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Zeitungsnachrichten.Bearbeiten

Wilna, den 14ten April.

Heute, am Palmsonntage, um 2 Uhr Nachmittags, ward unsere Stadt durch die Allerhöchste Ankunft Sr. Majestät, des Kaisers, erfreut. Der Kriegsminister und die ganze Generalität empfingen Se. Majestät vor dem Stadtthore, und begleiteten Dieselbe sodann bey Höchst Ihrem Einzuge in die Stadt. Beym Stadtthore wurden Se. Majestät, der Kaiser, von der hiesigen Kaufmannschaft und von den Gewerken, und bey der Kathedralkirche von der angesehensten Geistlichkeit bewillkommt. In allen Straßen, durch welche der Allerhöchste Zug ging, waren die hier befindlichen Truppen in Parade aufgestellt. Beym Palais hatten das Glück, Se. Majestät zu empfangen, der Civilgouverneur mit den übrigen Beamten, und der Gouvernementsmarschall mit dem Adel. Während dessen wurden in allen Kirchen die Glocken geläutet; die Einwohner drängten sich überall Haufenweise zusammen, und das fröhliche Jauchzen gab das Entzücken zu erkennen, worin das Volk beym Anblick seines Allerdurchlauchtigsten Monarchen gerieth. Se. Majestät, der Kaiser, befinden sich in erwünschtem Wohlseyn.

Se. Majestät, der Kaiser, sind, wie man sagt, mit den fünf Stationen von Swenzian bis zu unserer Stadt, welche einen Weg von 80 Werst ausmachen, den Sie in der kurzen Zeit von 6 Stunden, das Umspannen der frischen Pferde mitgerechnet, zurückgelegt haben, sehr zufrieden gewesen. Auf der Station Podbrosje war eine Jägerkompagnie als Wache aufgestellt. Auf der Station Nementschin nahmen Se. Majestät eine Kompagnie Artillerie in Augenschein. Endlich 6 Werst von hier, bey der ersten Feldschlagbaume, hatten sich die Generaladjutanten Sr. Majestät versammelt, und in einiger Entfernung von dort erwartete die Allerhöchste Ankunft Sr. Majestät der Kriegsminister, Oberbefehlshaber der ersten Westarmee, General von der Infanterie Barclai de Tolli, nebst der ganzen Generalität und der in Fronte stehenden Kavallerie. Se. Kaiserl. Majestät erschienen Nachmittags in der zweyten Stunde zu Pferde in Begleitung der Generaladjutanten, und wurden von den Truppen mit allen Militärhonneurs empfangen. Nachdem die Kavallerie die Honneurs abgegeben, wandte sie sich in einigen Eskadrons hinter die Generalität zur Begleitung des Kaisers. Sobald der Zug sich dem zweyten Schlagbaume näherte, begann das Feuer aus den Kanonen, die auf den Bergen aufgestellt waren, auf welchen auch zu gleicher Zeit die Regimentsmusik spielte. Vor dem zweyten Schlagbaume empfing die Hebräergemeinde Se. Majestät mit Brod und Salz, unter fröhlichem Jauchzen und mit ihrer Musik. Von dem sogenannten Schloßstadtthore an war die Infanterie in drey Straßen bis zu der Wohnung, die für den Allerhöchsten Aufenthalt Sr. Majestät bestimmt ist, in Fronte aufgestellt. Alle Fenster waren mit Zuschauern angefüllt.


Wilna, den 16ten April.

Gestern, am 15ten dieses, hatten das Glück, Sr. Majestät, dem Kaiser, vorgestellt zu werden, von dem Civilgouverneur, Herrn wirklichen Etatsrath Lawinskji, die sämmtlichen Civilbeamten, und von dem Herrn Gouvernementsmarschall die Angesehensten vom Adel. Sodann wurden mehrere zur Mittagstafel Sr. Kaiserl. Majestät gezogen. Nach der Tafel geruheten Se. Majestät das hiesige Hospital in Augenschein zu nehmen. Heute wurden die hiesige Geistlichkeit und die vornehmsten Bürger gewürdigt, Sr. Majestät vorgestellt zu werden. Hernach geruheten Se. Majestät, der Kaiser, zwey Artilleriekompagnien zu besichtigen, mit denen Se. Majestät so zufrieden waren, daß Sie den Befehlshabern derselben hier auf der Stelle Ihre Allerhöchste Gnade zu erweisen geruheten.


Wilna, den 17ten April.

Den andern Tag nach der Ankunft Sr. Majestät, des Kaisers, in hiesiger Stadt, nämlich den 15ten, geruheten Se. Majestät der Mittagstafel, in Begleitung der Generalität und der Adjutanten, in der Stadt spazieren zu reiten. Unter den vornehmen Standespersonen, die an diesem Tage zur Tafel Sr. Majestät gezogen wurden, war auch der sich hier befindende General Baron Bennigsen. Nach der Tafel geruheten Se. Majestät die Hospitäler in Augenschein zu nehmen und in der Stadt zu Fuß herum zu gehen. Gestern, den 16ten, wurden Sr. Majestät die hiesige Geistlichkeit und der Magistrat vorgestellt. Nachmittags nach 2 Uhr beehrten Sr. Kaiserl. Majestät den General Baron Bennigsen in seinem Landhause, welches 3 Werst von unserer Stadt belegen ist, und auf welchem der Baron Bennigsen gewöhnlich seinen Aufenthalt hat, mit Ihrem Besuch. Heute, den 17ten, wurden Sr. Majestät vorgestellt, die hiesige Universität und der jüdische Kahal. Alle Einwohner und das ganze hiesige Volk, welche das Glück genießen, ihren Monarchen täglich zu sehen, geben unaufhörlich durch ihre Freude ihre ungeheuchelte Anhänglichkeit an Ihn zu erkennen.

Die Zahl der angekommenen und noch hier ankommenden Personen ist jetzt so groß, daß sich Niemand erinnert, hier je so viele Menschen gesehen zu haben.


Wilna, den 28sten April.

Donnerstag, den 25sten April, traf Se. Durchlaucht, der Prinz August von Holstein-Oldenburg, hier ein, und denselben Tag in der Nacht kam auch der Reichssekretär, Herr Viceadmiral Schischkow, hier an.

