Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Zürich.[]

Zürich, die Hauptstadt des Cantons, liegt an der schnell fliessenden Limmat, da, wo diese aus dem Züricher See heraustritt, in einer überaus angenehmen und fruchtbaren Gegend. Die Limmat, welche im Canton Glarus entspringt, anfangs die Linth heißt, und erst bei Zürich den Namen Limmat erhält, theilt die Stadt in zwei ungleiche Theile, welche durch Brücken mit einander verbunden sind. Die Stadt ist mit Wall und Graben umgeben, und hat in 1160 Häusern 10,600 Einwohner.

Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich vorzüglich aus: das große Münster, in welchem der Staatsschatz verwahrt und bei welchem ein Chorherrnstift ist, das Frauenmünster, das ansehnliche Rathhaus, das sehr zweckmäßig eingerichtete Waisenhaus und das große Bürgerspital. Zu den vielen öffentlichen Promenaden, die zum Theil in der Stadt selbst sind, gehört der Schützenplatz, wo des Idyllendichters, Salomon Geßners, marmornes Denkmal steht.

An dem 1520 gestifteten akademischen Gymnasio oder der Akademie sind 15 Professoren angestellt. Die vom Professor Usteri im Jahr 1773 errichtete Töchterschule ist das Muster für andere Anstalten dieser Art geworden.

Zürich enthält verschiedene literarische, Kunst- und andere Sammlungen, z. B. die Stadtbibliothek nebst dem Münzcabinet, die an Handschriften reiche Bibliothek der Chorherren; die physikalische Gesellschaft besitzt eine gute Bibliothek, ein Naturaliencabinet und vortreffliche Instrumente. Auch Privatpersonen haben ausgezeichnete Sammlungen.

Die Züricher Gelehrten haben sich unter allen Schweizern am meisten ausgezeichnet. Ulrich Zwingli, zwar nicht in Zürich geboren, hielt hier am 1. Jan. 1519 seine erste Predigt, und legte hier den Grund zu der Gläubensänderung, die sich von Zürich aus weiter in der Schweiz verbreitete. Die Namen Bodmer - als Literator, weniger als Dichter - und Breitinger (beide rüstige literarische Kämpfer gegen Gottsched), Conrad Geßner, Salomon Geßner, Heidegger, Lavater, sind in der Geschichte der deutschen Literatur bekannt. Auch die Landleute der Umgegend von Zürich haben zum Theil viel Bildung; Hirzels philosophischer Bauer liefert ein Beispiel davon.

Die Sitten der Einwohner Zürichs sind einfacher und strenger, als in verschiedenen andern großen Städten der Schweiz; Pracht- und Polizeigesetze halten sie immer in gewissen Schranken.

In Zürich herrscht große Industrie; diese Stadt ist nebst den zunächst liegenden Dörfern der Mittelpunkt, in welchem sich die verschiedenen Zweige von Manufacturen, die durch den den größten Theil des Cantons verbreitet sind, vereinigen. Die Baumwollen- und Musselinmanufacturen sind die wichtigsten unter allen; bedeutend sind auch die Manufacturen leichter seidener Stoffe, weniger wichtig die Leinwand-, Wollen- und Ledermanufacturen, obgleich auch mit diesen Fabrikaten ein nicht unbeträchtlicher Handel getrieben wird. Außer dem Handel mit Manufacturwaaren beschäftigen auch der Speditionshandel mit Gütern zwischen Deutschland und Italien und die dadurch entstehenden Wechselgeschäfte einen Theil der Einwohner Zürichs, unter denen man zwar viele wohlhabende, aber doch keine außerordentlich reiche Personen findet.

