VVittenberg.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


VVittenberg,[1] Hauptstadt des ehemaligen Kurkreises, oder des jezigen Wittenberger Kreises und Herzogthums Sachsen, nicht weit von der Elbe, 8 Meilen von Leipzig gelegen. Sie war nach alter Art fest. Ihr altes Schloß ist in der Belagerung von 1760 bis auf die Mauern abgebrannt: die damals ruinirten 114 Häusern und 18 öffentliche Gebäude, die beynahe den vierten Theil der Stadt ausmachen, liegen noch größtentheils im Schutte. Nur die Schloß- oder Universitätskirche ist ansehnlich wieder erbaut, und 1770 eingeweiht worden. Seit der Zeit hat man die Gräben in Gärten verwandelt und der Stadt, welche sich noch lange nicht erholen kann, das Festungsmäsige benommen. Die Stadt selbst hat 3 Thore, 320 Häusern meist von Fachwerk und ist durch einen langen gezogenen Damm mit der Elbbrücke verbunden, weil die dazwischen liegende Gegend durch die Ergießungen des Flusses unter Wasser gesetzt wird. In den Vorstädten sind 282 Häuser. Die Zahl der Einwohner betrug im J. 1800. 5496, ohne die Universität und das Militär, welches aus 2 Grenadier-Compagnien besteht. Es ist daselbst ein Schöppenstuhl, Consistorium, Hofgericht, Kreisamt, das Archiv des Gesammthauses Sachsens, 1502. angelegt, und auf welcher D. Martin Luther 1517 die Reformation angefangen hat. Die Universität hat im Durchschnitte 300 Studierende, mehrere Dörfer, deren Einkünfte ihr gehören, Freytische für 144 Studenten u. eine besondere Stiftung für protestantische Ungarn in dem Augustinerkloster, wo sie eine eigene Bibliothek haben. 22 ordentliche Professoren lehren an dieser berühmten Universität; ohne die 2 ordentlichen Assessoren der juristischen und einigen Adjuncti der philosophischen Fakultät zu rechnen. Zu Ende des Jahrs 1789 ward die von Hrn. von Ponickau der Universität geschenkte Bibliothek nach Wittenberg gebracht und mit der ältern Universitätsbibliothek vereinigt, welche aus 40000 Bänden besteht. Seit 1754 hat ein Baron von Hohenthal hieselbst eine Realschule und Waisenhaus gestiftet. Eine halbe Stunde vor der Stadt liegt der sogenannte Luthersbrunn. Die von den Schweden 1637 abgebrannte hölzerne Brücke ward 1787 wieder hergestellt und am 30 Jul. feyerlich eingeweihet. Eigentlich Manufakturen hat Wittenberg nicht, doch werden Hüte, Leder und besonders vieles Tuch als Handlungsartikel geliefert. Rings um die Stadt führen schöne zur öffentlichen Promenade dienende Alleen.