Verwichenen Donnerstag gab der Adel zu Wilna einen Ball, den auch Se. Kaiserl. Majestät mit Ihrer Gegenwart beehrten. Auf diesem Ball befanden sich auch der Zesarewitsch und Großfürst und die Prinzen von Oldenburg. Nach dem Ball geruhten Se. Hoheit, der Zesarewitsch und Großfürst, nach der Stadt Widsy abzureisen, wo sich das Hauptquartier Sr. Hoheit befindet.

Se. Majestät, der Kaiser, geruheten am Freytage, den 26sten April, des Morgens, von hier nach Wilkomir abzureisen, wobey Sie gesonnen waren, auch nach Schawl zu gehen, um die in der dasigen Gegend verlegten Truppen in Augenschein zu nehmen.

Die hiesigen Adlichen, Ossip Sulistrowskji, Nikolai Abramowitsch, Graf Konstantin Tiesenhaus, und Ignatji Lächnizkji, sind Allergnädigst zur Kammerjunkerscharge des Hofes Sr. Kaiserl. Majestät erhoben worden.

Gestern sind hier eingetroffen, der wirkliche Geheimerath, Graf Kotschubei, und der Polizeyminister, Generallieutenant Balaschew; und heute früh ist auch der General der Artillerie, Graf Araktschejew, hier angekommen.

Der Herr Kriegsminister, General von der Infanterie, Barclai de Tolli, ist diesen Morgen, Sr. Majestät, dem Kaiser, folgend, nach Wilkomir angereiset.

Der Kollegienrath de Sanglin ist Allergnädigst, mit Umbenennung zum Kriegsrath, beym Kriegsminister zum Direktor der Kriegspolizey bestellt.

Wir erwarten die Rückkehr Sr. Kaiserl. Majestät hier in zwey Tagen.


Wilna, den 30sten April.

Heute Abend, um 7 Uhr, geruheten Se. Majestät, der Kaiser, in erwünschtem Wohlseyn wieder hier einzutreffen. Vor der Stadt empfingen Se. Majestät der hiesige Stadtvoigt, der Kommandant, der Dujourgeneral und die Flügeladjutanten, und in der Stadt selbst, die Prinzen von Oldenburg, der General der Kavallerie, Baron Bennigsen, der Polizeyminister Balaschew und die übrigen Militärbeamten, in deren Begleitung Se. Majestät, der Kaiser, sich zu Pferde nach dem Palais zu begeben geruheten, wo die Ankunft Sr. Majestät der General von der Artillerie, Graf Araktschejew, der wirkliche Geheimerath Schischkow, und andere von den angesehensten Beamten erwarteten.


Wilna, den 1sten May.

Heute wird, wie es heißt, die Taufe des neugebornen Sohnes des Generals von der Kavallerie, Baron Bennigsen, statt haben, und Se. Majestät, der Kaiser, werden Taufpathenstelle bey demselben vertreten. Nachmittag wird bey dem erwähnten General Ball seyn.

Heute, Nachmittags um 1 Uhr, traf der General, Baron Armfeld, hier ein.


Wilna, den 13ten May.

Den 11ten dieses geruheten Se. Majestät, der Kaiser, die von dem Generallieutenant Konownizyn kommandirte Division in hohen Augenschein zu nehmen.


Wilna, den 15ten May.

Gestern, Mittags nach 12 Uhr, geruheten Se. Majestät, der Kaiser, von hier auf der Route nach Grodno abzureisen, um die Truppen in hohen Augenschein zu nehmen.


Wilna, den 17ten May.

Heute Nachmittag in der dritten Stunde geruhten Se. Majestät, der Kaiser, in erwünschtem Wohlseyn aus Grodno wieder hier einzutreffen.


Wilna, den 29sten May.

Vorgestern kamen Se. Kaiserl. Hoheit, der Zesarewitsch und Großfürst Konstantin Pawlowitsch, hier an.

Gestern früh gegen 6 Uhr geruheten Se. Majestät, der Kaiser, sich von hier nach Troki zu begeben, wo Sie nach 7 Uhr ankamen. Eine Werst vor der Stadt wurden Se. Majestät von dem Generallieutenant Konownizyn nebst den Militärbeamten, und bey der Einfahrt in die Stadt von der Geistlichkeit nebst der Bürgerschaft empfangen. Nachher begaben sich Se. Majestät zu Pferde, und ritten in Begleitung des Oberbefehlshabers der ersten Westarmee, Generals von der Infanterie Barclai de Tolli, des Generallieutenants Konownizyn und der Generaladjutanten Fürsten Wolkonskji, vor die Stadt, von wo Sie um 11 Uhr wieder zurück kehrten. Nach 12 Uhr Mittags reiseten Se. Kaiserl. Majestät von Troki ab, und trafen um 2 Uhr in erwünschtem Wohlseyn wieder hier ein.

Gestern rückte die Fußgarde in unsere Stadt ein, und heute früh ward sie gemustert.


Wilna, den 30sten May.

Vorgestern traf der Generaladjutant des Königs von Schweden, Graf Löwenhelm, aus St. Petersburg hier ein.


Wilna, den 2ten Juny.

Am verwichenen 31sten May reiseten Se. Kaiserl. Hoheit, der Zesarewitsch und Großfürst Konstantin Pawlowitsch, von hier auf der Route nach Widsy ab.


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Wilna, den 7ten Jul.

