Wien Museum


Der Prater zu Wien in Oesterreich unter der Ens.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Nicht bald bezeichnet irgend ein Nahmen so viel, was zur Freude spornt und Freude giebt, nicht bald hat ein dem öffentlichen Vergnügen geweihter Lusthain so viele Celebrität erlangt, und verdient, als der Prater. Ein Wald, der weit über eine halbe Meile auf dem schönsten, üppigsten Wiesengrunde sich ausbreitet, von den Armen eines großen Stromes umgeben, die mannigfaltigsten Parthien darbiethet, hier Garten, dort Wildniß, bald Stadt, bald Land, bald beydes zugleich ist, solch ein Wald wird wohl auf der ganzen Erde nicht wieder zu finden seyn. Kastanienbäume, Linden, Buchen, Eschen, und Erlen und Pappeln bilden die schönen Gruppen und Gehege seines Innern. Die einen hat Kunst in lange, herrliche Alleen geordnet, zwischen welchen die andern in lyrischer Unordnung nach dem Plane der Natur gedeihen. Fasanen in einer eigenen umzäunten Abtheilung, Heerden von Hirschen, der hier beynahe zahm sind, Kühe und das zahllose Heer von Vögeln, Eichhörnchen und andern Hainbewohnern belebt die einsamen Gänge, während die besuchten Gegenden von genießenden Menschen wimmeln.

Am Ende der Jägerzeile wird ein schönes Wasen-Parterre von schlanken Pappeln im Halb-Cirkel umgeben und bildet, vorne mit Geländern eingeschlossen, die sogenannte Rondelle. Von ihr aus ziehen sich sechs gerade Alleen durch den Prater und zerschneiden ihn fächerförmig in sechs Abtheilungen. Die erste dieser Alleen verbindet ihn mit dem Augarten, und biethet den weitesten Prospect, die bezauberndsten Aussichten dar. In ihrem Hintergrunde sieht man das grüne Lusthaus, und rechts durch einen Aushau über die Donau tief hinein in das flache Land.

Die zweyte führt zur Taborbrücke und steht ebenfalls mit dem Augarten in Zusammenhang. Sie dient zur Commercial-Strasse; in fortdauerndem Zuge ist sie mit Lastwägen bedeckt, die von Norden herab kommen, und sodann durch die gegenüberliegende Allee über die neue Franzens-Brücke ihre Richtung nach dem Hauptzollamte nehmen.

Ein ganz anderer Charakter bezeichnet die dritte. Sie wird am wenigsten besucht, gewährt aber durch ungemein schöne Gegenden, durch die zarteste Mischung des Lieblichen und Düstern reichen Genuß. -- Solche Gegenden können nicht von vielen besucht werden. Göthe's Iphigenie giebt kein volles Haus.

Zwischen dieser und der vorigen Allee befinden sich das sogenannte Stadtgut, eine schöne dichte Waldgegend mit den heitersten Ansichten der Donau, des Dammes und, wenn man den Spaziergang über diesen weiter fortsetzen will, auch der übrigen entfernteren Gegenden des Waldes.

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Die vierte Allee enthält den Feuerwerksplatz, auf welchem jährlich von dem Kunstfeuerwerker Stuver vier bis fünf Kunstfeuer abgebrannt werden. Der Platz hiezu, auf welchem das Hohe, pyramidenförmige Gerüste in einer beträchtlichen Fronte sich erhebt, ist eine ausgedehnte herrliche Wiese mit hohen Bäumen umgeben. Seitwärts unter ihrem Schatten lagern sich einige Wirthshäusern und im Hintergrunde befindet sich das Feuerwerks-Laboratorium.

Von diesem Platze erhoben sich auch Robertson und Blanchard. Er wird gewöhnlich zu solchen öffentlichen Spectakeln gewählt, die einen großen Raum erheischen.

Der lebhafteste, oder vielmehr getümmelreichste Theil des Praters liegt zwischen dieser und der folgenden Allee. Eine Stadt von Bier- und Weinschenken lieht mit ihrer wandelbaren, sehr starken Bevölkerung unter den friedlichen Bäumen zerstreut. Hier finden sich Kegelbahnen, Ringelspiele, Schaukeln, Musiken aller Art, Scheibenschießen, Marionettenspiele und viele andere Volksbelustigungen. Die ganze, außer der schönen, existirende und freudebedürftige Welt versammelt sich unter den Schatten dieser Bäume. Da erlustiget sich mit leuchtenden Augen das Volk der Phäaken; immer ist Sonntag, es dreht immer am Heerd sich der Spieß.

