu Grunde, und an ihre Stelle trat eine Centralschule. Den 19ten Jun. 1803 wurde die Akademie der Protestanten wieder hergestellt, und soll zufolge des Decrets zwei Facultäten, eine juristische und eine philosophische, wie auch zehn Professoren haben. Den Catholiken dient das neu errichtete Lyceum zur Bildung, und für die Aerzte ist eine der fünf großen Arzneischulen (école de médicine) Frankreichs hier angelegt. Das Lyceum führt den Titel Akademie. Die Bibliothek, welche an Büchern, die im 15ten Jahrhundert gedruckt sind, sehr reich ist, und alle Dienstage, Donnerstage und Sonnabende geöffnet wird, der medicinische Garten und das anatomische Theater sind sehr merkwürdig. Die vier ältesten Professoren besaßen Canonicate an der St. Thomaskirche, welcher letztern das herrliche Grabmahl des Marschalls Moritz, Grafen von Sachsen, zur Zierde gereicht. Der 1771 verstorbene berühmte Geschichtsschreiber Schöpflin hat seine kostbare Bibliothek nebst dem Antiken- und Münzcabinet der Stadt zum öffentlichen Gebrauche geschenkt. Hierzu kam 1783 die silbermannsche Sammlung von Schriften, die sich auf die Alterthümer und die Geschichte der Stadt Straßburg und des Elsaß beziehen. Die Handlung ist sehr blühend. man verführt Safflor, Anis, rheinischen Branntwein, Wein, Weinstein, Pottasche, Hanf, Krapp und viele hiesige Fabrikate, Galanteriewaaren, wollene Decken, Barchent, schöne Stickereien, Spitzen, Tücher u. s. f. Das wichtigste Landesproduct, welches in der Stadt verarbeitet wird, ist der Tabak. Vor der Revolution zählte man über 100 Fabriken, vorzüglich von Schnupf- aber auch Rauchtabak, welche 80,000 Centner Blätter gebrauchten, und 10,000 Menschen beschäftigten. 1811 waren noch 45 Fabriken übrig. Auch die straßburger Wagenfabriken zeichnen sich durch Güte und Schönheit ihrer Kutschen aus. Die Zahl der Catholiken, welche 1687 kaum zwei Familien ausmachten, verhielt sich 1779 zu den Protestanten wie 22 zu 19. Doch ist zu merken, daß die Stadt, seit sie keine Reichsstadt mehr ist, um die Hälfte mehr Einwohner bekommen hat. Die Catholiken haben sechs Pfarrkirchen mit Einschluß der Münsters oder der Domkirche. Die Lutheraner haben sieben, und die Reformirten hielten ihren Gottesdienst in dem Dorfe Wolfisheim, 1½ Stunden von der Stadt, zum Theil auch zu Bischweiler im Zweibrückschen. Die Gegend um Straßburg ist fruchtbar und sehr sorgfältig angebauet, mit schönen Gärten, Landhäusern und Dörfern angefüllt, unter denen sich Schillitheim, Bischheim u. a. auszeichnen. Straßburg war 1815 eine der ersten Städte, die sich wieder für Napoleon Bonaparte erklärten.


Militairische Karte von der Festung Strasburg des Feste Kehl, und von den umliegenden Gegenden..



Von Reisende.[]

Christian Ulrich Detlev von Eggers.

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[1798]

Diese Erinnerungen der Vergangenheit wurden mir alle wieder gegenwärtig, als ich von Kehl aus mich den Festungswerken von Strasburg näherte. Man erblickt den Strasburger Münster erst kurz vor Kehl, weil es allmählig immer etwas bergab dem Rhein zu geht. Der Boden ist hier allenthalben etwas sumpfig. Hart an das Fort von Kehl stößt die große Rheinbrücke, über welche man nach Strasburg fährt. Es sind eigentlich zwei Brücken, die große und die kleine, die zusammen 1300 Schritte lang sind. Jene hat 51 Joch, diese 14. Zwischen beiden ist eine Insel, deren Länge fast eine Viertelstunde beträgt. An dem jenseitigen Ufer sieht man noch Ueberbleibsel von zwei Forts, welche ehedem die Brücke schützten; sie wurden aber nach dem Friedensschluß von Baden zerstört.