Der 28ste Jun. wird in den Annalen dieser Stadt auf immer merkwürdig seyn. An diesem Tage hatten wir das Glück, Se. Majestät den Kaiser der Franzosen, König von Italien, an der Spitze Seiner unüberwindlichen Legionen in unsern Mauern ankommen zu sehen. Unter ihnen erkannten wir viele unserer Mitbürger des Herzogthums Warschau. Der Magistrat, die vornehmsten Einwohner und eine Menge Volks waren mit den Schlüsseln der Stadt der siegreichen Armee entgegengegangen. Se. Majestät der König beyder Sicilien empfing die Deputation auf herablassendste. Nach dieser Ceremonie verfügte sich die Deputation auf eine halbe Meile von hier nach Ponawy, um Sr. Majestät dem Kaiser und Könige Huldigung darzubringen. Der Kaiser empfing sie mit seiner gewohnten Güte, und nachdem er die Reihen der großen Armee durchschritten hatte, gab er Befehl, die Stadt zu besetzen. Die polnischen Uhlanen vom 8ten Regimente, commandirt von dem Fürsten Dominicus Radzivil, zogen zuerst in die Hauptstadt der Jagellonen ein. Der Anblick der polnischen Standarten erregte den edelsten Enthusiasmus und rief eine Menge Erinnerungen in die Herzen aller Einwohner zurück. Bald darauf sahen wir an den Ufern der Wilia eben jene Krieger, die an den Ufern der Donau, der Tiber, des Tajo und des Nil den polnischen Namen berühmt gemacht haben. In den Reihen derselben bemerkten wir die Fürsten Radzivil, Savieha, Sanguszko, die Grafen Krasinsky, Chodkiewicz, die Generale Sokolnicki, Axanistowsky, Bronikowsky und andere, deren Namen den Lithauern auf immer theuer seyn werden. Sobald man Se. Majestät den Kaiser erblickte, vermischten sich die Empfindungen der Bruderliebe, von denen man gegen die Polen durchdrungen wurde, mit der Empfindung einer tiefen Bewunderung. Bey Erblickung des Kaisers Napoleon ertönte die Luft vom Freudenzurufe. Das Volk eilte ihm entgegen; alle wollten das Bild des großen Mannes ihren Herzen einprägen. Als die Russen entflohen, steckten sie die Brücken und Magazine in Brand. Sobald Se. Majestät in der Stadt angekommen waren, gaben Sie Befehl, den Brand zu löschen. Die Truppen wurden in Bewegung gesetzt, und man rettete dasjenige, was die Flammen noch nicht verzehrt hatten. Ohne auszuruhen, begab sich der Kaiser nach dem Ufer der Wilia, wo man sogleich zwey Brücken zu schlagen anfing. Während dieser 2stündigen Arbeit saß der Kaiser auf einer hölzernen Bank, und geruhte sich mit allen denjenigen zu unterhalten, die sich seiner Person näherten. Des Abends erleuchteten alle Einwohner freywillig ihre Häuser. Am 30sten hatte die Universität die Ehre, Sr. Majestät vorgestellt zu werden, Allerhöchstwelche sich mit dem Rector über verschiedene wissenschaftliche Gegenstände unterhielten.

Den 8ten Jul. Se. Majestät besuchten täglich die Ufer der Wilia, und nehmen die Puncte in Augenschein, die befestigt werden müssen. Schon werden auf dem Schloßberge Fortificationen angelegt, und diese Arbeiten werden mit erstaunlicher Schnelligkeit betrieben. Zur Verwaltung von ganz Lithauen ist eine Regierungscommission errichtet worden. Sie bestand anfangs blos aus 5 Mitgliedern. Se. Majestät haben noch zwey Mitglieder hinzugefügt, nämlich den Grafen Alexander Potocki und den Hrn. Sniadecki, Rector der Universität zu Wilna. Das Departement von Wilna ist bereits gebildet; es sind 11 Unterpräfecturen errichtet; nach jedem Arrondissement sind Commissarien geschickt, um daselbst eine Nationalgarde zu organisiren und ein Gendarmeriecorps zu errichten. Da der Regierungsausschuß durch ein Schreiben des Fürsten von Neufchatel benachrichtigt wurde, daß einige russische Gefangene auf ihr Ehrenwort zu Wilna zu bleiben wünschten, so hat er Se. Durchl. geantwortet, daß er diese Personen nicht kenne, und hat vorgeschlagen, das jeder derselben eine Caution leisten möchte; dies würde ihnen um so leichter seyn, da die meisten derselben ihrer Angabe nach zu Wilna ansässig wären.


Wilna, den 15ten July.

Noch nie war unsere Stadt so glänzend, als sie es seit 2 Wochen ist. Ausser dem Hofe des mächtigsten Monarchen befinden sich auch die ersten und angesehensten Personen und Staatsbürger des Landes in ihren Mauern. Die jungen waffenfähigen Leute eilen herbey, entflammt von Muth, sich unter den polnischen Fahnen zu sammeln. Unter der Ehrengarde sehen wir den Fürsten Oginski, Chef derselben. Bey der unter dem Brigadegeneral Konopka sich bildenden lithauer Garde bemerkt man, ausser einer großen Anzahl derer, die sich völliger Uniform, welche sie sich, so wie die Pferde, selbst anschaffen. Man ist berechtiget zu erwarten, daß die Garde des Herrn Konopka die erste Gelegenheit benutzen wird, sich eben so auszuzeichnen, wie die polnische Garde des Grafen Krasinski durch die Siege bey Somosierra und Benavente die ihre Schläfe mit Lorbeeren zierten.


Wilna, den 15ten July.

Der Bischof Kossakowsky hat die Ehre gehabt, zweymal an den Hof berufen zu werden, um in der kaiserl. Kapelle die Messe zu lesen. Er hat einen Ring mit Diamanten besetzt erhalten; die Priester, die ihn begleiteten, haben ebenfalls Geschenke bekommen, und die dienstverrichtenden Personen eine Gratifikation.

Gestern hat man zu Wilna daß große Nationalfest durch ein Te Deum, durch Publicirung der Konföderationsakte von Polen xc. mit allgemeinem Enthusiasmus gefeyert.

An demselben Tage ward bekannt gemacht, daß, da die provisorische Regierung diese große Vereinigung konsakriren wolle, sie beschlossen habe, eine Aussteuer von 1000 Franken einer Lithauerin zu geben, die einen Mann heirathen würde, der in Großpolen geboren, und eine zweyte Aussteuer von 1000 Fr. einer Polin, die einen Lithauer heirathen würde. Zufällig fand sich gleich das erste Paar ein, und ward ehelich eingesegnet.

Des Abends war die Stadt prächtig erleuchtet. Ein herrlicher Ball beschloß das Fest. Mehrere französische und polnische Generals befanden sich auf diesem Ball, den Se. Majestät, der Kaiser und König, mit Ihrer Gegenwart beehrten.


Paris, den 19ten July.

