Zehntes Bülletin der kaiserl. Französischen Armee.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wien den 29. May 1809.

Ebersdorf gegenüber theilt sich die Donau in 3 Arme, welche 2 Inseln bilden. Vom rechten Ufer zur ersten Insel beträgt die Entfernung 240 Klafter. Diese Insel hat beyläufig 1000 Klafter im Umkreis. Von ihr bis zur grossen Insel, wo die Hauptströmung ist, hat der Arm 120 Klafter in der Breite. Die grosse Insel in der Lobau genannt, zählt 7000 Klafter im Umkreis, und der Kanal, der sie vom festen Lande scheidet 70 Klafter. Die ersten Dörfer, die man sodann antrift, sind Großaspern, Esling und Enzersdorf. Der Uebergang über einen Strom, wie die Donau, und in Gegenwart eines Feindes, der die Gegend genau kennt, und die Einwohner für sich hat, ist eine der größten Kriegsunternehmungen, die man entwerfen kann.

Die Brücke vom rechten Ufer zur ersten Insel, und jene von der ersten Insel in die Lobau, wurden den 19. geschlagen; schon vom 18. an, hatte sich die Division Molitor auf Ruderschiffen in die grosse Insel geworfen.

Den 20. setzte der Kaiser auf diese Insel über, und ließ eine Brücke über den letzten Arm zwischen Großaspern und Esling schlagen. Da dieser Arm nur 70 Klafter breit ist, so erheischte die Brücke nur 15 Pontons, und kam in 3 Stunden unter Leitung des Artillerie-Obersten Aubry zu Stande.

Der Oberste Saint Croix, erster Adjutant des Marschalls Herzog von Rivoli, setzte der erste in einem Schiffe auf das linke Ufer über.

Die Division leichter Reiterey des Generals Lasalle, und die Divisionen Molitor und Boudet folgten in der Nacht.

Den 21. rekognoszirte der Kaiser, in Begleitung des Fürsten von Neuchatel, und der Marschälle Herzog von Rivoli und Montebello, die Lage des linken Ufers, und zeichnete sein Schlachtfeld aus. Der rechte Flügel lehnte sich an Esling, der linke an Großaspern, und beyde Orte wurden sogleich besetzt.

Den 21. um 4 Uhr Nachmittags zeigte sich der Feind, und schien die Absicht zu haben, unsern Vortrab zu werfen, und ihn in den Fluß zu sprengen. Vergeblicher Entwurf! Der Marschall Herzog von Rivoli wurde zuerst in Großaspern von dem Corps des Gen. Bellegarde angegriffen. Er manövrirte mit den Divisionen Molitor und le Grand den ganzen Abend hindurch, und schlug alle Angriffe auf ihn zur Verwirrung des Feindes ab. Der Marschall Herzog von Montebello vertheidigte das Dorf Esling, und der Marschall Herzog von Istrien deckte mit der leichten Reiterey und der Kuirassier-Division Espagne die Flächen, und schützte Enzersdorf. Das Treffen war lebhaft. Der Feind führte 200 Kanonen und beyläufig 90000 Mann auf, welche aus den Trümmern aller Corps der Oesterreichischen Armee zusammengesetzt waren.

Die Kuirassier-Division Espagne machte mehrere herrliche Angriffe, durchbrach zwey Quarre, und eroberte 14 Kanonen. Eine Kugel tödtete den General Espagne, der rühmlich an der Spitze der Truppen focht, einen tapfern, ausgezeichneten, und unter allen Gesichtspunkten empfehlungswürdigen Offizier. Der Brigade-General Fouler ward in einem Angriff getödtet.

General Nansouty langte mit der einzigen Brigade des Generals Saint Germain gegen Ende des Tages auf dem Schlachtfelde an. Diese Brigade zeichnete sich durch mehrere schöne Angriffe aus. Um 8 Uhr Abends hörte das Treffen auf, und wir blieben vollständig Meister vom Schlachtfelde. Während der Nacht giengen das Corps des Gen. Oudinot, die Division Saint Hilaire, und 2 Brigaden leichter Reiterey über die 3 Brücken.

Den 22. um 4 Uhr Morgens wurde der Marschall Herzog von Rivoli zuerst angegriffen, und der Feind macht mehrere wiederhohlte Versuche, den Ort wieder zu nehmen. Ueberdrüßig endlich sich blos auf Vertheidigung zu beschränken, griff der Herzog von Rivoli seinerseits an, und warf den Feind. Der Divisionsgeneral le Grand macht sich durch die Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit bemerkbar, die ihn auszeichnen.