SLUB Dresden


Wittenberg.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Wittenberg,[2] die bekannte Hauptstadt des ehemaligen Churkreises im Königreich Sachsen, liegt am rechten Ufer der Elbe, und ist durch das Wirken Luthers und Melanchthons welthistorisch berühmt geworden. Die dortige Universität wurde 1502 durch Friedrich den Weisen gestiftet und durch Luthers und Melanchthons Widerstreben gegen päpstliche Anmaßung in ganz Europa bekannt. Die Erdwälle, welche Wittenberg umgeben, und vor dem schmalkaldischen Kriege gebaut sind, sind zweimal die Ursache der Zerstörung der Stadt geworden. Schon 1547 wurde sie vor der Schlacht bei Mühlberg von Kaiser Carl V. eingenommen, allein Eigenthum, Gottesdienst und die Gräber der Reformatoren von dem großmüthigen Sieger geschützt. 1637 wurde die Elbbrücke von den Schweden abgebrannt. Im 7jährigen Kriege wurde Wittenberg 1760 vom 10. bis zum 14. Oct. durch die auf den Weinbergen aufgestellte Reichsarmee bombardirt, und der preußische Commandant, Obrist Sakemon, zur Uebergabe genöthigt. Das Schloß und 114 Häuser wurden hierbei ein Raub der Flammen. Das schwerste Trübsal stand aber der Stadt im J. 1813 bevor. Napoleon bestimmte sie nämlich zur Deckung des wegen der Straße nach Berlin wichtigen Elbüberganges. Er ließ die Verfallnen Werke wieder aufräumen, den ausgetrockneten Graben unter Wasser setzen, einen starken Brückenkopf auf dem linken Elbufer anlegen und die Wälle der Stadt durch Collateralwerke mit dem Elbufer verbinden. Hierauf folgte am 6. April die Abbrennung sämmtlicher Vorstädte, unter denen die coswiger die wichtigste war. Die Blokade hatte schon Ende März begonnen. Am 16. April ließ der sie befehligende russische General Wittgenstein die abgebrannten Vorstädte mit dem Bajonnet nehmen, am 18. die Stadt aus 27 Geschützen beschießen, hierauf jedoch die Belagerung wieder in eine Blokade verwandeln. Auch diese ward bei dem Rückzug der verbündeten Heere Ende Mais gänzlich aufgehoben. Gleich nach Wiederausbruch der Feindseligkeiten zeigten sich die leichten Truppen der Verbündeten wieder vor dem Brückenkopf, und in der Mitte Septembers begann das preußische dritte Armeecorps die zweite Belagerung des Platzes. Es eröffnete am 25. Sept. die Parallelen bei dem Luthersbrunnen, beschoß an diesem Tage, am 27. und am 30. die Stadt mit Wurfgeschütz und Congrevischen Raketen und legte viele Gebäude, unter denselben das Schloß, in Asche. Rücksichten auf höhere Zwecke nöthigten indessen den General Bülow, die Belagerung am 4. Oct. aufzuheben. Am 23. Oct. wurde die Festung zum drittenmale eingeschlossen, und die Belagerung am 28. Dec. von der Brigade des Generals Dobschütz unter Leitung des Generals Tauenzien begonnen. Die erste Parallele wurde an diesem Tage 200 Schritt von dem durch den Gouverneur General la Poype zu einem wichtigen Posten eingerichteten Krankenhause eröffnet, und der Angriff gegen die Schloßfronte gerichtet. Man brachte die folgende Nacht 11 Geschütze und in der Nacht vom 30. zum 31. Dec. 7 Geschütze in die Batterien und beschoß die angegriffene Fronte auf das lebhafteste. Den 31. baute man noch eine Mortierbatterie und ging mittelst einer flüchtigen Sappe, die auch zugleich zur dritten Parallele diente, gegen das Krankenhaus vor. Den 1. Jan. Nachts wurde das Krankenhaus gestürmt und behauptetm die folgende Nacht zum Besten der Belagerer eingerichtet und dann gegen den bedeckten Weg der scharfen Eckbastion vorgegangen, der bedeckte Weg couronnirt und am 11. der Anfang des Brescheschießens gemacht. Da indessen ein sehr kaltes die Arbeiten hinderndes Wetter eintrat, auch Munition und Lebensmittel zu mangeln anfingen, so hatte die Belagerung schwerlich geendet werden können, wenn nicht General Tauenzien, den Frost, welcher die nassen Gräben mit Eis zu decken angefangen hatte, benutzend, die Festung mit Sturm zu nehmen beschlossen hätte. Dieser Sturm wurde in der Nacht vom 12. zum 13. Januar ausgeführt, die Brücken und alle Außenwerke erobert, der Hauptwall auf mehreren Punkten zugleich angegriffen und erstiegen und die Franzosen in das von ihnen befestigte Schloß und Rathhaus zurückgeworfen. General la Poppe hatte sich während der ganzen Belagerung in der bombenfesten Sacristei des Schlosses aufgehalten; er capitulirte jetzt von dort aus, der seltenen Ehre theilhaftig, binnen eines Jahres drei Belagerungen ausgehalten, und selbst nach Einnahme des bedeckten Wegs den Vorschlägen der Verbündeten kein Gehör gegeben zu haben. Zwei Adler, 96 Canonen und 1500 Gefangene fielen den siegenden Preußen in die Hände. Ihr Verlust während der Belagerung betrug 4000, während des Sturms 100 Mann. Das ganze Schloß und ein großer Theil der Stadt lag nach der Einnahme in Trümmern, alle Vorstädte waren der Erde gleich. Die Gebäude der Universität waren sämmtlich, theils durch preußische Kugeln, theils durch Zerstörungssucht der Franzosen, unbrauchbar geworden, und fast das ganze Personale derselben nach Schmiedeberg geflüchtet. Diese Gründe, und vorzüglich die günstige Lage Wittenbergs als Vormauer von Berlin, welches die Erhaltung und Vermehrung ihrer Festungswerke durchaus nöthig macht, bewogen den König von Preußen, dem nach dem Friedensschlusse die Stadt von Sachsen abgetreten worden, die Universität mit der in Halle zu vereinigen, an ihrer Stelle aber in Wittenberg zum Andenken Luthers ein großes theologisches Seminarium zu errichten.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Christian Fick. [3]