Das Journal de l'Empire enthält ausführliche Auszüge aus einer, vermuthlich neuentstandenen, Zeitung zu Wilna, dem "Kourier von Lithauen", worin es unter Anderm am 7ten July heißt: "Da die Abreise aller russischen Beamten vom Civil- und Militärstand, die Abführung der Archive und Register, uns ohne Polizey, ohne Posten, ohne Landesverwaltung gelassen hat, so ist gleichsam Alles neu zu schaffen. Am 1sten July wurden kaiserliche Befehle wegen Verwaltung der von den russischen Armeen geräumten Provinzen publicirt und vollzogen. Alle Verfügungen Sr. Majestät tragen das Gepräge einer wahrhaften Vaterliebe; der Monarch wünscht, daß das Land möglichst geschont, die Ordnung hergestellt, die Verpflegung für die Stadt und Armee gesichert werde. Die beym Rückzuge der russischen Armeen geschlossenen Boutiken wurden wieder geöffnet. Seit der Ankunft des Kaisers sieht man täglich Truppenübungen, und das Volk versammelt sich haufenweise, um diese Krieger, die trotz ihrer schnellen Märsche keineswegs ermüdet schienen, zu bewundern. Der Kaiser reiset oft aus, um die Magazine und Militärspitäler zu besuchen." -- Ferner unterm 8ten July: "Der Kaiser besichtigt täglich die Ufer der Wilia, und untersucht selbst die zu befestigenden Punkte. Schon baut man mit großer Thätigkeit Schanzen auf dem Schloßberge. Eine Regierungskommission ist zur Verwaltung von ganz Lithauen niedergesetzt worden. Am Tage ihrer Einsetzung erließ diese Kommission drey Proklamationen. Die erste an die Nation; sie verkündigt, daß die lithauische provisorische Regierungskommission im Hotel der alten Regierung installirt sey, und drückt die Gefühle der Dankbarkeit, wovon alle Polen für den erlauchten Wiederhersteller ihres Vaterlandes durchdrungen sind, mit Wärme aus. In der zweyten Proklamation wendet sich die Kommission an die Geistlichkeit, und ermahnt sie, aus allen Kräften den Eifer der ächten Polen zu unterstützen, und die göttliche Gnade im Gebet anzuflehen, daß sie die Polen der Wohlthaten ihres Befreyers würdig mache. Die dritte ruft die in den russischen Armeen dienenden Polen zurück. Die Regierungskommission beschäftigt sich mit unermüdetem Eifer mit Allem, was die Administration angeht. Das Departement der Wilia ist schon gebildet, 11 Unterpräfekturen sind eingerichtet, die neuen Beamten in ihre Stellen eingesetzt, und in jeden Bezirk Kommissarien geschickt, um die Nationalgarde zu organisiren, und ein Gensd'armeriekorps zu errichten. Was die Lebensmittel betrifft, so haben die Vorsteher jedes Bezirks Befehl erhalten, zu untersuchen, wie viel zum Unterhalt der Einwohner streng nothwendig ist, und den Ueberrest gegen Bons abzugehen, die bey Bezahlung der Abgaben angenommen werden. Da auch die Verschiedenheit der Masse Schwierigkeiten veranlassen könnte, so hat die Regierungskommission den Generalordonnateur der Armee gebeten, ein festes Verhältniß zwischen den Landesmassen und den französischen zu bestimmen. Man schickte Instruktionen an die Delegirten zu Grodno, Minsk, Bialystock, um in diesen Städten die Obrigkeiten einzusetzen, die Gensd'armerie zu bilden, nnd sich der Lebensmittel zu versichern. Auf Begehren des Herrn Generalgouverneurs trug die Kommission der geistlichen Verwaltung der Wilnaer Diöcese auf, einige Klöster zu Unterbringung des Militärs einrichten zu lassen. Hierauf berathschlagte die Kommission über die Mittel zu Wiederherstellung der Posten und der vom Feinde weggeführten Archive."


Warschau, den 20sten July.

Die Stadt Wilna formirt eine Nationalgarde von 1450 Mann.


Warschau, den 1sten August.

Wie man aus Wilna vernimmt, so sind Se. Majestät, der Kaiser Napoleon, am 16ten July um Mitternacht von dort zur Armee abgereiset, um die Befreyung des übrigen Theils vom ehemaligen Königreich Polen zu beschleunigen. Bis zu fernerer Bestimmung ist für jetzt nur der Herzog von Bassano, Minister des Innern, in Wilna zurückgeblieben; und der Baron von Jomini als Gouverneur.


Wilna, den 1sten August.

Dieser Tage kam Se. Excellenz, der Divisionsgeneral, Ritter ges großen Adlers der Ehrenlegion, Graf Hogendorp, der zum Generalgouverneur von Lithauen ernannt ist, hier an. -- Auch sind hier 2 Bataillons Polen von der Weichsellegion, die sich in Arragonien, Katalonien und Valencia mit Ruhm bedeckt haben, angekommen.


Warschau, den 29sten August.

In Lithauen sind die Landtage in allen Kreisen auf den 15ten August angesetzt worden, um Reichstagsgesandte zu wählen; auch sollen die Städte Delegirte senden. Die interimistische Kommission hat ferner, der Verordnung des Kaisers gemäß, eine unbewegliche Nationalgarde (die nicht in Krieg geht, sondern bloß der innern Ordnung wegen da ist), aus zwey Bataillons bestehend, in Wilna angeordnet. Sie besteht aus allen städtischen Eigenthümern, Kaufleuten, Handwerkmeistern, und im Nothfall aus den Gesellen und Leuten der Handwerker. Jeder, von 20 bis 50 Jahren, ist verpflichtet, den Dienst persönlich, so oft er dazu berufen wird, zu thun. Officiere und Unterofficiere mit Gehalt werden fortdauernd im Dienste seyn; für sie hat die Kommission jährlich 33,374 Gulden (à 4 Gr.) ausgesetzt.

Jedes kupferne 2 Kopekenstück (à 6 Pfenn.) soll zu dem Werthe von 3 (polnischen) Kupfergroschen, und jedes kupferne 5 Kopekenstück zu dem Werthe von 5 Kupfergroschen erhoben werden.

Die Postkommunikation von Wilna nach Warschau, Gross- und Kleinpolen, so wie mit Preussen, ist bereits eröffnet. Die Truppen in Wilna werden aus den Magazinen unterhalten.



Die Franzosen flüchten durch Willna.Bearbeiten

Der achte December 1812.

