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Treckschuyten.Bearbeiten

Die gewöhnlichste Art in Holland zu reisen, und die wohlfeilste, ist mit Treckschuyten und Beurtschiffen. Die Treckschuyten sind längliche Fahrzeuge, von einem Pferd gezogen und mit einem 7 Fuß hohen Häuschen. Dieses Häuschen hat zwey Räume, wovon der hintere und kleinere der Roef genannt wird; in dem größern oder dem Raum halten sich die gemeinen Leute auf, weil die Plätze da wohlfeiler sind, auch wird das Gepäcke dahin gebracht. Im Roef sitzen die vornehmern Passagiere, oder welche mehr an sich wenden wollen. Das Pferd, das jede Stunde seine Meile lauft, wird von einem Burschen, het dagertje, der Jäger genannt, geritten; bey jedem Pferdewechsel zahlt man einen Deut, oder den achten Theil eines Stübers diesem Burschen: ein Stüber heißt schon sehr reichlich geben. Im großen Raum kostet die Meile 9 Stüber, im Roef aber weit mehr. Wer das Roef alleine haben will, muß es einige Stunden vorher bestellen. Hat man nur einen Platz, so büßt man ihn ein, sobald ein Dritter das ganze Roef miethet. Steht einer allein für alle acht Plätze, so kann er das Roef weit wohlfeiler haben. Von Rotterdam nach dem Haag, durch Delft, fahren täglich 16 solche Treckschuyten hin und zurück. jedes darf im Roef 8 und im Raum 30 Personen mit sich nehmen. Sie haben Nummern, diese Schiffe, und fahren nach der Folge derselben.


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Von Reisende.Bearbeiten

D. August Hermann Niemeyer.

Fahrt auf der Trekschuyt von Maersen nach Amsterdam.

(Aus dem Tagebuch.)

Zum ersten Mal versuchen wir, wie es sich auf den leichten Fahrzeugen reiset, auf welchen, da bekanntlich das Land, zumal die Provinz Holland, mit einer Menge schiffbarer von einer Stadt zur andern geführten Kanäle durchschnitten ist, sich täglich viele Hunderte in den verschiedensten Richtungen bewegen, gesichert vor dem beschwerlichen Wechsel besserer oder schlechterer Landstraßen, und fast auf die Minute ihrer Ankunft und ihrer Rückkunft gewiß.

Die Bewegung ist so sanft, manche Gegenstände wiederholen sich dem Auge so oft, daß man sich, wenn der Reiz der Neuheit vorüber ist, wenn das Gespräch stockt, oder nicht etwa nach kurz vor der Abfahrt eilig abgemachten ermüdenden Geschäften, die weichen Polster zur Ruhe einladen, dem Lesen und Schreiben mit der größten Bequemlichkeit überlassen kann.

Die Trekschuyt, welches Morgens um acht Uhr aus Utrecht abgegangen war, hielt um zehn Uhr in Maersen an. Seit sie uns aufgenommen hat, sind wir ganz sicher Nachmittags um Drey und ein Viertel in Amsterdam ans Land zu stoßen. Mehr dem Auge, wenn es Neues erblickt, als dem Gefühl glauben wir, daß wir fortgleiten. Reizende Umgebungen des Ufers ziehen im bunten Wechsel vor uns vorüber. Man ist einverstanden, daß unter allen Wasserfahrten in Holland gerade unsre heutige die schönste ist. Friedliche Dörfer, welche kleinen wohlhabenden Flecken gleichen, reiche Triften, muntres Menschengewühl in den stattlichen Wirthshäusern, je näher der Hauptstadt, desto reichere Besitzungen, wechseln mit wohl unterhaltenen, freylich hier und da allzu peinlich beschnittenen und zugestutzten Baumreihen.

Was eine Trekschuyt, wie sie gestaltet, wie die Fahrt auf ihr geordnet ist, dürfte sehr vielen die dieß lesen werden, längst bekannt seyn. Doch vielleicht nicht Allen -- und für diese darf eine kurze Beschreibung und Abbildung (S. 87) hier wohl eine Stelle finden.