[1806]

Wir verließen Düben den 12. Abends, und erreichten auf dem erbärmlichsten Wege um 3 Uhr den 13. die Elbe und Wittenberg. Hier an diesem, in militärischer Hinsicht so äusserst wichtigen, Orte waren auch nicht die geringsten Anstalten getroffen, die Elbbrücke, oder die noch immer für den ersten Anlauf hinlänglich befestigte Stadt zu vertheidigen. Die für die Preussen und Sachsen so äusserst wichtige und schöne Position an dem rechten Ufer der Elbe, im Falle eines Rückzuges, an den man aber nicht gedacht zu haben schien, mußte wahrscheinlich ganz ausser dem Operationsplane liegen, denn man sah keine Vorkehrungen dazu. Freilich waren sie schon überflüssig; man hatte sich auf der linken Flanke bereits umgehen lassen, und auf dem Falle, daß die große Armee auf dem linken Ufer der Saale geschlagen wurde, und das bei Halle sich versammelnde Reservekorps unter dem Herzog Eugen von Würtemberg dasselbe Schicksal hatte, war man so schon von der Elbe bis Magdeburg hinab, abgeschnitten, wie die Folgen nur zu deutlich lehrten. Denselben Morgen bald nach unserer Ankunft, traf ein Geldtransport von zwölf Wägen von Berlin hier ein, und wollte seinen Weg zur Armee über Leipzig, wo schon vier und zwanzig Stunden vorher die Franzosen hingestreift hatten, fortsetzen. Die den Transport begleitenden Officianten hielten daher an, und wendeten sich mit demselben am andern Tage gegen Magdeburg. In den benachbarten Dörfern wurde Mittags ein schlesisches Füselierbataillon, das sich auf dem Marsche zur Reservearmee befand einquartirt. Um nun die Geldwägen und überhaupt den wichtigen Uebergang über die Elbe nur etwas zu decken, wurde dasselbe noch Abends in die Stadt beordert, und die Brücke besetzt.

Mein erster Ausgang in Wittenberg war natürlich zu den Gräbern Luthers und Melanchthons. Ich stellte mich mit einem ehrfurchtsvollen Schauder auf die Asche jenes großen deutschen Mannes, der durch seine unerschütterliche Standhaftigkeit das Menschengeschlecht vom hierarchischen Joche befreiete, dabei aber den Grund zur gegenwärtigen Lage Deutschlands legte; denn durch die Reformation wurde das Vaterland in zwei Partheien getrennt. "Wenn Du großer Geist (so sprach ich) vor dem Throne der Allmacht Dein halleluja mit den frohen Engeln anstimmst, o so flehe um glückliche Zeiten für Dein traurendes Vaterland"! Ein Thränenstrohm entstürzte meinen Augen, und viele dieser Thränen fielen herab auf die erzene Platte, die das Todtengewölbe Luthers verschließt. Ich gieng nun auf die andere linke Seite, wo der Leichnam des sanftern Melanchthon den Todesschlaf schläft. "Glücklich bist Du, friedliebender Geist, in den Hallen des ewigen Friedens, indeß Deutschland Fluren mit dem Blute der Erschlagenen gefärbt werden. Habe Dank für alles das viele Gute, was Du zur Kultur der Menschheit beigetragen hast". Mit tiefer Rührung verließ ich die Kollegienkirche, in welcher sich die Asche der zwei großen Freunde befindet, beschauete den Platz an ihrer Mauer, wo Luther seine Sätze anschlug, und gieng von da in das Klostergebäude, um seine ehemalige Wohnung zu besuchen. In derselben überdachte ich in historischer Kürze, was der seltene Mann durch einen eisernen Fleiß, durch einen unerschütterlichen Muth verrichtet hat. Ueber dreihundert Jahre sind in den Ocean der Zeit seit Luthers Tod, und Deutschland hat in dieser Periode keinen Mann mehr hervorgebracht, der ihn an die Seite gesezt werden könnte. Nur Friedrich der Große mag in seinen Eigenschaften als Monarch, ihm gegenüber aufgestellt werden! Warum warst Du, Vorsehung, so sparsam mit dem Geschenke von Männern, erhaben durch Muth und Patriotismus, gegen ein Land, das derselben so viele bedurft hätte! Ich erinnerte mich hier, anstatt auf die unbedeutende Erzählung und fabelhaften Anekdoten meines Führers zu hören, des dankbaren Unternehmens von der patriotischen Gesellschaft in der Grafschaft Mansfeld, Luthern endlich einmal im Namen der Menschheit ein Denkmal zu errichten; und wie selbst dieses edle Unternehmen von vielen beschränkten oder unpatriotischen Köpfen getadelt werden konnte. Deutsche, lernt von den Franzosen, von den Engländern, von den Dänen, Schweden und Russen Vaterlandsliebe und Verehrung für ausgezeichnete Landsleute, und Ihr werdet des größten Vorwurfes, den man Euch mit Recht macht, quitt seyn!