Am 6ten December war der Kaiser der Franzosen der kaum in seinen Bulletins gesagt hatte, daß man den Donner des französischen Geschützes bereits in Asien höre, in aller Stille auf seiner Flucht durch Willna geeilt. Vom 8ten bis 10ten defilirte die geschlagene Armee durch diese Stadt in der grösten Verwirrung. Alle Gassen füllten sich mit Leichen. Die Lebenden wurden von wenigen bedauert, von den meisten verspottet und beschimpft. Die Juden, die zuvor von den Franzosen übel waren behandelt worden, fielen auf die aus den Häusern fliehenden Soldaten, aus denen sie der Schreckensruf: "Kosacken!" getrieben hatte, der und erschlugen deren viele, besonders Gardisten. Nur dieser schrecklichen Eile hat es Willna zu danken, daß die "große Nation" es nicht in Brand steckte, denn sein Moskau war kein Ort verschont geblieben. Von Willna eilten sie nach Kowno und kaum 25,000 kamen über die Memel. Das Resultat des Rückzugs aus Rußland, den man in drey Perioden theilen kann, nemlich die erste von Moskau bis Krasnow, die andere: von Krasnow bis zur Berezina, und die dritte von da bis zur Memel, ist, ausser Todten und Verwundeten, 150,000 Gefangene, worunter sich 50 Generale befanden, gegen 900 Kanonen, 49 Fahnen, aller Train und die ganze Bagage. Die marschirenden Franzosen waren dergestalt erschöpft, daß täglich viele der Gefangenen, so wie sie die erste gute Mahlzeit genossen hatten, todt dahin fielen.


Geschichte Napoleons und der großen Armee im Jahr 1812.Bearbeiten

Philippe-Paul de Ségur

Auf dieser letzten Stufe von körperlichen und geistigen Leiden, war die Armee, als die Flüchtlinge Wilna erreichten, Wilna, ihr Magazin, ihr Depot, die erste reiche und bewohnte Stadt, die sie seit ihrem Einrücken in Rußland antrafen; ihr Name allein und ihre Nähe hielten noch bei einigen den Muth aufrecht.

Am 9ten Dezember erblickte die größte Zahl der Unglücklichen diese Hauptstadt, und sogleich stürzten sich alle, einige, indem sie sich nur schleppten, andere noch mit großer Eile blindlings in die Vorstadt hinein, indem sie immer und unablässig vorwärts drängten, und sich so auf einander schoben, daß sie bald nur eine Masse von Menschen, Pferden und Wagen bildeten, die völlig unbeweglich war.

Das Durchdrängen dieses Haufens durch einen engen Eingang ward fast unmöglich, diejenigen, die nachfolgten, vermehrten noch, ganz gedankenlos einem Triebe folgend, das Gedränge, ohne daß es ihnen einfiel, daß sie auch durch ein anderes Thor, deren es mehrere gab, in die Stadt kommen könnten, aber alle Ordnung war so gänzlich aufgelöst, daß an diesem ganzen Tage voller Leiden auch nicht ein einziger Offizier des Generalstabes erschien, um darauf aufmerksam zu machen.

Während zehn Stunden fielen bei sieben und zwanzig und selbst acht und zwanzig Grad Kälte Tausende von Soldaten, die sich gerettet glaubten, wie an den Thoren vor Smolensk und an den Brücken der Berezina, erfroren oder erstickt nieder. Sechzigtausend Mann hatten diesen Fluß überschritten, zu ihnen waren seitdem zwanzigtausend Mann Verstärkungen gestoßen, und von diesen achtzigtausend Mann hatten die Hälfte ihren Untergang gefunden, und zwar die meisten zwischen Malodeczno und Wilna.

Der Hauptstadt Litthauens war unser Unglück noch unbekannt, als sie plötzlich von vierzigtausend Mann, die ganz verhungert waren, mit Geschrei und Seufzern erfüllt wurden. Bei diesem unerwarteten Anblick wurden die Einwohner von Schrekken ergriffen und schlossen ihre Thüren. Ein beweinenswerther Anblick war es nun zu sehen, wie diese Haufen von Unglücklichen in den Straßen umher irrten, einige wüthend, andere voll Verzweiflung drohend oder bittend, wie sie entweder versuchten, die Thüren der Häuser oder die der Magazine zu öffnen, oder wie sie sich nach den Lazarethen hinschleppten, und wie alles sie zurück wieß. Bei den Magazinen hielt man auf Förmlichkeiten, die unzeitig waren, weil, da die Korps aufgelößt und die Soldaten unter einander waren, jede regelmäßige Austheilung unmöglich war.

Es war hier für vierzig Tage Mehl und Brod, und für sechs und dreißig Tage Fleisch für hunderttausend Mann vorhanden; allein keiner von den höheren Offizieren wagte es, den Befehl zu geben, die Lebensmittel an alle, die kommen würden, auszutheilen, und die Verpflegungsbeamten, die sie in Empfang genommen hatten, waren wegen ihrer Verantwortlichkeit besorgt, andere aber fürchteten die Ausschweifungen, denen sich die verhungerten Soldaten überlassen würden, wenn man ihren alles preis gäbe. Diese Verpflegungsbeamten kannten überdem das Verzweiflungsvolle unserer Lage nicht in ihrem ganzen Umfauge, und als kaum noch die Zeit zur Plünderung übrig war, ließ man unsere unglücklichen Waffengefährten mehrere Stunden lang dem Hungertode preis gegeben, obgleich am anderen Tage sich schon der Feinde der Vorräthe bemächtigte.

In den Kasernen, in den Lazarethen wurden sie nicht weniger zurück gewiesen, aber nicht durch Lebende, denn hier herrschte allein der Tod. Einige Sterbende athmeten hier nur noch, und sie klagten, daß sie schon seit lange ohne Betten, ja selbst ohne Stroh und fast ganz verlassen wären. Die Höfe, die Korridors, ja die Säle selbst waren voll von über einander gehäuften Leichen, es waren verpestete Todtenhäuser.

Endlich wurden durch die Vorsorge einiger höheren Offiziere, wie Eugen und Davoust, durch das Mitleiden der Litthauer und den Geiz der Juden, einige Zufluchtsorte geöffnet. Ein bemerkenswerther Anblick war nun das Erstaunen dieser Unglücklichen, als sie sich endlich wieder in bewohnten Häusern befanden, wie schien ihnen ein aufgegangenes Brod eine köstliche Nahrung, welche unaussprechliche Wonne fanden sie darin, es sitzend essen zu können, und wie erregte endlich der Anblick eines schwachen Bataillons, das noch bewaffnet, in Ordnung und uniformirt war, ihre Bewunderung! Es schien, als ob sie von den äußersten Enden der Welt kämen, so sehr hatte die Heftigkeit und die ununterbrochene Dauer ihrer Leiden sie weit von allen ihren Gewohnheiten abgebracht und entfernt, und so tief war der Abgrund gewesen, aus dem sie empor geklommen.

