Tempel (Temple) ist ein in der neuesten Geschichte sehr bekannt gewordnes großes Gebäude in Paris, von dem eine Straße und eine Vorstadt den Namen erhalten haben.

Es war im J. 1222 von dem Schatzmeister des Tempelherrnordens, Hubert, erbaut, und diente zur Wohnung für die Ritter. Als der Orden der Tempelherren 1312 aufgehoben worden war, wurde, so wie ihr übriges Eigenthum, auch dieser Palast eingezogen, und den Maltheserrittern übergeben.

Nach der Zerstörung der Bastille diente dieses Gebäude als Staatsgefängniß. König Ludwig XVI. wurde da mit seiner Familie gefangen gehalten; eben so Moreau, Pichegru und der Engländer Sidney Smith; der letztre rettete sich durch die Flucht, Pichegru fand seinen Tod im Kerker.

Sieben gothische Thürme, von einer hohen Mauer umschlossen, bilden dieses Gebäude; der Plan, dasselbe zur Verschönerung der Stadt abzutragen, den die vorige Regierung gefaßt hatte, ist noch nicht ausgeführt worden.


Louis XVI. au Temple. Il en est qui ouvrent de grands yeux à la vue de ces donjons du Temple rensermant Louis XVI et sa famille.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich Johann Lorenz Meyer

[1796]

Der Tempel.

Citoyenne, où est l'entrée du château du Temple t) fragte ich eine an der Gartenmauer des Tempelschlosses sitzende Gemüseverkäuferin, als ich einst, auf einer Wanderung durch die in den letzten Jahren merkwürdig gewordnen Gegenden von Paris, in die Gässchen gerathen war, welche den innern Umfang, der zu dem Tempel gehörigen eingeschlossnen Gebäude durchkreuzen, und keinen Ausgang aus diesem Labyrinthe fand. Vor mir stand die hohe Gartenmauer, welche nach der Gefangennehmung der königlichen Familie, ausgeführt ward. Fünf gekuppelte gothische Schlossthürme ragten über dieser Mauer hervor, deren Fenster zum Theil vermauert, und da, wo die Gefängnisse sind, mit hölzernen, aufwärts gerichteten Verschläge vernagelt waren, die das Licht von oben hereinlassen, aber keine Aussicht, als nur gegen den Himmel, statten. -- Hier suchte ich den Weg zu dem grossen Thor des Tempels, um den Versuch zu machen, in das Innere des Gebäudes und in die Gefängnisse der unglücklichen königlichen Familie zu kommen, -- und that deswegen jene Frage an die Dame der Halle. Aber ich merkte bald, dass ich meine Frage nicht richtig gestellt hatte. -- Die Sibille mit dem hagern, gelben Gesichte schwieg, mass mich mit starren Augen, und in ihren Gesichtsmuskeln arbeitete der Zorn. Comment, monsieur l' étranger, rief sie mit Ingrim und mit verzerrtem Ausdruck aus, monsieur -- qu'appelez-vous un château? château! Nous n'en avons plus, nous autres, grâces à Dieu! u) Ich unterdrückte bei dieser nur zu bedeutenden Antwort des aufgebrachten Weibes, meinen Schrecken, der mit in demselben Augenblick die scheusslichen Szenen der vorigen Jahre, wobei die Zunft der Hallen- und Fischweiber ihre Furienrolle spielten, auf einemmal darstellte. Pardonnez, antwortete ich, mich fassend, je parle de la prisen de votre dernier roi. x) -- Das Wort stimmte die hässliche Parze plötzlich um. -- Je vous entends, citoyen: suivez-moi y). Sie stand auf, begleitete mich einige hundert Schritte weit, bis zu dem grossen Thore in der Strasse des Tempels, wo ich froh war, der lästige Gesellschaft los zu werden. Sie hatte mich unterweges unterrichtet: ich sollte an das grosse Thor klopfen, da würde der Thorwächter öffnen, und mir jeden Winkel des Tempelthurms zeigen. Mir ward das Thor von einem kleinen hagern Manne geöffnet, über dessen blassem Gesichte ein schwermüthiger Zug verbreitet lag, als litte er durch traurige Erinnerungen. Ich stand hier auf einem viereckten, mit Gebäuden umgebnen Hofe; ein zweiter Thorweg führte in den innern Hof, wo ich in der Ferne den Eingang zu dem Tempel sah. Ich entdeckte dem Wärter mein Anliegen. Sehr freundlich äusserte er seine Bereitwilligkeit, mit den Thurm und alle Gefängnisse zu zeigen, und mit alles das zu sagen, worin ihm sein Gedächtniss getreu geblieben sei; -- nur dürfe er, ohne Erlaubnisskarte des Ministern des Innern, niemand herumführen. -- Ich versprach wiederzukommen und eine Karte mitzubringen, die auch leicht zu erhalten gewesen wäre, wenn, in den ersten Tagen, mich nicht wichtigere Gegenstände beschäftigt hätten. Bald darauf, nach der Entdeckung von Drouets Verschwörungsplan, ward der Thurm, wohin einige Gefangne gebracht wurden, nicht mehr geöffnet; und nun musste ich den Wunsch, die nähere Bekanntschaft des mit interessant gewordenen Gefangenwärters zu machen, aufgeben.

