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PanoramaTorino 1 BNW


Von Reisende.Bearbeiten

[1]
Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg

Turin, den 30sten October 1791.

Zu den schönsten Orten Italiens, also Europens, gehört gewiß die Höhe, auf welcher, zwei kleine Stunden von Turin, die Kirche la Superga gebauet worden. Diese Höhe beherrschet die ganze Ebne von Piemont, bis dahin wo Alpen und Apenninen ihr Gränze setzen.

Die Kirche, welche auf dem Berge steht, ward im Jahre 1706, als die Franzosen Turin belagerten, vom Könige Victor Amadeus dem Zweiten der heiligen Jungfrau gelobet, wofern es ihm gelingen würde die Stadt zu entsetzen. Es gelang ihm mit Hülfe es großen Eugenius, welcher kaiserliche, und des Fürsten von Anhalt, welcher preußischer Völker anführte.

Mit der Kirche hanget das große Gebäude zusammen, in welchem nur zwölf Domherren wohnen, die auf der gelobten Stiftung unterhalten werden. Das Ganze hat ein auffallendes Ansehen von Pracht und von Größe. Die Hohe Kirche ist mit einer runden Kuppel gedeckt, zu deren beiden Seiten zwei kleinere Thürme sich erheben. Vor dem Eingang ist ein herrlicher bedeckter Säulengang. Die Kirche hat inwendig die Gestalt eines griechischen Kreuzes, das heißt, eines Kreuzes, welches nicht länger als breit ist. Die Gemählde schienen mir lange nicht so schön, als die drei bas reliefs über den Altären. Das größte über dem Hauptaltar, stellt den Entsatz von Turin vor. Die heilige Jungfrau schwebt mit dem Kinde über dem Heere, welches von Victor Amadeus und Eugen angeführet wird.

Die Schönheit der nicht gehäuften Verzierungen, die Säle von weißem Marmor von Carara, und von rothem von Piemont, die Höhe der Kuppel, alles das zusammen macht eine große Würkung. Ob, wie man behauptet hat, einige Fehler gegen die Baukunst begangen worden, vermag ich nicht zu entscheiden; aber ein hoher Grad von Schönheit schließt nicht Fehler aus, und dieser ist ganz gewiß bei einem Gebäude erreicht worden, dessen Anblick das Gemüth des Hineintretenden auf eine große und wohlthätige Art einnimmt. Ueber dem innern Eingang der Kirche steht folgende Inschrift:

Virgini genetrici Victor Amadeus Sardiniae Rex bello Gallico vovit, pulsis hostibus exstruxit dedicavitque.

(Der gebärenden Jungfrau im französischen Kriege von Victor Amadeus Sardiniens Könige gelobet; nachdem die Feinde vertrieben worden, erbauet und gewidmet.)

Unter der Kirche ist die Begräbnißgruft der Könige. Die Särge sind schön, mit edlen Verzierungen. Sonderbar ist der Gebrauch, nach welchem allezeit der letztverstorbne König in eine besondre Gruft gelegt wird, also dem folgenden wieder weichen muß. Dieser König scheint den Uebelstand dieser Sitte gefühlt zu haben. Er hat seinem Vater, welcher noch die dem Letztverstorbnen gewidmete Gruft einnimmt, einen schönen Sarg machen lassen, dessen Inschrift mit den Worten anfängt: Sempiternae memoriae et quieti. -- (Ewigen Andenken und ewiger Ruhe gewidmet.)

Die Domherren haben eine trefliche Bibliothek, welche vorzüglich reich an Kirchenvätern, auch mit klassischen Schriftstellern und Werken der Neuern gut versehen ist. Wir begnügten und nicht die große Aussicht von der Terrasse zu sehen, sondern stiegen den schmalen Windelgang hinauf, bis an die enge Oeffnung der höchsten Kuppel, wo wir mit Einem Blicke einen der größten Schauplätze der Natur, Piemonts Ebne, die Windungen des Po, den ganzen schimmernden Kreis der Alpen, mit strahlendem Schnee bedeckt, und eine Kette der Apenninen übersahen. Kein Wölkchen trübte den Horizon. Diese blendende Klarheit der Schneegebürge nahm uns den Blick auf die Kuppel von Mailand, welche man von hieraus zuweilen sehen kann; aber wir sahen schönere und größere Gegenstände rund um uns her. Der Lage nach zu urtheilen, glaubten wir in der großen Alpenreihe den Montblanc zu erkennen, unser Führer wußte uns darüber keine Auskunft zu geben. Daß man diese Schneegebürge hier nicht als entfernte Gränze des Horizons sehe, sondern daß sie als Hauptgegenstand in fruchtbar blendender Nähe einen großen Theil des Horizons einnehmen, bedarf ich dir nicht zu sagen. Unter uns lag Turin, dann Rivoli, viele Städte, Flecken, Dörfer und Schlösser; wie auf einer Landcharte. Alles was Menschenhand hervorbringt, scheint von oben her nur vorgestellt zu sein, nur die Natur steht in ewig jungem Leben da. In ihrer Kraft thürmten sich Gottes Mauern, die Alpen; in seiner Schöne wand sich zwischen lachenden Gefilden der Po.