Der Divisionsgeneral Boudet, der in Esling stand, hatte den Auftrag diesen wichtigen Posten zu vertheidigen. Da er sah, daß der Feind vom rechten Flügel zum linken einen weiten Raum einnahm, so faßte er den Entwurf, sein Centrum zu durchbrechen. Der Marschall Herzog von Montebello stellte sich an die Spitze des Angriffs; General Oudinot bildete seinen linken Flügel, die Division Saint Hilaire, das Centrum, und die Division Boudet den rechten. Das Centrum der feindlichen Armee hielt die Blicke unserer Truppen nicht aus. In einem Augenblick war alles geworfen. Der Marschall Herzog von Istrien, befahl mehrere Angriffe, die alle des schönsten Zweck hatten. Drey Kolonnen feindlicher Infanterie wurden von den Kürassieren angegriffen und zusammengehauen. Es war um die Oesterreichische Armee geschehen, als um 7 Uhr Morgens ein Adjutant dem Kaiser die Nachricht hinterbrachte, daß das plötzliche Anschwellen der Donau eine grosse Zahl starker Bäume und Flösse, die während der Einnahme von Wien zerhauen, und an die Ufer geworfen wurden, flott gemacht habe, und daß dadurch die Brücke, die vom rechten Ufer zur linken Insel, und von da zur Lobau führte, durchbrochen worden seyen. Alle Reserve-Parke, die nachzogen, der größte Theil unseree schweren Reiterey, das ganze Korps des Herzogs von Auerstädt, die Reserven der Herzoge von Rivoli und Montebello, und die Hälfte dee Garde fanden sich dadurch auf dem rechten Ufer zurückgehalten. Von 60 Kanonen der Garde waren nur 4 angelangt.

Dieser verdrüßliche Zufall bestimmte den Kaiser die Bewegung vorwärts einzustellen. Er befahl dem Herzog von Montebello, das Schlachtfeld, das man recognoscirt hatte, zu behaupten, und eine Stellung zu nehmen, wo er den linken Flügel an eine kleine Anhöhe, die den Herzog von Rivoli deckte, und den rechten an Esling lehnte.

Der Feind war in der fürchterlichsten Unordnung, als er erfuhr, daß unsere Brücken durchbrochen wären. Der grosse Artillerie-Train konnte nicht hinüber, und er merkte das bald an dem Ermatten unseres Feuers. Alle seine Pulverkarren und Artillerie-Equipagen, die schon im Rückzuge waren, zeigten sich wieder auf der Linie, und von 9 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends machte er, unterstützt von dem Feuer von 200 Kanonen, unerhörte Anstrengungen, um die Französische Armee zu werfen. Diese Anstrengungen schlugen zu seiner Schmach aus. Dreymal griff er die Dörfer Esling und Großaspern an, und dreymal füllte er sie mit seinen Todten. Die Füssiliers der Garde vom General Muton befehligt, bedeckten sich mit Ruhm, und warfen die Reserve, die aus allen Grenadieren der Oesterreichischen Armee, den einzigen frischen Truppen, die der Feind noch übrig hatte, bestand. General Gros ließ einige hundert Ungarn, die sich schon im Kirchhofe von Esling festgesetzt hatten, über die Klinge springen. Die Plenkler unter Befehlen des Generals Curial machten in dieser Schlacht ihren ersten Waffendienst, und bezeigten Tapferkeit. Der General Torsonne, kommandirender Oberster der alten Garde, stellte diese in die dritte Linie, und bildete eine Mauer von Erz. die allein hinreichte, alle Anstrengungen der Oesterreichischen Armee aufzuhalten. Der Feind machte mehr als 40000 Kanonenschüsse, während wir, unserer Reserve-Parke beraubt, in der Nothwendigkeit uns befanden, unsere Munition für irgend einen unerwarteten Umstand zu schonen.