Allein kaum fingen sie an, diese Wonne zu genießen, als das Geschütz der Russen über ihnen und über der Stadt donnerte. Diese drohende Lärm, das Rufen der Offiziere, die Trommeln, die zu den Waffen riefen, das Geschrei der Haufen von Unglücklichen, die noch anlangten, erfüllten Wilna mit einer neuen Verwirrung. Die Avantgarde von Kutusow und Tschaplitz nämlich, unter den Befehlen von Orurck, Landskoy und Seslawin, griffen die Division Loison an, die zugleich die Stadt und den Marsch einer Kolonne unberittener Reuter deckte, die über Newtroky auf Olitta ging.

Es ward anfangs versucht, Widerstand zu leisten. Wrede und seine Baiern hatten sich auch wieder mit der Armee über Naroc-Zwiransky und Niamentschin vereinigt; sie wurden von Wittgenstein verfolgt, der über Kamen und Wileika gegen unsere rechte Flanke marschirte, während Kutusow und Tschitschagoff und verfolgten. Wrede hatte nicht mehr zweitausend Mann übrig, und die Division Loison und die Garnison von Wilna, die uns, um uns zu unterstützen, bis Smorgony entgegen gekommen waren, waren seit drei Tagen von funfzehntausend Mann auf dreitausend geschmolzen.

Wrede vertheidigte Wilna an der Seite gegen Rukony hin, wurde aber, nach einem tapfern Widerstande, zum Weichen gezwungen. Loison mit seiner Division, der näher an der Stadt stand, gelang es, den Feind aufzuhalten. Es war gelungen, eine neapolitanische Division zu bewegen, das Gewehr in die Hand zu nehmen, ja man hatte sie sogar dazu gebracht, aus der Stadt zu rücken, allein die Gewehre fielen diesen Leuten, die von einem glühenden Boden in eine Eisregion versetzt waren, aus den Händen. In weniger als einer Stunde kamen alle ohne Waffen und meisten verstümmelt wieder!

Zu gleicher Zeit wurde der Generalmarsch ohne Erfolg durch die Straßen geschlagen; die alte Garde selbst, die auf einige Züge zusammengeschmolzen war, blieb zerstreut, denn alle waren viel mehr bedacht, ihr Leben gegen den Hunger und die Kälte, als gegen den Feind zu vertheidigen. Aber nun erhob sich mit einem Male das Geschrei: "Kosacken, Kosacken!" dies war seit langer Zeit das einige Signal, dem seit lange schon die Mehrzahl gehorchte, es schallte auch bald in der ganzen Stadt wieder und die wilde Flucht begann.

Auch Mürat wurde von Schrecken ergriffen, denn da er sich nicht mehr Herr von der Armee glaubte, war er es auch nicht mehr von sich selbst. Man sah ihn, wie er sich durch den dichten Haufen drängte, und allein zu Fuß aus seinem Pallaste und aus Wilna floh, ohne einen anderen Befehl zu ertheilen, als den, der sein Beispiel gab, wobei er Ney die Sorge für das übrige überließ. Der König blieb jedoch in dem letzten Hause der Vorstadt an der Straße nach Kowno, um dort den Tag und die Armee abzuwarten.

Man hätte sich ein und zwanzig Stunden länger in Wilna halten können, wodurch viele Leute gerettet worden wären, denn es blieben in dieser uns so verderblichen Stadt gegen zwanzigtausend Mann zurück, worunter dreihundert Offiziere und sieben Generale. Die meisten waren verwundet, aber mehr durch den Winter als durch den Feind, der über die triumphirte, einige andere waren zwar dem Anschein nach wenigstens unversehrt, aber die Kraft ihres Geistes war erschöpft; nachdem sie den Muth gehabt hatten, so viele Schwierigkeiten zu überwinden, gaben sie, nahe am Hafen, das Unternehmen auf, und traten vor vier Tagemärschen zurück. Sie hatten endlich wieder eine civilisirte Stadt gefunden, und ehe sie sich dazu entschließen konnten, wieder in die Wüste zurück zu kehren, gaben sie sich ihrem Geschick, das grausam war, preis.

Wirklich nahmen die Litthauer, die wir, nachdem wir sie in so übele Verhältnisse gebracht hatten, verließen, einige auf, und unterstützten sie, allein die Juden, die wir begünstigt hatten, stießen andere hart zurück, ja sie thaten noch weit mehr. Der Anblick so vieler Leiden reitzte ihre Habsucht, und wenn nun auch ihr schändlicher Geitz, der die Berechnung seines Vortheils auf unser Elend gründete, sich damit begnügt hätte, geringe Unterstützungen, die er gewährte, sich mit Geld aufwiegen zu lassen, so würde es die Geschichte verachten, ihre Bücher mit diesen niedrigen Einzelnheiten zu besudeln, aber daß sie unsere unglücklichen Verwundeten in ihre Wohnungen gelockt haben, um sie zu plündern, und daß sie dann, sobald sie die Russen ansichtig wurden, diese nackten und sterbenden Opfer aus den Thüren und Fenstern ihrer Häuser geworfen, und sie da haben kläglich vor Kälte umkommen lassen, dass diese nichtswürdigen Unmenschen sich in den Augen der Russen selbst daraus ein Verdienst zu machen gesucht haben, sie hier noch zu quälen, so gräßliche Verbrechen müssen dem jetzigen und dem künftigen Jahrhundert bekannt werden. Heute, wo unsere Hände ohnmächtig sind, mag vielleicht unser Zorn und unsere Verachtung gegen diese Ungeheuer ihre einzige Strafe auf dieser Erde seyn, aber am Ende der Tage werden die Mörder einst doch wieder mit ihren Opfern zusammen treffen, und da werden wir ohne Zweifel in der Gerechtigkeit des Himmels unsere Rächerinn finden!

Am 10ten Dezember verließ Ney, der freiwillig die Arrieregarde übernommen hatte, die Stadt, die sogleich von den Kosacken Platofs überschwemmt wurde, welche nun alle die Unglücklichen, welche die Juden ihnen in den Weg warfen, tödteten. Mitten unter diesem Gemetzel erschien plötzlich eine Abtheilung von dreißig Franzosen, die von der Brücke der Wilia kam, wo sie vergessen worden war. Bei dem Anblick dieser neuen Beute eilten dicht gedrängt Tausende von russischen Reutern herbei, umringten mit großem Geschrei und griffen sie von allen Seiten an.