Auch Zürich hat in den neuern Zeiten mancherlei Schicksale erfahren. Eine schon lange gedauerte Spannung zwischen den Regenten und Regierten erleichterte die 1798 von den Franzosen bewirkten Revolution, von welcher jedoch dieser Canton verhältnißmäßig weniger als andere litt. In dem Kriege, den die zweite Coalition (1799) gegen Frankreich führte, und der auch die mit der fränkischen Republik verbundene Schweiz traf, war Zürich ein sehr bedeutender militärischer Punkt. Am 4. und 5. Juni 1799 focht hier der Erzherzog Carl gegen die Franzosen mit Glück, und besetzte am 7. Juni die Stadt. Im August fielen neue Gefechte bei Zürich vor. Am 24. Sept. schlug Massena die vereinten österreichisch-russischen Truppen, und dieser Sieg veranlaßte den Rückzug derselben aus der Schweiz. Das sonst berühmte und gefüllte Zeughaus zu Zürich, in welchem man, unter andern Merkwürdigkeiten, Wilhelm Tells Armbrust aufbewahrte, wurden unter diesen Umständen geleert.


Die Stadt Zürich von der Nordseite.


Von Reisende.[]

August von Kotzebue.

[1804]

Zürch.

Sie sehen, ich bin in der Schweiz. Erwarten Sie aber gar keine mahlerische Beschreibung der großen Naturschönheiten, die ich hier gesehen habe. Der Reisen in die Schweiz giebt es bei Dutzenden, gute, mittelmäßige und schlechte, und es läßt sich über die Naturwunder dieses Landes nicht allein nichts Neues mehr sagen, sondern es wäre auch von Anbeginn besser gewesen, man hätte gar nichts darüber gesagt. Denn -- aufrichtig gestanden -- hat noch je die Beschreibung einer schönen Gegend, wäre sie auch von Meisterhand, Ihnen ein deutliches Bild vor die Seele geschoben? -- Mir nie. Man kann mit freilich einen See, dessen Ufer mit lieblichen Landhäusern besäet ist, zur Rechten hinmahlen, man kann mir die Kette des Jura-Gebirges zur Linken zeigen, den Montblanc in den Hintergrund stellen, u. s. w.; man kann sich der poetischen Bildersprache dabei bedienen: in meiner Phantasie wird man doch immer nur ein verwirrtes Bild von allen diesen Gegenständen wecken; verwirrt und nicht einmal ähnlich schwimmt es vor mir herum, und ich suche vergebend es festzuhalten. Darum war ich von jeher ein Freund von allen Solchen Beschreibungen. Die Schweiz muß man selbst sehen, so wie man ein Concert selbst hören muß. Wer mir mit Worten Gegenden mahlt, der thut noch weniger, als der, der mir eine Symphonie vorträllert. Ich kann und will also weiter nichts von der Schweiz sagen, als daß ich hier und da auf Stellen gestanden habe, auf denen vermuthlich der liebe Gott stand, als er nach der Schöpfung die Welt ansah und sagte: sie gut. Der Rheinfall hat meine Erwartung nicht übertroffen, aber in einem hohen Grade befriedigt. Manche Reisende hatten mir die Wirkung seines Anblicks geringer schildern wollen, als ich sie wirklich fand. Es ist ein imponirendes Schauspiel, an dessen Beschreibung sich keine Feder wagen darf. -- Die Gegend um Zürich hat mir sehr gefallen, vielleicht dich nur mehr als alle übrigen, weil der Aufenthalt durch gute Menschen mir interessant wurde. Der Aussicht vom Bürgeli über den See nach Schneekoppen ist sehr reizend. Fast noch reizender, wenigstens noch mannichfaltiger, ist die aus den Zimmern des Gasthofes (zum Schwerdt), welche ich bewohnte. Man hat dieser Aussicht im Vorbeigehen schon oft erwähnt; ich will Ihnen etwas umständlicher -- nicht beschreiben (davon behüte mich Gott!) sondern nur aufzählen, was Sie alles sehen. Das Zimmer ist ein Eckzimmer. Oeffnen Sie ein Fenster linker Hand, so sehen Sie unter sich den Fluß, die Limmat, und eine sehr breite Brücke darüber, welche zu beiden Seiten mit dichten bunten Reihen von Gemüse- und Obstverkäuferinnen besetzt ist; zwischen denselben spazieren die französischen Chasseurs herum, deren Wachthaus Sie jenseits der Brücke gewahr werden, Sie glauben nicht, welch ein Leben und Gewimmel auf dieser Brücke herrscht. Linke hinunter erblicken Sie längs dem Flusse zwei lange Straßen, und einen Theil der Stadt. Oeffnen Sie das Fenster rechter Hand, so haben Sie unter ihren Füßen einen freien sehr lebhaften Platz, und gerade vor sich den Züricher See, von lachenden Landhäusern eingefaßt, die wiederum von den Alpen begränzt sind, über denen sich wiederum die Schneekoppen erheben. Dies Amphitheater, aus sanfter und rauher Natur zusammengesetzt, mit dem Menschengewimmel gerade unter sich, ist einzig. -- Die herrlichen Spaziergänge um Zürich würden selbst einen Podagristen zum Spazierengehen verleiten. Geßners Denkmahl ist so einfach und schön erfunden, daß man einer Thräne sanfter Wehmuth sich kaum erwehren kann. Schade nur, daß die französischen Chasseurs, die eben jetzt keine andere Gelegenheit haben, ihre Namen zu verewigen, sich bemühen, es auf diesem Marmor zu thun. An vielen Stellen fand ich das dreizehnte Regiment der Chasseurs angekritzelt, was sich denn freilich zu dieser Idyllenwelt paßt, wie eine Flinte zu einem Rosenstrauch. Auf der Bibliothek -- nun, da stehen viele Bücher. Mehr kann ein gewöhnlicher Reisender wohl selten von einer Bibliothek sagen. Ein Paar eigenhändige Briefe von der berühmten und unglücklichen Johanna Gray haben mich interessirt. Sie sind in Religionsangelegenheiten, in sehr gutem Latein, und so schön geschrieben, als habe sie jeden Zug dem Schreibmeister nachgemahlt.