Schon hier bemerkte ich die traurigen Beispiele der Furcht, welche, beim Ausbruche eines Krieges, gewöhnlich eine Nation oder Provinz befällt, die der Blut- und Verwüstungs-Scenen lange entwohnt war. Diese Furcht, oder vielmehr panischer Schrecken, ist in seinen Folgen äusserst schädlich, und ihm sind größtentheils die Unglücksfälle der Preussen, die Uebergabe der Festungen xc. zuzuschreiben! Wir trafen hier mehrere Kommissärs und dergleichen zur Armee gehörige Personen an, die bei der Nachricht, die Franzosen wären in Leipzig, ganz den Kopf verlohren. Unter andern besuchte und Abends ein Oberproviantkommissär, der prahlerisch versicherte: er würde gleich auf der Stelle eine Patrouille über die Elbe, auf dem Wege nach Düben, mit einigen andern eben so Herzhaften wie er, machen. Kurz darauf war es Zeit, daß sich der Herr in sein Logis im Schwan vor dem Thore begab. Auf einmal hatte ihn aller Muth verlassen, und er fragte in dem ängstlichsten Tone; "werde ich denn wohl auch noch sicher dahin kommen können?"

Ich hatte mich auf meiner ganzen Reise von Leipzig nach Wittenberg auf die Zusammenkunft eines meiner ältesten und meinem Herzen theuersten Freunde gefreut; leider aber hatte derselbe, der Professor der Anatomie, Doctor Seiler, eine Ferienreise nach Berlin gemacht, und ich mußte mich mit der Hoffnung schmeicheln, ihn dort zu treffen, welche aber auch nicht erfüllt wurde.


Von Reisende..[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

J. G. C. Kiesewetter.

[1816]

Wittenberg. [4]

. . . . .

Der Anblick Wittenbergs rief mancherlei Gefühle in meine Brust zurück. Ich war im Jahr 1813 gegenwärtig, als General Kleist-Nollendorf die Franzosen aus den abgebrannten Vorstädten zu delogiren versuchte; ich war abgestiegen, um, mit dem Grafen Wittgenstein, der damals das verbundene russisch-preußische Herr befehligte, und dem Prinzen H. v. P., durch die Gärten dem Kampfe näher zu kommen; ein Gespräch mit dem Prinzen Biron von Curland ließ mich jene aus den Augen verlieren und als ich mich wieder zu Pferde setzen wollte, war mein Reitknecht, der großen Suite folgend mit demselben davon geritten. Dies setzte mich in die unangenehme Verlegenheit, zu Fuß die ganze Linie der Stadt mitten unter den Kugeln, welche die französischen Kanonen von den Wällen herüberspielten, zu durchwandern; da ward mir deutlich, wie viel mehr Muth dazu gehört, sich ruhig, ohne Möglichkeit der Gegenwehr, dem Feuer einer Batterie auszusetzen, als im Sturmschritt sich auf ihre Feuerschlünde zu stürzen.