Allein der französische Offizier hatte seine Soldaten schon nach allen Seiten Front machen lassen, befahl ihnen ohne weiteres zu feuern, und marschirte nun mit gefälltem Gewehr im Sturmschritt vorwärts. In einem Augenblick floh alles vor ihm, er blieb Herr der Stadt, und ohne mehr über die Feigheit der Kosacken in Erstaunen zu gerathen, als über ihren Angriff, benutzte er den Augenblick, wandte schnell kurz um, und es gelang ihm, die Arrieregarde ohne Verlust zu erreichen.

Diese war im Gefecht mit der Avantgarde Kutusows, die sie aufzuhalten sich bemühete, denn ein neuer Unfall, den sie umsonst zu decken suchte, hielt sie noch nahe bei Wilna zurück.

In dieser Stadt hatte Napoleon auch, wie in Moskau, gar keinen Befehl zum Rückzuge geben lassen, da er gewollt, daß unsere Niederlage ohne Vorboten seyn, und daß sie nur erst sich selbst ankündigen solle, damit sie unsere Verbündeten und ihre Minister überrasche, und damit sie endlich, indem sie das erste Staunen derselben benutzte, den Weg durch ihre Völker hin zurück legen könne, ohne diese in Bereitschaft wären, sich mit den Russen, um sich gegen uns zu wenden, zu verbinden.

Deshalb waren in Wilna die Litthauer, die Fremden, und sogar sein eigener Minister getäuscht worden, und glaubten an unseren Unstern nur erst, als sie die Flucht sahen. Hierin diente die fast abergläubischen Anhänglichkeit Europa's an das Genie Napoleons ihm gegen seine Verbündeten, allein dieses selbe Vertrauen hatte die Seinigen so in eine tiefe Sicherheit eingeschläfert, daß in Wilna, wie in Moskau, sich niemand auf irgend eine Bewegung vorbereitet hatte.

In dieser Stadt befand sie ein großer Theil der Bagage der Armee, die Kriegskasse und viele Lebensmittel, eine große Menge Rüstwagen, die mit Effekten des Kaisers beladen waren, viel Artillerie und eine große Menge Verwundeter; unsere Flucht war über sie gekommen, wie ein unvorhergesehenes Ungewitter; bei diesem Donnerschlag, hatte der Schreck einige nieder geworfen, und andere waren von der Bestürzung gefesselt. Befehle, Menschen, Pferde und Wagen kreuzten sich und stießen auf einander.

Mitten in diesem wilden Treiben hatten mehrere Generale alles, was sie in Bewegung zu setzen im Stande gewesen waren, aus der Stadt in der Richtung nach Kowno getrieben, allein in der Entfernung einer Lieue war diese schwerfällige und muthlose Kolonne auf dieser Straße, auf die Höhe und das Defilee von Ponari gestoßen.

Bei unserem Eroberungszuge hatte dieser bewaldete Abhang unseren Husaren nur eine glückliche Zufälligkeit des Terrains erschienen, von wo aus sie die ganze Ebene von Wilna übersehen und den Feind beurtheilen könnten. Übrigens war sein zwar steiler aber kurzer Abfall kaum bemerkt worden. Bei einem noch geordneten Rückzuge hätte er nach rückwärts hin eine gute Stellung dargeboten, um die Verfolgung des Feindes aufzuhalten, aber bei einer ganz regellosen Flucht, wo alles, was sonst nützlich seyn könnte, schädlich wird, wo man in der Übereilung, in der Unordnung derselben alles gegen sich selbst wendet, wurden dieser Hügel und das Defilee an demselben ein nnübersteigliches Hinderniß, eine Eismauer, gegen die unsere Anstrengungen scheiterten, und die alles Gepäck, den Schatz und die Verwundeten aufhielt. Das Unheil war groß genug, als daß es in der langen Reihe unserer Unfälle doch noch ein Epoche macht.

Wirklich ging hier Geld, Ehre, die noch übrigen Spuren der Kriegszucht und der Kräfte bis auf das letzte verloren. Als nach funfzehnstündigen vergeblichen Anstrengungen die Knechte und die Soldaten der Eskorte, den König und die ganze Kolonne der Flüchtlinge neben sich an der Seite des Berges vorbei ziehen sahen, als sie, da sie die Augen nach dem Geschütz- und Gewehrfeuer umwandten, das ihnen jeden Augenblick näher kam, Ney selbst erblickten, der sich mit dreitausend Mann, welches die Überreste von dem Korps von Wrede und der Division von Loison waren, zurückzog, und als sie dann endlich ihre Augen wieder auf sich wandten, und den Berg ganz mit zerbrochenen oder umgeworfenen Wagen und Geschützen mit gefallenen Menschen und Pferden, die über und durch einander liegend starben, bedeckt sahen, da dachten sie nicht mehr daran, noch etwas zu retten, sondern nur daran, der Gier ihrer Feinde zuvor zu kommen, indem sie sich selbst plünderten.

Ein Wagen des Schatzes, der aufging, war wie ein Zeichen, denn nun stürzte sich alles auf diese Wagen, die zertrümmert und aus denen die kostbarsten Dinge geraubt wurden. Die Soldaten von der Arrieregarde, die bei dieser Unordnung vorbei zog, warfen ihre Gewehre weg, um sich mit Beute zu beladen, womit sie sich so eifrig beschäftigten, daß sie das Pfeifen der Kugeln und das Geheul der sie verfolgenden Kosacken nicht mehr hörten. Ja, die Kosacken sollen sich sogar, ohne von ihnen bemerkt worden zu seyn, unter sie gemischt haben, und einige Augenblicke lang sollen Franzosen und Tataren, Freunde und Feinde, durch eine und dieselbe Habsucht vereinigt worden seyn, so daß Russen und Franzosen, den Krieg vergessend, gemeinschaftlich denselben Wagen geplündert. So verschwanden zehn Millionen Gold und Silber.