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Die anziehendern Gegenstände dieser Abtheilung sind: das schöne, ehemahls den Fürsten Gallizin gehörige Gebäude gleich am Eingange. Es ist gegenwärtig im Besitze des kaiserlichen Hofes, welcher einen geschmackvollen Garten dabey anlegen ließ. Der Thurm von Gothenburg, (nach der beliebten Oper so genannt) auf welchem man eine überraschende Aussicht genießt, und eine Camera obscura, ein Cabinet zum hinaufwinden und Herablassen, ja sogar eine Naturalien-Sammung findet. Mehrere Caroussels (Ringelspiele) worunter eines mit einem künstlichen Flötenwerke. Das Gebäude mit einer Camera obscura und dem Panorama von Prag, welches wirklich, besonders bey frühem Morgen besehen, nichts zu wünschen übrig läßt; einige physikalische Belustigungen, endlich unter der großen Zahl von Wirthshäusern mehrere von freundlichem Ansehen, wo man wirklich gute Gesellschaft und Bedienung trifft; so z. B. der wilde Mann, der Einsiedler, der Baberl (soll heißen Papagey) und der Eisvogel mit seinem artigen Gärtchen.

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Die fünfte Allee, auch Hauptallee genannt, ist die Favorite der schönen Welt. Sie besteht aus einer vierfachen Reihe von 1134 uralten schattichten Kastanienbäumen. An sie schließen sich zur Linken drey Kaffehäuser mit niedlichen Nebengebäuden und Salons, regelmäßigen Baumpflanzungen und einer großen Menge von Tischen, Sopha's und Sesseln, wo Damen und Herren sich auf mancherley Art erquicken.

Zwischen dieser Allee und der sechsten, ist ein ungeheuerer Raum mit schönen Wiesen, mahlerischen Baumgruppen und lieblichen Ufer-Parthieen an der Donau geschmückt. Hier treiben die Hische sich im Schatten oder auf sonnigen Stellen herum; Raben krächzen, Eichhörnchen springen von Baum zu Baum. Eine sehr hübsche Brücke führt über die Donau zu den Anlagen des Grafen Rasumovsky hinüber, dessen Palais allmählich wie ein Feenschloß aus den Umgebungen aufsteigt.

Am südöstlichen Ende des Praters, dessen Länge in dieser Richtung beynahe 3000 Klafter beträgt, ist dicht an einem Arme der Donau, deren Auen sich hier in üppiger Fülle zum Auge drängen, das sogenannte grüne Lusthaus gelegen, ein freystehender, runder Pavillon mit zwey übereinander liegenden lustigen Sälen, und von Aussen mit Gallerien umgeben, die auf Säulen ruhen. Ehemahls war es ein Jagdhaus, wie es die an den Ecken angebrachten Hirschgeweihe andeuten. Joseph II. ließ es aber in seiner jetzigen geschmackvollen Form dem Publikum öffnen. Ein Halbzirkel von fünf mit Alleen besetzen Wasenplätzen schließt es von der einen Seite ein, von der andern begrenzt es die Donau. Man kann Erfrischungen aller Art hier finden, und die Aussicht auf den Strom mit seinen Inseln, und den vorüber gleitenden Schiffen ist äußerst angenehm. Eine der gegenüberliegenden Auen enthält ein k. k. Gestütte.

Im zehnten Jahrhunderte schon kommt der Prater unter dieser Benennung vor, welche einige von Pratum (Wiese), andere von Prado, einem Parke bey Madrid, herleiten wollen. Damahls war er durch einen Arm der Donau von der Jägerzeile getrennt, und auch das Stadtgut machte gleich ihm eine eigene Insel aus. Er wurde bloß in der Fastenzeit, wo man ein großes Fuchsprellen gab, und im May vom Hofe besucht; nur Equipagen durfte damahls hinein. Joseph II. eröffnete ihn 1766 dem Publicum, und both alle Mittel zu seiner Verschönerung auf. Der Donauarm, der ihn von der Jägerzeile absonderte, ward verstopft, das Stadtgut mit ihm vereinigt, der Augarten mit ihm in Verbindung gesetzt; die Alleen wurden vermehrt und mit Sorgfalt gepflegt; der Eingang erhielt seine jetzige Gestalt, das Lusthaus stellte sich verschönert vors Auge. Man grub Brunnen, um die Gänge stets mit frischem Wasser zu bespritzen, man verwandelte den sonst offenen Rinnfall in einen gedeckten Canal. Die den Wirthen ertheilte Schankgerechtigkeit lockte sie zahlreich in den schönen Wald, und 1777 brannte Stuwer sein erstes Feuerwerk ab. Immer mehr fühlte das Publicum die Vorzüge des reitzenden Aufenthaltes, und die Fremden theilten dieses Gefühl mit ihm. Aber dennoch gewährt er im Maymond den höchsten Genuß; denn in diesem haben die Vornehmen und Reichen noch nicht ihre Villa's bezogen, die Versammlung ist zahlreicher und glänzender, und die Menge der Equipagen, oft zählt man ihrer mehr als 1500, die geschmückten Reiter, und das gallonirte Gefolge macht die Scene äußerst frappant.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Länder- und Völker-Merkwürdigkeiten des österreichischen Kaiserthumes. Von Dr. Franz Sartori. Wien, 1809. Im Verlage bey Anton Doll.
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