Gleich bei der Brücke liegt das Zollhaus. Der Zoll ist ungefähr noch so, wie Kaiser Maximilian I. ihn festsetzte. An sich ist er nicht stark, aber die Einkünfte sind gleichwohl sehr beträchtlich.

Die Citadelle bleibt rechts nahe liegen. Das Glacis geht bis an den Rhein. Sie soll eines von Vaubans Meisterstücken seyn. Es ist ein regelmäßiges Fünfeck, das aus fünf Bastionen besteht und eben so vielen halben Monden. Die Bastion nach der Rheinseite wird noch durch ein großes Hornwerk gedeckt, an dessen Spitze wieder durch einen halben Mond, und einen Graben mit Wasser, in den man vermittelst einer Schleuse alles Wasser der Ill lassen kann. Der bedeckte Gang, den auch ein eigener Graben umgiebt, hängt zusammen mit dem bedeckten Gang der Stadt: eben so der Graben auf beiden Seiten jenseits des Glacis. An der Spitze des Hornwerks sind wieder drei Redouten, die unter sich eine Art Kronwerk ausmachen. Sie werden eingeschlossen von einem Graben und einem bedeckten Gang, dessen Glacis, wie ich sagte, sich bis an den Rhein erstreckt. Man fieng den Bau im Jahre 1682 an. Im folgenden Jahre ward seine Vollendung durch eine Denkmünze gefeiert. *)

*) Die Inschrift ist: clausa germanis gallia, und unten: Argentorati arces ad Rhenum.

Diese Citadelle schützt die Stadt gegen Osten. Außer ihr hat die Stadt noch zwey kleine Forts, eins an dem weißen Thor, und eins an dem Steinthor. Die drei anderen Seiten werden alle durch starke Bastionen, tiefe und breite Graben, bedeckte Gänge und beträchtliche Außenwerke vertheidigt. Die westliche hat überdieß Halbemonden und Contrescarpen von Mauerwerk; die nördliche ein großes Hornwerk ganz von Mauer. Auch kann man das Feld um die Stadt gegen Norden und Süden auf eine Strecke von 1500 Toisen unter Wasser setzen, vermittelst einer großen Schleuse am Einfluß der Ill in die Stadt.

Ohne eben auf militärische Kenntnisse Anspruch zu machen, scheint mir doch die Festung in Vergleich mit andern, vorzüglich stark zu seyn. Man spricht auch in Strasburg selbst von einer Eroberung fast als von einer Unmöglichkeit, vorausgesetzt, daß die Stadt die zahlreiche Besatzung und alle Kriegsbedürfnisse habe, die zu ihrer Vertheidigung nöthig sind. Und dieser wichtige Platz ward den Oesterreichern, so zu sagen, Preis gegeben, ohne daß sie den günstigen Augenblick genutzt hätten.

Ich hätte gerne meinen Weg durch die Citadelle genommen. Man sagte mir, daß dieß gewöhnlich zugelassen würde; aber jetzt schien es mir angemessener, um keine besondere Erlaubniß anzusuchen. Ich fuhr also durch die Allee zur linken Hand, und sah von der Citadelle nichts weiter, als die Wälle der Außenwerke.

Am Thor ward ich unerwartet aufgehalten. Mein Paß war in Kehl nicht von dem Kommandanten visirt. Ich hielt dieß um so weniger für nöthig, da der Paß von der französischen Gesandtschaft in Rastadt ausgestellt war. Aber für dießmal belehrte mich meine Erfahrung, daß die republikanische Genauigkeit auch der Diplomatie keine Ausnahmen zugesteht. Das soll mir für die Zukunft zur Regel dienen, an jedem Orte, wo ich einen Posten sehe, mich zu erkundigen, ob man auch die Pässe vorzeigen müsse. Es ist doch weit besser, einen Vier und Zwanziger überflüssig auszugeben, als sich unnöthiger Weise Stundenlang aufhalten zu lassen. Vielleicht galt es auch bei diesem Aufenthalt eigentlich nur dem Vier und Zwanziger, oder vielmehr der Piece de vingt sols. Der wachthabende Offizier belehrte mich sehr artig über meine Unterlassungssünde; er sparte auch mir den Rückweg, indem er einen Mann von der Wache zu dem Commandanten von Kehl sandte. Aber als ich diesem bei seiner Zurückkunft die Münze verstohlen in die Hand drückte, glaubte ich zu bemerken, daß er seinen Gang selbst für unnütze Formalität ansah.