Des Abends nahm der Feind seine alte Stellung, die er um uns anzugreifen verlassen hatte, wieder ein, und wir blieben Meister vom Schlachtfeld. Sein Verlust ist unermeßlich. Soldaten, die ein sehr geübtes Augenmaß haben, schätzen die Zahl der Todten, die er auf dem Schlachtfelde ließ, auf mehr als 12000. Den Aussagen der Gefangenen zufolge, waren ihm 23 Generale und 60 Oberoffiziere getödtet oder verwundet worden. Der Gen. F. M. L. Weber, 1 General-Major, 1800 Mann und 4 Fahnen sind in unserer Macht verblieben. Der Verlust von unserer Seite war beträchtlich. Wir hatten 1100 Todte und 3000 Verwundete. Dem Marschall Herzog von Montebello wurde der Schenkel durch eine Kugel zerschmettert. Den 22. um 6 Uhr Abends wurde er ihm abgenommen, und sein Leben ist ausser Gefahr. Im ersten Augenblicke glaubte man ihn todt. Er wurde auf einer Tragbahre zum Kaiser gebracht, und eine rührende Abschiedsszene erfolgte. Mitten unter den Sorgen dieses Tages überließ sich der Kaiser der zärtlichen Freundschaft, die er seit so vielen Jahren für diesen tapfern Waffengefährten hegt. Thränen floßen aus seinen Augen, und sich gegen die Umstehenden wendend, rief er aus: "Nur ein so empfindlicher Schlag mußte diesen Tag mein Herz treffen, um mich zu vermögen, andern Sorgen, als denen für meine Armee Raum zu geben." Der herzog von Montebello hatte die Besinnung verloren. Die Gegenwart des Kaisers rief ihn wieder ins Leben. Er warf sich an seinen Hals, und sagte ihm: "In einer Stunde werden Sie den verloren haben, der mit dem Ruhm, und dem Bewußtseyn stirbt, Ihr bester Freund gewesen zu seyn!"

Der Divisionsgeneral Saint Hilaire wurde verwundet. (Er ist einer der ausgezeichnetesten Generäle Frankreichs.) General Dürosnel, Adjutant des Kaisers, wurde von einer Kugel hinweggenommen, als er eine Ordre überbrachte. Der Soldat bezeigte eine Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit, die nur den Franzosen eigen ist.

Da das Wasser der Donau immer wuchs, so konnten die Brücken während der Nacht nicht hergestellt werden. Der Kaiser ließ den 23. seine Armee über den kleinen Arm am linken Ufer setzen, und sie in der Insel der Lobau eine Stellung einnehmen, wobey er seine Brückenkopfe besetzt behielt.

Man arbeitet daran die Brücken wieder herzustellen, und man wird nichts unternehmen, was nicht gegen alle Zufälle, die vom Wasser herrühren könnten, und selbst gegen alle Unternehmungen, die man gegen die Brücken versuchen dürfte, vollkommen gesichert ist. Die Höhe des Wassers und die reissende Schnelligkeit des Stroms machen beträchtliche Arbeiten und grosse Vorsichtsmaßregeln erforderlich.

Als man den 23. des Morgens der Armee bekannt machte, daß der Kaiser befohlen habe, auf die grosse Insel zurückzugehen, so war das Erstaunen dieser Tapfern ausserordentlich. Sieger an beyden Tagen, glaubten sie, daß der Rest der Armee kommen würde, sich mit ihnen zu vereinigen. Man mußte ihnen Sagen, daß das grosse Wasser die Brücken gebrochen habe, und durch beständiges Wachsen es unmöglich mache, die verbrauchten Munizionen und Lebensmittel zu ersetzen, daß folglich jede Bewegung vorwärts unvernünftig wäre. Es ist ein sehr grosses und ganz unvorhergesehenes Unglück, daß Brücken, die aus den größten Donauschiffen zusammengesetzt, und durch doppelte Anker und grosse Seile befestigt waren, hinweggerissen worden sind. Aber es ist ein grosses Glück, das es der Kaiser nicht 2 Stunden später erfuhr; die Armee hätte den Feind verfolgt, ihre Munizionen erschöpft, und sich ohne Mittel gesehen, sie zu erneuern.

Den 23. schiffte man eine grosse Menge Lebensmittel nach dem Lager in der Lobau über.

Die Schlacht von Esling, worüber ein ausführlicherer Bericht erschienen, und die Tapfern, die sich auszeichneten bekannt machen soll, wird in den Augen der Nachwelt ein neues Denkmal des Ruhmes und der unerschütterlichen Standhaftigkeit der Französischen Armee seyn.

Die Marschälle Herzoge von Montebello und Rivoli haben in dieser Schlacht die ganze Stärke ihres militairischen Charakters entwickelt.

Der Kaiser hat den Oberbefehl über das zweyte Armeekorps dem Grafen Oudinot verliehen, einen Generale, erprobt in hundert Gefechten, wo er eben so viele Unerschrockenheit als Einsicht zeigte.


> > > Nächstes Bulletin. > > >

Quellen und Literatur.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wiener-Zeitung. Verlegt von den v. Ghelenschen Erben. Nro. 42. (1809)
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA, sofern nicht anders angegeben.