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Zwei und zwanzigstes Bulletin.Bearbeiten

Berlin, 29. Okt.

"Die Ereignisse folgen sich schnell. Der Großherzog von Berg ist am 27. mit einer Dragonerdivision zu Hasleben angekommen. Er hatte den Gen. Milhaud mit dem 13ten Chasseurregiment nach Boitzenburg, und die leichte Kavalleriebrigade des Gen. Lasalle gegen Prenzlau abgeschikt. Auf die Nachricht, daß der Feind sich in beträchtlicher Anzahl zu Boitzenburg befinde, wandte er sich nach Wichmansdorf. Kaum war er daselbst angekommen, als er wahrnahm, daß eine feindliche Kavalleriebrigade eine Bewegung links gemacht hatte, um den Gen. Milhaud abzuschneiden. Sie sehen, angreifen, das Regiment des Gensdarmes des Königs in den See werfen, war eins. Als dis Regiment sich verloren sah, verlangte es, zu kapituliren. Der Prinz, stets großmüthig, bewilligte eine Kapitulation. 500 Mann stiegen ab, und übergaben ihre Pferde. Die Offiziere gehen auf ihr Ehrenwort nach Haus. Vier Standarten der Garde, sämtlich von Gold, sind die Trophäen des kleinen Gefechts von Wichmansdorf, das nur ein Vorspiel des glänzenden Treffens bei Prenzlau war.

Diese berühmten Gensdarmes, die nach ihre Niederlage so viel Mitleiden gefunden haben, sind eben dieselben, welche drei Monate lang die Stadt Berlin durch alle Arten Provokationen empört hatten. Sie giengen vor die Fenster des franz. Ministers, Hrn. Laforest, und wezten ihre Säbel; vernünftige Leute zukten die Achseln; aber die Jugend, ohne Erfahrung, und die nach dem Beispiele der Königin leidenschaftlichen Weiber sahen in dieser albernen Prahlerei eine gewisse Vorbedeutung der hohen Bestimmung, welche die preuss. Armee erwarte.

Der Prinz von Hohenlohe suchte mit den Trümmern der Schlacht von Jena Stettin zu erreichen. Er war genöthigt, einen andern Weg einzuschlagen, weil der Großherzog von Berg vor ihm zu Templin angekommen war. Er wollte von Boitzenburg auf Hasleben debouchiren. Er sah sich in seiner Bewegung betrogen. Der Großherzog von Berg dachte, der Feind würde Prenzlau zu erreichen suchen; diese Muthmaßung war gegründet. Der Prinz marschirte die ganze Nacht mit den Dragonerdivisionen Beaumont und Grouchy; voraus zog sich die leichte Reiterei des Gen. Lasalle. Die ersten Posten unsrer Husaren kamen mit dem Feind zu Prenzlau an; aber sie waren den 28. frühe genöthigt, vor der Uebermacht, welche der Prinz von Hohenlohe deployirte, sich zurükzuziehen. Um 9 Uhr Vormittags kam der Großherzog von Berg zu Prenzlau an, und um 10 Uhr sah er die feindliche Armee in vollem Marsch. Ohne mit vergeblichen Bewegungen Zeit zu verlieren, befahl der Prinz dem Gen. Lasalle, in den Vorstädten von Prenzlau anzugreifen, und ließ ihn durch die Generale Beaumont und Grouchy, und durch ihre 6 Kanonen von der leichten Artillerie, unterstüzen. Er ließ drei Dragonerregimenter zu Golmitz über den Bach sezen, der durch Prenzlau fließt, um den Feind in der Flanke anzugreifen, und trug seiner andern Dragonerbrigade auf, die Stadt zu umgehen. Unsere braven Kanoniere zu Pferde stellten ihre Kanonen so gut, und schossen so sicher, daß sie den Feind in ihren Bewegungen unschlüssig machten. In diesem Augenblike bekam Gen. Grouchy Befehl zum Angrif. Seine braven Dragoner thaten es mit Unerschrokenheit. Reiterei, Infanterie, Artillerie, alles wurde in den Vorstädten von Prenzlau geworfen. Man konnte mit dem Feinde zugleich in die Stadt kommen; aber der Prinz wollte sie lieber durch den Gen. Belliard auffordern lassen. Die Stadtthore waren schon in Stüken. Als sich der Prinz von Hohenlohe, einer der Hauptanstifter dieses beispiellosen Krieges, ohne Hofnung sah, so kapitulirte er, und defilirte vor der franz. Armee mit 16,000 Mann Infanterie, größtentheils Garden oder Grenadiere, 6 Regimenter Kavallerie, 45 Fahnen und 64 bespannten Artilleriestüken. Alles was von den Garden des Königs von Preussen in der Schlacht von Jena entkommen war, ist in unserer Gewalt. Wir haben alle Fahnen der königl. Garde zu Fuß und zu Pferd. Der Prinz von Hohenlohe, welcher nach der Verwundung des Herzogs von Braunschweig das Oberkommando übernahm, ein Prinz von Mecklenburg-Schwerin, und mehrere Generale sind unsere Gefangene.