Der Weg von dem Thor nach dem Hotel de l'Esprit, wo ich mich einlogirte, war nicht lang. Gassen und Häuser gefielen mir sehr. Beide hatte ein reinliches, heiteres Ansehen. Die Häuser hatten im Vergleich mit denen von Rastadt einen Charakter von Größe und Festigkeit, der mir jetzt desto lieber war, weil er mir auf gewissen Weise das Andenken von Kopenhagen zurückrief.


Église cathédrale de Strasbourg.


Von Reisende.[]

Dr. Johann Friedrich Droysen.

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[1801]

Strasburg ist nichts weniger als schön gebaut, nur einzelne Plätze und freye, breite Gassen geben ihm hin und wieder ein gefälliges Ansehen. Die starke Garnison macht es lebhaft, denn sonst herrscht auch hier die Klage des Mangels an Verkehr und Reisenden, die alle das linke Rheinufer scheuen. -- Vom Münster und dessen himmlischen Aussicht sage ich Ihnen nichts; das Innere hat sehr gelitten, und oben hat man mit Lebensgefahr, statt des Kreuzes eine Jacobinermütze aufgesetzt. -- Man gibt seine Höhe nach den letzten Messungen zu 490 Strasburger Fuß an. -- Ein elendes Französisches Schauspiel wechselte mit einem mittelmäßigen Deutschen, das von hier nach Paris gehen wollte, ab; der Schauplatz war, da das Schauspielhaus abgebrannt ist, klein, armselig und schmutzig. –

Das Monument des Marechal de Saxe von Pagelli in der Thomaskirche ist ganz erhalten worden; daß die Kirche ein Magazin war, schützte es, da man es verdeckt hatte. Es ist von weißem Marmor, der Held steigt mit Muth in dem ihm von Tode, der hier als verhülltes Knochengerippe dargestellt wird, geöffneten Sarkophag, und das weinende Frankreich sucht vergebens ihn zurück zu halten. Links liegen die zerbrochenen feindlichen Fahnen, der geschlagene Löwe, Tiger und Adler, und rechts steht der weinende Genius mit umgekehrter Fackel neben der flatternden Fahne Frankreichs. In dieser Kirche, so wie in den übrigen wurde an der Wiederherstellung der Sitze, Kanzeln u. s. w. gearbeitet, und in den meisten Messe gelesen. –

Die schöne Promenade vor der Stadt, der ehemahls so genannte Contact, war mit Gras bewachsen und unbesucht. -- Vor drey Tagen hatte man den Grundstein zu Moreaus Denkmahl auf denselben gelegt, und ihm den Nahmen Hohenlinden gegeben.

Durch die Bekanntschaft des Prof. der Physik an der Central-Schule des Dep. du bas Rhin erhielt ich folgende Nachrichten über den Zustand der Universität und der Central-Schule. -- Die Universität besteht noch, durch ein eignes Gesetz ist ihr Daseyn befestigt; da aber die meisten Einkünfte derselben in Zehnden bestanden, so sind sie außerordentlich geschmälert, doch haben sie noch einige Einkünfte gerettet. Die meisten Lehrer derselben sind zugleich Lehrer der Central-Schule und haben als solche 4000 Fr. Gehalt, welches aber nicht allemahl ganz richtig bezahlt wird. -- Die Sternwarte liegt auf dem Thore und ist nicht von Bedeutung, eine gute Uhr, ein kleiner beweglicher Quadrant und einige Fernröhre machen das Ganze aus. Für das physikalische Cabinett ist ein guter Anfang durch die Sammlung aus dem Jesuiter-Collegium gemacht, die vermehrt werden soll, -- welches aber, da es durch den Präfect erst nach Paris an den Minister berichtet werden muß, schon mehrere Jahre Aufschub leidet. –

In der ersten Section gibt Guerin, Lehrer der Zeichenkunst nach Zeichnungen, Abdrücken und der Natur von 2 - 4 Uhr Unterricht.