Man denke sich also ein längliches Fahrzeug, ganz ähnlich unsern kleinen Elb- und Saalkähnen, oder den größeren Gondeln, wie sie die Alster bey Hamburg oder den Rhein befahren, ohngefähr dreißig Fuß lang, sechs bis sieben Fuß breit. Den größten Theil nehmen zwey mit plattem Dach bedeckte Zimmer ein. Der Raum in dem größten ist der Aufnahme von minder wohlhabenden Reisenden, ein Nebenverschlag der Aufbewahrung des Gepäcks bestimmt; der kleinere, oder das Roef (Ruff) hat Doppelthüren, und ist geräumig genug, um acht Personen auf den beyden einander gegenüber stehenden mit einzelnen Polstern versehenen Bänken aufzunehmen. Von beyden Seiten hat es Glasfenster; der Thür gegenüber einen Tisch, Spiegel, Wandleuchter und andere kleine Geräthschaften, unter denen auch das wohlbekannte Quispel-Dorjes (ein porzellanenes Spucknäpfchen) nicht fehlen darf. Das Steuerruder liegt am Ende des Roefs; am andern Ende steht der Mast, über dessen Spitze ein langes Seil, oben am Roef befestigt wird, welches bis an das Ufer reichte und woran das den Kanal entlang laufende Pferd gespannt wird. Auf das Pferd setzt sich dann der Postillion oder Jäger -- meist ein junger Bursche. Daher die gewöhnliche diminutive Benennung het Jagerge.

Um das Verdeck vor Sonnenhitze und Regen zu schützen, pflegt es mit einem mit Muschelschaalen gemischten Guß überzogen zu seyn. Das Pferd läuft stündlich gerade eine deutsche Meile. Während des dann eintretenden Wechsels, hat man Zeit ans Ufer und in ein wohl versehenes Gasthaus zu gehen. Bey dem häufigen Abgeben von Packeten, oder dem Abgehen und Ankommen einzelner Reisenden, ist dazu überhaupt noch öfter Gelegenheit.

Fast unbeweglich, mit der ganzen Kälte, Ruhe und Theilnehmungslosigkeit, wie sie dem Seemann eigen ist, steht am Steuerruder im weiten Rock, einer Stutzperücke, blauen Strümpfen, großen Schuhschnallen, auch, damit die Pfeife nie ausgehe, ein kleines Torfbecken neben sich, der Kapitain, und sammelt gegen das Ende der Fahrt das Fährgeld in seinen kleinen ledernen Beutel. Selten läßt er sich in lange Gespräche ein. Kein Wunder daß er immer phlegmatischer werden muß, da ihm auf seiner einförmigen Fahrt nie etwas Ungewöhnliches begegnet, er alle Gegenstände, von denen er täglich vorübergleitet, kennt, diese fast zur Minute wieder vor seine Augen zurückkehren, in seinem Geschäft aber nicht die mindeste Anstrengung liegt. Doch leidet darunter eine gewisse einfach-gefällige Höflichkeit nicht, und die größte Rechtlichkeit wird diesen Schiffern allgemein nachgerühmt. Die Bezahlung ist äußerst billig. So bezahlten wir so eben für zwey Personen eine fünf Stunden dauernde Fahrt mit 2 Flr. 12 Stüb. (1 Rthlr. 16 Gr.) wobey das Gepäck mit einbegriffen war.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Der Passagier auf der Reise in Deutschland und einigen angränzenden Ländern, vorzüglich in Hinsicht auf seine Belehrung, Bequemlichkeit und Sicherheit. Ein Reisehandbuch für Jedermann vom Kriegsrath Reichard, auch Verfasser des Guide des voyageurs en Europe. Berlin, 1806. bey den Gebrüdern Gädicke.
  • Beobachtungen auf einer Reise durch einen Theil von Westphalen und Holland. Nebst Erinnerungen an denkwürdige Lebenserfahrungen und Zeitgenossen in den letzten funfzig Jahren. Von D. August Hermann Niemeyer. Halle, in der Buchhandlung des Waisenhauses. 1823.
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