""Aber es ist nichts gethan, so lange noch zu thun übrig bleibt, schrieb der Kaiser an den Großherzog von Berg. Sie haben eine Kolonne von 8,000 Mann unter Kommando des Gen. Blücher überflügelt; lassen Sie mich bald wissen, daß dieselbe gleiches Schiksal gehabt hat.""

Eine andere Kolonne von 10,000 Mann ist über die Elbe gegangen; sie steht unter den Befehlen des Herzogs von Weimar. Alles läßt glauben daß er und seine ganze Kolonne werden umringt werden.

Der Prinz August Ferdinand, Bruder des zu Saalfeld umgekommenen Prinz Louis und Sohn des Prinzen Ferdinand, Bruders des grosen Friedrichs, wurde von unsern Dragonern mit den Waffen in der Hand gefangen.

So ist denn also diese grose und schöne preuss. Armee, wie ein Nebel beim Aufgang der Sonne, verschwunden. Obergenerale, Generalkommandanten der Armeekorps, Prinzen, Infanterie, Kavallerie, Artillerie, von Allem ist nichts mehr übrig. Unsere Posten sind in Frankfurt an der Oder eingezogen; der König von Preussen hat sich weiter begeben. Es bleiben ihm keine 15,000 Mann und für einen solchen Erfolg haben wir unsrerseits fast keinen Verlust.

Gen. Clarke, Gouverneur des Erfurtischen, hat ein sächsisches Bataillon zum Kapituliren gebracht, welches nicht wußte, wohin es sich wenden solle. Die Kapitulation ist hier beigebogen.

Der Kaiser hat am 28., unter den Mauern von Berlin, über das Korps des Marschalls Davoust Musterung gehalten. Er hat zu allen erledigten Stellen wieder ernannt; er hat die Tapfern belohnt. Er ließ hierauf die Offiziere und Unteroffiziere in einen Kreis treten, und sagte zu ihnen: ""Offiziere und Unteroffiziere des dritten Armeekorps! Ihr habt euch in der Schlacht bei Jena mit Ruhm bedekt; ich werde dessen ewig eingedenk seyn. Die Tapfern, welche fielen, sind mit Ruhm gestorben. Wir müssen wünschen, unter gleich rühmlichen Umständen zu sterben."" Bei der Musterung des 12ten, 61sten und 85sten Linienregiments, welche in dieser Schlacht am meisten verloren, weil sie die heftigsten Anfälle auszuhalten hatten, ward der Kaiser gerührt, viele seiner alten Krieger, deren Ergebenheit und Tapferkeit er seit 14 Jahren kannte, todt oder schwer verwundet zu wissen. Das 12te Regiment hat eine vorzügliche, der größten Lobsprüche werthe, Unerschrokenheit bewiesen. Heute Mittags hält der Kaiser über das 7te Korps, das unter den Befehlen des Marschalls Augereau steht, Musterung. Dieses Korps hat wenig gelitten. Die Hälfte der Soldaten hatte keine Gelegenheit, einen einzigen Flintenschuß zu thun. Alle aber waren von demselben Willen und derselben Unerschrokenheit beseelt. Der Anblik dieses Korps war prächtig. ""Ihr Korps allein, sagte der Kaiser, ist stärker, als Alles, was dem König von Preussen noch übrig bleibt, und Sie machen nicht den zehnten Theil meiner Armee aus.""

Alle Dragoner zu Fuß, die der Kaiser zur grosen Armee hatte stossen lassen, sind beritten, und im grosen Depot zu Spandau stehen 4000 Pferde mit Sattel und Zeug, von denen man keinen Gebrauch zu machen weiß, weil kein Reiter da sind, die deren benöthigt wären. Man sieht mit Ungeduld der Ankunft der Depots entgegen.

Der Prinz August wurde dem Kaiser, nach der Musterung des 7ten Armeekorps, im Schlosse zu Berlin vorgestellt. Dieser Prinz wurde zu seinem Vater, dem Prinzen Ferdinand zurükgeschikt, um auszuruhen und seine Wunden abzuwarten.