Die Naturgeschichte wird von Hamer, ehemahligen Lehrer in Colmar, an des verstorbenen Herrmann Stelle, gelehrt.

Der berühmte Schweighäuser, Lehrer der alten Sprachen, gibt in der Lateinischen und Griechischen Sprache Unterricht, von 9 - 10 und von 10 - 11 Uhr.

In der zweyten Section lehrt der, durch seine Analytik bekannte Arbogast, Arithmetik mit der Systeme des neuen Maßes und Gewichts, Geometrie, Trigonometri, Algebra und Statik, von 8 - 9 Uhr.

Und einen zweyten Cours hält er für diejenigen Eleven, welche schon weitere Fortschritte gemacht haben.

Herrenschneider lehrt Physik und die Anfangsgründe der physischen Chemie nach Brisson, von 11 - 12 Uhr.

In der dritten Section lehrt Escher von 9 - 10 die Französische Grammatik und von 3 - 4 Logik. -- Er lehrt auch die Englische und Deutsche Sprache.

Hullin von 11 - 12 Grammatik und von 2 - 3 Redekunst.

Massenet von 11 - 12 die allgemeine Geschichte, und von 3 - 4 geschichtliche Geographie nach Guthrie.

Goureau politische Oekonomie um 8 Uhr, und an den ungeraden Tagen Criminal-Recht, und um 3 Uhr Moral.

Oberlin Bibliothekär, Bücherkenntniß um 4 Uhr.

Alle Jahr wird von der öffentlichen Unterrichts-Jury der Central-Schule das Verzeichniß der Vorlesungen, welche den 1sten Brumäre anfangen und den 20sten Fructidor enden, durch den Druck bekannt gemacht. Die Zahl der Eleven ist ungefähr 150. -- Alljährlich wird vor dem Examen ein Exercise publique de Physique, Mathematique ect. von den Lehrern entworfen, welches die Hauptgegenstände der abzuhandelnden Materien enthält. –

Die Universität hat, wie gesagt, unglaublich an ihren Einkünften durch den Verlust der Zehnden eingebüßt; dazu kommt noch, daß sämmtliche Stipendien als Schulden der Nation übernommen wurden, von denen ein Drittel in der Zeit der Assignaten mobilisirt ward und das consolidirte zwey Drittel so sehr im Werthe gesunken ist. Bey diesem schwachen Zustande derselben, und dem Mangel an Unterstützung läßt sich erwarten, daß sie wahrscheinlich ganz mit der Central-Schule zusammen fallen werde. –

Wir betraten nach einigen Tagen Ruhe in Strasburg am 30sten September wieder bey Kehl den Deutschen Boden. Aus Furcht für die Confiscation hatten wir nur jeder zwey Carolinen zu uns gesteckt, und für unser übriges Reisegeld Anweisung auf Deutsche Städte genommen, -- um ganz den Gesetzen gemäß zu verfahren. -- Aber der Douane-Bediente glaubte uns auf unser Wort, fand jede Nachsuchung unnöthig und entließ uns mit der größten Höflichkeit. -- Auf eine der Rheininseln zwischen Strasburg und Kehl steht Desaix Denkmahl, es war aber noch nicht vollendet, mit Holz bekleidet, und eine Schildwache verhinderte uns, unsere Neugierde zu befriedigen. –

Wir gingen über die Schiffbrücke, denn von der großen Brücke standen nur noch die Trümmer und Pfeiler, über den Rhein, und betraten in Kehl, das jetzt nur noch aus einzelnen Häusern besteht, den Deutschen Boden.


Von Reisende...[]

Franz Xaver Rigel.

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[1808]
Strasburg.

Hier wurden wir gemustert. Der Revüeninspector war mit uns sehr zufrieden, da unsere Organisation der Französischen so ziemlich nahe kam. Während er mit uns sich beschäftigte, befriedigte das zusammengeströmte Volk seine Neugier, uns von allen Seiten begaffend. Seit mehr als einem Jahrhundert waren wir die ersten Teutschen, die mit fliegenden Fahnen durch die Thore dieser hochumwallten Grenzfeste einzogen; also daß nur unsere gefangenen Landsleute man sonst hier zu sehen gewöhnt war. -- Nach den freundlichen Blicken der Bürger versprachen wir, uns eine bessere Aufnahme, als sie uns wirklich wurde. Die Bewirthung konnte mit derjenigen, deren die Franzosen als Freunde bei uns genossen, nicht verglichen werden. Gastfreiheit schien nicht die hervorstehende Tugend der Strasburger zu seyn, und so wenig glänzend auch unsere Tafel war, so wies man uns doch noch schlechtere Zimmer an; mit den Betten konnten wir indeß zufrieden seyn.