t) Sagt mir, Bürgerinn, wo ist der Eingang zu dem Schloss des Tempels?
u) Was ist das, Herr Ausländer! ein Schloss? Ein Schloss! dem Himmel sey Dank, dass wir andere dergleichen nicht mehr haben.
x) Verzeiht! ich meine das Gefängniss eures letzten Königs.
y) Nun verstehe ich! kommt mit mir, Bürger!

Ernst Moritz Arndt

[1798 - 1799]

Der Tempel.

Vergebens hatte ich bei der Abtei und Conciergerie mit einigen Freunden angeklopft; da sitzen zu gefährliche Gefangene aller Art, als daß jeder Bürger, geschweige denn ein Fremder so leichten Einlaß habe. Wird es denn immer wieder neue Bastillen geben? Im Tempel ging es etwas besser, obgleich er auch viele seiner Zimmer noch bevölkert hat. Man kennt diesen Tempel, der alle Wundertempel der alten Welt, den olympischen und den ephesischen, weit hinter sich gelassen hat, durch die berühmten Gefangenen, die er eine Zeit lang in sich schloß, und in welchem der Stoff zu tausend Romanen und frommen Romanzen läge, wenn wir nicht so ganz aus der frommen und süßschwärmenden Zeit der Liebe und der Romanzen hinausgeworfen wären. Vor einigen Jahren war es noch mißlich, sich als einen zu melden, der den Tempel zu sehen wünsche; jetzt nach dem Sturz des alten Direktoriums lebt das Herz der Menschen wieder mehr auf und fast täglich sind Bürger und Fremde in Menge, die nicht bloß die kalte und herzlose Neugier, sondern auch ein frommes und menschliches Gefühl hieher führt. Hier saß jener Ludwig seine letzten Tage, der gewiß von allen Ludwigen das frommste und liebendste Herz hatte, und welchem die Franzosen einst, wann die Parteien wieder Wahrheit vernehmen werden, einem Ludwig dem Heiligen und Zwölften werden zur Seite stellen. Sein Fehler war vielleicht, daß er für eine stürmische Zeit zu gut war und aus Furcht, Böses zu thun und Uebel zu verursachen, nicht kühn, noch groß seyn konnte. Wer die Erde herrschen will, muß viel von der unreinen Erde an sich nehmen. Drei Ludwige, alle des Scepters unwürdig, saßen als Plagegeister ihrer Nation auf dem Thron und starben sicher und ruhig auf dem Bette in den Armen ihrer Günstlinge und Huren, und dieser eine, gebohren, die Tugend zu lieben und das Unrecht zu hassen, dieser gute König mußte die Sünden seiner Väter schrecklich büßen und sein Volk mit ihm. Wer kann sein großes Schicksal und sein liebendes Herz ohne Thränen denken? Wen es edel ist, daß der Einzelne, der die Gesellschaft beleidigte und verletzte, ohne Erbitterung trägt, wie viel erdler ist dies von einem Könige, den man von Jugend auf lehrte, daß die Millionen Menschen, die er beherrschte, alle nur für ihn in der Welt seien?