Ich erkannte den Weinberg wieder, auf welchem ich im Gefolge des Grafen Wittgenstein den folgenden Tag ( den ersten Ostertag) dem Beschießen einer Stadt zusahe, in deren Mauern Männer wohnten, für deren Leben und Wohl ich zitterte. Das Bombardement that wenig Schaden, wir hatten zu wenig Geschütz und von zu geringem Kaliber; auch war den Tag vorher davon die Rede gewesen, es sey der öffentlichen Meinung wegen nicht rathsam, eine Stadt zu Grunde zu richten, in der Luther gelebt und gelehrt, und die daher für das seiner Lehre zugethane Deutschland, vorzüglich für Sachsen, eine Art Heiligkeit erlangt hatte. Das vereinte Heer war leider noch schwach; die Russen hatten in dem vorhergehenden Feldzuge unendlich gelitten, die preußische Landwehr und Landsturm waren noch nicht organisirt; man rechnete auf den Zutritt Sachsens; daher sollte das Beschießen nur den Einwohnern Wittenbergs Gelegenheit geben, aufzustehen, oder vielleicht auch nur die Furcht vor diesem Aufstande den französischen Commandanten zu einer Capitulation bewegen. Darauf war auch wohl der russische Angrif auf den stark befestigte Brückenkopf berechnet. Die Rechnung war bekanntlich irrig; die Bürger blieben ruhig und der Commandant wollte von Capitulation nichts wissen. Während des Bombardements kam der wackere General Diebitsch zum Grafen Wittgenstein, und erbot sich, die Stadt an einer ihm angezeigte schwachen Stelle zu stürmen; Wittgenstein fragte, wieviel seiner Meinung nach der Sturm wohl Menschen kosten könne; Diebitsch schlug den Verlust auf höchstens zweitausend Mann an; der Obergeneral nahm den Vorschlag nicht an, wahrscheinlich weil die geringe Größe des Heers ihm jeder Krieger theuer machte und auch wohl weil ein Mißlingen des Sturms der hohen Meinung, die selbst der Feind von der Tapferkeit und Unwiderstehlichkeit der Russen und Preußen hegte, Schaden gethan haben würde.

Als ich ein Jahr nachher nach Wittenberg kam, und auch bei meinem jetzigen Dortseyn, erfuhr ich, daß Diebitsch Rath allerdings ausführbar gewesen wäre, daß an der angezeigte Stelle der Graben leicht durchwatet und der Wall, weil er sehr niedrig war und in ihm sogar Löcher sich befanden, deren sich die Jungen zum hinaufklettern bedienten, leicht erstiegen werden konnte; daß die Besatzung einen Sturm gefürchtet, den sie abzuschlagen, wegen ihrer geringen Anzahl, sich nicht getraut, und daß die Einwohner diesen Sturm erwartet, um aufgeregt, wie sie damals waren, den Stürmenden Beistand zu leisten. -- Genug, es hat nicht so seyn sollen; was es für Folgen gehabt haben würde, wenn Wittenberg gleich damals gefallen, wer kann und mag dies berechnen?

Die Umgebungen der Stadt sehen noch furchtbar aus; nur mit Mühe kann man die Stellen finden, wo sonst ansehnliche Gasthäuser standen; der Schutt der Brandstätten ist noch nicht ganz aufgeräumt, nur hin und wieder sieht man armselige Hütten, zur Wohnung für Tagelöhner, oder Wächter, oder arme Familien, die an diesen Stellen Acker besitzen, oder auch wohl zur Aufbewahrung der Ackergeräthschaften. Da Wittenberg eine Festung bleiben soll, so können die Vorstädte nicht wieder hergestellt werden. Man war beschäftigt, die Festungswerke auszubessern, zu verstärken und durch Außenwerke zu vergrößern; vorzüglich in der Gegend wo sonst das Zuchthaus stand, das die Franzosen zu einem Blockhause umgeschaffen hatten und aus welchem sie zu der Zeit, wovon ich oben sprach, den braven Preußen großen Schaden zufügten; auch ist die Befestigung des Brückenkopfs sehr weit hinaus erweitert. Unstreitig wird Wittenberg in seiner neuen Gestalt eine nicht unbedeutende Festung werden; auch leugne ich nicht, daß es, in Verbindung mit Torgau und Magdeburg, für die Elbvertheidigung von großer Bedeutung für Preußen ist; allein Preußens eigentliche Stärke besteht in der öffentlichen Meinung Deutschlands von der Gerechtigkeit und Weisheit seiner Regierung und von dem Muth und der Aufklärung seiner Unterthanen; noch immer schätzen viele diese moralische Kraft nicht genug, weil sie nicht wie Soldaten und Kanonen und Festungen gezählt werden kann. Steht mein Vaterland und seine Regierung hoch in der Meinung der übrigen Bewohner Deutschlands; sind Preuße und Tapferkeit und strenge Rechtlichkeit unzertrennliche Begriffe, so ist selbst die Vertheidigung der Länder die von Preußens Scepter regiert werden, und die auf der Landkarte eine seltsame Gestalt bilden, günstig; sie sind verbreitete Stützpunkte, an welche sich die Deutschen, denen Freiheit und Unabhängigkeit des Vaterlandes und Verbreitung liberaler Gesinnungen theuer ist, mit deutscher Liebe und Kraft anschließen können.