Ich kann mich hier einer kleinen Characteristik dieser unserer Grenznachbarn nicht enthalten. Die Strasburger gehören gewisser Maßen zu dem Geschlechte der Hermaphroditen; sie sind weder Teutsche noch Franzosen, daher ihre Sprache ein Gemisch von beiden ist. Bei ihren Teutschen Nachbarn äffen sie die Franzosen nach, und bei diesen rühmen sie sich, Elsasser zu seyn.

Die Kathedralkirche oder das Münster ist ein Werk seltener Größe und verewigt seine Erbauer, Erwin, gebürtig von Steinbach im Großherzogthum Baden, und dessen Sohn, Johann. Im Thurme zählt man bis zur Krone 725 Stufen; er wird für den höchsten in der Welt gehalten, und ist nur um 30 Fuß niedriger, als die größte Pyramide in Aegypten *). Auf der Plateforme findet man eine Art Schenke, und der Telegraph auf einem anstoßenden Gebäude spricht für das erhabene Genie des Menschen zu Erfindungen. Unter andern Merkwürdigkeiten zeichnet sich das Monument des Marschalls, Grafen von Sachsen, in der Thomaskirche sehr vortheilhaft aus, so wie das Gemeindehaus, das Rathhaus, das Münzhaus, das Bürgerhospital, das Arsenal, die wichtige Stückgießerei, die Bibliothek (reich an Druckschriften des 15. Jahrhunderts), das Schöpflinische Antiken- und Münzcabinett, und die Silbermann'sche Sammlung von Schriften, die sich auf die Altherthümer und die Geschichte der Stadt Strasburg und des Elsasses beziehen.

*) Auf einer Denkmünze steht folgende Inschrift: La cathédrale fût commencée l' an 1015, et achevée par Wernher 1275, la tour fût commencée 1277, et achevée par Steinbach (sollte heißen: par Ervin, natif de Steinbach) 1439; sa hauteur porte 436 pieds.

Seit 1681 ist Frankreich im Besitze dieser so reichen, ehemals Teutschen freien Reichsstadt; sie wurde im tiefen Frieden in Besitz genommen, ohne daß ein Tropfen Bluts vergossen worden wäre. Der Ryswicker Friedensschluß bestätigte 1697 dieses widerrechtliche Verfahren der Krone Frankreich, und seit 1682 stieg durch Vauban zwischen Kehl und Strasburg die furchtbare Cittadelle in Gestalt eines regelmäßigen Fünfecks empor, welche, trotzend den unbewachten Teutschen Ufern, diese Stadt in Verbindung mit ihren übrigen Fortificationen zum Range der ersten Festungen erhebt.

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Scenen in Straßburg.[]

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[1815]

Die Auflösung der französischen Armee veranlaßte mehrere Scenen, von der wohl die, welche in Straßburg sich ereignete, die merkwürdigste ist.