Der Kaiser hatte gestern, ehe er das Korps des Marschalls Davoust musterte, der Wittwe des Prinzen Heinrich, so wie dem Prinzen und der Prinzessin Ferdinand, die sich immer durch die besondere Achtung auszeichneten, womit sie die Franzosen jederzeit aufnahmen, einen Besuch abgestattet.

Im Schlosse, das der Kaiser zu Berlin bewohnt, befindet sich die Schwester des Königs von Preussen, Kurprinzessin von Hessenkassel. Die Prinzessin liegt in den Wochen. Der Kaiser hat seinem Oberpallastmarschall befohlen, besorgt zu seyn, daß ihr das Geräusch und die Bewegungen des Hauptquartiers keine Beschwerde verursachen.

Das vorige Bulletin meldete die Art, wie der Kaiser den Prinzen v. Hatzfeldt bei seiner Audienz empfieng. Einige Augenblike darauf wurde dieser Fürst verhaftet. Er wäre einer Kriegskommission übergeben, und unvermeidlich zum Tode verurtheilt worden. Man erfuhr aus Briefen, welche dieser Prinz an den Fürsten Hohenlohe erließ, und die auf den Vorposten aufgefangen wurden, daß, ob er gleich mit der Civilverwaltung der Stadt beauftragt zu seyn vorgab, er dennoch den Feind von den Bewegungen der Franzosen benachrichtigte. Seine Gemahlin, eine Tochter des Ministers Schulenburg, warf sich dem Kaiser zu Füssen; sie glaubte, ihr Gemahl sey wegen des Hasses verhaftet worden, den der Minister Schulenburg gegen Frankreich hegte. Der Kaiser redete es ihr bald aus, und sagte ihr, man habe Schriften aufgefangen, woraus erhelle, daß ihr Gemahl eine doppelte Rolle spielte, und die Kriegsgeseze seyen über ein solches Verbrechen unerbittlich. Die Prinzessin schrieb dieser Beschuldigung der Bosheit seiner Feinde zu, und nannte sie eine Verläumdung. "Sie kennen die Hand Ihres Gemahls, sagte der Kaiser, ich will Sie Richter seyn lassen." Er ließ sich den unterschlagenen Brief geben, und reichte ihr denselben. Dieses Frauenzimmer, welches schon über den achten Monat schwanger ist, wurde bei jedem Worte, das ihr die Schuld ihres Gemahls aufdekte, dessen Hand sie erkannte, ohnmächtig. Der Kaiser ward von ihrem Schmerz, ihrer Verwirrung, den Beklemmungen, die sie zerrissen, gerührt. "Wohlan, sagte, er, dieser Brief ist in Ihren Händen, werfen Sie ihn in das Feuer; ist die Schrift vernichtet, so kann ich Ihren Gemahl nicht mehr verurtheilen lassen." (Diese rührende Szene fiel vor dem Kamin vor.) Frau v. Hatzfeldt ließ es sich nicht zweimal sagen. Der Fürst von Neufchatel erhielt sogleich Befehl, ihr Gemahl zurükzugeben. Die Militärkommission war schon versammelt. H. v. Hatzfeldts Brief allein verurtheilte ihn: drei Stunden später wäre er fusilirt gewesen.

Eine beigefügte Kapitulation des zweiten sächsischen Grenadierbataillons wurde zwischen H. Shee, Kapitainadjutanten des Divisionsgenerals Clarke, von demselben dazu bevollmächtigt, und dem Baron v. Hund, Kommandanten des sächsischen Bataillons, den 25. Okt. abgeschlossen. Das Bataillon legt zu Sommerda die Gewehre nieder, welche sogleich auf Wagen nach der Citadelle von Erfurt gebracht werden. Die HH. Offiziere behalten ihre Pferde, Degen und ganze Bagage, und die Soldaten ihre Tornister. Die Flinten, Patrontaschen und Säbel der Soldaten werden aufbewahrt, um, wenn es Se. k. k. Majestät befehlen sollte, mit den Munitionswagen und Kanonen zurükgegeben zu werden. Die HH. Offiziere geben für sich und ihre Soldaten ihr Ehrenwort, nicht mehr gegen Se. Majestät den Kaiser und König, oder seine Alliirten zu dienen. Ein Kapitain, zwei Lieutenants und zwei Unterlieutenants begleiten das Bataillon auf dem, ihm vom H. Gen. Clarke zu bezeichnenden, Wege nach Sachsen xc. Gen. Clarke bestätigte diese Kapitulation."


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Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Europäische Annalen Jahrgang 1807 von D Ernst Ludwig Posselt. Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1807.
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