In der Stadt findet man noch überall Spuren des Bombardements, das sie unter dem General Tauenzien traf. Ich habe von mehreren Einwohnern Nachrichten über den Sturm eingezogen, durch welchen die Stadt in preußische Hände kam und ich bin fest überzeugt, daß wegen der durch Krankheit verminderte Besatzung unser Verlust nur äußerst gering war. Seltsam war der Entschluß des französischen Generals Lapoype, sich in das Rathhaus einzuschließen, um sich dort noch zu vertheidigen oder eine günstigere Capitulation zu erhalten; woran ihn aber die Bürger verhinderten, die ihm bei seinem Weggehen nach thätliche Beweise ihres Unmuths gegen ihn gaben.

Die Einwohner Wittenbergs haben eine Deputation nach Berlin gesandt, um den König von Preußen, dem sie durch die Theilung Sachsens zugefallen sind, zu bitte, daß er die Universität wieder dorthin zurückführe; eine Bitte, deren Gewährung durchaus unmöglich ist, da Wittenberg eine Festung bleiben muß. Eine andere Deputation kam von Seiten der wittenbergischen Professoren nach Berlin, bei welcher sich auch der berühmte Professor der Geschichte Pölitz befand; ihr Gesuch ging dahin, ihr neuer Landesherr möchte sie nicht nach Wittenberg zurück kehren lassen, sondern sie unter gewissen Vorrechten und Freiheiten, die sie auf ein sehr ansehnliches Dotum, welches sie an liegendem Eigenthum mitbrachten, gründeten, der Universität Halle einzuverleiben. Die Hauptgründe derer, welche für eine Universität eine kleinere wohlhabende Stadt einer Residenz vorziehen, sind: daß die Studenten dicht stehen müssen wie die gesäeten Fichtenwälder, damit sich wetteifernd nach Licht und Freiheit streben; freilich gehe mancher schwächliche Baum dabei unter, aber auch viele wüchsen kühn himmelwärts; die Bäume gewönnen schon gehörige Stärke an Lebenskraft ehe sie etwa nachmals in der Welt die Scheere des bürgerlichen Eigennutzes beschneide, und ihre Kräftige Individualität trete im Geschäftsleben immer noch vor; dahingegen zu befürchten stehe, daß in der Residenz bei der Vermischung mit den übrigen Ständen, bei dem bestreben zu gefallen, um sich den Weg zur künftigen Versorgung zu öffnen, bei der Einwirkung des weiblichen Geschlechts, alle Individualität und Originalität verloren gehen könne. Wolle man für ausgezeichnete junge Männer, welche ihre Studien auf der Universität vollendet haben und an Charakter mehr heran gereift sind, eine höhere Bildungsanstalt in Berlin errichten, so räume man den Nutzen einer solchen Anstalt völlig ein.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte zu Landshut. Landshut, bei Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. 1811.
  2. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  3. Meine neueste Reise zu Wasser und Land oder ein Bruchstück aus der Geschichte meines Lebens. Von D. Johann Christian Fick. Erlangen auf Kosten des Verfassers und in Kommission in der Gredy und Breuningschen Buchhandlung. 1807.
  4. Reise durch einen Theil Deutschlands, der Schweiz, Italiens und der südlichen Frankreichs nach Paris. Erinnerungen aus den denkwürdigen Jahren 1813, 1814 und 1815. Von J. G. C. Kiesewetter, Doktor und Professor der Philosophie. Berlin, 1816. Bei Duncker und Humblot.
  • Der Krieg in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814. Von Carl v. Plotho. 3.Theil. Berlin bei Carl Friedrich Amelang. 1817.
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