Man beschäftigte sich eben mit der wichtigen Frage, von der Verabschiedung der Truppen, die ehestens Statt haben sollte Um nicht ohne Geld nach Haus zu kommen, erwarteten die Offiziere und Soldaten die Bezahlung ihres rückständigen Soldes. Am 2ten September 1815, früh begaben sich die Offiziere insgesammt zum Obergeneral, und von da zu dem Gouverneur, und erhielten die Gewißheit, daß kein Geld zu diesem Zwecke vorhanden sey. Die Unteroffiziere thun denselben Schritt beym Obergeneral, und erhalten dieselbe Antwort, berathen sich unter einander, und gehen in ihre Kasernen. Die ganze Truppe greift zum Gewehr, und erkennt den ältesten Sergeanten im Dienste, Nahmens Delouzi, aus dem südlichen Frankreich, vom 7-leichten Infanterie Regimente als ihren Chef an. Auf seinen Befehl wurden starke Pikete an alle Stadtthore, an das Zeughaus, so wie vor die Häuser des Generaleinnehmers und Zahlers der Division gestellt. Der königliche Pallast, wo der Obergeneral wohnt, wird umringt. Kanonen, Haubitzen mit ihren Pulverwagen werden auf den Paradeplatz geführt, der einem Lager gleich sah, und Nachts durch Feuertöpfe erleuchtet wurde. Sechs geladene Kanonen mit brennenden Lunten, wurden vor dem Pallaste aufgepflanzt. Alle Befehle wurden im Nahmen der Garnison gegeben. Die Soldaten erklärten wiederhohlt, sie hätten nichts gegen die Einwohner, und wüßten wohl, daß selbige schon Opfer gebracht, um ihre Vertheidiger zu entschädigen; dennoch drangen sie auf ihre Bezahlung, und versicherten, daß sie nur unter dieser Bedingung ihre Gewehre niederlegen würden. Man schwebte natürlich in großen Besorgnissen. . . Da die Kassen des Einnehmers und Zahlers nicht versehen waren, mußten also die Einwohner zu Hülfe kommen. Die Munizipalität versammelte sich, schreibt eine Vertheilung aus, vor Mittag zahlbar, bey Strafe der Execution.

In 24 Stunden war die nöthige Summe, beyläufig 700,000 Franken, beysammen. Die Auszahlung fieng sogleich an, und am 4. Vormittags war sie geendet. Die Garnison erklärte, sie sey zufrieden, die Kanonen und alle Posten würden zurückgezogen, die Thore und alle Kommunikationen wieder geöffnet, und die Stadt kam aus ihrer grausamen Lage, ohne daß ein Tropfen Blut vergossen worden war. Der einzige Kutscher des General Rapp, der in den Pallast zurückfuhr, und einen Knaben unvorsichtiger Weise verwundet hatte, wurde erbärmlich mißhandelt, und starb am andern Tage an seinen Wunden. Die Garnison betheuerte immer, sie sey dem Könige unterworfen, und als sie von dem Paradeplatz abzog, um in ihre Kasernen zurückzukehren, ließ sie die weiße Fahne, unter dem tausendfachem Rufe: "es lebe der König, es leben die Straßburger!" wehen. Die Verabschiedung ging mit größter Ruhe von Statten, und auf dem Glacis der Festung, wo die Soldaten von ihren Offizieren Abschied nahmen, fielen rührende Auftritte vor.

Der k. k. General Herr von Volkmann, welcher am Paradeplatze wohnte, erhielt von der Garnison sogleich eine Schutzwache. Herr von Volkmann zeigte übrigens bey diesem Ereigniß, ganz die seinem Stande gebührende Würde und Kaltblütigkeit. Man erzählt, daß der Insurgentenanführer Beauzis, sich in Person zu ihm verfügte, und Vorschläge zu einer Unterhandlung mit dem Fürsten von Hohenzollern machte, worauf ihn Herr von Volkmann fragte: "Seit wann wohl ein österreichischer General mit einem französischen Sergeanten unterhandle? und ihm trocken die Thüre wies.


Quellen.[]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Bemerkungen auf einer Reise durch das südliche Deutschland, den Elsaß und die Schweiz in den Jahren 1798 und 1799 von C. U. D. von Eggers, königlich-dänischem Legationsrath und Deputirten im Finanz-Collegio. Kopenhagen, 1801. Bei Christian Georg Prost.
  3. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
  4. Der siebenjährige Kampf auf der Pyrenäischen Halbinsel vom Jahre 1807 bis 1814; besonders meine eigenen Erfahrungen in diesem Kriege nebst Bemerkungen über das Spanische Volk und Land. Von Fr. Xav. Rigel, Großherzoglich-Badischem Hauptmann, des Carl-Friederich-Militär-Verdienst- und des Kaiserlich-Russischen St. Wladimir-Ordens Ritter. Rastatt 1819. Auf Kosten des Verfassers und bei ihm selbst.
  5. Rückblicke auf die neuesten Ereignisse unserer Zeit. Bruchstücke politischen, historischen und statistischen Inhalts, für gebildete Leser. Gesammelt von J. W. Arndt. Pesth, 1816. Bey Joseph Müller, Buchhändler.
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