Lavaters physiognomisches Kabinet habe ich nur flüchtig gesehen. Das Merkwürdigste darin sind nicht sowohl die vielen Gesichter, welche er gesammelt hat, als vielmehr die Unterschriften, mit welchen er jedes bedeutende oder unbedeutende Gesicht beehrte. Man kennt seinen umwölkten Lapidarstyl. Zuweilen scheint es ihm viel Mühe gemacht zu haben, recht viele Seltsames in dunkle oder neugemachte Worte zusammen zu pressen. -- Die Stimmung der Schweizer gleicht überall noch immer einem wogende See, aus dem ein unterirdisches Feuer plötzlich Klippen hervorgetrieben, an denen die eingeengten Wellen jetzt ohnmächtig schäumen. Die Wände der Wirthshäuser sind oft mit bittern Ein- und Ausfällen bekritzelt, die zuweilen nicht ohne Witz sind. Den heftigsten Haß nähren die Schweizer gegen den General Andermatt, den Bombardierer von Zürich. Er lebt auf seinem Landgute ruhig, weil die tiefste Verachtung ihn schützt. Auf die Russen sind sie auch nicht gut zu sprechen. Sie rühmen dem General Korsakoff nach, daß er die Bibliothek fleißig besucht, und sich für die Wissenschaften interessirt habe; übrigens aber halten sie ihn für keinen geschickten General. Als man ihm rapportirte, die Franzosen hätten bereits einen Berg besetzt, der Zürich dominirt, sagte er: tant mieux! c'est là que je les attendois. Gleich darauf mußte er aber retiriren, und wußte nicht einmal, aus welchen Thore er seine Flucht bewerkstelligen sollte; die Züricher mußten ihm den Weg zeigen. Seine Bagage gieng dennoch verloren; die Französischen Husaren machten große Beute, und hatten der beschwerlichen Laubthaler so viele in ihren Müzzen, daß sie gern zehn bis fünzehn für einen Louisd'or im Golde gaben, weil sie das Gold leichter fortbringen konnten. -- In der That muß man hierher nach Zürich reisen, um aus jedem Munde eine Menge von merkwürdigen Anekdoten zu hören, die gar nicht bekannt geworden sind, und dennoch ein helles Licht auf die damaligen Begebenheiten werfen.


Vue de Zurich, prise du Zurichhorn.


Quellen und Literatur.[]

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804. von August von Kotzebue. Berlin 1804 bei Heinrich Fröhlich.
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