Allein neben diesen Abscheulichkeiten sah man auch edele Thaten. Es gab Männer, die alles verließen, um auf ihren Schultern unglückliche Verwundete zu retten; einige andere, die nicht im Stande waren, ihre halberfrornen Waffengefährten aus diesem Gedränge zu retten, kamen um, indem sie sie gegen die Mißhandlungen ihrer Landsleute und gegen die Streiche der Feind vertheidigten.

An dem am meisten ausgesetzten Theile des Berges hielt ein Offizier von dem Gefolge des Kaisers, der Graf Türenne, die Kosacken noch auf, und vertheilte, ungeachtet ihres wüthenden Geschreies und ihres Feuers, unter ihren Augen den Privat-Schatz Napoleons an die Mannschaft von der Garde, die sich in seiner Nähe befand. Diesen braven Leuten, die mit der einen Hand sich schlugen und mit der anderen den Schatz ihres Herrn empfingen, gelang es, diesen zu retten, denn jeder brachte lange nachher, als alle Gefahr vorüber war, treulich das ihm anvertraute Pfand wieder, so daß kein Goldstück verloren ging.


Russlands Triumphe.Bearbeiten

Dr. Friedrich Franz Kosegarten.

Die Zahl der vor Hunger und Frost sterbenden feindlichen Mannschaft, die längs der Strasse lag, vermehrte sich von jetzt an sehr merklich, und man fand unter ihr schon viele von der Garde Napoleons. Die Russische Avantgarde unter dem General Tschaplitz fuhr indess unermüdet fort, den Feind zu drängen, der es nun gänzlich aufgab, seine Flucht durch einen regelmässigen Nachtrab zu decken, und seinen muthigen Verfolgern einigen Widerstand entgegen zu setzen. Er floh in der höchsten Unordnung, und ergab sich, wo er eingeholt wurde, demüthig gefangen. An einem Orte liess er Einundsechzig Kanonen auf dem Wege stehn, an einem anderen Orte wieder Einunddreissig, und von der Mannschaft ergab sich Ein Tausend nach dem Andern der Grossmut des Siegers. Von Smorgona bis Oschmäny war die ganze Strasse so voll von verlassenen Patronkasten, Kanonen, und Gepäcke, von Menschenleichen und Pferdecadavern, dass es den Russen Mühe machte, sich einen Weg hindurch zu bahnen. Den 9. December schlug der Oberste Sesslawin die feindliche Cavalerie, nahm ihr Sechs Kanonen und einen Adler ab, und drang mit ihr zugleich in die Vorstadt von Wilna. Der General Tschaplitz, der den Feind auf einer andern Strasse nach eben dieser Stadt kräftigst verfolgte, nahm ihm unterweges Einunddreissig Kanonen ab. Zu gleicher Zeit trafen auch der Generaladjutant Kutusow und der Graf Platow mit ihren Detachements in Wilna ein. Die Wachsamkeit der Napoleonischen Polizey war in der Stadt so gross gewesen, dass nur erst seit wenigen Tagen sich einige zerstreute Nachrichten von den Unfällen der Franzosen dahin verstolen hatten; der Feind fand sich daher durch die Ankunft der Russen so überrascht, dass er in der Eile der Flucht, auf welcher er noch von den dortigen Iuden hart mitgenommen wurde, seine Zerstörungsmaxime nicht in Ausübung bringen konnte, und Wilna der erste Ort, der unbeschädigt in die Hände des rechtmässigen Besitzers wieder zurück fiel. Auch wurde der Einzug den Russen hier zu einem wahren Volksfeste, das mit feyerlichem Gottesdienste, mit Deputationen und Processionen unter dem Geläute der Glocken, unter dem lauten Iubel der Einwohner und einem unaufhörlichen Hurrah- und Vivatrufen begangen wurde. Die Beute, die in der Stadt gemacht ward, war unermesslich. Man fand Siebzig Kanonen, ein ungeheures Arsenal, nebst einer Menge Pontons und ganz neuer Schanzinstrumente, mehrere Magazine, mit Roggen, Mehl und Zwieback reichlich angefüllt; ungemein beträchtliches Vorräthe von Effecten, zur Ausrüstung des Soldaten gehörig, als Monturen, Chenillen, Flinten, Säbeln, Patrontaschen, Sätteln, Kaskets und andern Hundertundachtzigtausend Ellen feinen blauen Tuchs, fertige Monturen für Dreymalhunderttausend Mann, Zwanzigtausend Tonnen Schuhe (jede zu Hundertundzwanzig Paar), und alle übrigen Bedürfnisse zur Bekleidung einer grossen Armee, die grösstentheils aus Deutschland requirirt waren; ferner die Kriegskasse der Garde, aus mehr als Hunderttausend Napoleon d'or (zu Vierzig Franken) bestehend, Napoleons eigene Kasse, dessen Kanzeley mit sehr wichtigen Papieren, die wegen Ermüdung der Pferde in einem Defilé stecken geblieben, und von den Kosacken genommen worden war. Endlich nahm man, ausser Acht bis Zehntausend Kranken, Sechs bis Achttausend Gemeine mit Sieben Generalen und mehr als Zweyhundert Officieren gefangen. Aus der umliegenden Gegend wurden ohnediess noch eine Menge Gefangener eingebracht; der Kranken und Verwundeten nicht zu gedenken, die sich in den benachbarten Dörfern befanden. Der Feldmarschall selbst nahm den 13. December sein Hauptquartier in der Stadt Wilna.

Der Graf Platow fuhr indess fort, den Feind, der auf der Strasse nach Kowno flüchtete, nachdrücklich zu verfolgen. Er marschirte ohne Wilna zu berühren, die Stadt vorbey, gerade auf Kowno zu (den 10. December n. St.). . . .


Quellen und LiteraturBearbeiten

  • Leipziger Zeitung Nr. 150. Montags den 3. August 1812.
  • Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Augsburg und Leipzig in der Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
  • Geschichte Napoleons und der großen Armee im Jahr 1812 von dem General, Grafen von Segür. Aus dem Französischen. Berlin und Posen, bei Ernst Siegfried Mittler. 1825.
  • Darstellung des Französisch-Russischen Vernichtungskrieges im Iahre 1812. Ein Versuch von Dr. Friedrich Franz Kosegarten, zum Druck besorgt von Dr. Bernhard Georg Kosegarten. St. Petersburg. Gedruckt bei dem ersten Kadettenkorps. Wenden in Livland, bei der Verfasser. St. Petersburg, bei dem Buchhändler Brieff. 1814.
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