Dieser berühmte Tempel liegt in der Straße des Tempels unweit von den Boulevards und hat mit seinen alten Mauern und Thürmen schon lange zur Aufbewahrung gefangener Verbrecher gedient. In einem der Zimmer des stärksten und innersten Thurmes saß Ludwig der Sechszehnte manche Monate ohne die gemeinsten Bequemlichkeiten, deren er sonst gewöhnt war, ohne Sonne und Mond in der dumpfen Kerkerluft seiner gräßlichen Mauern. Nicht weit von ihm seine Familie. Jetzt liegen schon Jahre hinter seinem Tode und dem seiner Familie, aber keine Zeit wird die Hinrichtung dieses Mannes rechtfertigen, keiner Zeit wird es an Thränen fehlen, die dem Herzen das Lob geben werden, was vielleicht dem Geiste im kleinern Maße gebührt. Doch mögte ich an seiner Stelle den Starken gesehen haben, der sich gehalten hätte. O es ist das Schicksal, was noch zuweilen in großen Gestalten über die Erde wandelt und Könige und Königreiche wie Bettler und Bettlerhütten, in den Staub weht. Es ist gerecht von Ewigkeit, so soll es der Mensch seyn, so wird er die That von der Nothwendigkeit absondern. Trauert ihr öden Mauern, bis ihr verwittert; manche Thräne wird noch nach euch vergossen werden, manches Reich und mancher König fallen; möge keiner schuldiger seyn, als Ludwig war!

Eben so sehr, als das Zimmer Ludwigs und seines Weibes, besucht man jetzt das Logis, daß dem Engländer Sidney Smith nicht anstand und jetzt leer steht. Dieser berühmte Seeheld, der jetzt dem großen Genius Buonaparte in Syrien begegnet, saß eine geraume Zeit hier in engerer Verwahrung, als ein gewöhnlicher Kriegsgefangener, weil man ihn beschuldigte, er habe Brest mit seiner Kleinen Flotille in Brand stecken wollen. Indessen half ihm englisches Geld und, wie einige sagen, auch sein schöner Leib aus dem Kerker. Wenigstens erzählte unser Gefangenwärter, der und rund führte, es seien in der frühen und späten Zeit oft Damen von Gewicht gekommen, den schönen Seemann zu sehen und einige von diesen seien auch die Ursache seiner Entweichung gewesen. Sein strenger Verhaft und seine Bewachung sei allmälig erleichtert, er habe im Tempel ungehindert die Besuche seiner schönen Gönnerinnen angenommen, und sei endlich durch eine wirkliche, oder nachgemachte Ordre des damaligen Polizeiministers entronnen. Unser Führer zeigte uns zum Schluß noch einige Zeichnungen, womit er seine Wände beklebt hatte und ein Paar Pantoffeln, worin Ludwig noch den Morgen vor seiner Hinrichtung mit den Füßen stand. Mich soll doch in aller Welt wundern, ob man um diese alten Schlarpen (escapins, scarpe) und was man sonst von Anhängseln seines Leibes weiland finden, oder erfinden mag, sich nicht einst, wie um Reliquien reißen und ob sein Todestag, wie der Karls des Ersten in England, nicht ein Bußtag zu seiner Zeit werden wird?


Quellen und Literatur.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Fragmente aus Paris im IVten Jahr der französischen Republik von Friedrich Johann Lorenz Meyer Dr. Domherrn in Hamburg. Hamburg bei Karl Ernst Bohn 1797
  • Ernst Moritz Arndts Reisen durch einen Theil Teutschlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799. Leipzig 1804. bey Heinrich Gräff.
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