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Von Reisende.Bearbeiten

Friedrich Schulz. [1]

[1793]

Das königliche Schloß *) oder die Burg (poln. Zamek) liegt zwischen der Altstadt und der Krakauer Vorstadt fast wie versteckt und gewährt keine allgemeine Ansicht. Von woher man sich demselben auch nähert, immer sieht man nur einen Theil davon. Aber man verliert auch dabey nicht sehr viel. Die ältern Theile sind schwarz, unansehnlich, winklich, und die neuern versteckt. Fast jeder König hat eine Erweiterung damit vorgenommen, und jeder neue Zusatz hat einen andern Geschmack und weniger oder mehr Höhe und Breite, als der andere erhalten. Das Ganze hat indessen einen sehr beträchtlichen Umfang und die Zahl der Zimmer und Säle geht in die Hunderte. Der große Hof, der von den neuesten Anlagen umschlossen wird, ist der sehenswertheste Fleck darin. Wenn man von der Seite der Krakauer Vorstadt herein kömmt, so hat man rechts die Hauptwache und den Haupteingang zu den Zimmern, die der König bewohnt und die nach der Weichsel sehen; links, den Eingang zum Reichstagssaal und in einen andern Hof, der nach der Altstadt zu geht; und vor sich den Durchgang unter einem der Seitenflügel ~n einen dritten Hof, der Kollegiat- und Pfarrkirche St. Johannis führet. Zur Reichstagszeit, oder wenn Kour beym Könige ist, erscheint dieser Hof mit den prächtigsten Wagen wie verrammelt, und ist mit einem Gedränge reich gekleideter Bedienten bedeckt.

*) Vergl. Berl. Mon. Schr. 1. c. S. 559. fg.

Die Beschreibung der Zimmer, die der König bewohnt, verschiebe ich bis dahin, wo ich von seiner Person spreche, weil das Aeußere derselben und ihre Einrichtung in genauer Verbindung mit derselben steht. Die übrigen Zimmer und Säle sind theils leer und verschlossen, oder dienen zu Versammlungsorten des Senats, oder zu Arbeitszimmern für die Staatsämter, zur Aufbewahrung des Archivs, oder auch bloß zu Durchgängen und Wachsälen. Viele darunter haben keine andere Möbel, als Spiegel und ein paar alte Stühle; andre sind mit Gemählden behängt, die in Brustbildern der polnischen Könige, berühmter polnischer Gelehrten und Feldherrn alter und neuerer Zeit, bestehen; und diese sind denn freylich die anziehendsten unter allen im Schlosse. Man hat den größesten Theil derselben dem jetzigen Könige zu danken, der sie theils ankaufte, theils kopieren ließ, theils auch, was die Gelehrten und Feldherrn betrifft, von den Klöstern, Kollegien und Familien geschenkt erhielt.

Diejenige Seite des Schlosses, die nach dem Flusse sieht, ist unstreitig die heiterste. Man beherrscht von da herunter eine weitausgebreitete Aussicht über die Weichsel, über Prag und über die daran stoßende, mit Wald umgebene, Fläche. Die andre Seite, die nach der Stadt zu liegt, hat keine Aussicht, sondern ist durch die erwähnte Pfarrkirche und durch die hohen, schwarzen Häuser der Altstadt versperrt. Da keine Königin hier ist, so giebt es auch keinen eigentlichen Hof, mithin ist das Schloß, feyerliche Gelegenheiten abgerechnet, ziemlich öder und todt. Am Fuße desselben, nach der Weichsel zu, stehen meist elende hölzerne Hütten, die alles um sich her liegen haben, was ihre Bewohner an Bettstroh, Dünger, altem Lumpen- und Lederwerk nicht mehr brauchen, und in so hohen Haufen, daß es die Anhöhe bis zum Fuße des Schlosses bedeckt, und sich noch mehr erheben würde, wenn nicht gewisse, schmutzige und gefräßige Thiere es wieder herabwühlten, oder nieder träten. Ueber diese nähern Umgebungen muß man allerdings hinwegsehen, wenn man der entferntern angenehmen Aussicht über die Weichsel hinaus genießen will.


Quellen.Bearbeiten

  1. Reise eines Liefländers von Riga nach Warschau, durch Südpreußen, über Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nürnberg, Regensburg, München, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol. Berlin, 1795. bei Friedrich Vieweg dem ältern.
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