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[2]
Johann Heinrich Karl Menu

[1803]

Den andern Morgen früh um sieben Uhr ritt ich nach der Soperga, einer schönen Kirche mit ihren Capitelgebäuden, welche auf der spitze eines Berges liegt, und den Namen von demselben angenommen hat. Man cotoyirt drei Viertelstunden lang den Po, und steigt alsdann während einer guten Stunde einen ziemlich jähen aber geebneten Weg den Berg hinan. Auf der obersten Fläche dieses Berges stand ehedem nur eine der Mutter Gottes geweihte Kapelle. Als aber im Jahre 1706 die Franzosen unter dem Herzoge von Orleans Turin bereits drei Monate belagerten, und es Victor Amadeus dem Zweiten gelang, seine Armee mit der des Prinzen Eugen zu vereinigen, und sie so bis auf funfzigtausend Mann zu verstärken, da gelobte er, eine schöne Kirche an die Stelle der Kapelle zu erbauen, wenn er die Franzosen schlagen würde. Den Tag vor dem Angriffe bestieg er nämlich diesen Berg, recognoscirte die feindlichen Linien, betete zur Mutter Gottes, erbat sich ihren Beistand und that im Fall eines Sieges obiges Gelübde. Die Mutter Gottes schenkte ihm den Sieg, nöthigte die Franzosen, die Belagerung aufzuheben, ja sogar Italien gänzlich zu räumen, und erhielt die schöne Kirche. Ich sah den Ort, wo die braven Brandenburger unter Anführung Leopolds von Dessau die Linien der Franzosen zuerst erstiegen, und hoch schlug das Herz des Preussen! -- Dieser Angriff durfte nicht viel später geschehen, denn die Garnison hatte bereits Mangel an Pulver, und war überdies durch mehrere auf der Contrescarpe und dem Ravelin abgeschlagene Stürme sehr geschwächt worden.

Die Kirche nebst dem Gebäude, worin sich vor der französischen Besitznahme Piemonts die Domherrn befanden, ist sehr schön und solide gebaut. Den Eingang zur Kirche bildet eine erhabene von acht corinthischen Säulen getragene Portike oder Halle von ungeschliffenem Marmor, über welcher sich eine zweihundert Fuss hohe, schön gestaltete Kuppel erhebt, und auf den beiden Flügeln des Gebäudes stehen zwei schöne Thürme. Das Innere der Kirche selbst ist grösstentheils mit Marmor überkleidet; die darin befindlichen Säulen sind von buntem, die verschiedenen Altarstücke aber en haut-relief von weissem Marmor schön gearbeitet. Im Gewölbe unter der Kirche ruhen die Könige und Fürsten des savoyischen Hauses in Sarkophagen von buntem Marmor, schön gearbeitet, die mehr oder weniger mit Attributen versehen sind. Alle fürstlichen Attribute, als Krone, Zepter und die Inschriften sind abgenommen, so dass man von letztern bloss die Oeffnungen erblickt, worin die Buchstaben sonst incrustirt waren. Man hat die Kinderei gar so weit getrieben, das eine Basrelief, welches die Schlacht von Turin vorstellt, mit Gyps zu bedecken, jedoch ist es jetzt wieder davon befreit worden. Einige Iacobiner sollen auch Willens gewesen seyn, die Asche der Fürsten herauszunehmen und jene Monumente ganz zu zerstören, allein General Grouchy steuerte diesem Unfug, indem er noch zu rechter Zeit Truppen hinaussendete, die jene Bösewichter verhinderten, ihren Frevel auszuüben.

Ich bestieg die Gallerie des einen Thurmes der Kirche und hatte eine erfreuliche Aussicht in die herrliche Gegend Turins. Bei hellem Wetter soll man mit einem Fernrohre Mayland sehen können; das Wetter war aber etwas nebelig und ich erblickte nicht so viel, als ich wünschte. So sah ich zum Beispiel die scharfe Pyramide des Monte Viso linker Hand, und die hohen und breiten Massen des Monte Rosa zur rechten nur unvollkommen. Aber ich überschaute dennoch die herrliche durch den Po und die beiden Dora bewässerten Ebenen Piemonts; ich übersah die Städte Turin, Stupinigi, La Venerie, Rivoli und eine Menge kleiner Flecken, Dörfer, Schlösser und Cassinen, die in der schönen und cultivirten Gegend liegen. Die geistlichen Herrn hatten sonst einen guten auf einem Fusse stehenden Dollond auf diesem Thurme, der dem Reisenden gewiss willkommen war; allein auch ich wurde genommen, und dient jetzt vielleicht zur Erspähung einer Truppenstellung, oder der Lage einer Festung. Im Bibliotheksaal standen die Fächer alle leer, aber nach diesen zu urtheilen, muss sie ansehnlich gewesen seyn. Einige hölzerne Lückenbüsser waren die einzigen Ueberbleibsel, und vielleicht werden auch diese als Ketzer bald zum Feuer verdammt. jedoch ist von dieser Büchersammlung kein übler Gebrauch gemacht; denn sie ist mit der Turiner vereinigt worden.

Die Höhen des Berges waren theils mit Weinreben bepflanzt, mit Pfirsich-, Mandel- und Feigenbäumen untermischt, theils waren sie mit Kastanien - und Eichenbäumen bewachsen.


Quellen.Bearbeiten

  1. Reise in Deutschland, der Schweiz, Italien und Sicilien. von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg. Königsberg und Leipzig, bei Friedrich Nicolovius, 1794.
  2. Reise durch einen Theil von Teutschland, Helvetien und Ober-Italien im Sommer 1803. Berlin, in der Himburgischen Buchhandlung, 1804.
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